Schlagwort: Krankenhaus

015 // Krank aber glücklich

Wer schon mal auf der Neurologie lag, stellt schnell fest, dass hier die Uhren anders ticken. Ein Universum für sich, denn hier treffen sie sich: Die Grenzfälle menschlichen Bewusstseins. Ich bin mittendrin.  Genauso grenzwertig bewusst unterwegs wie alle anderen.

Zur Abklärung eines Anfalls liege ich mit meinem Höllen-Schwindel auf Zimmer Nr. 6 mit Linda und Michaela*. Linda hat Epilepsie und diverse psychische Probleme. Zwischen uns liegt völlig apathisch Michaela: eine altersmäßig schwer schätzbare Patientin mit Down-Syndrom, die zwar nicht sprechen, aber sehr laut brummen kann.

Rund um die Uhr stößt sie unvermittelt Schreie aus, die sich anhören wie ein balzender Pfau. Ich rede dann mit ihr. Sage ihr, dass alles gut ist. Beruhige damit in Wirklichkeit mich selbst. Ich habe keine Ahnung, ob Michaela mich versteht. Auf jeden Fall sieht sie mich an, hört auf zu schreien und brummt wieder. Manchmal lächelt sie, wenn ich mit meinem grünen Plüsch-Frosch ihr rosa Frottee-Schaf anstupse und dabei „Hallo“ sage. Ich mag Michaela, aber unsere Beziehung wäre schöner, wenn sie leiser wäre – oder ich taub.

Wenn Linda nicht gerade in einem seltsam weggetretenen Zustand ist (liegt an den Medikamenten, sagt sie), kann man sich sehr gut mit ihr unterhalten. Sie ist gebildet, witzig und lebenserfahren. Ich erschrecke ein bisschen, als sie mir erzählt, dass sie sich selbst unter Betreuung stellen lassen möchte. Sie kriegt nichts mehr geregelt und hat niemanden, der ihr helfen kann, sagt sie. Mehrmals. Ohne jede erkennbare Gefühlsregung. Liegt auch an den Medikamenten, denke ich. Nicht mal Wechselklamotten kann ihr jemand bringen.
Von ihr höre ich zum ersten Mal von Topiramat.
Sie warnt mich eindringlich davor. Das hätte sie total kaputt gemacht.
Ihre Warnung vergesse ich nicht.

Ein Blick in die Zukunft

Nachdem sie mir ihre ganze Lebensgeschichte erzählt hat, bin ich mir sicher: Wenn ich mich nicht sehr schnell und sehr gewissenhaft um meine Probleme kümmere, wird genau DAS meine Zukunft sein: weitere Medikamenten-Experimente, psychiatrische Einrichtungen, kompletter Autonomie-Verlust, totaler Zusammenbruch: Good bye Familie.

Am nächsten Tag rufe ich meinen Psychotherapeuten an und schildere meine Sorgen. Er beruhigt mich. Ich hätte genug Werkzeug, um jetzt hier drin erstmal klarzukommen und dann schauen wir weiter, wenn ich wieder zu hause bin, sagt er. OK. Ich verlass‘ mich drauf und gehe stoisch meine Übungen und Werkzeuge durch:

Akupunktur-Ring zur Fokus-Umlenkung bei aufsteigender Angst, Pika-Pika-Atmung, Hypnose-App, Schmetterlingsumarmung, breitbeiniger Gang bei Unruhe. Hier falle ich damit nicht unangenehm auf. Unbestaunt gehe ich sechs mal täglich die Treppen hoch und runter und zwanzig mal den Gang auf und ab, um meine Venenklappen und mein Gleichgewichtsorgan nicht ganz zu vernachlässigen.

Nach einer Woche heißt es: Sie dürfen morgen nach Hause. Meine Tasche steht eine viertel Stunde später gepackt neben meinem Bett.

Die letzte Nacht ist nochmal hardcore:

Mein Gesicht brennt, pocht und sieht nach der ganzen Aufregung und den Medikamenten aus wie ein Schälchen billiger Lachs-Ersatz … ausgekotzt … vor 3 Tagen. Der schöne Name Rosacea täuscht – es sieht nicht schön aus!

Einer der Männer im Nebenzimmer brüllt laut, er hätte eine Bombe im Kopf.

Linda fängt plötzlich an zu zappeln. Krampft. Ich versuche, schnell das Gitter an ihrem Bett mit Kissen zu  polstern, damit sie sich nicht weh tut und klingle nach der Schwester. Minutenlang passiert nichts. Keine Ahnung, was ich machen soll.
Als mir alles zu viel wird, renne ich im Nachthemd auf den Flur zum Schwesternzimmer. Zwei mir unbekannte Pfleger stehen da und gucken mich gelangweilt an.
„Können sie bitte schnell kommen, meine Zimmernachbarin hat einen epileptischen Anfall.“, sage ich aufgeregt.
„Jo, wir guckn gleich mal.“, sagt das Jüngelchen mit der pickligen Stirn.
„Nein, sie gucken JETZT. Ich bin damit total überfordert. Ich hab‘ Angst. Die fällt aus dem Bett!“, herrsche ich ihn an.
Der andere verdreht die Augen, schlurft dann aber los in unser Zimmer.
Linda zappelt immernoch. Die Wasserflasche und das Telefon hat sie vom Tisch gefegt. Der Pfleger friemelt ihr ein kleines Plättchen in den Mund. Tavor (ein Beruhigungsmittel), wie ich später erfahre. Nach ein paar Minuten hört Linda auf zu zappeln und schläft ein.

Michaela brummt.

Mein Ohr fiepst.

Ich will nach Hause.

Als endlich Ruhe ist, wiege ich mich mit meinem nach Lavendel-duftenden Plüsch-Frosch im Arm, sehr leise singend vor und zurück. „Mein Vati hat drei grunzende Schweine“ singe ich in mich hinein. In Dauerschleife …
‚Wenn mich jetzt einer sieht, komm‘ ich hier nie wieder raus‘, denke ich.
Linda schnarcht.
Michaela wird unruhig.
Ich singe etwas lauter. Sie brummt. Dann schläft sie ein. Ich glaub‘, ich auch.

Um 8:30 Uhr ist es vorbei. Ich gehe nach Hause.

Zum Abschied gebe ich Linda meinen Akupunktur-Ring, je zwei frische T-Shirts, Jogging- und Unterhosen zum Wechseln. Sie bedankt sich freundlich aber emotionslos. Wir wünschen uns alles Gute.

Im Auto breche ich in Tränen aus. Nur noch weg hier. Zu Hause gibt es Gruppenkuscheln mit Mann und Kind. Unter der Dusche sehe ich, wie meine Haare büschelweise ausfallen.

Ich bin krank, aber unendlich glücklich in diesem Moment …

 

*Namen geändert

013 // Strike … äh Stroke Unit

Wenn du nicht mehr vernünftig sprechen, sehen und laufen kannst und Höllenschmerzen im (Hinter-)Kopf hast, klingeln bei allen mindestens durchschnittlich ausgebildeten Ärzten die Alarmglocken: Verdacht auf Schlaganfall.

Mit diesen Symptomen schleppe ich mich wie ein angeschossener Robocop stammelnd und maximal panisch in die Praxis meines Hausarztes. Keine zehn Minuten später liege ich auf der Pritsche im Rettungswagen. Ziel: Neurologie. Meine chronologisch korrekte Erinnerung setzt wieder ein als ein netter, sehr souverän wirkender Doktor ohne Haupthaar die Koordination meiner Arme und Beine checkt.

„Nicht 100%ig, aber schon besser.“, sagt er.
Ich spüre meine Oberlippe und obere Wangenpartie nicht richtig und kann deshalb nur nuscheln: „Waschisch mimi?“, frage ich.
Er tätschelt mein Knie: „Ich tippe auf Basilarismigräne, aber wir gehen auf Nummer Sicher.“
Nummer Sicher heißt: Intensivstation – Stroke Unit. Vollverkabelung, Heparintropf. Ich stehe bzw. liege irgendwie neben mir.

In dieser Nacht schlafe ich nicht. Die Stroke Unit befindet sich unterm Dach des alten Klinik-Gemäuers. Draußen stürmt und gewittert es.

Durch die drei quadratischen Fenster hab‘ ich ’nen tollen Panoramablick in die von Blitz und Donner verquirlten Wolken. Überall pfeift der Wind durch’s Gebälk. Die Schiebetür zum Nachbarzimmer schlägt in den Führungsschienen hin und her. Ich stelle mir vor, ich wäre auf der Pequod, dem Schiff, auf dem Kapitän Ahab hinter Moby Dick, dem weißen Wal, herjagd. In Herman Melvilles Roman geht das Schiff unter … alle saufen ab … bis auf einen: Ismael. Der will ich sein.

Nach EEG, Blutuntersuchung, Herzlabor und Langzeit EKG und ein paar Tagen auf der Neurologie nimmt jemand das Damokles Schwert über mir weg.
Die Diagnose steht nun fest: Basilarismigräne. Therapie: Wahrscheinlich nicht möglich, aber man solle es mal mit einer Prophylaxe probieren. Propranolol – ein Betablocker. Und dringend zum Facharzt zur Weiterbehandlung. Ok.

„Was mache ich, wenn das wieder losgeht?“, frage ich den netten Oberarzt noch.
„Hinlegen und abwarten.“, sagt er aufmunternd lächelnd bevor er mit wehendem Kittel und seiner kleinen Entourage aus Schwestern und den zwei netten Assistenzärztinnen das Zimmer verlässt.

Zu Hause beginne ich zu recherchieren.

Stelle fest, es gibt sehr wenig Handfestes. Fasse den Entschluss, selbst zu sammeln und irgendwann zu veröffentlichen …

003 // Roboter mit Senf – Neulich in der Notaufnahme (I)

Wie oft denke ich, wenn diese scheiß-arroganten, selbstherrlichen Medizinaffen ihren Job richtig gemacht hätten, wäre mir einiges erspart geblieben …

Dann hätte ich nicht nur früher gewusst, dass es sich bei meinen Anfällen „nur“ um eine Mischung aus Basilarismigräne und Panik handelt. Ich hätte sie weder in irgendwelchen Notaufnahmen belästigt, noch hätten sich meine Selbstzweifel und Schuldgefühle immer mehr in meine eh schon kranke Seele eingebrannt. Diese besonderen Exemplare medizinischer und menschlicher Nullnummern tragen eine gewaltige Mitverantwortung dafür, wie es mir und vielen anderen Menschen mit ihren Krankheiten geht. Mit einer Mischung aus Dummheit, Ignoranz, Selbstherrlichkeit, Vorurteilen und Verantwortungslosigkeit nehmen sie zumindest billigend in Kauf, dass es Menschen, die ihre Hilfe brauchen, nach der Begegnung mit ihnen noch schlechter geht als vorher.

Dafür können wir sie in aller Regel nicht offiziell zur Rechenschaft ziehen, aber wir können es anprangern. Wir können machen, dass andere Menschen davon erfahren, was sie anrichten. Das mache ich jetzt.

Leben müssen wir sowieso alleine damit. Jeden Tag, meistens unser Leben lang.
Ja, ich weiß, es gibt eine unzählbare Menge von Arschloch-Patienten und andere haben viel schlimmere Probleme als ich, aber DAS ist eines von meinen und um die geht es hier.

is‘ mir egaaaaal, egaaaal

Als noch niemand meine Basilarismigräne erkannt hatte, lande ich mit einem Anfall ungeklärter Ursache in der modernsten Notaufnahme unserer Stadt. Mit dabei ein Sammelsurium aus beängstigenden Sinneswahrnehmungen und – ausfällen, extremem Schwindel, Ohrgeräuschen, Bein-Lahmheit, Koordinierungsstörungen und Todesangst.

Ich erinnere mich schemenhaft daran, wie ich auf ein schmales Bett, eher eine Liege, verfrachtet werden. Das erste, was ich wieder relativ klar und deutlich höre und sehe, ist eine dunkelhaarige Schwester: „Blutdruck is‘ Scheiße!“, sagt sie und sprüht mir etwas in den Mund. Nitro-Spray. Bei 190/130 eine gute Idee.

Ich bekomme einen ekelhaften Druck im Hinterkopf. Als ob das Gehirn sich plötzlich aufbläst. Ich will was sagen. Kommt aber nichts raus. Zwischen Oberlippe und Augen spüre ich nichts. Ich rechne fest damit, jetzt gleich zu sterben. Die Schwester geht raus. Ich rufe um Hilfe. ‚Lasst mich nicht alleine!‘ Dabei gebe ich keinen Ton von mir.
Die Tür geht auf. Die Feuerwehr kommt rein. ‚Krass‘, denke ich, ‚Telepathie!‘
War aber wegen Herrn S. auf einer Roll-Pritsche. Er atmet schwer und pfeifend. ‚Helft ihm doch!‘,  schreie ich – wieder ohne, dass etwas zu hören ist. Immer wieder drehen sich meine Augen von selber irgendwohin. Ich kann nicht fokussieren, was mit Herrn S. passiert. Ich höre, wie er röchelt. „Ganz ruhig, Herr S. – kommt gleich jemand“, sagt eine männliche Stimme. Herr S. wird lauter. Kämpft um jeden Atemzug. ‚Der hält nicht mehr lange durch, Mann!‘ , denke ich. Jetzt hab‘ ich Angst um Herrn S. und davor, dass ich gleich mitkriege, wie jemand stirbt noch bevor ich selbst sterbe.

Drei Weißbekittelte kommen rein. Hantieren an Herrn S. rum. „So, jetzt wird’s gleich besser, Herr S.“, sagt ein dunkelhaariger Arzt.
Ich sehe nicht, was sie mit ihm machen. Ganz langsam wird Herr S. ruhiger. Atmet wieder rhythmischer, wenn auch immer noch pfeifend. Dann sind wieder alle verschwunden. Bis auf einen Feuerwehrmann, der irgendwelche Zettel ausfüllt.
Ich singe in Gedanken, um mich zu beruhigen: ‚… is‘ mir egaaal‘, egaaal‘, is‘ mir egaaal, egaal‘, rezitiere ich nach innen. ‚Roboter mit‘ „Seeeeenf“‚, is‘ mir egaaal’* – Ups! Hatte ich Senf jetzt laut gesagt?! Der Feuerwehrmann guckt mich an. „Ham‘ Sie was gesagt?“
„ANST“, nuschel‘ ich. Wie peinlich. „Sie brauchen keine Angst zu haben, wird schon alles gut. Der Doktor kommt auch gleich zu Ihnen“, beruhigt mich der Lebensretter und geht raus. Ich versuche ein Lächeln. Wird nix.

‚Die sollen sich auch mal lieber um Herrn S. kümmern, dem geht’s echt nich‘ gut‘, denke ich als eine blonde langsam welkende Schönheit mit Arschgeweih und String-Tanga, Kaugummi  kauend ins Zimmer schlendert.
„Pinkeln“, röchelt Herr S. – Er muss mal.
„Jetzt nicht“, patzt die Blonde ihn an und geht wieder raus. „Pinkeln, bitte.“ Herr S. kann von seinem Bett aus nicht sehen, dass die Else wieder verschwunden ist. Ich will was sagen, klappt aber nicht. Meine Augen machen immer noch, was sie wollen. Die Zeit vergeht. Zwei Mal geht der automatische Blutdruckmesser an meinem Arm los, also schätzungsweise 30 Minuten später kommt mein Mann ins Zimmer. Gottseidank!
„Pippppi!“, sag‘ ich zur Begrüßung und will auf Herrn S. zeigen. Klappt nicht.
„Muss du Pipi?“ fragt mein Mann ruhig und lächelt mich glücklich an. Mit seltsamen Äußerungen seiner Gattin zu unmöglichen Zeitpunkten kennt er sich aus. Das schockt ihn nicht. Außerdem freut er sich offenbar, dass ich überhaupt noch was sage.
„Neinn. Daaaa“, stammel ich und zucke mit dem Arm in Richtung Nachbarpritsche zu Herrn S. Das sprechen wird langsam besser. „Er muss. Schwesserolen.“ Mein Mann versteht und verspricht jemanden zu holen. Er geht raus. Eine Minute später kommt die Blonde wieder rein. Hantiert an Herrn S. rum. „Pinkeln. Schnell. BITTE!“, röchelt Herr S..
Jetzt aber, denke ich.
„Jetzt nich‘, hab‘ ich gesagt“, motzt sie genervt und geht wieder raus. Nach weiteren Minuten höre ich ein Plätschern. Dann ein Schluchzen. Herr S. weint. Die Tür geht auf. Ich sehe meinen Mann, eine Schwester und eine Pinkelflasche.

Zu spät.

Die Blonde kommt dazu. Stöhnt laut auf: „Och, nööööh.“

Ich bin so wütend, dass meine Lebensgeister der Angst jetzt zeigen, wo Bartel den Most holt. In diesem Moment entscheide ich, dass diese blonde Ziege garantiert nicht das Letzte ist, was ich auf dieser Erde sehe. So nicht, Frollein, jetzt wird nicht gestorben, stutze ich mich zurecht!

Nach und nach komm‘ ich wieder bei. Nachdem sich auch mein Blutdruck beruhigt hat und weder EKG noch Blutwerte Grund zur Besorgnis geben, bin ich nach ein paar Stunden wieder zu Hause. An Herrn S. denke ich manchmal heute noch. Ich frage mich, ob er noch lebt.

Leider bleibt es nicht bei einem Besuch in dieser Notaufnahme…

*Danke Kazim Akboga (✝)

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