Schlagwort: Krampfadern

020 // Ein Leben in Freiheit…

Meine Venen bescheren mir einige Wochen nach der Stammvenen-OP noch eine interessante Beobachtung in Bezug auf die Migräne-Kopfschmerzen:

Wenn man (wie ich) an 20-25 Tagen im Monat Kopfschmerzen hat (Migräne und Spannungskopfschmerzen abwechselnd oder gemischt) muss man auch an Tagen mit dickem Kopp Termine wahrnehmen, wenn es irgendwie geht. Schmerzen ignorieren hab‘ ich 40 Jahre trainiert, das funktioniert ganz gut …

Ich schleppe mich also zur OP-Nachsorge ins Venenzentrum. Das will ich nicht ein zweites mal verschieben. Dort soll eine Krampfader, die man bei der OP nicht mit erwischt hat, verödet werden. Im Aufklärungsbogen steht: Durch das Verödungsmittel könne Migräne ausgelöst werden. Hm. Ich spreche mit der netten Ärztin darüber, dass ich alle möglichen Migräne-Formen habe und es evtl. zu einem Basilarisanfall kommen könnte. Nicht, dass sie sich erschreckt.

Sie ist etwas verunsichert, hat davon noch nie gehört. Sie sichert mir für den Notfall aber notärztliche Hilfe zu und legt die Entscheidung in meine Hand.
Na, super.

Ich kann immer noch schlecht nein sagen, will wenigstens die Schmerzen am Schienbein los sein und die nette Ärztin nicht enttäuschen. Also entscheide ich, dass sie loslegen soll.

Sie piekst ihr Schmetterlings-Kanülen-Dings in die verdickte Vene und spritzt das Verödungsmittel ein. Wow. Tut ganz schön weh. Nassgeschwitzt warte ich auf den Super-Gau.

Nach zwei Minuten bemerke ich, dass irgendwas anders wird im Kopf.
Nach fünf Minuten sind die Kopfschmerzen weg. Mit ihnen das Nebelgefühl und der Druck auf den Augen. Ich kann’s nicht glauben.

Wie ein übermütiges Karnickelböckchen hüpfe ich von der Pritsche. Haha!

Als ich aus der Klinik in die pralle Sonne trete, erwarte ich den stechenden Schmerz, den das helle Licht mir normalerweise beschert, um gleich darauf in abwechselnd dumpfes Drücken und scharfes einseitiges Ziehen zu münden. JETZT habe ich ein Gefühl, als würde ich an Midsommar barfuß auf eine Waldwiese springen. KEINE Schmerzen, KEIN Schwindel. KEINE Lichtempfindlichkeit. Null. Garnix.

Auf der Fahrt nach Hause singe ich: „Der Himmel ist blau..“

Stelle mir vor, wie ich mit Hilfe irgendeines renommierten Neurologen vor die Presse trete als die Frau, die das beste Migränemittel aller Zeiten gefunden hat. Blitzlichtgewitter, schüchternes Lächeln, der Doktor ergreift das Wort und dankt zunächst seiner aufmerksamen Patientin (mir) für ihre bahnbrechende Beobachtung. Ich grinse.

Leider nicht lange.
Zwei Stunden später folgt die Ernüchterung: Kopfschmerzen.
Wäre ja auch zu schön gewesen.

Dennoch: Ich habe die kleine Auszeit genossen und erinnere mich noch an jede einzelne Minute Schmerzfreiheit. Erinnere mich an etwas längst vergessenes:
Ein Leben in Freiheit.

019 // Wer nicht funktioniert, fliegt raus. Abschied von Vena S. Magna…

Etwa sechs Wochen nach meiner wenig erfolgreichen Reha checke ich mit vermeintlich letzter Kraft im Venenzentrum der Nachbarstadt ein.

Die Schmerzen und Schwellungen in den Beinen, die mein früherer Hausarzt als Folge meiner Fettleibigkeit durch Gewichtsabnahme kurieren wollte, blieben auch mit 25 Kilo weniger auf den Rippen unverändert. Meine Beine sind weiterhin dick, blau und schmerzempfindlich. Das Amlodipin, das der nette TCM-Arzt mir gegen den vermeintlich zu hohen Blutdruck verschrieben hatte, beschert mir noch ein paar Deziliter Wasser zusätzlich im Gewebe, die ich seitdem auch nicht mehr losgeworden bin.

Als ich meinem neuen Hausarzt meine Beine präsentiere und ihm von meinen Schmerzen dort erzähle, überweist er mich sofort zum Gefäßchirurgen mit Verdacht auf CVI (Chronisch-venöse Insuffizienz).

Der stellt fest: Lipödem Stadium I-II, beide Stammvenen defekt und noch ein paar Seitenast-Krampfadern. OP nötig.
Ja, super! Reicht ja alles noch nicht … In Bezug auf das Lipödem macht man mir keine große Hoffnung auf Besserung – im Gegenteil. Weitere Gewichtsabnahme sei sinnlos bis unmöglich. Auch an meinen Armen habe ich die gleichen Symptome – es ist zum auswachsen.

Die Stammvenen-Geschichte und die Krampfadern sind aber heutzutage kein Problem. Das geht ratzfatz – keine große Sache. Das sind doch mal gute Nachrichten!

In einem neuen Verfahren im Venenzentrum soll ich eine Art Plastikmanschette um die Stammvenen beider Beine gelegt bekommen. Vorteil: Erhalt des eigenen Venenmaterials. (Kann man immer mal gebrauchen das Zeug, wenn mal ein Bybass oder ähnliches fällig wird). Man fragt mich, ob ich Interesse an der Teilnahme an einer laufenden Studie dazu hätte. Ich willige ein. Wenn ich schon für sonst nichts tauge, dann sollen meine Eingeweide doch wenigstens im Dienst der Wissenschaft für die Menschheit nützlich sein.

Die Idee, mich posthum in Heidelberg plastinieren zu lassen, spukt ja immer mal wieder in meinem Kopf rum. Langsam bezweifle ich aber, dass ich mich mit den ganzen fehlenden Teilen, Modifikationen und Ersatzteilen noch als Exponat für von Hagens Körperwelten-Austellung eigne.  Vielleicht gibt’s mich mal günstig als Mängelexemplar. Stammvenen weg, Galle weg, Mandeln weg, Bandscheiben-Matsch, Magen und Zwerchfell mit Plastiknetz und Titan-Klammern verdrallert, dafür Elefanten-Beine und Arme, ’n Kupferketten-Uterus-Piercing und ein übersensibles, wirres Hirn.
OK, es gibt für alles einen Markt …

Und Tschüss…

In guter Hoffnung auf Ruhm und Ehre für meinen selbstlosen Dienst an der Menschheit stehe ich 20 Minuten vor dem geplanten OP-Beginn für letzte Vorbereitungen im OP-Hemd auf einem Höckerchen vor dem charmanten Chirurgen, der gleich Hand anlegen soll.

Chirurgen mag ich noch am liebsten. Die interessieren sich mehr für die Hardware eines Menschen. Damit hab‘ ich kein Problem. Da bin ich entspannt. Schmerzausschaltung vorausgesetzt, würd‘ ich auch gerne bei meinen OPs zugucken oder assistieren. Hauptsache es misst niemand Blutdruck.

„Sie sind Studienteilnehmer?“, fragt der Doc, der das Operationsgebiet vorbereiten will, begeistert.
„Ja.“, antworte ich stolz. Er fährt mit dem Ultraschall-Gerät über meine Beine. Drückt fester auf. Aua. Er runzelt die Stirn. Fährt nochmal rüber. Doppel-Aua.
„Kann nicht sein.“, sagt er dann.
„Warum?“, frage ich erstaunt.
„Bei ihren Venen geht das nicht. Das geht nur bis 0,6 cm Durchmesser. Ihre sind bis zu 1,8 cm weit.“
„Was hat Ihr Kollege denn dann da gemessen?“, wundere ich mich vorwurfsvoll.
„Ganz ehrlich: Das weiß ich jetzt auch nicht.“
„Ja, und jetzt?“, frage ich etwas belämmert.
„Tja, auf dem OP-Plan stehen Sie. Wollen Sie dann das Stripping machen lassen?“
„Das heißt, die Venen fliegen raus?“
„Ja, die fliegen dann raus.“
„Bleibt mir was anderes übrig?“, frage ich.
„Eigentlich nicht.“, sagt der Arzt.
„OK, dann machen Sie es so.“

Und wieder einer dieser schönen Momente, in denen ich mich wie Captain Jean Luc Picard auf der Brücke der Enterprise fühlen darf 🙂
(Keine Ahnung, was ich meine? Dann hier gucken.)

Zwei Stunden später wache ich auf. 20 kleine Schnitte an den Beinen und zwei große in den Leisten waren nötig, um die defekten Venen zu eliminieren. Egal, jetzt hab ich’s hinter mir, denke ich. Die Schmerzen in den Beinen sind erträglich. Allerdings habe ich tagelang Höllen-Kopfschmerzen, am nächsten Tag Migräne und der Nacken ist auch wieder schlimmer. Ob die Ärzte meine Bitte ernst genommen haben, bei der Lagerung auf meine kaputte Halswirbelsäule zu achten? Zweifel sind angebracht, aber wer kann das schon wissen, was die mit einem machen, wenn man erst mal hinreichend sediert ist …

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