Schlagwort: Erwerbsminderungsrente

043 // Krankheitsgewinn III – jetzt mal konkret

Als Rentner auf Zeit, stehe ich weniger unter Druck, zu irgendwelchen Terminen zu kommen, Formulare auszufüllen und meine Krankheiten zu dokumentieren. Das ist ein großer Gewinn! Zumindest im Vergleich zu vorher. Im Vergleich zum Gesunden: Kein Unterschied. Der muss das alles auch nicht.

Aber ich will’s immernoch wissen. Wo ist mein Gewinn?

Bei Wikipedia heißt es:

Sobald ein Mensch die Rolle des Kranken einnimmt, kann er in der europäischen Kultur in der Regel davon ausgehen,

  1. von Alltagspflichten entbunden zu werden,
  2. Anteilnahme / Mitleid / Mitgefühl zu erfahren und/oder
  3. von seiner Umwelt schonend behandelt zu werden.
  4. wirtschaftliche Unterstützung von Sozialversicherungsträgern zu bekommen; der Kranke wird dadurch teilweise oder ganz von der eigenen Erwerbsarbeit entbunden.

 

Zu These 1:

„Kranke werden von Alltagspflichten entbunden“

Je nach Krankheit und vor allem je nach Persönlichkeitsstruktur KANN so was ein Gewinn sein – MUSS aber nicht!

Fakt: Wenn mir beide Beine amputiert wurden, kann ich davon ausgehen, dass ich den Müll nicht mehr runter bringen muss. Müll runter bringen macht keiner gerne.

Ist das jetzt ein Gewinn für den Beinamputierten? Freut der sich, dass er von dieser Alltagspflicht entbunden ist? Die meisten werden jetzt sicher schreien: So’n Quatsch, der arme Beinamputierte! (schöne Begriff-Kombination fällt mir grade auf ;-)) Der würde doch viel lieber seine Beine wiederhaben, der würd‘ doch gerne den Müll runterbringen, anstatt in seinem Rollstuhl zu sitzen und sich mit Phantomschmerzen zu plagen.

Wenn der Schmerzpatient mit Fibromyalgie den Müll nicht mehr runterbringen kann, dann schreien alle „Krankheitsgewinn“!

Wo ist da die Logik? Was soll das?

Das kann man jetzt endlos mit verschiedenen Krankheiten weiterspielen. Ich gucke mal auf mich:

Irgendwie sehe ich hier nichts, was sich von alleine regelt. Ich habe weder Geschwister noch Familienangehörige, noch Freunde oder Nachbarn (*lol*), die hier mal eben einspringen und mir irgendwas abnehmen. Mein Badezimmer und andere Räume bleiben so lange dreckig, bis ich alle paar Wochen oder Monate mal so gut drauf bin, dass ich auf allen Vieren mit ein paar Feuchttüchern das Schlimmste wegwischen kann. Ich schäme mich für den Zustand meiner Wohnung. Die Blicke und Kommentare von Schwiegermutter und Co. halte ich aus bis sie wieder nach hause gehen. Dann wird geheult.

„Kann der Mann das nicht machen?“, fragen jetzt viele. Nein, der Mann übernimmt das nicht. Das ist keine Kritik, sondern Fakt. Er ist berufsbedingt zwölf Stunden aus dem Haus. Wie immer schon, geht er einkaufen, kocht und kümmert sich um den „Außendienst“ – so wie es in vielen Familien läuft. Seit ich es nicht mehr kann, bringt er häufiger die Wäsche runter und wieder rauf. Er räumt öfter als früher das Geschirr in die Spülmaschine. Wenn ich ihn darum bitte, saugt er auch mal Staub. Wenn meine Mutter kommt (ca. 2-3 Mal im Jahr), putzt sie meine Fenster, den Hausflur, das Badezimmer und die Küche. Das war aber schon immer so – auch ohne Krankheit – wie in vielen Familien, die ich kenne.

Also, Summe Krankheitsgewinn zu 1: weniger Wäsche runterbringen / raufholen, weniger oft Geschirrspüler einräumen, kaum noch Einkaufen gehen.

Wirklich ein Gewinn?

Wenn ich arbeiten könnte, würde ich eine Putzkraft engagieren, dann wäre alles sauber und ordentlich und wir hätten mehr Zeit füreinander. Und: Ich würde die Wirtschaft ankurbeln. Das wäre ein Gewinn für alle.

Abgesehen davon: Andere finden das vielleicht toll, wenn sie dauernd den Arsch nachgetragen kriegen. Ich nicht. Ich leide darunter. Und zwar richtig. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit, von dem ich noch nicht weiß, wie pathologisch er ist.

Ich war immer eine extrem selbständige Person – und das war ich gerne und nicht ohne Stolz. „Geht nicht gibt’s nicht“, war meine Devise. Was ich nicht selber kann, kann ich lernen. Es ist nicht alles schlecht, was John Wayne, pardon: mein Vater 😉 mich gelehrt hat.

Was ich körperlich nicht schaffte, habe ich mit Technik ausgeglichen. Wenn meine Wand ein Loch hatte, fuhr ich in den Baumarkt, holte mir ’nen 25kg Sack Rotband und verputzte das. Wenn ich eine Schrankwand anheben musste, um einen neuen Teppich zu verlegen, gab es Hebel und Rollbretter. Man muss nur wollen. Ich brauchte niemanden und war am Ende immer stolz auf das, was ich geschafft hatte. Um Hilfe fragte ich nur im äußersten Notfall. Ich krabbelte auch auf allen Vieren die Treppe hoch, wenn mir die Knie weh taten. Das geht auch. Hauptsache es läuft alles irgendwie weiter. Das ist in diesem Ausmaß nicht richtig – das weiß ich mittlerweile, aber die Selbständigkeit machte mich aus. Ich kenne mich mit vielem aus, weiß für fast alles eine Lösung und früher konnte ich auch die Umsetzung meistens selbst übernehmen. Da tut es weh und ist kein Gewinn, wenn davon nichts mehr übrig ist.

Für andere (vor allem Frauen) ist es vielleicht normal, wenn sie für jeden Pups ihren Mann rufen, für mich ist das Erniedrigung, Abwertung, Schwäche und Hilflosigkeit und somit vor allem eins: kein Gewinn.

Ich leide darunter, wenn ich allen nur noch Klotz am Bein bin – selbst wenn ICH es nur so empfinde. Nicht mal ein paar Schrauben kriege ich in die Wand. Für jeden Scheiß muss ich jemanden um Hilfe bitten. Da lass ich es lieber ganz. Das damit verbundene Chaos und der Verfall, die vielen nicht umsetzbaren Ideen setzen mich weiter unter Druck. Das wird zwar langsam besser, aber schön ist das immer noch nicht. Meine wunderschöne Schlagbohrmaschine, die ich mir nach der Trennung von meinem ersten Mann zur Belohnung gekauft hatte, liegt in ihrem Futteral. Und liegt … und liegt … und liegt … aber sie zu verschenken, bringe ich (noch) nicht über’s Herz, vielleicht wird’s ja mal wieder was mit uns …

Also mit der Bohrmaschine nicht mit dem Ex-Mann! ;-D

Zu These 2:

„Anteilnahme und Mitgefühl“

Wer? Wo? Wann? Woher sollte das kommen? Ich hab‘ doch nie was gesagt. Hier war und ist niemand, der mich bemitleidet. Krank bin ich trotzdem. Wirklich nachvollziehen kann meine Situation sowieso nur jemand, der ähnliches erlebt hat. Mittlerweile würde ich mich zwar freuen, wenn mal jemand ehrlich sagt: „Mensch, das tut mir leid, dass es dir so geht“, aber wie oft kommt das vor? Wenn ich früher mal was gesagt habe, hieß es in meinem Umfeld entweder „krank mit Ansage“ oder „die hat keinen Bock“, oder „jammer nich’“ – so sah mein Mitgefühl aus.

Jetzt habe ich kaum noch Sozialkontakte. Deren Mitleid ist mir eher unangenehm. Mein inneres Programm lief so, dass es streckenweise für mich sogar schlimm war, wenn mir jemand „Gute Besserung!“ gewünscht hat. Das hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht, weil es mich mit einer „Genesungserwartung“ konfrontiert hat, die ich nicht erfüllen konnte. Ich habe darunter gelitten. Das ist kein Gewinn. Das ist einfach nur krank.

Am meisten hilft mir persönlich, eben nicht als Krüppelchen gesehen zu werden. Die Menschen, die mit mir lachen, die mich noch als vollwertigen Menschen anerkennen und sich mit mir über meine Gebrechen lustig machen, tragen mich damit durch die schlimmen Zeiten. Die, die mir trotzdem das Gefühl geben, gebraucht zu werden und nicht nutzlos zu sein – das ist mein Gewinn. Diese Menschen habe ich aber schon vor den Diagnosen gehabt und ich bin ihnen unendlich dankbar.

Ob jemand Anteilnahme und Mitgefühl von anderen als Gewinn empfindet, hängt eben von vielen – vor allem persönlichen – Faktoren ab. Ich kenne auch Menschen, die brauchen das Mitleid und die Anteilnahme anderer, um sich wichtig zu fühlen. Ich gehöre nicht dazu. Mir hat man beigebracht, dass es Anerkennung und Aufmerksamkeit – „Liebe“ – nur bei Leistung gibt. Das kann man nicht einfach aus einer Person löschen. Ich konnte mich nur ehrlich freuen, wenn jemand meine sichtbar, objektiv vorhandenen Erfolge lobte.

Halt: Etwas habe ich vergessen. Nach ca. 2 Jahren Krankheit hat jetzt auch meine Mutter kapiert, dass das schlimm ist, was ich habe. Dieses Mitgefühl sehe ich aber eindeutig als Gewinn für sie – mir bringt das nichts mehr – für mich hat das im Grunde keine Bedeutung mehr. Ich nehme es zur Kenntnis und finde es erstaunlich. Da wir uns nur ein paar Mal im Jahr sehen, ändert das für meinen Alltag nichts.

Bei meinem Vater bin ich mir nicht sicher, ob der noch irgendwas merkt. Die Schmerzen, die man nach der Venen-OP hat (also mein subjektiv kleinstes Problem), stufte er aus eigener Erfahrung als schlimm ein. „Ouh. Ja, das tut weh“, waren seine Worte. Die Bilder von der Zwerchfell-OP fand er auch beeindruckend. „Ouh“, sagte er. Da kann man sich schon was drauf einbilden, wenn er „Ouh“ sagt. ;-D

Die ganze Psycho-Scheiße existiert für jemanden wie ihn nicht. Wenn es einem für ihn nachvollziehbar, emotional schlecht geht (also eventuell beim Tod eines Elternteils), hat der maximal „’nen Moralischen“.

These 3:

„Von der Umwelt schonend behandelt werden“

Ich lach‘ mich tot.
Wie ein Blick in diverse Blogs, Foren und Leserbriefe zeigt, bin ich nicht die einzige, die aufgrund von häufigen Fehltagen im Job gemobbt und als Verpisser gehandelt wurde. Die Berichte von Betroffenen summieren sich. Kein Schwein interessiert sich dafür, wie es den anderen geht, wenn alle unter Druck stehen. Die sind doch alle froh, wenn sie einen haben, der nicht da ist. Der isses dann gewesen – da haben doch alle was davon und jeder ist nur noch froh, dass er’s nicht ist, der da belästert wird.

Ämter und Behörden nehmen null Rücksicht auf irgendwas. Du hast zu funktionieren. Pünktlich deine Anträge einzureichen und zu Terminen zu erscheinen, wie es vorgegeben ist. Was dieses System vor allem psychisch Kranken antut, ist die reinste Körperverletzung – mindestens fahrlässige, wenn nicht gar vorsätzliche. Wenn ich mir amtsärztliche Praktiken anschaue, wird mir schlecht vor Wut: Da sitzen Ärzte, die um die Mechanismen und Folgen ihrer „Urteile“ wissen. Die wissen ganz genau, was ihre „Gutachten“, die sie in vielen Fällen ohne ein persönliches Gespräch mit dem Kranken erstellt haben, in jemandem mit Depressionen, Angst oder anderen Erkrankungen auslösen können – und trotzdem bescheinigen sie wer weiß was für Leistungsfähigkeiten oder Heilungschancen. Eiskalt berechnend, um möglichst viele, die sich nicht (mehr) wehren können, in die unterste Stufe des Sozialsystems zu packen: HartzIV. Wer etwas anderes behauptet, hat keine Ahnung, was in diesem System abläuft.

Kein Mensch nimmt Rücksicht. Vielleicht ist das anders, wenn Krankheiten sichtbarer sind. Aber soll ich mir meine OP-Bilder und den Behindertenausweis um den Hals hängen? Vielleicht auf’s T-Shirt drucken? (Memo an mich: T-Shirt-Idee später noch mal aufgreifen. ;-))

„Ja, und?“, werden die meisten dann sagen. Gibt Schlimmeres. Jammer nich‘ rum, Wichtigtuer oder bekloppt heißt das dann.

These 4:

„Leistungen der Sozialversicherungsträger“

Vorweg: Mir geht’s finanziell vergleichsweise gut. Wir leben in Deutschland, da muss keiner verhungern. Klarer Fall. Trotzdem will mir nicht einleuchten, wo da ein Gewinn ist, wenn ich 400,- Euro weniger im Monat habe als zu „Arbeitszeiten“ (in Teilzeit). Dann gehen noch ca. 200,- Euro jeden Monat für Therapien, Zuzahlungen und Medikamente runter, unter anderem, weil nicht alles, was wichtig ist für mich (z.B. Magnesium, Vitamin B2), von unseren Krankenkassen übernommen wird, aufgrund von Budgetierung nicht mehr von Ärzten im notwendigen Umfang verschrieben wird (z.B. Krankengymnastik) oder aufgrund von geeigneten Therapieplatzmangel zur Verfügung steht (Psychotherapie).

Ich habe großes Glück, dass ich während meines Studiums viel gearbeitet hatte. Zu Studienzeiten hatte ich einen gut bezahlten, rentenversicherungspflichtigen Job. Danach konnte ich lückenlos in die Rentenkasse einzahlen und bekomme sogar noch etwas aus der Pensionskasse meines letzten Arbeitgebers. Auch die Teilzeitarbeit, während mein Sohn in den Kindergarten ging, kommt mir zu Gute. Deshalb will ich mich über meine Einkünfte nicht lauthals beschweren.

ABER:

Die Realität für die meisten anderen Erwerbsminderungsrentner sieht anders aus:

Eine erwerbsgeminderte Frau in Westdeutschland bekam 2015 durchschnittlich 640,- Euro!

(Quelle: http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Alter-Rente/Datensammlung/PDF-Dateien/abbVIII47.pdf)

Das ist doch keine soziale Absicherung, das ist der absolute Ruin!
Meistens für die ganze Familie!

Eine Kranker in der Bedarfsgemeinschaft reißt ja alle mit. Nicht nur finanziell, auch mental: Mein Mann steht jetzt auch viel mehr unter Druck als vorher. Er muss durchhalten, sonst sind wir komplett ruiniert.

OK, es gibt Frauen, deren Lebensmodell genau DAS vorsieht: Einen Mann, der bis zum Umfallen für Madame und ihre Mätzchen ackern geht und kurz nach Renteneintritt abdankt, um die Bahn frei zu machen für ihr „richtiges Leben in Freiheit“.

Das ist hier nicht so. Ich habe jeden Tag, wenn der Wecker um 4:30 Uhr geht, ein schlechtes Gewissen. Mein Mann muss los, ich kann (oder muss) liegen bleiben. Das finden andere vielleicht schön – ich nicht. Früher hat er mir jeden Morgen vor der Arbeit einen Espresso ans Bett gebracht und wir haben uns kurz unterhalten, DAS war schön. Heute vertrage ich keinen Espresso in der Früh mehr und ich bin froh, wenn ich um halb fünf wieder für ’ne Stunde einnicken kann, nachdem ich seit 3 Uhr wachgelegen habe.

Nun, ich persönlich habe die Hoffnung, dass das für mich nicht das Ende der Fahnenstange ist. Mit ein bisschen Glück, bin ich irgendwann wieder so weit, dass ich wieder arbeiten kann und finanziell zumindest etwas wieder „aufholen“ kann. Andernfalls kann ich nur hoffen, dass mein Sohn doch noch recht dumm gerät, damit er nicht so lange zur Schule gehen möchte, denn das werde ich so nicht finanzieren können.

Sämtliche Ideen zur Altersvorsorge und Absicherung meines Sohnes stehen mit meiner Erwerbsminderungsrente auf der Kippe. Eine Lebensversicherung, die ihn nach meinem Ableben absichern würde, nimmt mich schon lange nicht mehr.

Ich sehe jeden Tag im Spiegel einen Total-Versager, der es nicht schafft, mit seinem Kind schwimmen zu gehen, oder regelmäßig beim Elternabend zu erscheinen. Geschweige denn, seine Zukunft abzusichern. Ich fühle mich wie ein Betrüger und schäme mich für meine Unfähigkeit.

Das ist kein Gewinn! Das ist Scheiße!

042 // Labil aber kontrolliert …

Drei Tage vor einem Termin beim Arbeitsamt, bei dem über meine Leistungsfähigkeit und -bereitschaft gesprochen werden soll, liegt ein großer Briefumschlag von der Deutschen Rentenversicherung im Briefkasten.

Ich reiß das Ding mit 200 Puls auf und lese:

„Ihre Rente wegen voller Erwerbsminderung rückwirkend bla bla … bla bla in Höhe von bla bla bla…“

Mir knicken die Beine weg und ich sitze mit den Unterschenkeln nach außen gebogen auf dem Wohnzimmer-Teppich, an der gleichen Stelle, an der ich neulich über den Resten meiner beruflichen Existenz gejammert hatte.

Die Kindererziehungszeit, mein Studium und der rentenversicherungspflichtige Studentenjob von vor 20 Jahren haben mir tatsächlich noch etwas in den Rententopf gespült. So bekomme ich 300 Euro mehr als auf dem letzten Rentenauszug. Damit hab‘ ich nicht gerechnet. Das sind immerhin etwa 100 Euro mehr als die Armutsgrenze! Ich kann es gar nicht fassen. Wir sind gerettet!

Ich hatte meinem Sohn schon bei Antragsabgabe erklärt, dass wir bald wirklich überhaupt kein Geld mehr für besondere Sachen haben und vieles aufgeben müssen. Er nahm es erst mal gelassen und bot mir sein Sparschwein an, was ich dankend und mit Tränen in den Augen ablehnte – so schlimm sei es nicht, was glatt gelogen war, um ihn nicht zu sehr zu beunruhigen.

Freiheit will gelernt sein

Dann passiert etwas Seltsames: Anstatt hüpfend und singend vor Glück (schließlich ist die Rente ja einigen Autoren zu Folge ein großer Krankheitsgewinn!) durch die nächsten Tage zu tingeln, breche ich komplett zusammen. Es folgen zwei volle Wochen Migräne, wochenlang Schmerzen, totale Verzweiflung, Selbsthass, Versagensgefühle. Der existenzielle Druck, das „Nicht wissen wie’s weitergeht“ und das Warten hatten mich offenbar in einer Art Gerüst gehalten – von außen mit Schraubzwingen unbeweglich gemacht. Jetzt hatte jemand die Schrauben gelöst. Ich habe das Gefühl, als ginge unter mir eine Falltür auf und ich spüre, wie ich falle. Frei. Ohne die Zwangsjacke und die Stromstöße, die mir unser „Sozialsystem“ verpasst hatte, fehlt jetzt erst mal jeder Halt.

„Freiheit will gelernt sein“, sagt mein Osteopath, als ich ihm von diesem Gefühl, des haltlosen Zusammenbruchs erzähle. Ja, ich muss noch viel lernen.

Doris

Etwas später bekomme ich das Gutachten zugeschickt. Jetzt bin ich aber mal gespannt, wie die kleine Sezierstunde aus der anderen Perspektive verlaufen war:

Ich bin überrascht. Das Gutachten schildert die Situation exakt so, wie ich sie in Erinnerung habe. Bis auf die Tatsache, dass ich auf dem Deckblatt mit Vornamen „Doris“ genannt werde 😀

Doris sei im Affekt labil, aber kontrolliert. Bewusstseinsklar und allseits orientiert. Antrieb gesteigert mit starker Anspannung, die kontrolliert wird. Sie wirkt monoton und starr. Wiederholt kann sie Tränen nicht unterdrücken. Die Stimmung ist ängstlich, depressiv und ratlos besorgt, lese ich.

Ja, unsere Doris, ts 🙂 … sie ist stets bemüht, wenn innen das Chaos tobt …

Auch alles andere fasst der Arzt so zusammen, wie es war. Mein Eindruck hatte also nicht getäuscht: Der wollte mir gar nichts Böses. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, welcher Facharzt sich so sachlich-fachlich interessiert, unvoreingenommen und ausführlich mit mir befasst hat. Natürlich weiß ich, dass das im normalen Praxisalltag auch selten möglich ist, sich eineinhalb Stunden plus Lektüre der Vorbefunde mit einem Patienten zu beschäftigen. Dafür hat niemand Zeit, auch wenn es dringend nötig wäre, sie zu haben.

Was ich mich nach dieser Erfahrung aber mal wieder frage: Warum schafft es ein völlig fremder Arzt auf Grundlage von ein paar Befunden und einem Gespräch, meine Krankengeschichte von Geburt an korrekt zu erfassen, auf meine Einlassungen sofort professionell zu reagieren und anschließend ein fachlich-sachlich korrektes Gutachten (ok, bis auf den Vornamen – kann ja mal passieren ;-)) zu erstellen und andere in Jahren nicht?

Es ist offenbar doch kein Hexenwerk, einen Patienten innerhalb eines gewissen Zeitraumes kennen zu lernen und zumindest eine vernünftige IST-Analyse seiner Beschwerden vorzunehmen.

Das macht wieder Hoffnung. Hoffnung, doch noch irgendwann auf einen Facharzt zu treffen, der Willens und in der Lage ist, seinen Job vernünftig zu machen, ohne mir noch mehr Leid zuzufügen.

Taupe, Taupe, Taupe

So „versöhnt“ will ich es dann einige Wochen später wissen: Wie geht Rentner-Sein?

Ich experimentiere: Schalte morgens um 9 Uhr den Fernseher ein. Steuere zielsicher den Einkaufssender HSE 24 an – meine Omma hat sich das angeguckt, aber sie hat nie was bestellt. „Könn’se selber kaufen“, hat sie immer gesagt.

Heute werden Hosen vorgestellt. In Dunkelblau und (Achtung, O-Ton!) „lebensbejahendem Taupe“. Judith Williams präsentiert ein zauberhaftes Twinset in der „Trendfarbe“ Taupe und ein Cardigan mit Blütenmuster-Stickerei für nur 69,98 Euro. „Taupe, Taupe, Taupe“, begeistert sich Frau Williams weiter.

Für mich liegt Taupe nicht nur phonetisch verdammt nah an Tod. Meine Spracherkennungssoftware sieht das genauso:

„Heute werden Hosen vorgestellt in dunkelblau und Achtung O-Ton lebensbejahend im Tod Judith Williams präsentiert ein zauberhaftes Twinset in der Trendfarbe Tod und ein Cardigan mit Blütenmusterstickerei für nur 6998 Tod Tod Tod begeistert sich Frau Williams weiter“

Lachen oder weinen? Ich weiß noch nicht.

Ich bestelle nichts, könn’se selber kaufen! ;-D

038 // Endstufe der Besinnlichkeit – Der Gutachter-Termin

Schon beim Entschluss, den Antrag auf Erwerbsminderungsrente zu stellen, bin ich mir darüber im Klaren, was das bedeutet: Beurteilung und Bewertung. Ich hasse es.

Obwohl ich die Gründe für den Antrag und den Antrag selbst innerlich komplett ablehne, muss ICH den Ämtern beweisen, dass meine Einsicht nicht von ungefähr kommt und mein Entschluss, diesen Weg zu gehen, auf einem breiten Fundament aus Diagnosen und Befunden steht.

Kurz bevor ich aus dem Krankengeld herausfalle und das Arbeitslosengeld I zur Existenzsicherung herhalten muss, reiche ich den Antrag ein. Wenigstens selbst entscheiden will ich, wann ich diesen Schritt gehe.

Als ich mich beim Arbeitsamt melde, fragt mich die junge Sachbearbeiterin, die gerade ihre Ausbildung macht, nach meinem Werdegang. Abitur, FH-Studium, Magisterstudium, PR-Ausbildung … ich fange schon beim Abi an zu weinen. Ich entschuldige mich für meine Tränen, sage, dass es nichts mit ihr zu tun hat. Sie ist super lieb. Sie gibt mir ein Taschentuch, sieht zu, dass ich da schnell wieder weg komme und wünscht mir alles Gute.

Ich erhalte einen „Kunden-Ausweis“ und mache mich auf’s Warten und weitere kräfteraubende Horror-Termine gefasst. Das Arbeitsamt prüft auch nochmal die medizinischen Unterlagen und entscheidet, ob man noch für irgendwas vermittelbar ist. Innerhalb von vier Wochen werde man sich melden, sagt man mir.

Job und Karriere

Da ich jetzt endgültig davon ausgehen muss, dass ich wirklich langfristig nicht mehr ins Büro komme, frage ich meinen Chef, ob es nicht besser wäre, mein Firmennotebook wieder abzugeben – es steht hier eh nur rum. Er will es abholen lassen. Bei der Gelegenheit bitte ich ihn, mir das Foto mit Mann und Kind, das auf meinem Schreibtisch stand, mibringen zu lassen. Ich fühl‘ mich einfach besser, wenn sie bei mir sind. Ein paar Wochen später stehen zwei Azubis aus der IT-Abteilung mit meinen privaten Sachen in einem Leinenbeutel vor meiner Tür. Mein erster persönlicher Kontakt mit Kollegen seit meinem Wiedereingliederungsversuch vor eineinhalb Jahren. Ich bin schon so lange raus, dass ich sie nicht kenne. Sehr nett, engagiert und höflich sind sie. Tolle Jungs. So war ich auch mal, denke ich wehmütig. Am liebsten würde ich beiden sagen, sie sollen sofort morgen eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen und sich täglich um ihr Bauchgefühl kümmern. Aber ich seh schon zu fertig aus, denke ich. Wenn die wirre Alte denen jetzt noch so kommt … nee, nee, das lass‘ ich lieber. Stattdessen übe ich mich in kurzem kollegialen Smalltalk und versichere ihnen, dass sie in einer guten Abteilung gelandet sind. Als sie mir ganz liebe Grüße von ihrem Chef bestellen, wird der Kloß im Hals so groß, das ich die Tränen nur mühsam zurückhalten kann. Er ist einer der Kollegen, die ich sehr gerne mochte: Schlau, witzig und hilfsbereit. Vielleicht schon ein bisschen vom System assimiliert, aber „resistance is futile“, wie der Trekkie weiß.  In jedem Fall eine Führungskraft, die auch in meiner Welt erfolgreich arbeitet. Vielleicht fühle ich mich auch mit ihm verbunden, weil ich mehr über ihn weiß, als ich wissen sollte. Wir sind auf die gleichen Leute reingefallen. Ein bisschen tröstet mich das, denn mit mangelnder Intelligenz hat es offenbar nichts zu tun, wenn wir uns Menschen öffnen, die uns bei nächstbester Gelegenheit in den Arsch treten. Vielleicht ist er ja auch ein Dodo? 😀 – Quatsch, zwischenzeitlich hat er’s bestimmt gemerkt … hoffentlich …

Ich geb‘ den beiden Azubis das Firmennotebook, meine Unterschrift und einen Gegengruß mit auf den Weg. Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt und ich mit meinem Beutel voller „Bürosouvenirs“ ins Wohnzimmer komme, brechen alle Dämme: Ich sacke regelrecht zusammen und beweine die Erinnerungen an meine berufliche Existenz. Dabei denke ich kurz über eine zweite Karriere als Klageweib nach – aber wirklich  nur kurz.

Ein paar Tage später bekomme ich wieder Post von der Rentenversicherung:

Mein Gutachter-Termin ist für den 20.12. vorgesehen. Ich bin erleichtert, dass ich das noch vor Weihnachten hinter mich bringen kann. Sofort buche ich meinen Schwiegervater als Fahrer und Begleitschutz. Er sagt zu und verbreitet Zuversicht.

Die Masken fallen

Wenn man – wie ich – zum Aushalten und freundlich dabei Lächeln erzogen worden ist, und es streckenweise offenbar überlebenswichtig war, diese Strategie perfekt drauf zu haben, hat man dieses Programm so tief drin, dass man es schwer wieder los wird.

Mittlerweile bin ich aber an einem Punkt, an dem ich einfach nicht mehr kann. Eine Fassade, die ich aufrecht erhalten könnte, gibt es nicht mehr. Ich verzichte daher darauf, mir irgendwelche Gutachter-Termin-Ratschlagsseiten durchzulesen, oder irgendwelche Formulierungshilfen zu studieren. Was soll das bringen? Eigentlich is‘ mir eh alles egal. Habe sowieso keine Wahl, fühle mich diesem merkwürdigen, menschenverachtenden, sogenannten Sozialsystem ausgeliefert. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass wir es in Deutschland vergleichsweise gut haben.

So schleppe ich mich am Arm meines Schwiegervaters mit dem Klappstock an der freien Hand in die Praxis des Renten-Gutachters. Schon die 30 Kilometer-Anfahrt kostet ohne Ende Kraft. Das Wartezimmer ist leer. Der letzte Patient in diesem Jahr bin ich. Alle sind sehr freundlich. Ich bin jetzt schon fix und fertig und fang schon mal an zu zittern.

Die freundliche Arzthelferin bittet mich in das Sprechzimmer und misst den Blutdruck. Na, toll, geht ja schon gut los. Mit strammen 176 zu 110 warte ich auf meine Hinrichtung. Aber man überstürzt hier nichts. Statt kurzen Prozess zu machen und mich mit den erwarteten Fragen, warum ich denn glaube, Rente zu verdienen, oder mit Anzweiflung meiner Unfähigkeit zu malträtieren, schlitzt mich der Doc ohne Narkose auf, operiert mich am offenen Herzen und lässt mich fein filettiert langsam ausbluten.

Das ist keinesfalls wertend gemeint, es beschreibt nur am besten, wie es sich anfühlt.

Dazu braucht er noch nicht mal Gewalt oder hinterhältige Tricks. Er fragt sich einfach chronologisch durch mein Leben. Lässt keine Wunde aus. Wie ein Trüffelschwein findet er zielsicher die schlimmen Punkte. Setzt das Skalpell an und setzt – sssst – den nächsten Schnitt, um herauszupräparieren, was ich gerne für immer versteckt hätte. Damit habe ich nicht gerechnet. Eineinhalb Stunden lang beantworte ich Fragen zu meiner Kindheit, meinen Eltern, meiner Omma, meinen Beziehungen, meinen Erlebnissen mit Ärzten, mit der Schul- und Arbeitswelt, meinen verschiedenen Anfällen, Schmerzen und Ängsten. Drei Viertel der Gesprächszeit weine ich. Dafür entschuldige ich nicht nur mich immer wieder, sondern auch die Menschen, die für meine Tränen mitverantwortlich sind.

Der Arzt ist schon älter. Wahrscheinlich hat er schon viele mehr oder weniger gescheiterte Existenzen wie mich hier sitzen sehen. Obwohl ich davon ausgehe, dass er – wie alle Rentengutachter – nur dazu da ist, uns alle als Sozialschmarotzer zu entlarven, hat etwas in mir das Gefühl, dass er mir gar nichts Böses will. Gegen Ende der Session fragt er mich, ob ich noch Hoffnung hätte, dass es mal wieder besser wird. Ich starre aus dem Fenster, denke an meinen Mann und meinen Sohn. „Hm“, sag ich, „wenn ich die nicht mehr hätte, würd‘ ich hier nicht mehr sitzen.“

Er sagt, jetzt müsse er mich noch kurz körperlich untersuchen. Das krieg ich schon kaum mehr mit. Mein ganzer Körper ist ein einziger Krampf. Ich quetsche mir noch schnell die Bitte raus, den Reflextest an Beinen und Armen nicht einfach so mit diesem Hämmerchen zu machen, weil ich beim letzten Gutachter-Test darauf so doof mit Abspaltung und tagelangen Schmerzen reagiert hätte. Er reagiert seinerseits, indem er seine Hand zwischen den Hammer und mein Bein legt und rettet mich damit vor der kompletten Dissoziation. Ein Profi. Ich bin verwundert und erleichtert. Er drückt vorsichtig auf meiner Wirbelsäule und auf meinen steinharten Nackenmuskeln herum. Ich bin stumm. In mir schreit es laut: Fass mich nicht an! Als er die Nervenäste in meinem Gesicht berühren will, zucke ich mit weit aufgerissenen Augen zurück. Stoße mir den Kopf an der Wand dahinter. „Bitte nicht!“, sage ich leise. Er nickt und lässt mich in Ruh.

Das Ganze hört sich gruselig an, aber am Ende des Gesprächs habe ich das Gefühl, dass er der erste Facharzt ist, der sich vernünftig und ernsthaft darum bemüht, sich einen umfassenden Eindruck von mir und meinem Problem zu verschaffen.

Irgendwann beendet er das Gemetzel und ich finde mich schon auf dem Flur wieder. Ich bedanke mich ernsthaft für seine Rücksichtnahme. Immerhin hab‘ ich keinen schlimmen Filmriss. Er gibt mir die Hand und sagt: „Es gibt noch viel zu tun bei Ihnen. Alles Gute für Sie!“ – Ich glaub‘, der meint das ernst.

Als ich meiner Anwältin von dem Termin erzähle, findet sie, das sei doch ganz gut gelaufen. Jetzt müsse man eben abwarten.

OK, ich warte dann mal ab. In der Zwischenzeit, versuche ich, meine Seele wieder zusammenzupuzzlen. Der Druck von außen, der von der Existenzangst aufrechterhalten wird, hilft mir dabei, nach etwa zwei Wochen Totalausfall wieder in eine Art Funktionsmodus zu kommen …

037 // Auch Kapitulation bringt Frieden – Antrag auf Erwerbsminderungsrente

Erwerbsminderungsrente bekommt, wer „wegen Krankheit oder Behinderung auf nicht absehbare Zeit außerstande [ist], unter den üblichen Bedingungen des allgemeinen Arbeitsmarktes mindestens drei Stunden täglich erwerbstätig zu sein.“

Also nur die wirklich ganz Kaputten. Die, die für nichts mehr taugen. Die, die noch nicht mal läppische 3 Stunden am Tag irgendeiner stumpfsinnigen Arbeit aus dem Niedriglohnsektor nachgehen können.

Ja, ok, kann ich schon lange nicht mehr. Das Blöde ist: Das muss man 1. sich selber eingestehen und 2. anderen, fremden Menschen beweisen.

Plan B

Bis zu dieser Ansammlung von Pathologien hatte ich immer einen Plan B in der Hinterhand. Der lautete: Wenn ich irgendwann nicht mehr klarkomme in meinem Büro-Job, werd‘ ich einfach SOS-Kinderdorf-Mutter. Mit meinem Soziologie und Pädagogik Studium und meiner „ich kann alles“-Attitüde wird man wohl nur auf mich warten, rede ich mir ein.

Dieser „letzte Ausweg“ hat mich oft vor totaler Verzweiflung in meiner Eigenschaft als zweckentfremdeter Lohnarbeiter geschützt. Ich konnte mir damit vormachen, dass ich alles irgendwie freiwillig tue. Ich könnte ja notfalls jederzeit auf Plan B umspringen.

Notfall ist da. Nur Plan B hat sich damit auch erledigt.

Neuer Plan nicht in Sicht.

Scheiß-Plan

Dass mein Plan B ein echter Scheiß-Plan war, wird mir direkt am Anfang meiner kleinen innerlichen Evaluationsrunde klar. Er scheitert schon ganz am Anfang: Definiere „Notfall“, höre ich den Klugscheißer in mir mit arroganter Miene sagen.

Ich dachte an etwas wie „bored out“, chronische Unterforderung, Sinnkrisen oder Ähnliches, versuche ich mich zu verteidigen. Wer soll denn bitte auf Krankheiten kommen? Ich?! Unfall oder Krebs, ok, aber Migräne, Angst und Aua? Also, bitte … !

Weicheier und Verpisser reichen die Rente ein. Die Jungs in Fallschirmseide mit „Rücken“, die sich kaputtschreiben lassen, um unter der Woche bei Karl-Heinz den Kleingarten umzugraben. Die, die braungebrannt den ganzen Vormittag mit Lederschlappen und Bierflasche auffe frisch (selbst) gepflasterte Terrasse sitzen und zugucken, wie’s Gras wächst und nebenbei schwarz mehr Geld verdienen als vorher in ihrem Hanseljob – das sind die, die Rente einreichen.

Das bin ich nicht. Ich bin Supertanja! Kann alles, macht alles, weiß alles – vor allem besser. Rente, pah!

Wenn man – wie ich – seine Grenzen nicht kennt und davon ausgeht, unkaputtbar und so was wie ein Superheld zu sein, der niemals schwächelt und von einer ewig sprudelnden Energiequelle angetrieben wird, dann kommt so etwas wie „nicht mehr für meinen Lebensunterhalt und den meines Kindes sorgen können“ nicht vor. Das gibt es einfach nicht.

Wieder ist es mein Hausarzt, der mich auf der rationalen Ebene zu packen kriegt:

„Schreiben Sie doch mal auf, was realistisch leistbar ist für Sie. Was Sie wirklich können. Dann entscheiden Sie und wir gucken mal, wie wir weiter verfahren.“

Zuhause mache ich eine Tabelle.

Es gibt grob drei Befindlichkeitsstufen: Stufe 1 (ca. 15 Tage im Monat), Stufe 2 (ca. 10 Tage im Monat), Stufe 3 (ca. 5 Tage im Monat).

In den Stufen beschreibe ich mein jeweiliges Leistungsvermögen in verschiedenen Dimensionen:

  • Mentales (Wahrnehmung, Konzentrationsfähigkeit usw.),
  • Körperfunktionen (Mobilität, Fertigkeiten, Schmerzintensität usw.),
  • Soziales (Kommunikation, Familiäres usw.).

So entsteht auf 2 DIN A 4-Seiten ein plastisches Bild von dem, was ich in der Lage bin zu leisten. Das alles so schwarz auf weiß, sachlich beschrieben zu sehen, hilft mir dabei, meine Situation realistisch einzuschätzen. Es sieht nicht gut aus.
Mit meinen Tabellen gehe ich wieder zum Arzt.

Sage: “Mir bleibt nichts anderes übrig. Ich muss das machen mit der Rente.“
Er: „Machen Sie das. Aber rechnen Sie damit, dass das nicht schön wird.“
„Denke ich mir“, sage ich, „aber sehen Sie eine Alternative?“
„Nö“, lautet die simple Antwort.

Auch die Neurologin sagt: „Machen Sie das unbedingt!“
Zusammen mit dem Oberarzt in der Schmerzklinik sind das jetzt drei Ärzte, die unabhängig voneinander zum gleichen Ergebnis kommen. In Verbindung mit meinem selbsterstellten Leistungsbewertungsschema und der Ansage meiner Rechtsanwältin, dass genau für Menschen wie mich unser System diese  – zunächst ja mal befristete – Erwerbsminderungsrente vorgesehen hat, steht der Entschluss dann fest, diesen dämlichen Antrag zu stellen – mit allen (vor allen Dingen finanziellen) Konsequenzen.

Der alljährliche Schrieb über die zu erwartende Rente im Ernstfall zeigt: Alle Träume, Wünsche, Zukunftsvisionen für mich und meine Familie kann ich damit erst mal abhaken. Ich schaffe es im Erwerbsminderungsfall demnach nicht mal in die Nähe der Armutsgrenze. Kein Wunder, ich geh zwar jobben seit ich 15 bin, aber ich bin erst spät ins volle Erwerbsleben eingetreten und seit mein Sohn auf der Welt ist, konnte ich immer nur in Teilzeit arbeiten.

Die zig Seiten Antragsformulare, Zusatzbögen und Nachweise bearbeite ich in den nächsten Wochen wie in Trance. Gewissenhaft fülle ich alles aus, was abgefragt wird. Schulische Ausbildungen, Studium, Zeiten der Kindererziehung und sämtliche berufliche Tätigkeiten der letzten 25 Jahre. Gut, dass ich so pedantisch bin und sogar meine Praktikumsbescheinigungen und Vorlesungsnachweise von vor 20 Jahren aufbewahrt hatte. Wer hätte gedacht, dass ich die noch mal brauche?

Ende Oktober fährt mich mein Mann mit dem dicken Umschlag für das Rentenamt zur Post. Den gebe ich als Maxibrief per Einschreiben mit Rückschein auf. Als ich mit meinem Klappkrückstock durch die Schiebetür des Postgebäudes wieder nach draußen gehe, komme ich mir 50 Kilo leichter vor.

Im Auto kullern mir Tränen aus den Augen und ich lerne:

Auch Kapitulation bringt Frieden.

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