064// Die Taubenklinik

Auf dem Weg zur Physiotherapeutin meines Vertrauens verfahre ich mich. Verfahren finde ich prinzipiell nicht schlimm – so lernt man die Welt kennen und irgendwann komme ich im Ruhrgebiet immer irgendwo an, wo ich mich auskenne. An der nächsten Kreuzung gibt es allerdings etwas, das mich völlig verwirrt: Ein großes weißes Schild zeigt nach links:  <– Taubenklinik, steht da.

Zuviel für mein komisches Gehirn.

Ich stelle mir abwechselnd graue zerfledderte Vögel mit verbundenen Köpfen und Gehhilfen unter den Flügeln und wild um Hilfe gestikulierende, gehörlose kranke Menschen vor. Wie Vexierbilder morhphen die beiden Varianten sich die nächsten zwei Stunden durch meinen Kopf.

W T F ???

Bis ich Dr. Google fragen kann, gibt es erstmal keine Lösung. Ich traue mich auch nicht, meine Physiotherapeutin danach zu fragen. Sie stammt aus der Ukraine, spricht zwar gut Deutsch, aber ich will nicht, dass sie meint, ich wolle sie verarschen.

Weil ich beide Möglichkeiten völlig bizarr finde und denke, dass ich es mal wieder bin, die einfach den Witz nich‘ rafft, schweige ich.

Zu hause schaue ich nach. Wie unglaublich krass: Wir haben tatsächlich eine Klinik für Columbidae (lat. Tauben) in der Nachbarstadt.

Ich lerne, dass sie die einzige ihrer Art in Deutschland ist.  Der Betreiber spricht gar von der ganzen Welt. Beeindruckend.

Vor allem Brieftaubenbesitzer wissen das Angebot des Verbands Deutscher Brieftaubenzüchter offenbar zu schätzen. Ich recherchiere weiter und komme aus dem Staunen nicht mehr raus:

In der Klinik betreibt man allerhand Aufwand, für des Federviehs Wohl. Röntgen, Ultraschall, Endoskopie … Tauben können sogar Chlamydien bekommen! Ich will nicht wissen, wie die da rein kommen … aaahrg Kopfkino … Hilfe! Jedenfalls nimmt man auch Abstriche.

Auf der Klinik-Shop (!) Seite lese ich, dass Tauben, nach ihrer stationären Behandlung in einer Spezialversandbox wieder zurück zu Herrchen (seltener wohl Frauchen) geschickt werden.

Ich bin platt. Ein Teil von mir macht sich sogleich lustig über mich. „Taube“ als Synonym für „Gehörlose“ und dann noch auf ’nem Straßenschild, ts, was für eine wirre Idee. Das geht doch schon wegen political correctness nicht. Hätte man auch drauf kommen können, blöde Liese …

Aber eine Klinik für ansonsten als Flugratten verschrieene Vögel – jahahaaa, das passt. Das passt zu unserem System: Die zig Tausenden grau-bunten Vögel in unseren Innenstädten jagen wir mit gebrochenen Füßen und halbgerupftem Gefieder hinfort, auf dass sie selber sehen, wie sie klarkommen. Spicken unsere Fensterbänke mit Drähten und Zacken, damit kein hinterhältiger Taubenvogel vor unseren frisch geputzten Fenstern seine Notdurft verrichtet. Wir haben sie nicht eingeladen, diese widerlichen Schmarotzer, die den kleinen süßen Spatzen ihre Krumen klauen! Wer sich so benimmt, hat’s nich besser verdient. Fangt gefälligst an, euch nützlich zu machen! Trollt euch! Fliegt! Tragt Briefe aus, wie die anderen! Ernährt euch gesund! Dann kommt ihr eines Tages vielleicht auch in unsere hübsche Klinik und wir befreien euch von den Folgen eures liederlichen Lebenswandels …

Ja, DAS ist mein Land, so läuft das hier … ;-D

 

——

Die WAZ berichtet:

https://www.derwesten.de/staedte/essen/taubenklinik-in-essen-aerzte-versorgen-gefluegelte-patienten-id10926641.html

 

(Grafik: pixabay.de)

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