Schlagwort: Radikale Erlaubnis

028 // Ode an Mike ;-)

Menschen, die alle ihre inneren Anteile anerkennen – auch und vor allem – die negativen, leiden weniger.

Ein Paradox auf den ersten Blick, doch wenn ich die negativen Gefühle zuerst anhöre, kommen automatisch positive hinterher. Wenn ich die negativen dauernd wegdränge oder ignoriere, bin ich damit so beschäftigt, keine negativen Gefühle zuzulassen, dass ich auch nix Positives mehr mitkriege. Ob das wohl einer der Gründe ist, warum einer Studie zufolge Sadomasochisten psychisch gesünder leben?

Alles ist Leben

Nun bin ich kein Experte für die Methode der Radikalen Erlaubnis, habe auch kein Seminar bei Mike Hellwig gemacht, obwohl diese im Vergleich zu anderen Methoden recht fairpreisig daherkommen. Was ich aber sagen kann: Er hat mir allein mit seinen Videos und drei seiner Bücher weitergeholfen – unter’m Strich ein Stück Heilung für knapp 30,- Euro. Dafür kann ich gar nicht genug Danke sagen.

Die immer größer werdende Verzweiflung, trotz allen Wissens um Methoden, wie Autosuggestion, positivem Denken, Imaginationsverfahren usw., keine nennenswerten Fortschritte zu machen, ließen meine Selbstzweifel, Unzulänglichkeits- und Schuldgefühle immer größer werden. Was ich im Stillen schon die ganze Zeit vermutete, wird endlich bestätigt. Von jemandem, der weiß, was ich grade durchmache und durchgemacht habe. Leid als Qualifikation – dem Hellwig nehme ich sein Konzept ab. Ich kann jedes Wort nachvollziehen und ich merke, er weiß, wie es sich in mir und jedem anderen mehr oder weniger traumatisierten Menschen anfühlt. Seine Arbeit verdient Respekt, auch wenn ich ihm nicht in alle Windungen seines Gehirns und Bauches folgen kann. Muss ich aber auch nicht.

Nach und nach gelingt es mir immer besser, mit Hilfe seiner Videos und der kleinen Audio-Sequenz, die er auf seiner Seite zur Verfügung stellt, mein Inneres zu erforschen und mache dabei einige wunderbare Erfahrungen. Nach Rückschlägen gibt es immer wieder Fortschritte. Energien, die ich früher dem Kämpfen geopfert hatte, werden frei für Anderes. Schönes!

Positives Denken macht uns zu Tätern

Autosuggestion und alle anderen Bewältigungsstrategien haben ihre Berechtigung, aber sie lösen keine Probleme. Sie sind maximal temporär nützliche Werkzeuge, um nicht kaputt zu gehen.

Langfristig erhöhen sie den Druck auf ihre Anwender, durch ihre Wirkungslosigkeit auf des Pudels Kern. Weil sie uns zwingen, das, was ist, zu leugnen. Sie zwingen uns im Grunde dazu, gegen uns selbst tätig und somit Täter zu werden. Wen wundert es da, wenn unsere inneren Kinder um so verzweifelter und rebellischer darum ringen, endlich wahrgenommen, endlich gehört und endlich mit dem anerkannt zu werden, was sie für uns getan haben?

Das lässt die Schreie der Kinder in uns nur lauter werden. Die Qual immer größer und uns selbst immer schwächer. Bis viele von uns aufgeben. Sich und die Hoffnung auf ein Leben in Frieden mit sich selbst verlieren. In Wahnvorstellungen, tiefe Depression oder verzweifelte Resignation verfallen. Unfähig, auch nur einen winzigen Teil von sich selbst je wirklich gefühlt zu haben. Unfähig, die vitalen Kräfte in sich als das wahrzunehmen, was sie sind: Sie sind das Leben.

Sie sind wir. Wir sind sie.

 

027 // „Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh’n.“* – Durchs Nadelöhr gehen.

Am Abend vor meinem Check-in in der Schmerzklinik finde ich Mike Hellwig und seine YouTube-Videos zum Konzept der Radikalen Erlaubnis.

Anfangs denke ich noch: Wer is‘ ER denn?
Seine Art zu reden ist stark gewöhnungsbedürftig, aber daran soll’s nicht liegen. Der sollte mich mal hören, wenn ich versuche, meinem Mann morgens um vier die Gedankenexperimente und Recherche-Ergebnisse meiner von Schlaflosigkeit geprägten Nächte vorzustellen.

Von dem Hamburger Therapeuten höre ich zum ersten Mal: Alles darf sein! Das ist der Schlüssel. Davon geht das Schlimme nicht weg, aber es ist weniger quälend und der einzige Weg zur Erleichterung, sagt er. Das passt zu meinen Erkenntnissen mit Fury.

Außerdem gefällt mir der Begriff: Radikal ist immer gut – es klingt nach Dynamik, Intensität und Selbstbestimmtheit – like! Erlaubnis … jo, da gucken wir mal … 😉

Ich experimentiere zunächst mit der Außenwelt:

„Hallo, dicke, nervige Scheißhausfliege am Fenster! Du darfst sein.“, sage ich zu dem dicken, grünmetallisch schimmernden Nervtöter.
Sie ist weiter und es ist ok. Ich schaue sie an, folge ihr mit dem Blick und nicke ihr freundlich zu. Sie darf da sein. Ein Teil in mir hat Mordgelüste. Ich sage: ‚Hallo, Mordgelüst. Ich nehme Dich wahr, Du darfst da sein.‘ Da kommt der nächste Teil und sagt: ‚Jetzt bist Du wohl vollkommen durchgeknallt?!‘ Ich sage: „Hallo, Zweifler, ja, ich verstehe Deine Zweifel. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass ein Teil von mir vollkommen durchgeknallt ist‘. Zu Mordgelüst und Zweifler gesellt sich eine Art distanziert cooler Ober-Checker: ‚Leute, jetzt lasst doch mal Fliege in Ruhe. Es gibt doch echt schlimmere Probleme hier.‘ Der innere ärztliche Dienst schaltet sich ein: ‚Aber das macht sie doch nur aus therapeutischen Gründen.‘ Ich komme gar nicht so schnell nach mit dem Begrüßen und Anerkennen. Ich forsche immer weiter, ob noch jemand was beizutragen hat.

Nach einer Weile fliegt die Fliege wieder raus. War gar nicht so nervig. Und aus dem anfänglichen Genervtsein ist eine Art kindlicher Spaß am Spiel mit den inneren Anteilen geworden.

Hallo, Angst!

So will ich es auch mit der Angst probieren.
Als es wieder so weit ist, lege ich mich hin, höre in meinen Körper und sage freundlich in Gedanken: „Hallo, Angst. Was willst Du, warum kommst Du jetzt?“
Die Angst sagt: Ich will, dass Du den Fokus auf Dich selber richtest. Du sollst Dich mit Dir beschäftigen. Guck Dir genau an, was in Dir ist.
‚Ein Brötchen mit Frischkäse und Gurkenschnipseln ist da. Meinst Du das?‘
Nein, das meint sie nicht. Sie merkt natürlich, dass ich sie verarsche und haut mir eine rein.
Ich weine. Bin sauer auf sie und sie auf mich. Zu Recht.

Ich probiere es wieder. Je öfter und länger ich meiner Angst zuhöre, ihre Motive und Rückschlüsse nachvollziehen kann, desto ungruseliger wird sie. Das ist zwar schon ganz hilfreich, aber die Radikale Erlaubnis setzt eigentlich woanders an: Im Körper. Genauer gesagt: Im Bauch. Dort, wo nach Hellwigs und anderer Leute Meinung das innere Kind und alle unsere emotionalen Anteile – gute und böse – sitzen. Sie alle haben nur ein Ziel: Gehört, gesehen und geliebt zu werden.

In den Körper hören ist keine neue Methode, aber die Zusammenhänge, wie Mike Hellwig sie erklärt, scheinen mir sehr plausibel. Sie erklären in einem simplen Modell alles, was ich brauche, um mit dem klarzukommen, was nun mal ist. Beruhigend: Es kommt weitestgehend ohne religiös ideologischen oder esoterisch-quaksalberischen Überbau aus. Es ist in sich schlüssig und das Wichtigste: Es hilft!

Alles, was Hellwig bei Befolgen seiner Methode prophezeit, tritt ein – zuverlässig und reproduzierbar.

Das Nadelöhr

Abends bekomme ich noch mal eine feine Schwindel-Migräne und Schmerzen. Die Gründe? – Ein halber Espresso, zwei Kugeln Vanilleeis und Gewitter. Zuviel!
Und schon ist sie wieder da: Die Angst zu sterben.
Aber diesmal will ich es anders machen. Mit Mike Hellwigs Säuselstimme im gedanklichen Ohr spüre ich in meinen Bauch: Chaos. Die Angst würgt mich von innen. Drückt mir die Eingeweide bis zum Hals.
Ich sage „Hallo, Angst“. Mache mich durchlässig. Gebe ihr einen Raum. Bin Gastgeber. Es dauert einen Moment. Sie wütet wie eine Irre. ‚Ja, wüte nur, ich bleib‘ hier und guck Dir zu.‘, sage ich in Gedanken. Ich bin schweißgebadet und mir laufen die Tränen aus den Augen. Aber diesmal schicke ich sie nicht weg. Diesmal kämpfe ich nicht. Auch Fury dreht durch. Er darf. Er kann ja nicht anders. Ich bleibe einfach ruhig stehen und betrachte ihn, fühle seine Aufregung und es ist ok. Irgendwann fange ich an zu zittern. Zittern ist in Ordnung. Der Körper kann so die Anspannung auflösen.
Ich weiß nicht, wie lange ich so liege. Irgendwann bin ich nur noch Angst und Schmerz.
Aber ich BIN. Das kann ich wahrnehmen. Ich genieße dieses Sein und lasse Angst und Schmerz sich austoben. Sogar den möglichen Tod akzeptiere ich. Es fühlt sich an, als würde ich große schleimige Steine kotzen. Fast ersticke ich daran. Es ist verdammt eng im Nadelöhr.

Dann – plötzlich – kommt da ein neues, anderes Gefühl dazu. Ich kann es nicht sofort glauben, weil ich jetzt als letztes damit gerechnet hatte: Es ist Zuversicht. Tatsächlich. Ich gucke mir das Gefühl noch mal ganz genau an. Es ist wirklich Zuversicht. Interessant und wunderschön. Ich freue mich und sage „Hallo, Zuversicht“. Sie wohnt direkt neben der Angst, lässt sie mich durch ein warmes, glattes, weiches Gefühl im Bauch wissen. Cool.

Ich bin tief beeindruckt und nehme mir vor, mit diesem Ansatz weiter zu forschen. Mike Hellwig hatte Recht: Die Angst bekam ihren Raum, war gesehen, begrüßt und gefühlt worden. Dann, plötzlich konnte ich noch andere Räume mit anderen Gefühlen sehen: Zuversicht, Erleichterung, Freude und Liebe!

*aus dem 80er-Jahre-Hit von einem ebenfalls von mir sehr geschätzten Mike: „Der Nippel“- von Mike Krüger 😀

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