Seit gestern gibt es auf Instagram eine tolle Aktion, die von der Userin freudmich ins Leben gerufen wurde. Eine Insta-Challenge, die an fünf aufeinander folgenden Montagen auf das Leben mit psychischen Erkrankungen aufmerksam machen und Stigmatisierung entgegen wirken soll.

Sie schreibt:

„ 17,8 Millionen Deutsche erkranken jährlich an einer psychischen Störung. Ob selbst betroffen, Freunde, Arbeitskollegen oder Familie: Wir sind alle entweder direkt oder indirekt damit konfrontiert.
Am Tag eins wollen wir darauf aufmerksam machen, dass psychische Störungen keine Seltenheit sind. Machste mit? ☺️ Poste dazu ein Bild mit der Zahl (17,8 Mio) und verwende den Hashtag #ichundmeinepsyche “
Quelle: instagram.com/freudmich

Ich habe natürlich mitgemacht – Ehrensache 😉

Gerade, weil ich weiß, wie schwer es fällt, die Fassade fallenzulassen. Es gibt noch so viele Vorurteile und Stigmatisierungen, die mit einer F-Diagnose gratis frei Haus geliefert werden, dass sich einem der Magen umdreht. (Das nennt man dann „psychosomatische Beschwerden“ ;-))

Vor ein paar Tagen noch, sprach ich mit einem Mann, der offensichtlich seit Jahren an Depressionen und allerlei somatisiertem Unbill leidet, sich dies aber niemals eingestehen würde, weil er unter anderem Angst hat, mit einer solchen Diagnose im Alter schneller entmündigt werden zu können.

Muss man mal kurz einwirken lassen …

Mich machen solche Aussagen sprachlos. Sie zeigen aber, das wir was tun MÜSSEN.

WIR, die wir uns äußern und zu Wort melden können, müssen aus’m Quark kommen und ins Licht der Öffentlichkeit treten, um zu zeigen, dass wir keine Aliens mit sieben Nasen und acht Ohren sind (dies schrieb ich auch so ähnlich einer Instagrammerin, die sich nach langem Überlegen doch dazu durchgerungen hat, ihr – wirklich hübsches – Gesicht zu zeigen).

Natürlich gibt es unter den psychisch Kranken auch Extremfälle oder Menschen, die mit Hirnanomalien auf die Welt gekommen sind, die sie daran hindern, sich „normal“ zu entwickeln. Auch gefährliche „Verrückte“ sind unterwegs – keine Frage.

In den allermeisten Fällen (das ist meine feste Überzeugung und Zahlen suche ich später noch) sind es aber nicht die Hirnkranken (zu denen ich mich aufgrund der Migräne genau genommen auch zählen müsste) oder die Psychopathen, die wir in den Statistiken der psychischen Krankheiten sehen, sondern es sind die ehemals „normalen“, liebenswerten kleinen Menschen, die man in die Welt gesetzt hat, ohne sie zu fragen, ob sie das unter den ihnen gegebenen Umständen überhaupt wollen.

Die sogenannte „Umwelt“, Menschen, denen wir unser Leben anvertrauen mussten, Menschen, die wir geliebt haben, Menschen, die uns enttäuscht, gequält und missbraucht haben, Menschen, die unsere Hilferufe ignoriert haben, Menschen, die uns als zu schwach aussortieren, haben uns zu dem gemacht, was wir heute sind: psychisch krank.

Auslöffeln können wir die Suppe in der Regel alleine.

Die meisten von uns schaffen das auch. Aber viele eben nicht. Psychische Erkrankungen enden oft tödlich, das sollte jedem klar sein. Nicht nur die Selbstmörder gehören zu den Opfern, auch ein großer Teil der Herz- / Kreislauf- und Krebstoten könnte noch leben, wenn ihre Psyche sie nicht noch zusätzlich geschwächt hätte – davon bin ich überzeugt (ohne belastbares Zahlenmaterial parat zu haben).

Hier jedenfalls mein Beitrag an Challenge-Tag 1:

„ Tolle Idee von @freudmich -
Ich mache mit! Für Aufklärung und Entstigmatisierung halte ich meine Rübe gerne ins Licht ... 😉 🙂 Das muss sein, denn WIR müssen uns nicht verstecken. WIR sind nicht Schuld an dem, wie es uns geht. WIR haben uns unsere Situation nicht ausgesucht, aber WIR müssen damit leben. Leider werden WIR immer mehr. Mal sehen, wie viele WIR noch werden müssen, bis auch der letzte verstanden hat, dass eine psychische Krankheit kein Zeichen von Schwäche ist. Ein Leben mit psychischer Erkrankung ist nichts für Weicheier: Es ist Kraftsport, Drahtseilakt, Marathon laufen, Jonglieren, Jagen, Angeln, Balancieren und: mit den Monstern kämpfen.
Jeden Tag. Jede Nacht.“