058 // Nicht aufgeben …

Der Tod ist mir ’ne Nummer zu groß.

Die Wörter, die mir sonst recht munter aus dem Kopf fliegen, kämpfen sich jetzt durch eine wabernde Masse aus verklebten Gedankensträngen und schmierig-zähen Gefühlsfetzen.

Ich zwinge mich, zu schreiben.

Zwinge mich, nicht aufzugeben, obwohl ich mit den Nerven am Ende bin und mir zwischendurch alles nur noch egal ist.

Ich zwinge mich, weil ich nicht aufgeben WILL.
Weil ich weiß, dass mein Neffe meine Schreibe und meinen – bisweilen dunkelschwarzen – Humor so mochte.

Er ist am 23.7.2017 kurz vor seinem 14. Geburtstag gestorben.

Plötzlich und vollkommen unerwartet war sein Leben vorbei.
Das ist unfassbar. Einfach unkapierbar. Der Tod eines Kindes ist nicht in unseren philosophischen Grundmustern vorgesehen. Die Omma mit über 80 gehen zu lassen, ist schwer, aber philosophisch ok. Ein Kind? Nichts fühlt sich falscher an.
Es ist so schwer, zu begreifen, dass auch dies zum Leben dazu gehören soll.

Die Trauer ist für mich aber nicht nur philosophisch und psychisch ein Problem. Für Leute wie mich, schlägt das direkt durch auf den Körper: Migräne, Schmerzen, Tinnitus und vor allem Erschöpfung … hoch zehn. Kein Wunder. Das eh schon dauerlädierte  ganze System ist mit einem Schlag überlastet.

Als wäre nicht alles schon schlimm genug, quält mich zusätzlich die Tatsache, dass ich mein eigenes Leid als nicht angemessen, irgendwie nicht ok empfinde. Für die Eltern ist ja alles noch viel, viel, viel schlimmer. Und schon sind sie wieder da: Die Schuldgefühle. Sie vermischen sich mit der Trauer und spielen volley zurück auf den jämmerlichen Rest meiner Psyche, die mit Angst, Panik, Verzweiflung und Selbsthass reagiert.

Das kenn‘ ich zwar schon (fast auf den Tag genau vor einem Jahr war meine Tante gestorben), aber es ist trotz eines gewissen Gewöhnungseffektes wirklich schwer, die Nerven zu behalten und Verständnis für mich selbst zu haben. Zwischendurch ist es sogar vollkommen unmöglich und ich schlittere von einer Panik- und Selbsthassattacke in die nächste. Scheiß-Schwäche, verfluchte!

Das, wovor ich seit Jahren fast jeden Tag Angst habe (plötzlicher Tod), ist tatsächlich geschehen. Nicht mir, nicht meinem Sohn oder meinem Mann, aber meinem Neffen, mit dem wir unter einem Dach gelebt haben. Das macht mich halb wahnsinnig.

Natürlich will ich jetzt stark sein. Will versuchen, zu helfen wo und wie ich kann. Es gelingt mir sogar ein bisschen, sagen die anderen. Mit Leid kenn‘ ich mich ja aus. :-/ Super. Mein kunterbuntes Sammelsurium an Übungen, Tricks und Methoden, um mit Panikattacken, Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit zu jonglieren, machen mich zum Experten oder zumindest versierten Laien.

Ich halte die weinende Mutter in den Armen und sage ihr, dass sie weinen darf, so laut und lange sie will. Mir selber verbiete ich es.
Ich helfe ihr durch Panikattacken hindurch, um danach an meiner eigenen zu verzweifeln. Was für eine kranke Scheiße …

Aber jetzt heißt es: funktionieren. Allein schon für meinen Sohn. Der Kleine weint auch nach drei Wochen noch viel um seinen großen Cousin – er war so eine Art Held für ihn: Ein sensibles Kampfsport-Ass mit Humor, unerschütterlicher Fröhlichkeit und Freundlichkeit. Der über 1,90 Meter große Junge fuhr mit meinem Sprößling Fahrrad, brachte ihm Kartentricks bei und interessierte sich aufrichtig für ihn. Er war Referenzklasse in Sachen Sozialkompetenz. Setzte sich für Schwächere ein, drängte sich nie in den Vordergrund und nahm Rücksicht auf alle und jeden. Erst wenn besonders uneinsichtige Artgenossen es zu bunt trieben, gab es eine angemessene und nachhaltige Reaktion … 😉 – Wenn ich mir ’ne neue Menschheit backen könnte: So müsste sie sein und alle hätten rote Chucks an. Denn, an dem Tag, an dem ich ihn kennenlernte, trug ich welche.
„Hey, die gleichen hab‘ ich auch!“, begrüßte mich der damals 9-Jährige fröhlich und ich fühlte mich willkommen. 🙂

Auf der Beerdigung trug ich die Chucks wieder. Mir egal, was andere vielleicht über die schlonzigen Schuhe dachten. Es fühlt sich eh alles falsch an.

Das Allerfalscheste ist, dass ein solcher Mensch nicht länger Zeit hatte, der Welt mehr von sich und seiner Persönlichkeit zu zeigen – sie mit sich zu bereichern und damit Hoffnung zu generieren.

Was bleibt, ist das Gefühl der Verbundenheit, die Erinnerungen, die Gedanken an schöne Momente. An sein Lachen, sein Leben und seine Liebe zu den Menschen, die ein Stück seines Lebens mit ihm zusammen gehen konnten.

Ich bin so dankbar, dass ich dazugehören durfte.

Das Letzte, was ich von meinem Neffen hörte und sah, war ein lässig gewunkenes „Ciao, Tanja!“ im Treppenhaus. Am nächsten Tag fuhr er in den Urlaub, aus dem er nicht mehr zurückkam.

Verdammt, es tut so weh.

Aber, ich mach‘ weiter – versprochen …

 

—————–

* Das Zitat aus dem Beitragsbild „Death inspires me like a dog inspires a rabbit“ stammt aus dem Lied heavydirtysoul von den twenty one pilots – eines meiner aktuellen Lieblingslieder und Teil der wirklich coolen Urlaubsplaylist meines Neffen.

Hier das Video: https://youtu.be/r_9Kf0D5BTs

 

Ein Gedanke zu “058 // Nicht aufgeben …

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden / Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden / Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden / Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden / Ändern )

Verbinde mit %s