Schlagwort: Hypnose

022 // Migräne ist kein Arschloch. Unerwartete Wendung mit Pferd.

Während ich auf meine Aufnahme in der Klinik in Kiel warte, verfluche ich die Migräne und beschimpfe sie regelmäßig als Arschloch. Mein Therapeut und ich mühen uns in mehreren Hypnosesitzungen mit ihr ab. Bis eine unerwartete Wendung die Krankheitsbewältigung erdrutschartig forciert.

Mein Unterbewusstsein (das arrogante kleine Miststück) teilt mir mit, dass es meine Migräne gar nicht als Defekt sieht. (Das hätte es auch mal eher sagen können). Sie war immer schon da und gehört zu mir – seit meiner Entstehung. „Die Migräne ist einfach das Strickmuster deines Gehirns“, sagt mir mein Unterbewusstes. „Es funktioniert einfach so. Zum Arschloch wird es nur, wenn das Drumherum, also die Lebensumstände, Reize oder Eindrücke einen Störfall triggern“.

Ach …

So hab‘ ich das noch gar nicht gesehen.

Ist das vielleicht der Grund, warum es nie eine ursächliche Therapie dagegen geben kann, die die Persönlichkeit unangetastet lässt? Eine Frage, die erst mal unbeantwortet bleibt.

Es vergehen ein paar Tage, bis ich dieses lebensversauende Monster ganz neutral als Funktionsmuster meines Gehirns anerkennen kann. Ich stelle mir meine Migräne nicht mehr wie ein böses Etwas in meinem Kopf vor, das es zu eliminieren gilt, sondern ich sehe mein Gehirn als Ganzes mit bestimmten Eigenschaften, wie die eines englischen oder arabischen Vollblut-Pferdes: Wunderschön, hochleistungsfähig, aber auch anfällig für jeden kleinen Mist.

Schnell rennen und toll aussehen, aber bei der kleinsten Störung durchdrehen – das ha’m wa gerne. Wo jeder dösige Ackergaul ruhig grasend auf der Koppel steht, zittert und vibriert mein Fury* schon unruhig beim kleinsten Geräusch oder Windhauch. Jetzt noch ein Motorenstart in der Ferne und das Vieh dreht am Rad. Da is‘ der Name echt Programm: Fury (= Furie) rennt wie von der Tarantel gestochen los bis er schweißgebadet mit Schaum vor’m Mund, vollkommen erschöpft in der letzten Ecke der Koppel stehen bleibt.

Jede Annäherung unmöglich.

Bis er wieder friedlich ist, vergehen ein bis zwei Tage in denen er fix und fertig unter irgendeinem Apfelbaum lungert.

Ja, so isser, mein Fury.

Keine Überraschung

Wer mir ein bisschen in meinem Blog gefolgt ist, hat vielleicht langsam eine Ahnung davon, wie es in meinem Kopf den ganzen Tag zugeht: Ich kann sieben Sachen gleichzeitig denken, mein IQ wurde mehrfach mit weit überdurchschnittlichen Werten gemessen und aufgrund meiner kindlichen Erfahrung mit den Befindlichkeiten meiner Bezugspersonen wurde Sensibilität besonders trainiert, um Gefahrenpotenziale frühzeitig erkennen zu können. Da ist es nicht weiter verwunderlich, dass dieser Dauer-Denk-Apparat extrem anfällig für Überlastung, Störfälle und Fehlfunktionen ist. Was kann man anderes erwarten?

Der Hass auf meinen kaputten Kopf verwandelt sich langsam in Mitgefühl.

Fury kann nix dafür – ich kann nix dafür. Fury kann sich nicht zum lethargischen Hängebauchschwein umoperieren lassen – ich kann ihm nur helfen, in dem ich die Reize von außen und innen im grünen Bereich halte.

Wir sitzen in einem Boot. Wissen um des anderen Nöte und können ihm doch nicht helfen. Mehr als eine wohlwollende, friedliche Koexistenz ist nicht drin.

Dummer Esel und blöde Ziege

Manchmal sind wir beide zickig. Ich werfe ihm dann Egozentrik und Arroganz vor, er mir Rücksichtslosigkeit, Unbelehrbarkeit und eine vollblutunwürdige Unterbringung. Manchmal reibe ich ihm vorsichtig mit Stroh den schweißnassen Hals ab und versuche, ihn mit meiner Aufmerksamkeit zu besänftigen. Manchmal drückt er seine Nase an meine Schulter oder macht mich mit einem Anfall auf totale Überlastung aufmerksam.

Wir kommen schon irgendwie klar.

Erst jetzt merke ich, wie passend die Analogie von Monty Roberts, dem Pferdeflüsterer und meinem Therapeuten ist. Wenn ich bei ihm in der Praxis bin, kann die Welt untergehen, da is‘ alles safe. Ein Schnipp, ein „Schlaf!“ und ich mach‘ mich auf den Weg in die Ruhezone meiner Seele. Selbst wenn Fury rumzickt, kann ich das Tierchen als Teil meiner Existenz akzeptieren und dem Rest Ruhe verordnen lassen. Davon haben alle was.

Das hat zwar wenig Einfluss auf die Häufigkeit und die Intensität der Migräneanfälle, aber mir gelingt es immer besser, mich innerlich von ihnen zu distanzieren – auf eine gesunde Art und Weise.

Aus Dankbarkeit und einer gehörigen Portion Eigennutz, schenke ich meinem Therapeuten ein kleines steinernes Pferdchen, mit der Bitte, es irgendwo in der Praxis aufzubewahren. Die Vorstellung, dass ein kleiner Teil von mir auf diese Art und Weise immer in Sicherheit ist, tut einfach gut.

Tausend Dank!

 

 

*Fury (englisch für Wut, Furie) ist der Name eines Pferdes aus dem Roman Fury von Albert G. Miller und einer gleichnamigen Fernsehserie aus US-amerikanischer Produktion. (Quelle: Wikipedia) – Hier das Intro:

Fury – Intro – Bobby Diamond, Peter Graves, Ann Robinson

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007 // Der Monty Roberts der Angstgestörten

Wie zum Trotz erreicht mich der Anruf der Psychotherapie-Praxis, auf deren Warteliste ich stehe, ausgerechnet als ich mich mit meinen beiden Hals-Bandscheiben unter’m Arm durch die Tage quäle. Ich bitte die schnippische Vorzimmer-Tante, den Termin in ein paar Wochen zu machen, weil ich weder Autofahren noch 10 Minuten Sitzen kann mit dem Hals. Sie erklärt mir, dass das nicht geht und dass ich mich nun höchstens wieder neu auf die Warteliste setzen lassen kann. Die wäre jetzt aber nur noch etwa fünf Monate lang.

Ich bedanke mich und lege auf.

Mein Weg

Im Internet suche ich jetzt selbst nach einem Therapeuten mit freien Kapazitäten. Finde einen, der im Hauptberuf als Rettungssanitäter arbeitet. Die perfekte Kombination für einen „spezialgelagerten Sonderfall“ mit Todesangst und Psycho-Schmerzen wie mich …

Nach etwa vier Wochen geht es mit meinem Hals so gut, dass ich mir die 20-minütige Autofahrt in seine Praxis zumindest theoretisch vorstellen kann. Ich nehme per Mail Kontakt auf.

Zwei Wochen später findet meine erste psychotherapeutische Unterredung statt.

Herr E. ist ein ganz „normaler“ Mensch. Das beruhigt mich. Er trägt keinen Arztkittel, kein Therapeuten-Weiß und seine Praxis ist gemütlich eingerichtet und warm. Schonmal gut. Ich friere meistens dermaßen, dass ich 3-4 Schichten Kleidung trage. Was mich und meine mittlerweile 113 Kilo nicht gerade graziler erscheinen lässt.

Ich sehe es ihm nach, dass er offenbar zuerst wie alle „netten Helfer“ mein offensichtlichstes Problem, mein Gewicht, mit in den Problem-Topf schmeißt. Es ist ja schließlich ein Schwerpunkt, den er in seiner Hypnose-Paxis behandelt.

Es wird relativ schnell klar, dass der – wenn auch dicke – Hase in einem anderen Pfeffer liegt, aber ich wehre mich nicht dagegen, den auch gleich mit „anzupacken“.

Schon nach der ersten Sitzung bin ich  leicht euphorisiert. Endlich passiert was. Eingedeckt mit Beruhigungs-Tricks gegen die Panikattacken, Literatur und „Hausaufgaben“ verlasse ich die Praxis mit dem guten Gefühl, dass mein Geld hier gut angelegt sein könnte. Die Kasse zahlt den Heilpraktiker für Psychotherapie natürlich nicht. Egal. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Herr E. kennt das Leben und die Menschen von der extremen Seite. Das schätze ich. Als Rettungssanitäter erlebt er Sachen, die uns Otto-Normalbürger glatt vom Schlitten hauen würden. Da bin ich mir sicher.

Andererseits habe ich schon oft erlebt, dass ich selbst in Extremsituationen auch eher entspannter reagiere als andere. Mich machen die kleinen Dinge fertig. Richtig fertig.  Immer und immer wieder.

Mein kleines Ich

In einer der ersten Hypnose-Sitzungen habe ich zum ersten Mal in meinem Erwachsenen-Leben Kontakt zu meinem kleinen Ich. In der Rückführung zu einer Nasenpolypen-OP, sehe ich, wie sich das kleine blonde Mädchen vor Angst und Verlassenheitsgefühl bibbernd höchst unwohl in ihrem Körper fühlt.
„Mama ist doof.“, sagt sie.
„Warum ist Mama doof?“, fragt Herr E.
„Die hilft mir nicht. NIE!“
Herr E. schlägt vor, dass mein großes Ich das ja jetzt übernehmen könnte.
Gute Idee.
Die Große nimmt die Kleine in den Arm, sagt ihr, dass alles gut ist. „ICH bin bei Dir.“ sagt die Große.
„Ich hab‘ Dich lieb!“ sagt die Kleine.
Beide weinen.

gelöste Knoten

Mit dieser kleinen Sequenz löst sich ein riesiger Knoten, den ich mein Leben lang mit mir rumgetragen habe. Meine Mutter, von der ich mich stets missverstanden und ungesehen fühlte, ist nicht der Schlüssel. Egal, was war. Sie muss es auch gar nicht sein.
Ich selbst kann mir jetzt helfen. Ich brauche meine Mutter nicht dafür.

Was mein kleines Ich im Kindergartenalter erlebt hat, kann ich jetzt noch mal mit ihm zusammen erleben und es mit ihm gemeinsam durchstehen. So gehen wir in vielen weiteren Hypnose-Sitzungen und EMDR-Interventionen Szene für Szene durch und lösen Knoten über Knoten. Einen nach dem anderen. Manchmal fühle ich mich danach, als hätte ich einen Garten umgegraben. Seelenarbeit ist Schwerstarbeit.

Herr E. begleitet mich auf meinem Weg. Sichert meine Schritte nach allen Seiten ab, unterstützt, wo es nötig ist. Er gibt mir Sicherheit im Umgang mit diesen neuen Eindrücken.

Manchmal erinnert er mich dabei an Monty Roberts, den amerikanischen Pferdeflüsterer, den viele für seine Arbeit mit traumatisierten und schwierigen Pferden feiern. Wie passend diese Methapher tatsächlich ist, wird mir erst viel später klar.

In meiner Seelenarbeit geht es sehr langsam voran. An manchen Stellen kommen wir einfach nicht weiter und mein Körper und ein paar Ärzte machen alles wieder schlimmer …

 

 

 

 

 

 

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