Schlagwort: Kopfschmerz

055 // Auf die Perspektive kommt es an

Es ist Sommer. Ich habe seit 3 Tagen Migräne und es wird nicht weniger. Der nächste status migraenosus? Bitte nicht.

Meine Mutter ist da, um mit ihrem Enkel ein paar schöne Ferientage zu verbringen.

Sie wollen in den Zoo.

Mit dem ÖPNV kennt sie sich nicht aus, also will ich die beiden hinfahren – is‘ ja nicht weit. Keine 5 Kilometer. „Das schaff‘ ich schon“, lautet mein Mantra für das waghalsige Unterfangen. Es winken ein paar Stunden ohne irgendwen um mich herum als Belohnung. Die Aufwand-Nutzen-Bilanz stimmt … noch.

Im Auto herrscht brütende Hitze. Für die braungebrannte Sonnenanbeterin mit unempfindlicher Haut und robuster Gesundheit (Oma) und den kleinen Springinsfeld (Sohnemann) ist das kein Thema.

Ich mit meiner Matschbirne und dem wahrscheinlich eh schon grenzwertigen Histaminspiegel pfeife auf dem allerletzten Loch – reiße mich aber zusammen und will das nur schnell hinter mich bringen. Ohne mich irgendwie äußerlich straßentauglich zu machen, setze ich mich mit Schlabberbuchse und T-Shirt ohne BH hinter’s Steuer – is‘ ja nicht weit. Fehlen nur noch ein paar Gummistiefel und ein wenig Rauchwerk auf’m Zahn und Mama Flodder* wäre ein Scheißdreck gegen mich. Pah!

Leicht „übermotiviert“ husche ich so über die nächste Ampel. Mein Auto ist klein, aber beschleunigt relativ zügig. Ich halte mir mit einer Hand die Sonne vom Kopf als plötzlich ein grimmig schauender Mann mit kurzem Hemd und langer roter Kelle von links auf die zweispurige Straße des Industriegebietes springt und mich energisch nach rechts winkt.

Ich bremse auch für Männer 😉 , also drossele ich die Geschwindigkeit und verkneife mir ein „BIST DU LEBENSMÜDE, DU AFFE?!“

Im letzten Moment bemerke ich die anderen beiden Männer mit Mütze und Laser-Gerät auf der anderen Straßenseite. Na, Bravo! Freund und Helfer sorgen für Recht und Ordnung. Das ist ja auch richtig so. Nur heute wünsche ich mir ehrlich, sie würden sich um die wirklichen Probleme dieser Stadt kümmern. Aber ok. Ich war zu schnell. Das war falsch. Ganz einfach. Jetzt kommen die Konsequenzen.

Oma kriegt rote Ohren. Mein Sohn lacht sich kaputt.

„Mama is‘ geblitzt worden! Mama is‘ geblitzt worden!“, feixt er von der Rückbank.

Ich öffne die Fenster. Der Kassier-Polizist guckt durch’s Beifahrerfenster. Meine Mutter begrüßt ihn mit einem fröhlichen „Moin!“ – wie der Ostfriese das halt so macht. Mein Sohn lacht sich halb tot. Ich könnte sie beide erwürgen.

Leicht vornübergebeugt entschuldige ich mich ernsthaft einsichtig und höre mir den Kurzvortrag über meine Missetat an. 67 abzüglich 3 Toleranz – macht 14 km/h zu schnell. Der Polizist ist sehr freundlich und gibt mir noch den Tipp, hier auf die Kollegen zu achten, die stünden hier öfter’s.

Ja, das sollen sie auch. Gute Leute! Alles super.

Ich will einfach nur nach Hause. Einfach nur in Ruhe irgendwo liegen.

Auf der Rückfahrt denke ich darüber nach, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, mich zurzeit überhaupt in einem Auto sitzen zu sehen, geschweige denn auf einer zweispurigen Straße außerhalb unseres Wohngebietes mit seinen 30-Zonen. Und dann noch mit überhöhter Geschwindigkeit.

Respekt. Da waren die echt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 🙂

Da ich mir angewöhnt habe, in wirklich allem das Positive zu sehen, fühle ich mich kurz vor’m Abbiegen in meine Straße schon wieder richtig gut.

Ich habe grade etwas ganz Normales erlebt! Ich war zu schnell auf einer Straße unterwegs! Das muss man sich mal vorstellen! Soooo krank kann ich doch gar nicht sein.

Das Glück, dann auch noch geblitzt zu werden, wie jeder andere auch, muss man erst mal haben!
DAS nenn‘ ich Teilhabe am sozialen Leben!
DAS nenn‘ ich Lebensqualität!

Danke, Polizei! 🙂

 

 

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*Die Flodders sind die Protagonisten einer holländischen Film-Trilogie aus den ’90ern. Besonders „Ma Flodder“ hab‘ ich ins Herz geschlossen:

 

023 // Migräne-Trigger entlarvt

Meine Erkenntnisse über Fury führen dazu, dass ich mich systematisch und unaufgeregt auf die Suche nach den Faktoren mache, die mich und ihn besonders beeinflussen.

Was vernünftig behandelte Migränepatienten von ihren Ärzten lernen, muss ich mir selbst zusammensuchen. Meine „Expertin“ verweist auf die anstehende Behandlung in Kiel – da würde man sich umfassend um alles kümmern. Dass das noch Monate dauert, interessiert niemanden – außer mir.
Soll ich dasitzen und nichts tun? Das kann ich (noch) nicht. Hinzu kommt mein ausgeprägter Ergründungszwang. Ich kann Dinge schlecht so sein lassen, wie sie sind, wenn ich nicht weiß, warum sie so sind. Mir geht es um Grundsätzlichkeiten, den Kern, das Prinzip, das zugrunde liegende Konzept, aus dem alles abzuleiten ist.

Um ein solches Konzept bezogen auf meine Migräne zu erforschen, wähle ich den Weg der Empirie. Als Soziologe und wissenschaftsaffiner Mensch weiß ich zwar, dass Korrelation und Kausalität nicht dasselbe sind, aber dennoch liefern meine statistischen Erhebungen erste Hinweise: Mit Hilfe eines abgewandelten Kopfschmerztagebuchs, das ich folienartig über verschiedene andere Kalender legen kann, gleiche ich die Kopfschmerzarten und das Migränegeschehen mit meinen Aufzeichnungen über Zyklus, Wetter, Ernährung, Tätigkeiten und besondere Vorkommnisse ab.

So finde ich schwere Migräneattacken immer im Zusammenhang mit

  • Gewitter und extremer Wetterlage allgemein,
  • bestimmten Nahrungsmitteln (Matjes, Überbackenes, Thunfischpizza),
  • Sonnenlicht und schnellem Hell-/ Dunkel-Wechsel,
  • Aufregung aller Art (leider auch positive),
  • Anstrengung aller Art,
  • Schlafrhythmus,
  • bestimmten Zyklus-Phasen und
  • Narkosen.

Gegner enttarnt

Fachliteratur und biochemisches Grundlagenwissen, das ich mir mühsam aneignen muss, weil ich in der Schule offenbar nicht aufgepasst, oder zu oft wegen Migräne gefehlt habe, entlarven drei Problemstoffe: Histamin, Tyramin und Glutamat.

Mit meinen Recherchen über das Histamin erklären sich auf einen Schlag auch weitere Beschwerden: Magen-Darm-Probleme, Hautreaktionen, eine bestimmte Form der Schwindelsymptomatik und die meisten meiner zum Teil extremen oder paradoxen Reaktionen auf bestimmte Medikamente. Zwar ist sich die Fachwelt hierüber nicht ganz einig, aber meine Erfahrung deckt sich mit den Fachansichten, dass ausschließlich Ibuprofen ohne Zusätze als Schmerzmittel histaminmäßig keine Probleme bereitet.

Auch die jahrelange Gabe der Magenmittel Pantoprazol und Ranitidin scheint in meinem Fall einen Beitrag zur Migräne-Verschlimmerung geleistet zu haben. Was im Akutfall bei Magenschleimhautentzündung und -geschwür ein Segen ist, ist als Langzeit-Medikation für viele Vorgänge im Körper kontraproduktiv: Mit der Verminderung der Magensäureproduktion wird auch die Aufnahme von Vitaminen und Mineralstoffen (z.B. Vitamin B12 und Magnesium) beeinträchtigt. Das behindert wichtige Selbstregulationsmechanismen im Körper. Auch Ernährungsfehler, die bei anderen nicht groß ins Gewicht fallen, wirken sich unter diesen Umständen doppelt doof aus.

Gute Ärzte schlechte Ärzte

Mein früherer Hausarzt hat davon nichts gesagt und hatte kein Problem damit, mir über Jahre Magenmittelchen und Blutdruck-Pillen zu verschreiben, die meine eigentlichen Beschwerden nicht beseitigt, sondern im Gegenteil noch verstärkt haben, so dass ich immer verzweifelter wurde. Wahrscheinlich würde er die eben von mir dargelegten und auf Wunsch durch allerlei Fachpublikationen zu belegenden Zusammenhänge als psychisch bedingte Hysterie einer abnehmunwilligen Frau kurz vor den Wechseljahren abtun.

Abrechnungstechnisch scheint er da mehr auf Zack zu sein: Wie ein Blick in die Abrechnungsdaten der Kassenärztlichen Vereinigung zeigt, berechnet er neben den großzügig dramatisch ausgelegten Konsultationen gerne mal Leistungen, die er nie erbracht hat: Ein Hautscreening hätte er bei mir gemacht und ein Hämangiom (ein Blutschwämmchen) gefunden. Das suche ich heute noch … Vielleicht sitzt es an einer Stelle, die ich nicht so gut einsehen kann? Blutschwämmchen: am Arsch!

Gut, dass der bald in Rente geht – da richtet er vielleicht weniger Schaden an.

Mein jetziger Hausarzt tickt da ganz anders und ich bin sehr dankbar, dass ich ihn und sein Praxisteam habe. Er ist zwar kein Migräne-Fachmann, aber als Hausarzt und Internist unschlagbar. Als ich ihm von meinen Beobachtungen nach bestimmten Nahrungsmitteln berichte, sagt er wie aus der Pistole geschossen: „Histamin!“ – Er ist kein Mann der großen Worte, findet aber immer die richtigen.

Darüber hinaus ist er einer der wenigen Ärzte, die Adipositas, weibliches Geschlecht und Psyche richtigerweise als Risikofaktor und Einflussgröße einstufen, aber nicht (ohne genau hinzusehen) als Ursache für alles und jedes postulieren. Geschilderte Symptome untersucht er systematisch und ergebnisoffen, nimmt meine Fragen und Gedankengänge ernst und unterstützt mich bei meinen Eigenbemühung. Sogar seine fachlichen Grenzen gibt er offen zu und hilft in diesen Fällen, den richtigen Ansprechpartner zu finden. Da könnte so manch eine Koryphäe und selbst ernannter Symptom-Checker noch was lernen. Das würde mir und vielen anderen einiges erleichtern.

Er ist übrigens der einzige Arzt, dem es bisher gelungen ist, bei mir in einer Arztpraxis einen Blutdruckwert von „nur“ 140/80 festzustellen. Respekt! Das unterbieten andere nur, wenn ich in Narkose liege.

Ich frage ihn, was man bei der Histamin-Sache machen kann.
„Weglassen.“, sagt er – gewohnt präzise und lösungsorientiert. 🙂

Wie immer, wenn ich eine neue Chance auf Besserung sehe, bin ich im Rahmen meiner bescheidenen Möglichkeiten hochmotiviert und zuversichtlich. Leider stelle ich schnell fest, dass histaminarme Ernährung nicht so leicht umzusetzen ist. Histamin ist in so ziemlich allem enthalten – vor allem in den wirklich leckeren Sachen. Aber Fury zuliebe beschäftige ich mich jetzt eingehend mit dem Thema Ernährung. Und beginne, mich an ein extrem eingeschränktes Nahrungsangebot zu gewöhnen.

020 // Ein Leben in Freiheit…

Meine Venen bescheren mir einige Wochen nach der Stammvenen-OP noch eine interessante Beobachtung in Bezug auf die Migräne-Kopfschmerzen:

Wenn man (wie ich) an 20-25 Tagen im Monat Kopfschmerzen hat (Migräne und Spannungskopfschmerzen abwechselnd oder gemischt) muss man auch an Tagen mit dickem Kopp Termine wahrnehmen, wenn es irgendwie geht. Schmerzen ignorieren hab‘ ich 40 Jahre trainiert, das funktioniert ganz gut …

Ich schleppe mich also zur OP-Nachsorge ins Venenzentrum. Das will ich nicht ein zweites mal verschieben. Dort soll eine Krampfader, die man bei der OP nicht mit erwischt hat, verödet werden. Im Aufklärungsbogen steht: Durch das Verödungsmittel könne Migräne ausgelöst werden. Hm. Ich spreche mit der netten Ärztin darüber, dass ich alle möglichen Migräne-Formen habe und es evtl. zu einem Basilarisanfall kommen könnte. Nicht, dass sie sich erschreckt.

Sie ist etwas verunsichert, hat davon noch nie gehört. Sie sichert mir für den Notfall aber notärztliche Hilfe zu und legt die Entscheidung in meine Hand.
Na, super.

Ich kann immer noch schlecht nein sagen, will wenigstens die Schmerzen am Schienbein los sein und die nette Ärztin nicht enttäuschen. Also entscheide ich, dass sie loslegen soll.

Sie piekst ihr Schmetterlings-Kanülen-Dings in die verdickte Vene und spritzt das Verödungsmittel ein. Wow. Tut ganz schön weh. Nassgeschwitzt warte ich auf den Super-Gau.

Nach zwei Minuten bemerke ich, dass irgendwas anders wird im Kopf.
Nach fünf Minuten sind die Kopfschmerzen weg. Mit ihnen das Nebelgefühl und der Druck auf den Augen. Ich kann’s nicht glauben.

Wie ein übermütiges Karnickelböckchen hüpfe ich von der Pritsche. Haha!

Als ich aus der Klinik in die pralle Sonne trete, erwarte ich den stechenden Schmerz, den das helle Licht mir normalerweise beschert, um gleich darauf in abwechselnd dumpfes Drücken und scharfes einseitiges Ziehen zu münden. JETZT habe ich ein Gefühl, als würde ich an Midsommar barfuß auf eine Waldwiese springen. KEINE Schmerzen, KEIN Schwindel. KEINE Lichtempfindlichkeit. Null. Garnix.

Auf der Fahrt nach Hause singe ich: „Der Himmel ist blau..“

Stelle mir vor, wie ich mit Hilfe irgendeines renommierten Neurologen vor die Presse trete als die Frau, die das beste Migränemittel aller Zeiten gefunden hat. Blitzlichtgewitter, schüchternes Lächeln, der Doktor ergreift das Wort und dankt zunächst seiner aufmerksamen Patientin (mir) für ihre bahnbrechende Beobachtung. Ich grinse.

Leider nicht lange.
Zwei Stunden später folgt die Ernüchterung: Kopfschmerzen.
Wäre ja auch zu schön gewesen.

Dennoch: Ich habe die kleine Auszeit genossen und erinnere mich noch an jede einzelne Minute Schmerzfreiheit. Erinnere mich an etwas längst vergessenes:
Ein Leben in Freiheit.

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