Schlagwort: Krankheitsgewinn

043 // Krankheitsgewinn III – jetzt mal konkret

Als Rentner auf Zeit, stehe ich weniger unter Druck, zu irgendwelchen Terminen zu kommen, Formulare auszufüllen und meine Krankheiten zu dokumentieren. Das ist ein großer Gewinn! Zumindest im Vergleich zu vorher. Im Vergleich zum Gesunden: Kein Unterschied. Der muss das alles auch nicht.

Aber ich will’s immernoch wissen. Wo ist mein Gewinn?

Bei Wikipedia heißt es:

Sobald ein Mensch die Rolle des Kranken einnimmt, kann er in der europäischen Kultur in der Regel davon ausgehen,

  1. von Alltagspflichten entbunden zu werden,
  2. Anteilnahme / Mitleid / Mitgefühl zu erfahren und/oder
  3. von seiner Umwelt schonend behandelt zu werden.
  4. wirtschaftliche Unterstützung von Sozialversicherungsträgern zu bekommen; der Kranke wird dadurch teilweise oder ganz von der eigenen Erwerbsarbeit entbunden.

 

Zu These 1:

„Kranke werden von Alltagspflichten entbunden“

Je nach Krankheit und vor allem je nach Persönlichkeitsstruktur KANN so was ein Gewinn sein – MUSS aber nicht!

Fakt: Wenn mir beide Beine amputiert wurden, kann ich davon ausgehen, dass ich den Müll nicht mehr runter bringen muss. Müll runter bringen macht keiner gerne.

Ist das jetzt ein Gewinn für den Beinamputierten? Freut der sich, dass er von dieser Alltagspflicht entbunden ist? Die meisten werden jetzt sicher schreien: So’n Quatsch, der arme Beinamputierte! (schöne Begriff-Kombination fällt mir grade auf ;-)) Der würde doch viel lieber seine Beine wiederhaben, der würd‘ doch gerne den Müll runterbringen, anstatt in seinem Rollstuhl zu sitzen und sich mit Phantomschmerzen zu plagen.

Wenn der Schmerzpatient mit Fibromyalgie den Müll nicht mehr runterbringen kann, dann schreien alle „Krankheitsgewinn“!

Wo ist da die Logik? Was soll das?

Das kann man jetzt endlos mit verschiedenen Krankheiten weiterspielen. Ich gucke mal auf mich:

Irgendwie sehe ich hier nichts, was sich von alleine regelt. Ich habe weder Geschwister noch Familienangehörige, noch Freunde oder Nachbarn (*lol*), die hier mal eben einspringen und mir irgendwas abnehmen. Mein Badezimmer und andere Räume bleiben so lange dreckig, bis ich alle paar Wochen oder Monate mal so gut drauf bin, dass ich auf allen Vieren mit ein paar Feuchttüchern das Schlimmste wegwischen kann. Ich schäme mich für den Zustand meiner Wohnung. Die Blicke und Kommentare von Schwiegermutter und Co. halte ich aus bis sie wieder nach hause gehen. Dann wird geheult.

„Kann der Mann das nicht machen?“, fragen jetzt viele. Nein, der Mann übernimmt das nicht. Das ist keine Kritik, sondern Fakt. Er ist berufsbedingt zwölf Stunden aus dem Haus. Wie immer schon, geht er einkaufen, kocht und kümmert sich um den „Außendienst“ – so wie es in vielen Familien läuft. Seit ich es nicht mehr kann, bringt er häufiger die Wäsche runter und wieder rauf. Er räumt öfter als früher das Geschirr in die Spülmaschine. Wenn ich ihn darum bitte, saugt er auch mal Staub. Wenn meine Mutter kommt (ca. 2-3 Mal im Jahr), putzt sie meine Fenster, den Hausflur, das Badezimmer und die Küche. Das war aber schon immer so – auch ohne Krankheit – wie in vielen Familien, die ich kenne.

Also, Summe Krankheitsgewinn zu 1: weniger Wäsche runterbringen / raufholen, weniger oft Geschirrspüler einräumen, kaum noch Einkaufen gehen.

Wirklich ein Gewinn?

Wenn ich arbeiten könnte, würde ich eine Putzkraft engagieren, dann wäre alles sauber und ordentlich und wir hätten mehr Zeit füreinander. Und: Ich würde die Wirtschaft ankurbeln. Das wäre ein Gewinn für alle.

Abgesehen davon: Andere finden das vielleicht toll, wenn sie dauernd den Arsch nachgetragen kriegen. Ich nicht. Ich leide darunter. Und zwar richtig. Das ist ein Teil meiner Persönlichkeit, von dem ich noch nicht weiß, wie pathologisch er ist.

Ich war immer eine extrem selbständige Person – und das war ich gerne und nicht ohne Stolz. „Geht nicht gibt’s nicht“, war meine Devise. Was ich nicht selber kann, kann ich lernen. Es ist nicht alles schlecht, was John Wayne, pardon: mein Vater 😉 mich gelehrt hat.

Was ich körperlich nicht schaffte, habe ich mit Technik ausgeglichen. Wenn meine Wand ein Loch hatte, fuhr ich in den Baumarkt, holte mir ’nen 25kg Sack Rotband und verputzte das. Wenn ich eine Schrankwand anheben musste, um einen neuen Teppich zu verlegen, gab es Hebel und Rollbretter. Man muss nur wollen. Ich brauchte niemanden und war am Ende immer stolz auf das, was ich geschafft hatte. Um Hilfe fragte ich nur im äußersten Notfall. Ich krabbelte auch auf allen Vieren die Treppe hoch, wenn mir die Knie weh taten. Das geht auch. Hauptsache es läuft alles irgendwie weiter. Das ist in diesem Ausmaß nicht richtig – das weiß ich mittlerweile, aber die Selbständigkeit machte mich aus. Ich kenne mich mit vielem aus, weiß für fast alles eine Lösung und früher konnte ich auch die Umsetzung meistens selbst übernehmen. Da tut es weh und ist kein Gewinn, wenn davon nichts mehr übrig ist.

Für andere (vor allem Frauen) ist es vielleicht normal, wenn sie für jeden Pups ihren Mann rufen, für mich ist das Erniedrigung, Abwertung, Schwäche und Hilflosigkeit und somit vor allem eins: kein Gewinn.

Ich leide darunter, wenn ich allen nur noch Klotz am Bein bin – selbst wenn ICH es nur so empfinde. Nicht mal ein paar Schrauben kriege ich in die Wand. Für jeden Scheiß muss ich jemanden um Hilfe bitten. Da lass ich es lieber ganz. Das damit verbundene Chaos und der Verfall, die vielen nicht umsetzbaren Ideen setzen mich weiter unter Druck. Das wird zwar langsam besser, aber schön ist das immer noch nicht. Meine wunderschöne Schlagbohrmaschine, die ich mir nach der Trennung von meinem ersten Mann zur Belohnung gekauft hatte, liegt in ihrem Futteral. Und liegt … und liegt … und liegt … aber sie zu verschenken, bringe ich (noch) nicht über’s Herz, vielleicht wird’s ja mal wieder was mit uns …

Also mit der Bohrmaschine nicht mit dem Ex-Mann! ;-D

Zu These 2:

„Anteilnahme und Mitgefühl“

Wer? Wo? Wann? Woher sollte das kommen? Ich hab‘ doch nie was gesagt. Hier war und ist niemand, der mich bemitleidet. Krank bin ich trotzdem. Wirklich nachvollziehen kann meine Situation sowieso nur jemand, der ähnliches erlebt hat. Mittlerweile würde ich mich zwar freuen, wenn mal jemand ehrlich sagt: „Mensch, das tut mir leid, dass es dir so geht“, aber wie oft kommt das vor? Wenn ich früher mal was gesagt habe, hieß es in meinem Umfeld entweder „krank mit Ansage“ oder „die hat keinen Bock“, oder „jammer nich’“ – so sah mein Mitgefühl aus.

Jetzt habe ich kaum noch Sozialkontakte. Deren Mitleid ist mir eher unangenehm. Mein inneres Programm lief so, dass es streckenweise für mich sogar schlimm war, wenn mir jemand „Gute Besserung!“ gewünscht hat. Das hat mir ein schlechtes Gewissen gemacht, weil es mich mit einer „Genesungserwartung“ konfrontiert hat, die ich nicht erfüllen konnte. Ich habe darunter gelitten. Das ist kein Gewinn. Das ist einfach nur krank.

Am meisten hilft mir persönlich, eben nicht als Krüppelchen gesehen zu werden. Die Menschen, die mit mir lachen, die mich noch als vollwertigen Menschen anerkennen und sich mit mir über meine Gebrechen lustig machen, tragen mich damit durch die schlimmen Zeiten. Die, die mir trotzdem das Gefühl geben, gebraucht zu werden und nicht nutzlos zu sein – das ist mein Gewinn. Diese Menschen habe ich aber schon vor den Diagnosen gehabt und ich bin ihnen unendlich dankbar.

Ob jemand Anteilnahme und Mitgefühl von anderen als Gewinn empfindet, hängt eben von vielen – vor allem persönlichen – Faktoren ab. Ich kenne auch Menschen, die brauchen das Mitleid und die Anteilnahme anderer, um sich wichtig zu fühlen. Ich gehöre nicht dazu. Mir hat man beigebracht, dass es Anerkennung und Aufmerksamkeit – „Liebe“ – nur bei Leistung gibt. Das kann man nicht einfach aus einer Person löschen. Ich konnte mich nur ehrlich freuen, wenn jemand meine sichtbar, objektiv vorhandenen Erfolge lobte.

Halt: Etwas habe ich vergessen. Nach ca. 2 Jahren Krankheit hat jetzt auch meine Mutter kapiert, dass das schlimm ist, was ich habe. Dieses Mitgefühl sehe ich aber eindeutig als Gewinn für sie – mir bringt das nichts mehr – für mich hat das im Grunde keine Bedeutung mehr. Ich nehme es zur Kenntnis und finde es erstaunlich. Da wir uns nur ein paar Mal im Jahr sehen, ändert das für meinen Alltag nichts.

Bei meinem Vater bin ich mir nicht sicher, ob der noch irgendwas merkt. Die Schmerzen, die man nach der Venen-OP hat (also mein subjektiv kleinstes Problem), stufte er aus eigener Erfahrung als schlimm ein. „Ouh. Ja, das tut weh“, waren seine Worte. Die Bilder von der Zwerchfell-OP fand er auch beeindruckend. „Ouh“, sagte er. Da kann man sich schon was drauf einbilden, wenn er „Ouh“ sagt. ;-D

Die ganze Psycho-Scheiße existiert für jemanden wie ihn nicht. Wenn es einem für ihn nachvollziehbar, emotional schlecht geht (also eventuell beim Tod eines Elternteils), hat der maximal „’nen Moralischen“.

These 3:

„Von der Umwelt schonend behandelt werden“

Ich lach‘ mich tot.
Wie ein Blick in diverse Blogs, Foren und Leserbriefe zeigt, bin ich nicht die einzige, die aufgrund von häufigen Fehltagen im Job gemobbt und als Verpisser gehandelt wurde. Die Berichte von Betroffenen summieren sich. Kein Schwein interessiert sich dafür, wie es den anderen geht, wenn alle unter Druck stehen. Die sind doch alle froh, wenn sie einen haben, der nicht da ist. Der isses dann gewesen – da haben doch alle was davon und jeder ist nur noch froh, dass er’s nicht ist, der da belästert wird.

Ämter und Behörden nehmen null Rücksicht auf irgendwas. Du hast zu funktionieren. Pünktlich deine Anträge einzureichen und zu Terminen zu erscheinen, wie es vorgegeben ist. Was dieses System vor allem psychisch Kranken antut, ist die reinste Körperverletzung – mindestens fahrlässige, wenn nicht gar vorsätzliche. Wenn ich mir amtsärztliche Praktiken anschaue, wird mir schlecht vor Wut: Da sitzen Ärzte, die um die Mechanismen und Folgen ihrer „Urteile“ wissen. Die wissen ganz genau, was ihre „Gutachten“, die sie in vielen Fällen ohne ein persönliches Gespräch mit dem Kranken erstellt haben, in jemandem mit Depressionen, Angst oder anderen Erkrankungen auslösen können – und trotzdem bescheinigen sie wer weiß was für Leistungsfähigkeiten oder Heilungschancen. Eiskalt berechnend, um möglichst viele, die sich nicht (mehr) wehren können, in die unterste Stufe des Sozialsystems zu packen: HartzIV. Wer etwas anderes behauptet, hat keine Ahnung, was in diesem System abläuft.

Kein Mensch nimmt Rücksicht. Vielleicht ist das anders, wenn Krankheiten sichtbarer sind. Aber soll ich mir meine OP-Bilder und den Behindertenausweis um den Hals hängen? Vielleicht auf’s T-Shirt drucken? (Memo an mich: T-Shirt-Idee später noch mal aufgreifen. ;-))

„Ja, und?“, werden die meisten dann sagen. Gibt Schlimmeres. Jammer nich‘ rum, Wichtigtuer oder bekloppt heißt das dann.

These 4:

„Leistungen der Sozialversicherungsträger“

Vorweg: Mir geht’s finanziell vergleichsweise gut. Wir leben in Deutschland, da muss keiner verhungern. Klarer Fall. Trotzdem will mir nicht einleuchten, wo da ein Gewinn ist, wenn ich 400,- Euro weniger im Monat habe als zu „Arbeitszeiten“ (in Teilzeit). Dann gehen noch ca. 200,- Euro jeden Monat für Therapien, Zuzahlungen und Medikamente runter, unter anderem, weil nicht alles, was wichtig ist für mich (z.B. Magnesium, Vitamin B2), von unseren Krankenkassen übernommen wird, aufgrund von Budgetierung nicht mehr von Ärzten im notwendigen Umfang verschrieben wird (z.B. Krankengymnastik) oder aufgrund von geeigneten Therapieplatzmangel zur Verfügung steht (Psychotherapie).

Ich habe großes Glück, dass ich während meines Studiums viel gearbeitet hatte. Zu Studienzeiten hatte ich einen gut bezahlten, rentenversicherungspflichtigen Job. Danach konnte ich lückenlos in die Rentenkasse einzahlen und bekomme sogar noch etwas aus der Pensionskasse meines letzten Arbeitgebers. Auch die Teilzeitarbeit, während mein Sohn in den Kindergarten ging, kommt mir zu Gute. Deshalb will ich mich über meine Einkünfte nicht lauthals beschweren.

ABER:

Die Realität für die meisten anderen Erwerbsminderungsrentner sieht anders aus:

Eine erwerbsgeminderte Frau in Westdeutschland bekam 2015 durchschnittlich 640,- Euro!

(Quelle: http://www.sozialpolitik-aktuell.de/tl_files/sozialpolitik-aktuell/_Politikfelder/Alter-Rente/Datensammlung/PDF-Dateien/abbVIII47.pdf)

Das ist doch keine soziale Absicherung, das ist der absolute Ruin!
Meistens für die ganze Familie!

Eine Kranker in der Bedarfsgemeinschaft reißt ja alle mit. Nicht nur finanziell, auch mental: Mein Mann steht jetzt auch viel mehr unter Druck als vorher. Er muss durchhalten, sonst sind wir komplett ruiniert.

OK, es gibt Frauen, deren Lebensmodell genau DAS vorsieht: Einen Mann, der bis zum Umfallen für Madame und ihre Mätzchen ackern geht und kurz nach Renteneintritt abdankt, um die Bahn frei zu machen für ihr „richtiges Leben in Freiheit“.

Das ist hier nicht so. Ich habe jeden Tag, wenn der Wecker um 4:30 Uhr geht, ein schlechtes Gewissen. Mein Mann muss los, ich kann (oder muss) liegen bleiben. Das finden andere vielleicht schön – ich nicht. Früher hat er mir jeden Morgen vor der Arbeit einen Espresso ans Bett gebracht und wir haben uns kurz unterhalten, DAS war schön. Heute vertrage ich keinen Espresso in der Früh mehr und ich bin froh, wenn ich um halb fünf wieder für ’ne Stunde einnicken kann, nachdem ich seit 3 Uhr wachgelegen habe.

Nun, ich persönlich habe die Hoffnung, dass das für mich nicht das Ende der Fahnenstange ist. Mit ein bisschen Glück, bin ich irgendwann wieder so weit, dass ich wieder arbeiten kann und finanziell zumindest etwas wieder „aufholen“ kann. Andernfalls kann ich nur hoffen, dass mein Sohn doch noch recht dumm gerät, damit er nicht so lange zur Schule gehen möchte, denn das werde ich so nicht finanzieren können.

Sämtliche Ideen zur Altersvorsorge und Absicherung meines Sohnes stehen mit meiner Erwerbsminderungsrente auf der Kippe. Eine Lebensversicherung, die ihn nach meinem Ableben absichern würde, nimmt mich schon lange nicht mehr.

Ich sehe jeden Tag im Spiegel einen Total-Versager, der es nicht schafft, mit seinem Kind schwimmen zu gehen, oder regelmäßig beim Elternabend zu erscheinen. Geschweige denn, seine Zukunft abzusichern. Ich fühle mich wie ein Betrüger und schäme mich für meine Unfähigkeit.

Das ist kein Gewinn! Das ist Scheiße!

041 // Krankheitsgewinn II – Sekundär oder doch eher trivial?

Laut Wikipedia steht der sekundäre Krankheitsgewinn (äußerer Krankheitsgewinn) für die objektiven und/oder subjektiven Vorteile, die ein (tatsächlich oder vermeintlich) Kranker aus seiner Krankheit bzw. die ein Patient aus seiner Diagnose zieht.

Wann immer ich von diesem ominösen Krankheitsgewinn lese oder höre, krampfen sich diverse Teile in mir zusammen.

Die einen sagen: „Ja, weil die Recht haben!“
Die anderen sagen: „Nein, das stimmt nicht!“
Dann gibt es meinen Verstand, der sagt: „Das kann man doch so alles gar nicht sagen! Das ist zu pauschal, das ist zu undifferenziert. Die Begriffe, die verwendet werden, sind zu ungenau. Das ist doch individuell vollkommen anders zu betrachten!“

Ja, das ist es, was mich umtreibt.

Das unreflektierte Gesabbel vom sekundären Krankheitsgewinn aus dem Elfenbeinturm der Nichtbetroffenheit und des Desinteresses, bei dem anhand von Diagnoseschlüsseln über Motivation und Verhalten von Menschen geurteilt wird. Es macht mich wütend, wenn in diesem Pauschalisierungswahn so getan wird, als wisse man Bescheid, was bei einer Familie und in den Betroffenen abläuft, sobald eine Diagnose in der Krankenakte steht, zumal ja noch nicht mal immer geklärt ist, ob das denn alles so stimmt mit diesen Diagnoseschlüsseln.

Ganz wichtig: Ich bestreite nicht, dass es krankheitserhaltende Faktoren auf mehreren Ebenen gibt. Ich erwarte von Ärzten und Mitmenschen nur eine unvoreingenommene, individuelle Draufsicht, die im Austausch mit dem Kranken diese eventuell bestehenden krankheitserhaltenden Faktoren aufzuzeigen hilft, um dann zu schauen, welche man vielleicht auflösen kann und welche vielleicht (noch) nicht aufzulösen sind.

Mein Eindruck: Das Argument des sekundären Krankheitsgewinns wird heute oft als Erklärung für erfolglose Therapien von wenig erfolgreich behandelnden Ärzten und sonstigen Heilern und Therapeuten herangezogen, wenn sie nicht weiter wissen.

Frei nach dem Motto: Waaas?! Meine tolle Therapie oder das tolle Medikament hilft nicht? Das kann nur am Patienten liegen.

Nicht die Tatsache, dass jemand Recht haben könnte, lässt mich so wütend werden, sondern der Nimbus der Unfehlbarkeit und diese menschenverachtende Arroganz, die bei dieser Einstellung mitschwingt.

In der „Heiler-Szene“ gibt es da die Gipfel der Unglaublichkeiten, die ich an anderer Stelle nochmal aufgreifen werde. Leute wie Dahlke oder Hamer, die es mit ihren „Schicksalsgesetzen“ (Dahlke) und der „Neuen Germanischen Medizin“ (Hamer) und ihren kruden Ideen so weit treiben, dass ich mich frage, wie die morgens noch in den Spiegel gucken können.

Aber jetzt noch mal GANZ GRUNDSÄTZLICH:

Ein Gewinn liegt vor, wenn man NACH Bilanzierung (also unter’m Strich) ein Plus erwirtschaftet. Sonst nicht. Sonst handelt es sich lediglich um einen Posten, den ich entweder als Bonus oder Malus auf meine Rechnung setzen kann.

Es gibt Krankheitseffekte, aber die muss man wertfrei und ohne unterschwellige Schuldzuweisungen beschreiben können. Dann führt das sogar manchmal zu einem besseren Krankheitsverständnis beim Betroffenen und hilft damit, mit der Situation besser umgehen zu können. Heilung nicht ausgeschlossen!

VORSICHT IRONIE!

Effekte, die zum Beispiel Geld einsparen:

Manchmal dusche ich zwei Wochen nicht – vor Erschöpfung, vor Schmerzen oder aus Verzweiflung. Das ist ein Gewinn: Es spart Duschgel und Wasser.

Meine Haare fallen dauernd aus. Da spare ich doch das Geld für Shampoo und Friseurbesuche! Wieder was gewonnen!

Ich kann nicht mehr laufen. Das ist doch günstiger, weil ich mir dann nicht so oft schöne Schuhe kaufen muss. Meine Lieblingspumps und meine Hochzeitsschuhe hab‘ ich letztens verkauft, weil ich nicht mehr drin laufen kann. Ergebnis: 105,- Euro Plus in der Kasse! Das ist doch Gewinn!

Ich gehe nicht mehr raus, nicht mehr ins Kino, nicht mehr auf Partys, nicht mehr auf Konzerte, nicht mehr Essen. Das spart soooo viel Geld.

Gewinne, Gewinne, Gewinne … herrlich! 🙂

Und neulich: Schenkt mein Mann mir doch tatsächlich eine wunderschöne Marimekko-Tasche, weil ich keine passende für meinen Physiotherapie-Kram hatte. NIEMALS hätte ich diese schöne Tasche bekommen, ohne meine Krankheit! NIEMALS hätte ich das weißgetupfte finnische Designerstück locker über der Schulter liegend über den Physiotherapieparkplatz hinter der Tankstelle tragen können. NIEMALS hätte mein Mann mir Geschenke gemacht, das tut er nur, weil ich so schön krank bin!

Merkse selber, nä?! 😉

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