Schlagwort: Blutdruck

016 // „Weißkittelhypertonie“: dem Trauma auf der Spur

Seit ich denken kann habe ich panische Angst vor’m Blutdruckmessen. Allerdings nur beim Arzt oder wenn jemand zuschaut. Unwillkürlich höre ich auf zu atmen. Will nur, dass es schnell vorbei ist. Außerdem tut es weh und macht blaue Flecken. Was das für Werte gibt, kann man sich vorstellen.

Sämtliche Langzeitmessungen, Eigenmessungen mit geeichten Geräten und Messungen von Vertrauenspersonen zeigen normale Werte (außer in Paniksituationen).

Manche Autoren sprechen bei diesem Phänomen von der sogenannten „Weißkittelhypertonie“.

Danke, Pfleger Stefan!

Ein Schlüsselerlebnis  mit Anästhesie-Pfleger Stefan bei den Vorbereitungen für eine Magenspiegelung bringt mich endlich auf die richtige Spur, um meine Angst zu verstehen:

Mit ihm scherze ich über Propofol und Michael Jackson. Ich weise noch fröhlich darauf hin, dass ich am gleichen Tag Geburtstag habe wie der King of Pop. Der soll ja die „Schlafmilch“, wie Pfleger Stefan das Narkosemittel nennt, von seinem verantwortungslosen Arzt bekommen haben, weil er das Entspannungs-Gefühl beim Wirkungseintritt so toll fand. Die Stimmung ist gelöst. Bis er mit der Blutdruck-Manschette ankommt. Ich krieg‘ den „irren Blick“, sage, dass ich Angst vor’m Blutdruckmessen habe und lieber am offenen Herzen operiert werden würde als das.

Anstatt mich zu belächeln und mit einem „Ach, was!“ loszulegen, wie tausend Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte vor ihm, sagt er: „Das ist ja interessant. Hab‘ ich ja noch nie gehört. Haben Sie denn mehr Angst vor dem Messen oder mehr Angst vor dem Ergebnis?“

Gute Frage, Pfleger Stefan!

„Ich weiß gar nicht“, sage ich, behalte die Frage aber im Hinterkopf und hoffe, dass ich mich nach der Narkose noch daran erinnere. „Das Ergebnis ist natürlich immer zu hoch. Hab‘ ja Panik. Dann fühl‘ ich mich falsch verurteilt und doof. Irrational, ich weiß.“ schwadroniere ich weiter.

Der Doc kommt dazu. Ich will mich nicht anstellen und cool sein. Klappt nicht. Ich fang‘ an zu heulen. Der Doc guckt verwundert. Pfleger Stefan erklärt sachlich:
„Sie hat Angst vor’m Blutdruckmessen.“
Oberpeinlich!
„Ach,“, sagt der Doc (jetzt kommt’s wieder, denke ich).
„Dann machen wir Ihnen das einfach gleich um, wenn Sie schlafen.“

Thema durch. Sofort bin ich maximal entspannt. Auch ohne Propofol. Wenn doch nur alles so einfach wär’…

Als ich wieder wach werde, hab‘ ich noch die Manschette um. Pfleger Stefan sitzt nebenan an einem Tisch und sortiert Unterlagen. Als er merkt, dass ich wach bin, zwinkert er mir zu: „Na, da sind sie ja wieder. Blutdruck is‘ noch’n bisschen niedrig, aber sonst is‘ alles ok.“

Niedrig. So, so …

Angst vor den eigenen Befindlichkeiten

Heute weiß ich, dass meine Blutdruck-Mess-Angst nichts anderes ist, als die Angst, Inneres preiszugeben, Befindlichkeiten zu äußern und Bedürfnisse zu haben.

Befindlichkeiten wahrzunehmen und zu äußern gehört noch immer nicht zu meinen Stärken. Kein Wunder, wenn du Jahrzehnte lang bestens darauf trainiert und konditioniert wurdest, alles, was deine Bedürfnisse oder emotionalen Anteile angeht, zu verdrängen, abzuspalten oder zu verleugnen. Das ist eine völlig „normale innere Strategie“ traumatisierter Menschen …

Das Blutdruckmessen zwingt mich, mein Inneres zu zeigen. Davor habe ich panische Angst, weil mein kindliches Ich gelernt hatte, dass es existenziell wichtig ist, die eigenen Befindlichkeiten und somit Bedürfnisse nicht zu zeigen, nicht zu äußern, besser noch: gar nicht erst zu fühlen. Vor allem im Zusammenhang mit medizinischen Einrichtungen und Ärzten als Person wird dieses Traumageschehen immer wieder getriggert. Doofe Kombi … ganz doof …

Erst seit den 1990’er Jahren gibt es den Begriff der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (komplexe PTBS), die wahrscheinlich für solche Phänomene wie meine Blutdruck-Mess-Angst (mit-)verantwortlich ist.

Hier ein guter Überblick über die theoretische Seite dieser wirklich vertrakten Angelegenheit:
https://de.wikipedia.org/wiki/Komplexe_posttraumatische_Belastungsst%C3%B6rung

 

005 // Kommt ’ne Frau zum Arzt…

Ich tue es ungern, aber ich gehe wieder zum Arzt wegen meiner immer schlimmer werdenden Kopf- und Nackenschmerzen.

Ohne ein Kommentar oder weitere Fragen, greift der nette Doktor zum Blutdruckmessgerät. „Ich habe Angst vor’m Blutdruckmessen“, sage ich wieder.
„Ach, was!“, lacht er, grapscht nach meinem Arm und legt los. Ich halte die Luft an. Verfalle wieder in die Kaninchenstarre. Es tut weh. Danach hab‘ ich ’nen blauen Fleck am Oberarm. Ich spüre mein Herz bis unter die Schädeldecke. Ich will hier nur noch raus.

„Ja, viel zu hoch!“, frohlockt er. Den passenden Gesichtsausdruck zur Ergebnisverkündung haben diese netten Ärzte offenbar alle aus dem gleichen Lehrbuch. Immerhin gibt es nach 30 Sekunden „Gespräch“ eine Diagnose: Bluthochdruck.
„Ich habe wirklich Panik“, kann ich noch rausquetschen.
Kein Kommentar. Der Arzt hämmert in die Tasten seines PCs wie Jerry Lewis in „The Typewriter“.

Nach weiteren 30 Sekunden habe ich ein Rezept für Blutdruckmedikamente (Amlodipin und Ramipril) in der Hand und der Doc seine Gebühr für eine „Gesprächsleistung bei einer lebensverändernden Erkrankung“ nach GOÄ im Sack. Das lese ich später in den Abrechnungsunterlagen der zuständigen Kassenärztlichen Vereinigung, die ich mir seit einiger Zeit jedes Jahr in Kopie zuschicken lasse.

Meine Nackenschmerzen – kein Thema mehr. Aber das liegt ja auch an mir. Ich verstumme schnell und gründlich, wenn ich Angst habe.

Nach ein paar Wochen habe ich dermaßen geschwollene Füße, dass sich aufgrund des reibenden Schuhwerks die Fußnägel der kleinen Zehen ablösen. Mein Blutdruck hat sich auf muntere 90 zu 54 eingependelt. Kopf- und Rückenschmerzen unverändert mit Tendenz zu schlimmer. Dazu Schwindel, Übelkeit, Ohrensausen.

Ich gehe wieder zum Arzt. Seine Lösung (nachdem er noch mal den Blutdruck gemessen hat, der natürlich wieder zu hoch ist): Mehr von den Tabletten und abnehmen. Gegen die Kopf- und Rückenschmerzen: Spazierengehen und abnehmen. Dauer des Gesprächs: 3 Minuten.

Abrechnung wie letztes Mal.

Alles klar.

Mehr von diesen Tabletten nehme ich nicht – so viel bin ich mir noch wert. Spazieren gehe ich sowieso jeden Tag. Zum Thema Abnehmen später mehr …

Ich warte bis der nette Arzt Urlaub hat.  Gehe zu seiner Vertretung, um noch mal eine andere Meinung zu hören und vielleicht doch noch Hilfe bzgl. der Kopf- und Rückenschmerzen zu bekommen, ohne, dass der nette Arzt böse auf mich ist, weil ich seine Anordnungen nicht korrekt befolge.

Das mit den Ödemen in den Füßen sei doch kein Problem, sagt die nette Vertretung: Statt Amlodipin nehmen wir ein Entwässerungsmedikament. OK.
Der Effekt: Noch mehr Schwindel und noch mehr Kopf-und Rückenschmerzen. Dazu: Muskelkrämpfe.

Nach ein paar Tagen nehme ich nur noch das Ramipril (Compliance ist ja mein zweiter Vorname). Zu den Kopf- und Nackenschmerzen gesellt sich nun ein lästiger Reizhusten… 😀

003 // Roboter mit Senf – Neulich in der Notaufnahme (I)

Wie oft denke ich, wenn diese scheiß-arroganten, selbstherrlichen Medizinaffen ihren Job richtig gemacht hätten, wäre mir einiges erspart geblieben …

Dann hätte ich nicht nur früher gewusst, dass es sich bei meinen Anfällen „nur“ um eine Mischung aus Basilarismigräne und Panik handelt. Ich hätte sie weder in irgendwelchen Notaufnahmen belästigt, noch hätten sich meine Selbstzweifel und Schuldgefühle immer mehr in meine eh schon kranke Seele eingebrannt. Diese besonderen Exemplare medizinischer und menschlicher Nullnummern tragen eine gewaltige Mitverantwortung dafür, wie es mir und vielen anderen Menschen mit ihren Krankheiten geht. Mit einer Mischung aus Dummheit, Ignoranz, Selbstherrlichkeit, Vorurteilen und Verantwortungslosigkeit nehmen sie zumindest billigend in Kauf, dass es Menschen, die ihre Hilfe brauchen, nach der Begegnung mit ihnen noch schlechter geht als vorher.

Dafür können wir sie in aller Regel nicht offiziell zur Rechenschaft ziehen, aber wir können es anprangern. Wir können machen, dass andere Menschen davon erfahren, was sie anrichten. Das mache ich jetzt.

Leben müssen wir sowieso alleine damit. Jeden Tag, meistens unser Leben lang.
Ja, ich weiß, es gibt eine unzählbare Menge von Arschloch-Patienten und andere haben viel schlimmere Probleme als ich, aber DAS ist eines von meinen und um die geht es hier.

is‘ mir egaaaaal, egaaaal

Als noch niemand meine Basilarismigräne erkannt hatte, lande ich mit einem Anfall ungeklärter Ursache in der modernsten Notaufnahme unserer Stadt. Mit dabei ein Sammelsurium aus beängstigenden Sinneswahrnehmungen und – ausfällen, extremem Schwindel, Ohrgeräuschen, Bein-Lahmheit, Koordinierungsstörungen und Todesangst.

Ich erinnere mich schemenhaft daran, wie ich auf ein schmales Bett, eher eine Liege, verfrachtet werden. Das erste, was ich wieder relativ klar und deutlich höre und sehe, ist eine dunkelhaarige Schwester: „Blutdruck is‘ Scheiße!“, sagt sie und sprüht mir etwas in den Mund. Nitro-Spray. Bei 190/130 eine gute Idee.

Ich bekomme einen ekelhaften Druck im Hinterkopf. Als ob das Gehirn sich plötzlich aufbläst. Ich will was sagen. Kommt aber nichts raus. Zwischen Oberlippe und Augen spüre ich nichts. Ich rechne fest damit, jetzt gleich zu sterben. Die Schwester geht raus. Ich rufe um Hilfe. ‚Lasst mich nicht alleine!‘ Dabei gebe ich keinen Ton von mir.
Die Tür geht auf. Die Feuerwehr kommt rein. ‚Krass‘, denke ich, ‚Telepathie!‘
War aber wegen Herrn S. auf einer Roll-Pritsche. Er atmet schwer und pfeifend. ‚Helft ihm doch!‘,  schreie ich – wieder ohne, dass etwas zu hören ist. Immer wieder drehen sich meine Augen von selber irgendwohin. Ich kann nicht fokussieren, was mit Herrn S. passiert. Ich höre, wie er röchelt. „Ganz ruhig, Herr S. – kommt gleich jemand“, sagt eine männliche Stimme. Herr S. wird lauter. Kämpft um jeden Atemzug. ‚Der hält nicht mehr lange durch, Mann!‘ , denke ich. Jetzt hab‘ ich Angst um Herrn S. und davor, dass ich gleich mitkriege, wie jemand stirbt noch bevor ich selbst sterbe.

Drei Weißbekittelte kommen rein. Hantieren an Herrn S. rum. „So, jetzt wird’s gleich besser, Herr S.“, sagt ein dunkelhaariger Arzt.
Ich sehe nicht, was sie mit ihm machen. Ganz langsam wird Herr S. ruhiger. Atmet wieder rhythmischer, wenn auch immer noch pfeifend. Dann sind wieder alle verschwunden. Bis auf einen Feuerwehrmann, der irgendwelche Zettel ausfüllt.
Ich singe in Gedanken, um mich zu beruhigen: ‚… is‘ mir egaaal‘, egaaal‘, is‘ mir egaaal, egaal‘, rezitiere ich nach innen. ‚Roboter mit‘ „Seeeeenf“‚, is‘ mir egaaal’* – Ups! Hatte ich Senf jetzt laut gesagt?! Der Feuerwehrmann guckt mich an. „Ham‘ Sie was gesagt?“
„ANST“, nuschel‘ ich. Wie peinlich. „Sie brauchen keine Angst zu haben, wird schon alles gut. Der Doktor kommt auch gleich zu Ihnen“, beruhigt mich der Lebensretter und geht raus. Ich versuche ein Lächeln. Wird nix.

‚Die sollen sich auch mal lieber um Herrn S. kümmern, dem geht’s echt nich‘ gut‘, denke ich als eine blonde langsam welkende Schönheit mit Arschgeweih und String-Tanga, Kaugummi  kauend ins Zimmer schlendert.
„Pinkeln“, röchelt Herr S. – Er muss mal.
„Jetzt nicht“, patzt die Blonde ihn an und geht wieder raus. „Pinkeln, bitte.“ Herr S. kann von seinem Bett aus nicht sehen, dass die Else wieder verschwunden ist. Ich will was sagen, klappt aber nicht. Meine Augen machen immer noch, was sie wollen. Die Zeit vergeht. Zwei Mal geht der automatische Blutdruckmesser an meinem Arm los, also schätzungsweise 30 Minuten später kommt mein Mann ins Zimmer. Gottseidank!
„Pippppi!“, sag‘ ich zur Begrüßung und will auf Herrn S. zeigen. Klappt nicht.
„Muss du Pipi?“ fragt mein Mann ruhig und lächelt mich glücklich an. Mit seltsamen Äußerungen seiner Gattin zu unmöglichen Zeitpunkten kennt er sich aus. Das schockt ihn nicht. Außerdem freut er sich offenbar, dass ich überhaupt noch was sage.
„Neinn. Daaaa“, stammel ich und zucke mit dem Arm in Richtung Nachbarpritsche zu Herrn S. Das sprechen wird langsam besser. „Er muss. Schwesserolen.“ Mein Mann versteht und verspricht jemanden zu holen. Er geht raus. Eine Minute später kommt die Blonde wieder rein. Hantiert an Herrn S. rum. „Pinkeln. Schnell. BITTE!“, röchelt Herr S..
Jetzt aber, denke ich.
„Jetzt nich‘, hab‘ ich gesagt“, motzt sie genervt und geht wieder raus. Nach weiteren Minuten höre ich ein Plätschern. Dann ein Schluchzen. Herr S. weint. Die Tür geht auf. Ich sehe meinen Mann, eine Schwester und eine Pinkelflasche.

Zu spät.

Die Blonde kommt dazu. Stöhnt laut auf: „Och, nööööh.“

Ich bin so wütend, dass meine Lebensgeister der Angst jetzt zeigen, wo Bartel den Most holt. In diesem Moment entscheide ich, dass diese blonde Ziege garantiert nicht das Letzte ist, was ich auf dieser Erde sehe. So nicht, Frollein, jetzt wird nicht gestorben, stutze ich mich zurecht!

Nach und nach komm‘ ich wieder bei. Nachdem sich auch mein Blutdruck beruhigt hat und weder EKG noch Blutwerte Grund zur Besorgnis geben, bin ich nach ein paar Stunden wieder zu Hause. An Herrn S. denke ich manchmal heute noch. Ich frage mich, ob er noch lebt.

Leider bleibt es nicht bei einem Besuch in dieser Notaufnahme…

*Danke Kazim Akboga (✝)

002 // „Diagnose: Psychose* – mir doch egal…“

In unregelmäßigen Abständen bekomme ich nach oder besser beim Essen Schmerzen hinter dem Brustbein, Herzstolpern, Beklemmungsgefühle, Luftnot und Schweißausbrüche. Davon bekomme ich Panik. Kurze Zeit später dann Durchfall.

Manchmal ist mir so schlecht und schwindlig, dass ich mich kaum bewegen kann und fast hinfalle. Das ist aber nach ungefähr einer halben Stunde vorbei. Dazu diese Scheiß Kopfschmerzen (fühlt sich aber nicht an wie Migräne – das kenn‘ ich ja von Kindheit an) und täglich diese Höllen-Nackenschmerzen.

Irgendwann ist der Druck groß genug, dass ich zum Arzt gehe. Ein Internist, der laut Türschild unter anderem Experte für Traditionelle Chinesische Medizin (TCM) ist und sich um meinen Schwiegervater in spe und seinen Diabetes kümmert. Ich war noch nicht bei ihm. Ich wohne noch nicht so lange hier.

Der Arzt lächelt freundlich als er das Behandlungszimmer betritt und fragt, worum es geht. Ich beschreibe meine Beschwerden.

Er fragt mich, wie groß ich bin und viel ich wiege.
„1,67 – 106“, sage ich.
„Stress?“, fragt er.
„Geht eigentlich im Moment“, entgegne ich.
Ob ich verheiratet bin.
„Ja, in 2. Ehe. Glücklich“, erkläre ich lächelnd.
„Kinder?“
„Ja, ein Sohn. Aus erster Ehe.“
„Aha“, murmelt er mit hintenraus geschwungenem Haaa. „Wie versteht sich ihr Mann mit dem Kind?“
„Super“, antworte ich wahrheitsgemäß.
„Ach, wirklich?“, fragt der Ü60-er.
„Ja … ?“ (den komischen Unterton überhöre ich.)
„Besteht noch Kontakt zum Kindsvater?“, will er wissen, während er mit weit schwingenden handbewegungen in das Patientenblatt kritzelt.
„Ja“, bestätige ich.
„Wie läuft das?“, setzt er nach.
Ich frage mich langsam, was der von mir will und sage knapp: „Ganz gut mittlerweile.“
„Hmhm“, murmelt er wieder und kritzelt weiter.

Alles psychosomatisch

„Ich war ja wegen dieser Anfälle gekommen und dem Nacken“, versuche ich das Gespräch in die richtige Richtung zu schubsen.
„Alles psychosomatisch“, sagt der Arzt jetzt und legt seinen Kugelschreiber hin.
„Äh …?“ – Ich bin verwirrt.
„Und ihr Gewicht … sss“  – er zieht Luft zwischen den Zähnen ein.
„Äh …“, formuliere ich nochmal anders.
„Gucken wir mal, was der Blutdruck sagt“, spricht’s und greift zur Manschette.

Mein Stichwort.
Ich verstumme. Verharre. Schalte mich innerlich weg. Panik. Kaninchenstarre. Die Manschette bläst sich auf. Schmerz.

Er misst.
„Viel zu hoch.“, stellt er fest.
„Ich hab‘ Angst vor’m Blutdruckmessen.“
„Sag‘ ich doch: Alles psychosomatisch.“
Ich bin verwirrt. Teile von mir bleiben im Panik-Modus.
Trotzdem frage ich: „Und was heißt das jetzt?“
„Sie müssen abnehmen. Ihr Blutdruck ist zu hoch.“
„Nein, ich meine, wenn meine Anfälle psychosomatisch sind, was mache ich jetzt dagegen?“
„Gehen Sie spazieren. Erst 15 dann 30 Minuten am Tag.“
„Das mach‘ ich schon, jeden Tag mit dem Hund.“
Er lächelt milde.

„Und der Nacken?“, setze ich noch mal an.
„Jetzt gucken wir erstmal wegen dem Blutdruck.“
Ich habe nicht den Eindruck, dass von ihm noch was kommt.

„Wenn das alles psychisch bedingt ist, wäre dann eine Psychotherapie nicht besser?“, überwinde ich mich.
„Äh, ja, vielleicht … aber da kenn‘ ich jetzt keinen, der … da müssen Sie selber mal gucken …“
„Brauche ich dafür ein Rezept?“
„Ja, das kann ich Ihnen geben.“
„Ja, bitte.“

Ich wanke aus der Praxis. Versuche die Chronologien und das Gesagte zu sortieren.
Auf dem Rezept, das eine Überweisung an den Psychotherapeuten ist, steht „gesichert Burnout.“

WTF?

Zu hause fange ich an, mich durch die Psychotherapeuten-Praxen der Umgebung zu telefonieren. Allein DAS ist schon eine Herausforderung für mich.

myyzillas Minenfelder

„Telefonieren“ und „Arzt“ (im weitesten Sinne) sind gleich zwei Minenfelder, auf die ich mich nur äußerst ungern begebe.

Telefonieren, weil ich wegen des lauten Fiepsens in meinem linken Ohr, das umso lauter wird je nervöser ich bin, ganz schlecht verstehe, bzw. Angst davor habe, plötzlich gar nicht mehr zu verstehen.
Arzt: sowieso und überhaupt.

Zwei der angerufenen Praxen nehmen keine neuen Patienten mehr an, zwei haben einen Anrufbeantworter, auf dem ich nach dem zweiten Anlauf jeweils eine Nachricht hinterlasse. In einer bietet mir die schnippische Tante am anderen Ende der Leitung an, mich auf die Warteliste zu setzen. Da fühlt man sich doch gleich richtig abgeholt …
„Und wie lange dauert das dann ungefähr?“, frage ich.
„Da müssen sie zurzeit mit 7 bis 8 Monaten rechnen.“
„Äh, ok, das ist lang. Aber kann ich denn die Therapeutin vorher nicht wenigstens mal kurz kennenlernen? Ich weiß doch gar nicht, ob das funktioniert.“
„Nein, das sehen sie dann bei ihrem ersten Termin.“
„OK. Dann Warteliste“, seufze ich.
Besser als nie.
Nach dem Telefongespräch schaue ich auf den Kalender.
Jetzt ist es Februar.
Ich mach’s mir auf der Warteliste gemütlich.
Abends kriege ich wieder einen dieser Schwindelanfälle.
Kein Problem, ist ja alles nur psychosomatisch und schon in acht Monaten kann ich anfangen, dagegen etwas zu tun … beste Aussichten … Schakka!

 

 

*Natürlich weiß ich, dass es einen Unterschied zwischen psychotischem und psychosomatischem Krankheitsgeschehen gibt. Aber Texte von Deichkind sind Leider geil 😉

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