060// Omma, Schalke und eine merkwürdige Art der Fortbewegung …

Obwohl sie schon so lange tot ist, hab‘ ich meine Omma stets im Ohr: „Heul‘ ruhig, dann muss du nich‘ mehr soviel pinkeln“, riet sie des öfteren in Krisensituationen. Diesen Rat befolge ich heute sehr gewissenhaft und bilde mir ein, dass der Harndrang nach Heulkrämpfen tatsächlich deutlich weniger ausgeprägt ist 😉

Ich habe viel von und durch meine Omma (und ihre Fehler!) gelernt.

Omma wusste Bescheid – zumindest hat sie das alle glauben lassen.
Sie schimpfte, wenn ihr danach war. Sie sortierte Menschen aus, die ihr nicht gut taten. So schmiss sie den ersten Verehrer nach Oppas Tod achtkantig aus der Wohnung, nachdem dieser eine – in ihren Augen – anzügliche Bemerkung machte. „Der Saurühr!“, schimpfte sie,
„Dem werd‘ ich helfen!“

Sie war ungebildet, aber clever, dominant, aber liebevoll, pragmatisch, aber idealistisch.
Vor allem aber war sie stur, dickköpfig und furchtlos.
Sie trank gerne Bier und Schnaps, kochte hervorragend frische Eintöpfe und kaufte sich von Schuhen, die ihr gut passten, immer gleich 2-3 Paar. Laufen war wichtig, denn Omma und Oppa hatten kein Auto. Es wurde alles zu Fuß mit der Einkaufskarre erledigt.
Etliche Kilometer kamen so zusammen, wenn wir in die Innenstadt marschierten, um unserer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: „Leute gucken“. Das kostete nichts und machte Spaß!

Über ihre Krankheiten schwieg Omma, oder machte sich darüber lustig.
Die blau-weißen Kniegelenks-Stützen, die man ihr nach mehreren Stürzen für ihre Arthrose-Knie verpasst hatte, kommentierte sie mit: „Ich hab‘ Schalke“ und lachte sich schlapp dabei.
Tabletten, die der Arzt ihr verschrieb, landeten direkt im Müll.
„Kann er alleine fressen!“, spottete sie.

Für so viel Ignoranz gab‘ es später die Quittung in Form eines kapitalen Schlaganfalls, von dem sie sich nicht mehr erholen sollte.

Lerneffekt für mich: Medikamentenverweigerung nur nach eingehender Informationsbeschaffung über die vorliegende Erkrankung und Rücksprache mit vertrauenswürdigem Fachpersonal!

Bei Schutzbefohlenen (wie Kindern und Ehemännern ;-)) gilt es, doppelt und dreifach aufzupassen und nicht blind auf jeden inneren Impuls zu hören. Wenigstens darauf hatte auch Omma geachtet:
Bei meinem Oppa, der – wie ich erst als Erwachsene erfuhr – an Epilepsie litt, sorgte sie penibel dafür, dass er pünktlich seine Pillen nahm. Ok, ein langes Leben haben die ihm nicht beschert – er starb mit 63 an mehreren Herzinfarkten. Lerneffekt: Rauchen kann tödlich sein.

Omma warf sich lediglich einen Löffel brauner Kügelchen aus einer Art Kakaodose ein. Agiolax – Ein Abführmittel. Sehr beliebt bei älteren Damen und Essgestörten, wie ich später von einem Apotheker erfahre.
„Omma kann‘ nich‘ auf Klo“, erklärte sie immer, bevor die Kügelchen in einem Happs in ihrem Mund verschwanden. (In diesem fehlten ein paar Zähne, weil sie keinen Zahnarzt an sich ranließ. Ihr Vater hatte schließlich auch mit dem blanken Kiefer Nüsse geknackt, wie sie oft erzählte. Er war ein nicht besonders attraktiver, armer, kleingewachsener, aber immer fröhlicher, äußerst potenter Mann mit Segelohren, der keine Zähne brauchte, um 17 Kinder zu zeugen. 😀 )

Bis ins hohe Jugendalter stellte ich mir vor, wie Omma nich‘ auf Klo kann. Wie sie es immer wieder versuchte, sich auf die Klobrille zu setzen, um im letzten Moment von einer unsichtbaren Macht gedrängt seitlich oder nach vorn abzurutschen. Oder, wie sie sich nicht weit genug in Richtung Keramik runterlassen konnte, um sich gemütlich sitzend zu erleichtern.

Wegen „Schalke“, vermutete ich lange. 😀

Man hatte es in meiner Familie nicht so mit bedarfsorientiertem Lernen und pädagogisch wertvollen Erklärungen. So nahm ich (dem autistischen Spektrum verdächtig nahe) stets alle beim Wort und zog meine ganz eigenen Schlüsse.

Erst 13-jährig auf der HNO-Station eines städtischen Krankenhauses, in dem ich wegen eines Rhinolithen (eine Art Nasenstein) am Tag zuvor operiert worden war, lernte ich, was wirklich mit „Stuhlgang“ gemeint war. Es handelte sich doch nicht um eine merkwürdige Art der Fortbewegung … 😉

Nach dem Einlauf wusste ich jedenfalls, dass meine Antwort auf die Frage „Stuhlgang?“ in Zukunft immer „Ja.“ lauten würde … 😀

 

 

 

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