Schlagwort: Schmerzklinik Kiel

032 // Hauptsache Pferd – Schmerzklinik Kiel IV

Wie überall in kleinen und großen Zwangsgemeinschaften, gibt es auch in der Schmerzklinik, die im Übrigen eher einem Kurbetrieb gleicht, reichlich Potenzial für Lästerei, Tuschelei und Heuchelei. Es sind viele Frauen hier. Das garantiert eine gewissen Dynamik bei der Frontenbildung. „Muss man mögen“, denke ich.

Die wenigen männlichen Patienten fallen eher durch offen geäußerten Unmut und prollig-ignorantes Platzhirsch-Gehabe auf. Dabei sind die Ekel-Patienten weniger die Cluster-Kopfschmerzler (also die mit den „richtigen“ Kopfschmerzen ;-)), sondern die mit Knie- und Rückenschmerzen. Gerne benehmen sich auch diejenigen daneben, die regelmäßig zum Schmerzmittelentzug hierher kommen und daraus keinen Hehl machen, dass sie nächstes Jahr garantiert wieder kommen, um erneut zu entziehen. Alles andere interessiert sie nicht. Das Schlimme: Sie erzählen es auch allen.

Die ganze Szenerie hier erinnert mich an Knut Hamsuns Roman „Das letzte Kapitel“. Die Originalausgabe der 1. Auflage von 1923 hatte ich auf einem Flohmarkt für ein paar Pfennig erstanden. Der norwegische Literaturnobelpreisträger beschreibt darin den Alltag in einem Sanatorium und seine Insassen als „Versammlung von zivilisationsgeschädigten Existenzen“ (Urs Bitterli).

In Kiel geht es ähnlich zu.

In der hall of fame der in der Klinik behandelten Krankheiten kommen die Basilarismigräne und die Trigeminusneuralgie gleich nach den Cluster-Schmerzen. Es folgen die chronischen Migräneschmerzen mit Aura und danach die „normalen“ klassischen Migräne-Kopfschmerzen. Immer wieder wird mir klar, dass ich mich mit meinem Diagnose-Päckchen am Rand einer Randgruppe befinde. Mir tun hier aber alle gleich leid. Die schlimmsten Schmerzen sind immer die eigenen. Da mach’se nix.

Für mich persönlich sind die Schmerzen aber lange nicht das Belastendste an der Migräne. Die extremen Auren und der Schwindel rund um die Basilaris-Sache sind – was die Migräne angeht – meine Hauptprobleme. Ich hatte so sehr gehofft, dass man mir hier damit weiterhelfen kann. Aber mehr als hinlegen und abwarten habe ich zu diesem Thema auch hier nicht als Tipp bekommen. Bleibt abzuwarten, ob die Prophylaxe wenigstens langfristig anschlägt. Jede Stunde weniger mit diesem Scheißdreck wäre ein absolutes Plus an Lebensqualität.

Heuchelei ist die Tugend des Feiglings (Voltaire)

In den Patientenseminaren geht es um die richtige Medikation, die Migräne-angepasste Ernährung und den aktuellen Stand der Forschung. Überall sitzen mehr oder weniger von Schmerz und Gram gebeugte Gestalten. Einige sind offenbar noch nicht krank genug, um den gnädigen Hauch von Bescheidenheit und Demut erfahren zu können: Es wird gemotzt, gemeckert und laut gelitten, was das Zeug hält.

Besonders auffällig: Die, die am lautesten gegen irgendwelche synthetisch hergestellten Zusatzstoffe in Lebensmitteln oder Gebrauchsgegenständen wettern, haben erstaunlicherweise die wenigsten Probleme damit, sich bei jeder Gelegenheit, diverse Analgetika, Opioide, Benzodiazepine, Antidepressiva und sonstige synthetische Drogen der (ansonsten selbstverständlich bösen) Pharmaindustrie in den Kopp oder die Venen zu knallen.

Dass ausgerechnet diese Damen sich berufen fühlen, über die Ernährungsgewohnheiten ihrer Mitinsassen zu werten, verstehe wer will.

„Also ICH brauche mehr als 10 Triptane im Monat. Das KANN man nicht aushalten“, salbadert eine krauslockige subtil militante Veganerin mit Pumphosen passenderweise im Schmerzmittel-Seminar.
„Doch, kann man“, erklärt ihr der Oberarzt korrekterweise. Und sorgt damit hier und da für Empörung im Saal. Natürlich sei es schwer, anstrengend, schmerzhaft und raubt einem über Tage jede Art von Lebensenergie, aber „was haben wohl Ihre Großmütter gemacht als es noch keine Triptane gab?“, fragt der Mann, den ich mir seit unserer ersten Begegnung im Hausmeisterkittel vorstelle, kokett.
‚Und was meinen die, was man macht, wenn man keine Triptane nehmen darf?‘, ergänze ich im Stillen und schaue zu meiner Leidensgenossin herüber, die ebenfalls zu den Basilarisgeplagten gehört.

Bio-Löckchen verstummt pikiert. Sie sieht nicht aus, wie jemand, der oft vor versammelter Mannschaft dazu gezwungen wird, von der Huch- und Hach-Ebene auf die Sach- und Fach-Ebene zu kommen.
Ich sage: Guter Mann! Weniger Jammern, mehr Fakten. Das ist das, was interessiert – mich jedenfalls. Leider bleibe ich bis auf ein paar wichtige Infos zur richtigen Dosierung meiner Migräne-Medikamente weitgehend „unbefaktet“ als mich mein Mann nach 19 Tagen wieder nach Hause holt.

In meiner sehr ausführlichen Patientenbewertung weise ich sachlich und freundlich auf diesen „Mangel“ hin. Danach höre ich nichts mehr von der Klinik. Keine Reaktion auch auf eine schriftliche Nachfrage zu meinem Entlassungsbericht und keine Reaktion auf meine E-Mail. Das hinterlässt einen etwas faden Nachgeschmack. Nicht mal einen Textbaustein a la „Tut uns leid, wir wünschen alles Gute!“ oder Ähnliches hat man für mich übrig. OK. Vielleicht nehm‘ ich mich einfach mal wieder zu wichtig …

Fazit:

Der Umgang des Personals in der Klinik mit Migräne-Anfällen und Panikattacken war vorbildlich. Ich hatte nicht ein einziges Mal das Gefühl, belächelt oder falsch angesehen zu werden. Natürlich kennt man sich in einer Migräne-Klinik gut mit Komorbiditäten wie Angst und Depressionen aus, aber was ich hier an professioneller Zuwendung und menschlichem Entgegenkommen erlebt habe, war bemerkenswert. Ausnahmslos alle in der Schmerzklinik angestellten Personen, mit denen ich Kontakt hatte, waren nicht nur fachlich hervorragend ausgebildet, sondern auch menschlich ein Gewinn. Offenbar hat der Professor ebenfalls erkannt, dass Leid eine gute Qualifikation sein kann, denn viele der Mitarbeiter dort haben selbst Handycaps oder Migräne-Erfahrung.

Die zuständigen Ärzte standen im Grunde immer für Gespräche zur Verfügung, auch wenn ich leider wenig konkrete Antworten auf meine Fragen bekommen habe, kümmerte man sich sehr nett um mich. Sehr verwirrend finde ich allerdings die Tatsache, dass während meines Aufenthalts beinahe täglich mit mir über das Thema Körperschmerzen gesprochen wurde, die Diagnose Fibromyalgie aus dem Aufnahmegespräch im Entlassungsbericht aber nicht mehr als solche auftaucht.

Einige Zeit später erfahre ich, dass es mittlerweile eigens dafür eingestelltes Personal in Kliniken und Software für Arztpraxen gibt, um die Entlassungsdiagnosen so zu codieren, dass ein „besonders effizientes“ Abrechnen mit den Krankenkassen möglich ist. Ein Schelm, der sich da jetzt wieder irgendwas bei denkt … und in Kiel wird das sicher nicht der Fall gewesen sein …

(Mir ist das ja im Grunde egal, wer hier wen verarscht, aber dann macht das doch bitte so, dass Patienten wie ich sich nicht die ganze Zeit fragen müssen: „Hab‘ ich jetzt auch noch Wahnvorstellungen?“ – Offenbar bin ich auch nicht die einzige, mit diesem „Problem“. In der Empfangshalle höre ich zwei Frauen, die sich über das gleiche Vorgehen beschweren.) *

falsche Erwartungen

Sicher bin ich mit falschen Erwartungen in die Schmerzklinik gefahren. Auch dort kocht man nur mit Wasser und kann Lahme nicht zum Wandersmann machen. Mein Eindruck: Alles ist vornehmlich auf die Schmerzmittel-Entzugspatienten und Menschen, die noch wenig über die Migräne an sich wissen eingestellt. Das hat auch seine Berechtigung. Fünf Monate Wartezeit, ohne zu wissen, wie’s nun weitergeht, um dann „nur“ zwei Medikamente zu bekommen, hätte ich mir allerdings gerne erspart, wenngleich die stationären Bedingungen für mich als Angst-Patient und Medikamenten-Sensibelchen natürlich optimal waren.

Den Chef, Prof. Dr. Göbel, habe ich einmal im Patientenseminar gehört und ein paar Mal im Treppenhaus gesehen. Er geht stets als gutes Beispiel voran und benutzt nicht den Aufzug. Als ich der Psychologin von meiner Modellvorstellung mit Fury erzählte, sagte sie: „Ach, das ist ja interessant, der Professor spricht immer vom Migränegehirn, das man sich wie einen hochleistungsfähigen Sportwagen vorstellen kann.“

Auch eine schöne Idee, mir ist das allerdings zu mechanisch gedacht. Aber ich will mal nicht so sein – so’n Ferrari hat ja auch ein Pferd vorne dran … 😉

—————————————-

*UPDATE: Nachdem ich ein paar Monate später meine Patientenakte angefordert hatte, ruft mich Prof. Dr. Göbel höchst persönlich an und erkundigt sich nach dem Stand der Dinge. Ob jemand auf mein Schreiben reagiert hätte und ob ich noch etwas benötige.

Er sichert weitere Unterstützung zu und eine Woche später liegt die Akte im Briefkasten – mit einem korrigierten und (nunmehr mit vollständigen Diagnosen) ergänzten Entlassungsbericht. Wer hätte das gedacht … Ich freue mich. Besonders über die Tatsache, dass ich offenbar doch keinen „am Brett“ hab‘ und mir Diagnosen und Arztgespräche zurechthalluziniere. 😉

 

 

030 // Aber, Albert, Du verstehst mich doch …? – Schmerzklinik Kiel Teil II

Da ich immer noch nicht genau weiß, warum mir alles mögliche weh tut, warum mir dauernd und unterschiedlich schwindelig ist, mir plötzlich sämtliche Energie schwindet, so dass ich nicht mehr laufen kann und wie die restlichen Dinge damit zusammenhängen, warte ich auf die in den Prospekten der Klinik angekündigte umfassende Diagnostik.

Immer schön suutje (gesprochen „suutsche“ = Norddeutsch für langsam, ruhig) machen, antwortet man mir wiederholt auf meine Fragen.

Faktenlastige Antworten bekomme ich nicht. Alle sind sehr freundlich, aber mehr als ein „Jetzt kümmern wir uns erst mal um die Migräne“ bekomme ich zu meinen Schmerzen nicht erklärt. Im Anamnese-Gespräch fällt der Begriff Fibromyalgie zum ersten Mal. Der stark sehbehinderte und dadurch offenbar besonders sensible Physiotherapeut kennt sich damit aus und fährt hernach ein regelrechtes Kuschelprogramm, das mir tatsächlich gut tut.

[An alle, die mal nach Kiel in die Schmerzklinik gehen: Fragt nach Herrn Wiechert, der Mann ist Referenzklasse!]

Ich bekomme Medikamente, gutes Essen, optimale Pflege, menschliche Zuwendung. Aber: Mehrfach erkläre ich den Ärzten, dass ich mehr Informationen, Fakten, kausale Zusammenhänge brauche, um mit meinem Zustand klarzukommen. Man sagt, auf dem Einweisungsschein stände nur der chronische Kopfschmerz, darum würde man sich hier schwerpunktmäßig kümmern. Warum ich dann einen über 30 Seiten langen Fragebogen ausfüllen musste, der dezidiert alle Körperregionen nebst Schmerzsymptomatik abfragt und ich einzeichnen soll, wo’s genau wehtut, erschließt sich mir nicht.

Woran es liegt, dass man meinem Wunsch nach konkreten Aussagen und Fakten nicht nachkommen kann oder möchte, weiß ich nicht. Vielleicht mache ich einen zu wirschen Eindruck? Vielleicht will man auch meinen (pathologischen?) Ergründungszwang nicht weiter fördern? Vielleicht wirke ich durch meine Angst und die dauernden Wortfindungsstörungen und unkoordinierten Bewegungen gestörter als ich tatsächlich bin? Vielleicht denken die, die arme Irre faselt Unsinn. Dabei hab‘ ich denen doch erklärt, dass sie in mir einen verständigen Gesprächspartner haben, der ihnen bis in die Tiefen der biochemischen Grundlagen folgen könnte und sogar über Grundlagenwissen der Quantenphysik und sämtlicher aktuellen Ergebnisse der Hirn- und Bewusstseinsforschung verfügt. Dennoch lässt man mich weiter im Trüben fischen.

Vielleicht haben sie mich auch beobachtet, wie ich durch die Flure und Treppenhäuser schleiche und mit geschlossenen Augen immer wieder kurz stehen bleibe, um in die Atmosphäre zu spüren? Können die ja nicht wissen, dass das nur ein Versuch war, ein paar inspirierende Impulse von Albert Einsteins Geist einzufangen. Der von mir innig geliebte Physiker hatte um 1920 herum hier im Klinikgebäude an der Entwicklung des Kreiselkompasses mitgewirkt. Ein großes Foto von ihm hängt im Therapie-Bereich der Klinik.  Er hätte meinen Egründungszwang bestimmt verstanden … 😉

Manche Leute schlafen nur so gut, weil sie so langweilige Träume haben.
(Madame de Staël)

In einer der letzten Nächte in Kiel träume ich von einer Motorrollerfahrt mit einer Freundin. Wir diskutieren über ihren Fahrstil. Der Roller bäumt sich auf wie ein Wildpferd. Und ich sag‘ noch …! Sie stoppt an einem Parfümladen. Sonderangebotstag. Im Bademantel (!) stürme ich in den Laden und scanne die verschiedenen Parfümflacons. Mein Lieblingsduft ist nirgendwo zu finden. Nur einige ähnlich aufgemachte Verpackungen drängen sich in den gläsernen Regalen aneinander. Plötzlich steht meine Freundin mit einer rot-metallischen Flasche vor mir. „Das ist das Falsche, verdammt nochmal!“, motze ich los und stürme Richtung Ausgang. Ein kleiner dicker Security-Mann mit 80er-Jahre Strickbund-Sweatshirt stellt sich mir in den Weg und sagt: „Oh, oh!“, während er mich in meinem Bademantel abklopft, offenbar, um eventuell Entwendetes aufzuspüren. Er findet nichts. Ich gehe raus an die frische Luft. Als ich mich umdrehe wurschtelt meine Freundin schon wieder am Motorroller herum. Ich hechte auf sie zu und sage sehr bestimmt: „Jetzt fahre ich!“. Sofort wird sie ganz still, stellt sich neben mich und wartet. Leider geht es nicht sofort los. Wir müssen noch zwei aufgeblasene Luftmatratzen und Wolldecken mitnehmen. Keine Ahnung, was das soll. Ich öffne die Ventile. Plötzlich stehen wir auf einer Wiese. Während ich die grünliche Matratze entlüfte, sehe ich einen Mann. Er pinkelt einen sehr dicken Strahl an einen sehr dünnen Baum. Ich wache auf. Muss dringend auf’s Klo.

Ich bin nicht verrückt. Ich hab‘ nur ein durchgedrehtes Pferd im Kopf. 😀

Mehrmals heule ich die Psychotherapeutinnen der Klinik voll, weil ich soviel weiß und doch keine Lösung finde. Die armen Dinger. So jung und nur von Problemen umgeben. Die eine trägt einen bronzenen Anhänger mit einem Lebensbaum um den Hals. „Muss man mögen.“, höre ich die Stimme meines Psychotherapeuten aus der Heimat im Hinterkopf. Das sagt er oft. Ich vermisse seine lebenspraktischen, kernig-herzlichen Ansagen. Er ist zwar durchaus sensibel, aber keiner dieser weichgespült besorgt guckenden Lebenshelfer, was mir sehr entgegenkommt. Im Hauptberuf als Rettungssanitäter wird er schon einige Halbtote und Grenzgänger jeder Couleur auf der Pritsche gehabt haben. Zudem macht er den Eindruck, dass das Leben auch für ihn und seine Familie kein ewig währender Kindergeburtstag ist. Es beruhigt mich zu wissen, dass ein Teil von mir, vertreten durch die kleine Pferdeskulptur in seiner Praxis, immer in Sicherheit ist.

Überhaupt gefällt mir seine unkonventionelle und lebenspraktische Hilfe. So habe ich immer zwei Audiosequenzen mit speziell für mich eingesprochenen Texten von ihm auf meinem iPhone dabei, die mir in schmerzlastigen oder angstgeprägten Situationen ortsunabhängig und unmittelbar helfen. Da können die von der Klinik bereitgelegten Entspannungs-CDs mit der – nebenbei bemerkt unsympathischen – männlichen Stimme nicht gegen anstinken.

Da bin ich Besseres gewohnt. 😉

029 // In der Schmerzklinik Kiel – Teil I

Wer die erste Hürde, das Ausfüllen des 30-seitigen Fragebogens der Schmerzklinik geschafft hat, ist schon ein gutes Stück weiter und hat das Gefühl: Endlich kümmert sich mal jemand ganzheitlich und vollumfänglich. Bis es tatsächlich losgeht, gibt es Wartezeiten. In meinem Fall fünf Monate. Migräne habe ich laut Migräne-Tagebuch, das ich führen soll, an ca. 20 Tagen im Monat. Andere Kopf- und Körper-Schmerzen jeden Tag. Von den Ärzten höre ich nur „Besprechen Sie das alles in Kiel.“ Kein Wunder, dass die Erwartungen an die Schmerzklinik so groß sind. Zwei Koffer und eine große Tüte Hoffnung habe ich dabei, als ich in der modern eingerichteten Empfangshalle stehe – besser: hänge.

Ich bin einfach am Ende.

Ankommen

Nach einem sehr langen Anamnese-Gespräch mit der für mich zuständigen Ärztin, bei dem ich trotzdem das Gefühl habe, nur knapp die Hälfte aller meiner Probleme erwähnt zu haben, komme ich in meinem Zimmer langsam zur Ruhe. Dank meiner Zusatzversicherung für die Einzelunterbringung treibt mich der Aufpreis für das Zimmer noch nicht in den endgültigen finanziellen Ruin. Dass man in einem „Privatzimmer“ allerdings den Fernseher extra bezahlen muss (für 19 Tage immerhin 16,- Eur), finde ich etwas befremdlich.

Die Einrichtung des Zimmers ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen, aber durch die Anordnung der Möbel und die „gemütliche“ Bett-Ecke, kommt keine richtige Krankenhausatmosphäre auf – gut! Ein gemütlicher Ledersessel, der sicher mal schön war, steht vorm Fenster. Leider ist er am Kopfteil und an der Sitzfläche ziemlich durchgescheuert und dadurch sehr unansehnlich. Mein Zimmer liegt zur Straße hin. Das ist tagsüber etwas laut, aber es wird nicht zu warm, weil die Sonne nur morgens kurz reinschaut.

Das Bad ist relativ groß und hat eine frei zugängliche Dusch-Nische (like! :-))

Die Bodenfliesen und Fugen sind nicht so schön … nein, die sind einfach um. Etwa zwei Drittel des ehemals hellgrauen Fugenkitts haben eine schlammschwarze Patina angesetzt. Bin ich zu pingelig, wenn ich meine, dass so was ab und an mal (notfalls mit ’ner Kanne Chlorreiniger) weggerubbelt gehört? Selbst ICH schaffe das einmal im Jahr.

Aber ein Krankenhaus ist kein Luxushotel! Auch einen 3, 2, 1 – Sterne-Standard hat niemand versprochen. Also genieße ich die Ruhe und Dunkelheit hinter den genügend großen lichtundurchlässigen Vorhängen.

Therapie

Bei der Anmeldung drückt man mir einen „Stundenplan“ in die Hand, in dem die Termine für Patientenseminare, Gruppensitzungen, physio- und psychotherapeutische Behandlungen, Entspannungs-Kurse und Sport-Einheiten stehen.

Der Plan enthält wenig passende bewegungstherapeutische Bausteine, die für mich machbar sind. Das demotiviert mich erst mal. Änderungen im Plan sind auch auf Nachfrage nicht möglich. Ich solle mir aussuchen, was für mich passt – bis auf Physio- und Psychotherapie seien alle Angebote nur Vorschläge. OK. Da bleibt leider nicht viel. Zur Erinnerung: Ich kann weder sitzen noch stehen, nach 50 Metern langsam laufen bin ich am Ende, meine Hände und Finger tun so weh, dass ich meine Zimmertür kaum aufschließen kann und Angst habe, den Aufzugknopf zu drücken.

Immerhin bin ich in der zweiten der drei geplanten Wochen soweit, dass ich zumindest versuche, an einer Qi-Gong-Einheit teilzunehmen. Es bleibt beim Versuch.

Hausmeisterwitze

Den Einstieg in einen neuen Prophylaxe-Versuch soll ich mit Gabapentin (ein älteres Antiepileptikum) und Opipramol (ein Antidepressivum, dass auch angstlösend wirken soll) unternehmen. Meiner nicht unbegründeten Angst vor den Medikamenten begegnet man mit Verständnis und professionellem Geschick. Es gelingt mir sogar, eine vom Oberarzt vorgeschlagene Therapie mit Venlafaxin und Topiramat abzulehnen. Natürlich heulend und unter Todesangst. Der Oberarzt ist ein locker flockiger Typ, der sein Handwerk gelernt hat, aber so richtig nachvollziehen kann er mein mühsam beschriebenes Problem in Kontakt mit Ärzten nicht. Er lacht, als ich ihm erkläre, dass der locker beschwingte Umgang mit ihm als Mensch kein Thema wäre, aber in seiner Funktion als Arzt ticken die Uhren bei mir anders. Alles wäre super, wenn er der Hausmeister wäre, sage ich. Er lacht. Das war gar nicht lustig gemeint, aber ich kann eben in den unmöglichsten Momenten eine echte Stimmungskanone sein. Er aber auch. Er kontert: „Haben Sie schon die Erwerbsminderungsrente beantragt?“

Nein – ha ha … guter Witz. Wenn ich hier raus komme, bin ich doch wieder fit, denke ich – wollte ich sagen. Aber ich bin so schockiert, dass ich gar nichts mehr sagen kann und nur den Kopf schüttel. „Das müssen Sie unbedingt als erstes machen, wenn Sie zu hause sind!“
„Äh …“, stammel ich.
„Ja, wenn Sie nach ein zwei Jahren vielleicht doch wieder besser aufgestellt sind, können Sie ja nochmal richtig loslegen.“
Ein, zwei Jahre? Vielleicht? Loslegen?
An den Rest des Gesprächs kann ich mich nicht mehr erinnern.

Als ich alleine im Zimmer bin, rufe ich meinen Mann an und heule wie ein Kindergartenkind, dem man grade verboten hat, mit in den Zoo zu kommen – dieses und nächstes Jahr. Auch Zoo-Videos seien in dieser Zeit verboten. Später vielleicht mal ein Giraffenposter oder ’ne Lemurenpostkarte. Aber Zoo? Für Dich? Nö.

Nach dem ersten Schock reagiere ich trotzig: Das woll’n wir doch mal sehen, wer hier nich‘ mehr in den Zoo geht …

Euphoria Maxima

Zuerst nehme ich das Gabapentin. Damit soll die Alarmbereitschaft im Nervensystem und das Schmerzgedächtnis runterreguliert werden. Glücklicherweise gibt es keine negativen Akutreaktionen – im Gegenteil. In den ersten Tagen mit dem Medikament ist mein Kopf plötzlich freier, der Druck und der Nebel verschwinden langsam. Ich fühle mich nach und nach so fit, dass ich mich ein paar Minuten in einen Sessel im Flur setzen kann. Auch eine andere Basilarispatientin mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten wie ich bekommt Gabapentin und reagiert zunächst genauso positiv auf die Dropse.pokemon

Die Euphorie hält einige Zeit an. Ich bin wieder an Bord. Sehe andere Menschen, rede mit ihnen, höre zu, was sie erlebt haben. Das fühlt sich gut an. Ich beginne weiter zu hoffen und werde langsam mutiger. Am Ende meines Aufenthalts schaffe ich 600 Meter in die kleine Einkaufstraße auf der anderen Seite der Schwentine, um mir Gemüsechips und Kokosriegel zu kaufen – alleine!

Manchmal fange ich ein paar Pokemons am Uferweg oder gucke mir die Segelboote an. Ich bin mächtig stolz auf mich!

Von zwei Anfällen und den neuen Schwindel-Symptomen lass‘ ich mir meine Rückkehr in die Zivilisation nicht madig machen.

Abends nehme ich das Opipramol. Kurz bevor ich einschlafe, sehe ich Fury vor meinem inneren Auge. Er steht mit runterhängender Unterlippe, leicht verstrubbelt und ziemlich stoned am Zaun. Ich rolle ein Stück Pappe zusammen, knüpfe ein Gummiband dran und lasse das improvisierte Hütchen vor die Stirn des großen, grauen Tieres schnacken – Swopp macht es. Er kann sich nicht wehren – er guckt nicht mal hoch. Hahaha! „Du bist ein Einhorn!“, gluckse ich und schlafe lachend ein.

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

Diese Seite verwendet Cookies, um die bestmögliche Funktionalität zu gewährleisten. Durch die weitere Nutzung der Seite stimmst Du dem zu. Weitere Informationen dazu findest Du in meiner. Datenschutzerklärung

Die Cookie-Einstellungen auf dieser Website sind auf "Cookies zulassen" eingestellt, um das beste Surferlebnis zu ermöglichen. Wenn du diese Website ohne Änderung der Cookie-Einstellungen verwendest oder auf "Akzeptieren" klickst, erklärst du sich damit einverstanden.

Schließen