Schlagwort: Basilarismigräne

FAQ Basilarismigräne jetzt online

Nicht zuletzt durch den tollen Support von der lieben FibroFee (1000 Dank nochmal!!!) haben sich viele neue Leser auf meinem Blog versammelt. Viele von ihnen sind ebenfalls von Migräne betroffen und (wie die meisten von uns) immer auf der Suche nach hilfreichen Infos.

Bei der Basilarismigräne oder aktuell und medizinisch korrekt „Migräne vom Basilaristyp“ oder „Migräne mit Hirnstammaura“ haben wir Betroffenen es da besonders schwer. So richtig umfassende Informationen gibt es nicht. Also sind wir darauf angewiesen, uns unsere Infos mühsam selber zusammenzusuchen. Meistens sind es andere Betroffene, die uns dann weiter bringen. Und sei es nur, um festzustellen „ich bin nicht alleine mit dem Mist“.

Das Infoblatt, das ich neulich erstellt habe, kam schon mal gut bei Euch an, aber es gibt noch viele Fragen darüber hinaus. Die wichtigsten, die mir häufiger in diesem Zusammenhang gestellt werden, habe ich nun auf einer FAQ-Seite zusammengestellt und beantwortet. Ihr findet sie in der Hauptnavigation oder hier: FAQ-„Basilarismigräne“.

 

Infoblatt Basilarismigräne

Da es wirklich wenig gute sachliche Informationen über die Migräne vom Basilaristyp bzw. Migräne mit Hirnstammaura gibt und ich nicht jedem zumuten möchte, sich durch meine teils sehr saloppen Formulierungen zu klicken, habe ich hier mal ein „vernünftiges“ Infoblatt zur Migräne vom Basilaristyp erstellt, das ihr auch in der Rubrik „Medien“ findet:

Infoblatt: Basilarismigraene_Info.pdf

Ihr dürft es gerne teilen, ausdrucken und im Sinne der Betroffenen nutzen (z.B. in Selbsthilfegruppen oder Vorträgen) – bitte beachtet dabei aber das Urheberrecht. Ich würde mich über eine kurze Rückmeldung freuen, wo / wann Ihr es genutzt habt.

Danke!

050 // annehmen – aushalten – abhaken

Auf dem Weg in den Kurzurlaub nach Ostfriesland ist es mal wieder soweit. 5 Minuten vor’m Ziel:
Basilarismigräne.

Jetzt heißt es, sich an die eigenen Ratschläge zu halten. Annehmen – aushalten … läuft.

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Wie genau ich aus dem Auto auf die Couch kam, weiß ich nicht mehr. Aber ein Extra-Beutelchen Magnesium, eine Runde „nicht drüber ärgern“ und zwei Stunden später klappt das auch mit dem Abhaken heute ganz gut: Abends liege ich mit Sonnenbrille und Schlapphut noch ein bisschen im Schatten auf der Terrasse …  😎

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Fury ist stolz auf mich … ich auch 😉

018 // „Ob ich erlahme und ergrau… blablabla Königsblau“ – Reha auf Schalke

Der Neurochirurg stellt fest, dass die Nervenleitgeschwindigkeit in meinem linken Arm verringert ist.
Ach, was? War mir noch gar nicht aufgefallen … 😉
OP-Bedarf sieht er noch nicht.
Glück gehabt.
Er schlägt eine ganztägige ambulante Kur im „medicos.AufSchalke“ oder eine auf chronische Schmerzen spezialisierte Klinik vor.
In der Klinik seh‘ ich mich noch nicht, außerdem: Wer kümmert sich um’s Kind?
Ich will dieses Kur-Ding um die Ecke.

Mein Hausarzt und die Neurologin sind skeptisch, ob diese orthopädisch ausgerichtete Maßnahme jetzt das Richtige ist. Zwar glaube ich selbst nicht daran, dass ich jeden Tag irgendwohin und wieder zurück fahren kann, aber ich bin trotzig. Will’s allen und mir selbst beweisen. Ich will wieder funktionieren. Koste es, was es wolle. Außerdem habe ich den Reha-Tempel praktisch vor der Tür. Also: Kind in die Schule bringen und schnell weiter.

Vorweg: Ich hab’s durchgezogen.
Will heißen: Ich war durch und es hat sich gezogen. Immerhin waren die fünfzehn Tage lehrreich – in vielerlei Hinsicht.

Aus meinem Tagebuch:

Tag 1:
Aufnahme. Bis zum Blutdruckmessen läuft’s. Danach: Alles wie im Film.

Tag 2:
Ich habe einen Softball in einen Eimer geschlagen. Außer mir haben das nur zwei geschafft!
Toll.
Der Tag verlief irgendwie ohne mich, obwohl ich da war, war ich das garnicht, die da war.
Gesund ist das nicht … :-/

Tag 3:
Pünktlich auf die Minute, fix und alle zum Hinlegen auf der Wärmepackung angekommen.
Gerätetraining (fast) vorschriftsmäßig erledigt.
Kurz vorm Ausdauertraining: Schwindel, Stammelei und Kopp. 🙁
Grade noch geschafft, mich mitzuteilen und in den Ruheraum zu legen! = Erfolg!
Später:
Anderer Schwindel, Panik, Herzrasen, Totalausfall. Heulerei ohne Ende. Was für eine Scheiße.
Lerneffekt: Wenn Migräne-Anfall, dann muss Schluss sein für diesen Tag!
Memo an mich:
Mach das nicht noch mal so, dusselige Else!
Du musst nicht funktionieren, du musst gesund werden!!!

Tag 4:
Läuft.
Guter Tagesplan. Bis auf Rückenschmerzen alles soweit i.O..
Sitzen geht nicht.

Tag 5:
Geht schon wieder los … Ich kämpfe mit dem Schwindel. Sehstörungen, Ohrenschrillen. Alles Kacke. Lasse 2 Sachen ausfallen. Weiß nicht, wie ich diesen Tag hinbekommen soll. Erinnerungslücken, Chronologieprobleme.  Zu hause: nur noch ab ins Bett.

Tag 6:
Määäh!
Schleppe mich von Anwendung zu Anwendung.
Dazwischen muss ich immer liegen, sonst schaff‘ ich gar nix….
Progressive Muskelentspannung fällt aus … puuuh. Glück gehabt! Kopf geht schon wieder los … :-(((
Gott sei Dank nach Hause!!!!
Warum tu‘ ich mir das an?

Wochenende!
Völlig fertig … fast nur gelegen.

Tag 7:
Man glaubt es nicht: Ein guter Tag.
Rückenschmerzen doof, aber der Rest vom Körper fühlt sich ganz gut an. Kein Schwindel heute. Hallelujah!
Dafür: Grünkohl ohne jeden Geschmacksträger.  Mit GEFLÜGEL-BRÜHWURST!
W T F???
Bei aller Liebe …

Zu hause: doch wieder Bett … total erschöpft …

Tag 8:
Reha super, Programm nur bis mittags. Alles cool!
Nachmittags im Kinderzimmer aufgeräumt. Doofe Bewegung: Linker Arm/ Nacken/ Brustbein: alles Fratze. :-(((
Scheiß-Tag.
19 Uhr: mit Körnerkissen ab ins Bett.

Tag 9:
Scheiß-Nacht. Schmerzen wie bekloppt.
Nassgeschwitzt, Kopf geht auch los … :-/

Ich schlepp‘ mich zur Wassergymnastik: Mal gucken, was geht.
Immer schön locker bleiben.
Linke Hand und Finger brizzeln. Och, nö. Medyjet: Tut gut auf unterster Stufe.
Krankengymnastik bei Frau K.: Die Rettung – jetzt geht’s etwas besser.
Geräte lasse ich ausfallen – ich riskier‘ jetzt nix. Dafür Laufband: Immer mit der Ruhe bei 4,7 km/h.

Ich hol‘ mir ’nen Cappucino!!! Das erste Mal seit über einem Jahr „auswärts“ Käffchen trinken. Reha geht als „auswärts“ durch. 😉

Nettes Gespräch mit einem „Fallschirmseidenen“ in Königsblau.

Mittagessen: Putenfleisch!!! Endlich Fleisch!!!! Dieser Zwangs-Vegetarismus is‘ doch für’n Arsch! :-/
Das bringt doch nix. Eher das Gegenteil.
Wir sind doch auch alle schon groß … – Mann!!!

Super schönes Wetter. Ich geh‘ spazieren.
Progressive Muskelentspannung: na, ja.
Seminar: Sitzen geht einfach nicht – alle Erfolge des Tages wieder futsch. 🙁

Abends: Kind erkältet, selber Nasen-Kirmes … nicht DAS auch noch …

Tag 10:
Scheißnacht. Scheißtag.
Schleppe mich schwindlig durch den Tag.
Der Tagesplan sagt: Frau K. ist nicht da. Stattdessen: Vertretung durch Herrn K. – kenn‘ ich nicht.
Bin um 9 schon zu nix mehr in der Lage.
Sage „Geräte“ ab. Laufe draußen rum … sitzliege im Auto … laufe rum … warte auf Chefarzt-Termin bei Frau Dr. E..
Hoffe, dass meine Ärztin  – wie versprochen – vorher mit ihr über mich gesprochen hat.

Hat sie nicht. Frau Dr. E. hat keine Zeit, weil sie einen falschen Plan hat.
Freundlich ist sie, aber was sie von mir halten soll, weiß sie auch nicht – das merke ich ihr an. Nachvollziehbar. Ich sehe aus wie der typische Psycho: Haare wie gerupft, leerer Blick, nuschelige Sprache, Schweißperlen auf der Stirn und das, was (vermutlich) mein Gesicht ist, hängt irgendwie am Schädel fest … Tendenz fallend … ich spür‘ mich nicht mehr, kann mich kaum bewegen …
Meine Fragen kann ich alle nicht stellen. Ich versuche, mich zusammenzureißen, mobilisiere alle Energien … und unternehme einen zaghaften Versuch, mich verständlich zu machen. Ende vom Lied: erst beim Rausgehen zwischen Tür und Angel quetsch‘ ich mir raus, dass ich nicht mehr kann und nach hause möchte.
Kann ich dann auch … was ein Kraftakt … 🙁
Heulerei und Verzweiflung warten schon feixend im Auto auf mich.
OK – heute seid ihr Sieger. Morgen versohl‘ ich euch den Arsch!

Der Rest vom Tag ist mir egal. Hauptsache zu hause.

Tag 11:
Es ist Freitag.
Den Tagessieg fahr‘ ich jetzt locker nach hause.
Programm: Schaffbar. Bloß nicht stressen lassen.
In der Schmerzgruppe sitzen Leute, die „schon 1 Jahr lang Schmerzen“ haben. Süß.
Leid tun sie mir trotzdem. Die Schmerzen der anderen können einem die eigenen nunmal nicht nehmen.

Tag 12: Ich kann nicht mehr.

Tag 13: Ich kann echt nicht mehr.

Tag 14: Dicker Basilarismigräne-Anfall. Mein Notfallausweis macht sich bezahlt.
Die Krankenschwester sagt, das Ding hat ihr geholfen und sie beruhigt … na, immerhin.
Dr. T. findet das alles „total interessant, aber unspektakulär“, sagt er.
Ja, da hat es der Epileptiker besser: der kriegt seine Anfälle publikumswirksamer hin.
Bei mir bin ich die einzige, deren Welt, Wahrnehmung und Bewusstsein im Chaos oder im Nichts versinkt.
ICH seh‘ nix mehr, ICH kann mich nicht mehr bewegen, ICH spür‘ mein Gesicht nicht mehr, ICH habe Todesangst und nur in MEINEM Kopf schrillen 20 Schulglocken.
Das kann allen anderen am Arsch vorbei gehen. Tut’s ja auch.
Ich mach‘ auch nix kaputt, versau‘ keine Auslegware mit aufgeschlagenen Gliedmaßen oder Körperflüssigkeiten. Ich schrei‘ nich‘ rum und bin (wenn ich wieder sprechen kann) scheißfreundlich. Das ist sehr unspektakulär. Da hat er Recht.

Zum Kotzen ist das!!!

Ach, ja: ich kotz‘ auch keinem die Bude mehr voll. Das geht nämlich nicht mehr, seit der Zwerchfell-OP.

Ich kann mich nach dem Anfall auf ’ner Pritsche ausruhen. Die Krankenschwester kommt in ihrer Pause zu mir und teilt ihre Kekse und Bonbons mit mir.
Das hilft mir und beruhigt mich. Danke!

Tag 15 :
Am Ende.

~~~

Von wem reden die da?

Im Entlassungsbericht steht sinngemäß: Sie war total motiviert (stimmt), hat alles mitgemacht (stimmt für fast die Hälfte der Anwendungen nicht), ist aus orthopädischer Sicht mit Einschränkungen vollschichtig funktionsfähig (ja, klar, liegende und schwimmende Tätigkeiten, oder was?), ist arbeitsunfähig und gehört in psychosomatische Reha (aber sowas von). Migräne: ein Anfall wurde gesehen – kein weiterer Kommentar (logisch, is‘ ja auch unspektakulär).

Dazu kommen eine Reihe von Sachfehlern bei Erfassung der Medikation, Ausbildung, Anamnese, Aufstellung der in Anspruch genommenen Maßnahmen, Nebendiagnosen usw., so dass ich meinem Mann eine Gegendarstellung bzw. Korrektur diktiere. Am PC sitzen geht gar nicht mehr. Ich lasse darauf hinweisen, dass Migräne keine psychosomatische Erkrankung ist, sondern eine neurologische – dieses Wissen kann auch einem Orthopäden nicht schaden, denke ich. Das Pamphlet mit Fotos der Reha-Dokumentation, die ich in weiser Voraussicht angefertigt hatte, schicke ich an die Reha-Einrichtung und an den Rentenversicherungsträger.

Nach einigen Wochen und einem mutigen Telefongespräch mit dem an sich freundlichen zuständigen Arzt gibt es tatsächlich eine korrigierte Version, in der man fast alle meine Korrekturhinweise berücksichtigt – nur auf die ärztliche Einschätzung hat das keinen Einfluss. Interessant …

Hier meine 10 Tipps für eine gelungene Reha

Basilarismigräne Kirmes im Gehirn

014 // Basilarismigräne – „Ganzkörper-Wahrnehmungskirmes“

Die Basilarismigräne oder die „Migräne vom Basilaristyp“ (bzw. „Migräne mit Hirnstammaura“) beschreibt eine relativ seltene Form der Migräne, bei der eine ausgeprägte Schwindelsymptomatik und weitere Schlaganfall-ähnliche Symptome aus der gesamten Palette neurologischer Enzyklopädie wie Sprach-, Seh- und Koordinationsstörungen, Ohrgeräusche, aber auch Herzrhythmusstörungen uvm. vorkommen.

„Meine“ Basilarismigräne

Basilarismigräne = „Ganzkörper-Wahrnehmungskirmes“

Für mich erscheint die Bezeichnung „Ganzkörper-Wahrnehmungskirmes“ besonders treffend. Abzüglich des „Amüsement“-Faktors – leider.

Die von der Basilarismigräne betroffene Hirnregion ist der Hirnstamm – und somit das zentrale Nervensystem. Schwere Anfälle können selbst von erfahrenen Ärzten nicht sofort als relativ harmloses Migränegeschehen erkannt werden, so dass häufig notfallmedizinische Maßnahmen eingeleitet werden müssen, um einen Hirninfarkt sicher auszuschließen.

Empathische Mitmenschen äußern auch schon mal die Vermutung „Wohl zuviel gesoffen, was?“ – „Nee, schön wär’s, aber den letzten Alk hab‘ ich vor zwölf Jahren getrunken“, wäre meine Antwort, wenn ich in diesen Momenten nur sprechen könnte. Von Durchblutungsstörungen des Hirnstammes und Migräne mit Aura würde ich berichten. Und irgendwo käme sicher auch „Du Arschgeige!“ in meinem Vortrag vor.

Meist bilden sich die Symptome der Basilarismigräne nach 5-60 Minuten zurück. Mit ein bisschen Pech halten zumindest Teile der Wahrnehmungsstörungen (bei mir vor allem Schwindel und Muskelschwäche)   aber auch stunden- oder tagelang an.

Kopfschmerzen stehen bei der Basilarismigräne nicht immer im Vordergrund. Wenn sie auftreten, sind sie (anders als bei der klassischen Migräne) vor allem im Hinterkopf oder zumindest beidseitig lokalisierbar. Bei mir zeigen diese extrem starken, aber glücklicherweise nicht lang andauernden Hinterkopf-Schmerzen meist das Ende des akuten Anfalls an, so dass ich mich trotz des überwältigenden Schmerzerlebens innerlich entspanne, weil ich weiß, „OK. Jetzt ist die Scheiße gleich vorbei“.

Komplikationen und anderer Mist

Wenn es doof läuft, kommt es zu einem Locked-in-Syndrom: Eine Art Körperstarre, bei der man zwar bei Bewusstsein ist, aber sich weder bewegen noch irgendwie äußern kann. Das kommt im Allgemeinen selten vor, ich hatte dieses „Vergnügen“ bisher zwei Mal und ich kann diese Erfahrung nur als äußerst beängstigend und verstörend beschreiben.

Die Kopfschmerzen sind nicht das größte Problem.

In sehr seltenen Fällen führt eine Basilarismigräne auch zum Schlaganfall, wenn die Durchblutung des Hirnstamms zu lange unterbrochen wird. Vor allem weitere Risikofaktoren, wie die Einnahme der Pille v.a. in Verbindung mit Rauchen bei Frauen, können dieses Risiko erhöhen.

Selbst mit dem Wissen um die relative Harmlosigkeit der Basilarismigräne bleiben die Symptome beängstigend. In Verbindung mit anderen Erkrankungen und/oder Risiko- und Erbfaktoren kriegt man die Schlaganfall- und Herzinfarkt-Angst nur schwer aus dem migränewirren Kopf. Nicht selten kommt deshalb nach oder gleich mit der Migräne noch eine Panikattacke dazu.

Die Basilarismigräne kann auch mit anderen Migräneformen zusammen auftreten. So hat sich bei mir über die Jahre eine feine Mischung aus klassischer Kopfschmerz-Migräne ohne Aura, Migräne mit Aura, Aura ohne Kopfschmerz und eben Migräne vom Basilaristyp entwickelt. Ab einer Kopfschmerzhäufigkeit von 15 Tagen und mehr pro Monat, von denen mindestens 8 der Migräne zuzuordnen ist, spricht man von chronischer Migräne. Bei länger als 72 Stunden andauernden einzelnen Anfällen oder kaum unterbrochenen Anfallsserien ist der sogenannte Status Migraenosus erreicht.

Auch keine schöne Sache, kann ich versichern.

Wie bei allen chronischen Erkrankungen leidet natürlich auch irgendwann die Psyche unter diesem ganzen Affentheater. So gesellen sich häufig noch psychische Erkrankungen wie Angststörung und Depression hinzu, die das Leben und die Therapie nicht leichter machen.

Je nachdem wie häufig die Anfälle auftreten, wird der Alltag und das „normale“ Leben von Basilarismigräne-Anfällen komplett lahmgelegt. Da es keine Möglichkeit gibt, den Anfall zu stoppen oder zu unterdrücken, ist man der Situation hilflos ausgeliefert. Auch wenn der Akut-Spuk nicht lange dauert, sind auch die Tage nach dem Anfall kein Ponyhof. Viele Migräniker kennen die postmigranöse „Matschbirne“, „Pudding-Beine“ und Erschöpfung nur zu gut.

Behandlung der Basilarismigräne

Die Behandlungsmöglichkeiten der Basilarismigräne sind noch dürftiger als bei der klassischen Migräne. Probate Migränemittel (z.B. Triptane) sollen bei dieser Form der Migräne nicht eingenommen werden. Prophylaxe-Mittel (wenn sie denn überhaupt wirken) haben häufig schwere Nebenwirkungen, die nicht bei allen Migränikern im tolerierbaren Bereich liegen.

Triggerfaktoren entlarven, Lebensumstände und Gewohnheiten so gut es geht anpassen

Wenn man verstanden hat, wann und warum das Gehirn mit Migräne reagiert, also seine Triggerfaktoren kennt, kann man versuchen, zumindest die beeinflussbaren Bereiche zu optimieren. Dazu kann eine Ernährungsumstellung gehören (z.B. bei histamininduzierten Anfällen) oder das Erlernen und regelmäßige (!) Anwenden von Entspannungstechniken. Leichter Ausdauersport soll auch dem ein oder anderen geholfen haben. Schaden kann er jedenfalls nicht.

Wen das Wetter in unseren Breitengraden besonders piesackt, hat nur zwei Möglichkeiten: Aushalten oder Auswandern.

Was mache ich im Akutfall?

Hinlegen und Abwarten – ist bisher der beste ärztliche Rat, den man mir geben konnte.

Ich nehme (wenn ich es noch schnell genug hinbekomme) ein Tütchen Magnesium direkt  (300mg) zusätzlich zu meiner Prophylaxe-Portion und eine Vomex, wenn ich merke, es geht los. Mit einem Kissen auf dem Kopf, das alle Wahrnehmung dämpft und den Kopf „begrenzt“, in absoluter Dunkelheit und Ruhe liegend bin ich dann in 30-60 Minuten wieder soweit „normal“ – allerdings extrem erschöpft und müde. Meist kommen dann noch 1-2 Tage Muskelschmerzen, -schwäche und Schwindel (je nach Stärke des Anfalls gerne auch mal länger) hinterher. Dann geht’s wieder ein paar Tage.

Da diese Form der Migräne wenig mit den Symptomen der „herkömmlichen“ Migräne zu tun hat und selten vorkommt, scheinen selbst viele Fachärzte diese Migräneform nicht oder nur vom „Hören/Sagen“ zu kennen. Entsprechend eiern sie auch bei Diagnose, Akut-Medikation und Prophylaxe-Mitteln rum oder widersprechen sich diesbezüglich in Fachpublikationen, Empfehlungen und Aussagen.

annehmen – aushalten – abhaken

Am Ende bleibt nur: Gucken, wie man am besten klarkommt.
Egal wie das konkret aussieht und egal, was in Fachbüchern, Foren oder sonstwo steht.

Ein realistisches Ziel kann dabei sein: möglichst wenig darüber aufregen, nicht dagegen ankämpfen, nachher nicht drüber ärgern.

Ach so: ruhig atmen nicht vegessen! Mehr kann man sowieso nicht machen … ;-P

Notfallausweis Basilarismigräne

Ein Tipp von Prof. Göbel aus der Schmerzklinik Kiel bezüglich der Basilarismigräne, lautet: Führen Sie einen Notfallausweis mit.
Da ich einen solchen mit entsprechend vorgefertigten Angaben nirgends finden konnte, habe ich selbst einen im PDF-Format erstellt, den ihr gerne verwenden und weiterverbreiten dürft:

Notfallausweis_Basilarismigräne (PDF)

Weitere Infos

 

[Update 10.4.2017: Das Patientenforum der Schmerzklinik Kiel (headbook), das ich bisher an dieser Stelle empfohlen hatte, hat sich in meinen Augen mit dem Umgang mit meiner Anmeldung und Vorstellung dort selbst demontiert. Dennoch lohnt sich ein Blick in die Beiträge. Es steht viel Informatives drin. Für Selbstdarsteller ist da aber kein Platz, schrieb man mir. Also bitte angemessen zurückhaltend auftreten, falls sich jemand von euch dort anmelden möchte ;-).]

WICHTIGER HINWEIS
Ich bin weder Arzt noch medizinisch irgendwie ausgebildet. Meine „Empfehlungen“, Ratschläge und Hinweise basieren ausschließlich auf meinen eigenen Erfahrungen oder den Erfahrungen mir persönlich bekannter Betroffener.
Recherchierte „Empfehlungen“ mache ich als solche im Text deutlich.

013 // Strike … äh Stroke Unit

Wenn du nicht mehr vernünftig sprechen, sehen und laufen kannst und Höllenschmerzen im (Hinter-)Kopf hast, klingeln bei allen mindestens durchschnittlich ausgebildeten Ärzten die Alarmglocken: Verdacht auf Schlaganfall.

Mit diesen Symptomen schleppe ich mich wie ein angeschossener Robocop stammelnd und maximal panisch in die Praxis meines Hausarztes. Keine zehn Minuten später liege ich auf der Pritsche im Rettungswagen. Ziel: Neurologie. Meine chronologisch korrekte Erinnerung setzt wieder ein als ein netter, sehr souverän wirkender Doktor ohne Haupthaar die Koordination meiner Arme und Beine checkt.

„Nicht 100%ig, aber schon besser.“, sagt er.
Ich spüre meine Oberlippe und obere Wangenpartie nicht richtig und kann deshalb nur nuscheln: „Waschisch mimi?“, frage ich.
Er tätschelt mein Knie: „Ich tippe auf Basilarismigräne, aber wir gehen auf Nummer Sicher.“
Nummer Sicher heißt: Intensivstation – Stroke Unit. Vollverkabelung, Heparintropf. Ich stehe bzw. liege irgendwie neben mir.

In dieser Nacht schlafe ich nicht. Die Stroke Unit befindet sich unterm Dach des alten Klinik-Gemäuers. Draußen stürmt und gewittert es.

Durch die drei quadratischen Fenster hab‘ ich ’nen tollen Panoramablick in die von Blitz und Donner verquirlten Wolken. Überall pfeift der Wind durch’s Gebälk. Die Schiebetür zum Nachbarzimmer schlägt in den Führungsschienen hin und her. Ich stelle mir vor, ich wäre auf der Pequod, dem Schiff, auf dem Kapitän Ahab hinter Moby Dick, dem weißen Wal, herjagd. In Herman Melvilles Roman geht das Schiff unter … alle saufen ab … bis auf einen: Ismael. Der will ich sein.

Nach EEG, Blutuntersuchung, Herzlabor und Langzeit EKG und ein paar Tagen auf der Neurologie nimmt jemand das Damokles Schwert über mir weg.
Die Diagnose steht nun fest: Basilarismigräne. Therapie: Wahrscheinlich nicht möglich, aber man solle es mal mit einer Prophylaxe probieren. Propranolol – ein Betablocker. Und dringend zum Facharzt zur Weiterbehandlung. Ok.

„Was mache ich, wenn das wieder losgeht?“, frage ich den netten Oberarzt noch.
„Hinlegen und abwarten.“, sagt er aufmunternd lächelnd bevor er mit wehendem Kittel und seiner kleinen Entourage aus Schwestern und den zwei netten Assistenzärztinnen das Zimmer verlässt.

Zu Hause beginne ich zu recherchieren.

Stelle fest, es gibt sehr wenig Handfestes. Fasse den Entschluss, selbst zu sammeln und irgendwann zu veröffentlichen …

011 // Tortenarsch mit Rechtschreibschwäche – Neulich in der Notaufnahme (II)

Bei einem Anfall nach der Einnahme von Citalopram bringt man mich mit dem Rettungswagen noch mal in die Klinik, in der ich die Geschichte mit dem erstickenden Herrn S. erlebt hatte.

Ich hab’s mir nicht ausgesucht und kann mich nicht wehren. Irgendwann kommt eine Ärztin zu mir. Sie telefoniert. Der Pfleger, der mich schon etwas beruhigen konnte, beginnt ihr zu erklären, was los ist. Sie unterbricht ihn und schnauzt im Oberfeldwebel-Ton in meine Richtung, was denn los sei. Hm.
„Ni amen, nischt sehn“, nuschel ich mir was zusammen, das ihr klarmachen soll, dass ich nicht richtig atmen und bis eben nicht sehen konnte. Sprechen auch nicht. Das hört sie ja, denke ich.

Ich fühle meinen Oberkiefer nicht, sehe Dinge und den Raum nur teilweise oder seltsam verschoben, höre Klingelgeräusche und habe einen komischen Widerhall im Kopf. Zu meinem ständig fiepsenden Geräusch im linken Ohr gesellt sich jetzt noch ein Klingeln auf anderer Frequenz auf beiden Ohren – etwa zehn Mal so laut. Auch meine Augen gehorchen mir nicht. Ich hab‘ das Gefühl, als ob sie pausenlos hin und herzucken.

„Sprechen Sie mal vernünftig mit mir!“, ranzt die Frau mit dem Tortenarsch im weißen Kittel mich an.

Oh, pardon: Tortenarsch ist nicht ok. Ich formuliere es noch mal anders:

… ranzt die mopsgesichtige, unförmige Frau mit den aufgequollenen Lippen und dem riesigen Tortenarsch, den ihr weißer Kittel nur zur Hälfte bedeckt, mich an.

So, jetzt passt es besser! 🙂

„Kannischadas.“ – Ich versuche ihr mitzuteilen, dass ich nicht anders kann; dass genau DAS Teil meines Problems ist … Der Pfleger erklärt, dass ich wohl das neu verordnete Citalopram (ein Antidepressivum) nicht vertragen habe. „Ach, soooo.“ – sie verdreht wissend die Augen. Wieder so’n Psychopharmaka-Junkie, denkt sie garantiert. „Was nehmen sie sonst noch?“
Ich schüttel‘ den Kopf. Sie versteht das alles vollkommen falsch. „Nis … nu eine Tamnette.“ ‚Du dummes Stück Scheiße‘, ergänze ich in astreinem Hochdeutsch, allerdings nur in Gedanken.

Für sie ist das Thema damit erledigt. Die kriegt noch ein Glas Magnesiumbrause und dann ab nach Hause mit der hysterischen Psycho-Else (also ich), denkt die sich. Wetten?!

Ja, ich höre die Stimmen des omnipotenten, jungfrischdynamischen oder bodenständig-eloquenten Lesers, der sich sofort irgendwo beschwert hätte und/oder ihr direkt ins Gesicht gesagt hätte, das das so nicht geht. Es sei euch versichert: So einfach ist das nicht. Nicht für jemanden wie mich. Wenn ich nicht durch die Migräne ausgeknockt bin, falle  ich in diesen Konflikt-Situationen vor allem bei Ärzten in eine Art Kaninchenstarre. Schalte ab. Bin wer weiß wo. Dissoziiere, wie ich später lerne. Das kann ich nicht kontrollieren. Es ist eine innere Überlebensstrategie der traumatisierten Seele, die alles tut, um nicht nochmal das Unaushaltbare eines Traumas mitzuerleben. Da wird dann einfach weggeschaltet. Zack und weg.

Deshalb weiß ich auch nicht mehr genau, wie es danach weitergeht. Mein Mann kommt irgendwann rein und zwei Stunden später verlassen wir die Notaufnahme mit einem Entlassungsbrief, der rekordverdächtige 14 Rechtschreibfehler in sieben Zeilen aufweist. „Vorgeschischte der Pat. Wurde als bekannt vorausgesetzt […] Rückatmung in der Tütte erfolgt… “ Und DIE sagt MIR, ich soll vernünftig sprechen … Ich glaub‘ das nicht …

Als Empfehlung schreibt das weißbekittelte Rechtschreib-Ass:
„Weiterbehandlung durch den Psychiater.“
Das ist ein guter Rat. Im Grunde bin ich reif für die Klapse.

—-

Nochmal Klartext:

Wenn ich als Arzt zu einem Menschen, der aufgrund eines noch nicht näher geklärten Anfalls Sprachstörungen hat, sage, er solle ‚mal vernünftig sprechen‘, dann ist das in etwa so, als würde ich zu einem Menschen mit dunkelpigmentierter Haut sagen: Wasch‘ Dir mal Dein Gesicht, Alter!

Das KANN der Mensch dann lustig finden – MUSS er aber nicht.

Bei entsprechend vorbelasteten Menschen kann ein solches Verhalten sowohl Trauma-Trigger sein als auch dazu führen, dass er im Notfall keine ärztliche Hilfe mehr in Anspruch nimmt. Das KANN dann gut ausgehen – MUSS aber nicht.

003 // Roboter mit Senf – Neulich in der Notaufnahme (I)

Wie oft denke ich, wenn diese scheiß-arroganten, selbstherrlichen Medizinaffen ihren Job richtig gemacht hätten, wäre mir einiges erspart geblieben …

Dann hätte ich nicht nur früher gewusst, dass es sich bei meinen Anfällen „nur“ um eine Mischung aus Basilarismigräne und Panik handelt. Ich hätte sie weder in irgendwelchen Notaufnahmen belästigt, noch hätten sich meine Selbstzweifel und Schuldgefühle immer mehr in meine eh schon kranke Seele eingebrannt. Diese besonderen Exemplare medizinischer und menschlicher Nullnummern tragen eine gewaltige Mitverantwortung dafür, wie es mir und vielen anderen Menschen mit ihren Krankheiten geht. Mit einer Mischung aus Dummheit, Ignoranz, Selbstherrlichkeit, Vorurteilen und Verantwortungslosigkeit nehmen sie zumindest billigend in Kauf, dass es Menschen, die ihre Hilfe brauchen, nach der Begegnung mit ihnen noch schlechter geht als vorher.

Dafür können wir sie in aller Regel nicht offiziell zur Rechenschaft ziehen, aber wir können es anprangern. Wir können machen, dass andere Menschen davon erfahren, was sie anrichten. Das mache ich jetzt.

Leben müssen wir sowieso alleine damit. Jeden Tag, meistens unser Leben lang.
Ja, ich weiß, es gibt eine unzählbare Menge von Arschloch-Patienten und andere haben viel schlimmere Probleme als ich, aber DAS ist eines von meinen und um die geht es hier.

is‘ mir egaaaaal, egaaaal

Als noch niemand meine Basilarismigräne erkannt hatte, lande ich mit einem Anfall ungeklärter Ursache in der modernsten Notaufnahme unserer Stadt. Mit dabei ein Sammelsurium aus beängstigenden Sinneswahrnehmungen und – ausfällen, extremem Schwindel, Ohrgeräuschen, Bein-Lahmheit, Koordinierungsstörungen und Todesangst.

Ich erinnere mich schemenhaft daran, wie ich auf ein schmales Bett, eher eine Liege, verfrachtet werden. Das erste, was ich wieder relativ klar und deutlich höre und sehe, ist eine dunkelhaarige Schwester: „Blutdruck is‘ Scheiße!“, sagt sie und sprüht mir etwas in den Mund. Nitro-Spray. Bei 190/130 eine gute Idee.

Ich bekomme einen ekelhaften Druck im Hinterkopf. Als ob das Gehirn sich plötzlich aufbläst. Ich will was sagen. Kommt aber nichts raus. Zwischen Oberlippe und Augen spüre ich nichts. Ich rechne fest damit, jetzt gleich zu sterben. Die Schwester geht raus. Ich rufe um Hilfe. ‚Lasst mich nicht alleine!‘ Dabei gebe ich keinen Ton von mir.
Die Tür geht auf. Die Feuerwehr kommt rein. ‚Krass‘, denke ich, ‚Telepathie!‘
War aber wegen Herrn S. auf einer Roll-Pritsche. Er atmet schwer und pfeifend. ‚Helft ihm doch!‘,  schreie ich – wieder ohne, dass etwas zu hören ist. Immer wieder drehen sich meine Augen von selber irgendwohin. Ich kann nicht fokussieren, was mit Herrn S. passiert. Ich höre, wie er röchelt. „Ganz ruhig, Herr S. – kommt gleich jemand“, sagt eine männliche Stimme. Herr S. wird lauter. Kämpft um jeden Atemzug. ‚Der hält nicht mehr lange durch, Mann!‘ , denke ich. Jetzt hab‘ ich Angst um Herrn S. und davor, dass ich gleich mitkriege, wie jemand stirbt noch bevor ich selbst sterbe.

Drei Weißbekittelte kommen rein. Hantieren an Herrn S. rum. „So, jetzt wird’s gleich besser, Herr S.“, sagt ein dunkelhaariger Arzt.
Ich sehe nicht, was sie mit ihm machen. Ganz langsam wird Herr S. ruhiger. Atmet wieder rhythmischer, wenn auch immer noch pfeifend. Dann sind wieder alle verschwunden. Bis auf einen Feuerwehrmann, der irgendwelche Zettel ausfüllt.
Ich singe in Gedanken, um mich zu beruhigen: ‚… is‘ mir egaaal‘, egaaal‘, is‘ mir egaaal, egaal‘, rezitiere ich nach innen. ‚Roboter mit‘ „Seeeeenf“‚, is‘ mir egaaal’* – Ups! Hatte ich Senf jetzt laut gesagt?! Der Feuerwehrmann guckt mich an. „Ham‘ Sie was gesagt?“
„ANST“, nuschel‘ ich. Wie peinlich. „Sie brauchen keine Angst zu haben, wird schon alles gut. Der Doktor kommt auch gleich zu Ihnen“, beruhigt mich der Lebensretter und geht raus. Ich versuche ein Lächeln. Wird nix.

‚Die sollen sich auch mal lieber um Herrn S. kümmern, dem geht’s echt nich‘ gut‘, denke ich als eine blonde langsam welkende Schönheit mit Arschgeweih und String-Tanga, Kaugummi  kauend ins Zimmer schlendert.
„Pinkeln“, röchelt Herr S. – Er muss mal.
„Jetzt nicht“, patzt die Blonde ihn an und geht wieder raus. „Pinkeln, bitte.“ Herr S. kann von seinem Bett aus nicht sehen, dass die Else wieder verschwunden ist. Ich will was sagen, klappt aber nicht. Meine Augen machen immer noch, was sie wollen. Die Zeit vergeht. Zwei Mal geht der automatische Blutdruckmesser an meinem Arm los, also schätzungsweise 30 Minuten später kommt mein Mann ins Zimmer. Gottseidank!
„Pippppi!“, sag‘ ich zur Begrüßung und will auf Herrn S. zeigen. Klappt nicht.
„Muss du Pipi?“ fragt mein Mann ruhig und lächelt mich glücklich an. Mit seltsamen Äußerungen seiner Gattin zu unmöglichen Zeitpunkten kennt er sich aus. Das schockt ihn nicht. Außerdem freut er sich offenbar, dass ich überhaupt noch was sage.
„Neinn. Daaaa“, stammel ich und zucke mit dem Arm in Richtung Nachbarpritsche zu Herrn S. Das sprechen wird langsam besser. „Er muss. Schwesserolen.“ Mein Mann versteht und verspricht jemanden zu holen. Er geht raus. Eine Minute später kommt die Blonde wieder rein. Hantiert an Herrn S. rum. „Pinkeln. Schnell. BITTE!“, röchelt Herr S..
Jetzt aber, denke ich.
„Jetzt nich‘, hab‘ ich gesagt“, motzt sie genervt und geht wieder raus. Nach weiteren Minuten höre ich ein Plätschern. Dann ein Schluchzen. Herr S. weint. Die Tür geht auf. Ich sehe meinen Mann, eine Schwester und eine Pinkelflasche.

Zu spät.

Die Blonde kommt dazu. Stöhnt laut auf: „Och, nööööh.“

Ich bin so wütend, dass meine Lebensgeister der Angst jetzt zeigen, wo Bartel den Most holt. In diesem Moment entscheide ich, dass diese blonde Ziege garantiert nicht das Letzte ist, was ich auf dieser Erde sehe. So nicht, Frollein, jetzt wird nicht gestorben, stutze ich mich zurecht!

Nach und nach komm‘ ich wieder bei. Nachdem sich auch mein Blutdruck beruhigt hat und weder EKG noch Blutwerte Grund zur Besorgnis geben, bin ich nach ein paar Stunden wieder zu Hause. An Herrn S. denke ich manchmal heute noch. Ich frage mich, ob er noch lebt.

Leider bleibt es nicht bei einem Besuch in dieser Notaufnahme…

*Danke Kazim Akboga (✝)

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