Schlagwort: Gutachten

042 // Labil aber kontrolliert …

Drei Tage vor einem Termin beim Arbeitsamt, bei dem über meine Leistungsfähigkeit und -bereitschaft gesprochen werden soll, liegt ein großer Briefumschlag von der Deutschen Rentenversicherung im Briefkasten.

Ich reiß das Ding mit 200 Puls auf und lese:

„Ihre Rente wegen voller Erwerbsminderung rückwirkend bla bla … bla bla in Höhe von bla bla bla…“

Mir knicken die Beine weg und ich sitze mit den Unterschenkeln nach außen gebogen auf dem Wohnzimmer-Teppich, an der gleichen Stelle, an der ich neulich über den Resten meiner beruflichen Existenz gejammert hatte.

Die Kindererziehungszeit, mein Studium und der rentenversicherungspflichtige Studentenjob von vor 20 Jahren haben mir tatsächlich noch etwas in den Rententopf gespült. So bekomme ich 300 Euro mehr als auf dem letzten Rentenauszug. Damit hab‘ ich nicht gerechnet. Das sind immerhin etwa 100 Euro mehr als die Armutsgrenze! Ich kann es gar nicht fassen. Wir sind gerettet!

Ich hatte meinem Sohn schon bei Antragsabgabe erklärt, dass wir bald wirklich überhaupt kein Geld mehr für besondere Sachen haben und vieles aufgeben müssen. Er nahm es erst mal gelassen und bot mir sein Sparschwein an, was ich dankend und mit Tränen in den Augen ablehnte – so schlimm sei es nicht, was glatt gelogen war, um ihn nicht zu sehr zu beunruhigen.

Freiheit will gelernt sein

Dann passiert etwas Seltsames: Anstatt hüpfend und singend vor Glück (schließlich ist die Rente ja einigen Autoren zu Folge ein großer Krankheitsgewinn!) durch die nächsten Tage zu tingeln, breche ich komplett zusammen. Es folgen zwei volle Wochen Migräne, wochenlang Schmerzen, totale Verzweiflung, Selbsthass, Versagensgefühle. Der existenzielle Druck, das „Nicht wissen wie’s weitergeht“ und das Warten hatten mich offenbar in einer Art Gerüst gehalten – von außen mit Schraubzwingen unbeweglich gemacht. Jetzt hatte jemand die Schrauben gelöst. Ich habe das Gefühl, als ginge unter mir eine Falltür auf und ich spüre, wie ich falle. Frei. Ohne die Zwangsjacke und die Stromstöße, die mir unser „Sozialsystem“ verpasst hatte, fehlt jetzt erst mal jeder Halt.

„Freiheit will gelernt sein“, sagt mein Osteopath, als ich ihm von diesem Gefühl, des haltlosen Zusammenbruchs erzähle. Ja, ich muss noch viel lernen.

Doris

Etwas später bekomme ich das Gutachten zugeschickt. Jetzt bin ich aber mal gespannt, wie die kleine Sezierstunde aus der anderen Perspektive verlaufen war:

Ich bin überrascht. Das Gutachten schildert die Situation exakt so, wie ich sie in Erinnerung habe. Bis auf die Tatsache, dass ich auf dem Deckblatt mit Vornamen „Doris“ genannt werde 😀

Doris sei im Affekt labil, aber kontrolliert. Bewusstseinsklar und allseits orientiert. Antrieb gesteigert mit starker Anspannung, die kontrolliert wird. Sie wirkt monoton und starr. Wiederholt kann sie Tränen nicht unterdrücken. Die Stimmung ist ängstlich, depressiv und ratlos besorgt, lese ich.

Ja, unsere Doris, ts 🙂 … sie ist stets bemüht, wenn innen das Chaos tobt …

Auch alles andere fasst der Arzt so zusammen, wie es war. Mein Eindruck hatte also nicht getäuscht: Der wollte mir gar nichts Böses. Ich kann mich wirklich nicht erinnern, welcher Facharzt sich so sachlich-fachlich interessiert, unvoreingenommen und ausführlich mit mir befasst hat. Natürlich weiß ich, dass das im normalen Praxisalltag auch selten möglich ist, sich eineinhalb Stunden plus Lektüre der Vorbefunde mit einem Patienten zu beschäftigen. Dafür hat niemand Zeit, auch wenn es dringend nötig wäre, sie zu haben.

Was ich mich nach dieser Erfahrung aber mal wieder frage: Warum schafft es ein völlig fremder Arzt auf Grundlage von ein paar Befunden und einem Gespräch, meine Krankengeschichte von Geburt an korrekt zu erfassen, auf meine Einlassungen sofort professionell zu reagieren und anschließend ein fachlich-sachlich korrektes Gutachten (ok, bis auf den Vornamen – kann ja mal passieren ;-)) zu erstellen und andere in Jahren nicht?

Es ist offenbar doch kein Hexenwerk, einen Patienten innerhalb eines gewissen Zeitraumes kennen zu lernen und zumindest eine vernünftige IST-Analyse seiner Beschwerden vorzunehmen.

Das macht wieder Hoffnung. Hoffnung, doch noch irgendwann auf einen Facharzt zu treffen, der Willens und in der Lage ist, seinen Job vernünftig zu machen, ohne mir noch mehr Leid zuzufügen.

Taupe, Taupe, Taupe

So „versöhnt“ will ich es dann einige Wochen später wissen: Wie geht Rentner-Sein?

Ich experimentiere: Schalte morgens um 9 Uhr den Fernseher ein. Steuere zielsicher den Einkaufssender HSE 24 an – meine Omma hat sich das angeguckt, aber sie hat nie was bestellt. „Könn’se selber kaufen“, hat sie immer gesagt.

Heute werden Hosen vorgestellt. In Dunkelblau und (Achtung, O-Ton!) „lebensbejahendem Taupe“. Judith Williams präsentiert ein zauberhaftes Twinset in der „Trendfarbe“ Taupe und ein Cardigan mit Blütenmuster-Stickerei für nur 69,98 Euro. „Taupe, Taupe, Taupe“, begeistert sich Frau Williams weiter.

Für mich liegt Taupe nicht nur phonetisch verdammt nah an Tod. Meine Spracherkennungssoftware sieht das genauso:

„Heute werden Hosen vorgestellt in dunkelblau und Achtung O-Ton lebensbejahend im Tod Judith Williams präsentiert ein zauberhaftes Twinset in der Trendfarbe Tod und ein Cardigan mit Blütenmusterstickerei für nur 6998 Tod Tod Tod begeistert sich Frau Williams weiter“

Lachen oder weinen? Ich weiß noch nicht.

Ich bestelle nichts, könn’se selber kaufen! ;-D

038 // Endstufe der Besinnlichkeit – Der Gutachter-Termin

Schon beim Entschluss, den Antrag auf Erwerbsminderungsrente zu stellen, bin ich mir darüber im Klaren, was das bedeutet: Beurteilung und Bewertung. Ich hasse es.

Obwohl ich die Gründe für den Antrag und den Antrag selbst innerlich komplett ablehne, muss ICH den Ämtern beweisen, dass meine Einsicht nicht von ungefähr kommt und mein Entschluss, diesen Weg zu gehen, auf einem breiten Fundament aus Diagnosen und Befunden steht.

Kurz bevor ich aus dem Krankengeld herausfalle und das Arbeitslosengeld I zur Existenzsicherung herhalten muss, reiche ich den Antrag ein. Wenigstens selbst entscheiden will ich, wann ich diesen Schritt gehe.

Als ich mich beim Arbeitsamt melde, fragt mich die junge Sachbearbeiterin, die gerade ihre Ausbildung macht, nach meinem Werdegang. Abitur, FH-Studium, Magisterstudium, PR-Ausbildung … ich fange schon beim Abi an zu weinen. Ich entschuldige mich für meine Tränen, sage, dass es nichts mit ihr zu tun hat. Sie ist super lieb. Sie gibt mir ein Taschentuch, sieht zu, dass ich da schnell wieder weg komme und wünscht mir alles Gute.

Ich erhalte einen „Kunden-Ausweis“ und mache mich auf’s Warten und weitere kräfteraubende Horror-Termine gefasst. Das Arbeitsamt prüft auch nochmal die medizinischen Unterlagen und entscheidet, ob man noch für irgendwas vermittelbar ist. Innerhalb von vier Wochen werde man sich melden, sagt man mir.

Job und Karriere

Da ich jetzt endgültig davon ausgehen muss, dass ich wirklich langfristig nicht mehr ins Büro komme, frage ich meinen Chef, ob es nicht besser wäre, mein Firmennotebook wieder abzugeben – es steht hier eh nur rum. Er will es abholen lassen. Bei der Gelegenheit bitte ich ihn, mir das Foto mit Mann und Kind, das auf meinem Schreibtisch stand, mibringen zu lassen. Ich fühl‘ mich einfach besser, wenn sie bei mir sind. Ein paar Wochen später stehen zwei Azubis aus der IT-Abteilung mit meinen privaten Sachen in einem Leinenbeutel vor meiner Tür. Mein erster persönlicher Kontakt mit Kollegen seit meinem Wiedereingliederungsversuch vor eineinhalb Jahren. Ich bin schon so lange raus, dass ich sie nicht kenne. Sehr nett, engagiert und höflich sind sie. Tolle Jungs. So war ich auch mal, denke ich wehmütig. Am liebsten würde ich beiden sagen, sie sollen sofort morgen eine Berufsunfähigkeitsversicherung abschließen und sich täglich um ihr Bauchgefühl kümmern. Aber ich seh schon zu fertig aus, denke ich. Wenn die wirre Alte denen jetzt noch so kommt … nee, nee, das lass‘ ich lieber. Stattdessen übe ich mich in kurzem kollegialen Smalltalk und versichere ihnen, dass sie in einer guten Abteilung gelandet sind. Als sie mir ganz liebe Grüße von ihrem Chef bestellen, wird der Kloß im Hals so groß, das ich die Tränen nur mühsam zurückhalten kann. Er ist einer der Kollegen, die ich sehr gerne mochte: Schlau, witzig und hilfsbereit. Vielleicht schon ein bisschen vom System assimiliert, aber „resistance is futile“, wie der Trekkie weiß.  In jedem Fall eine Führungskraft, die auch in meiner Welt erfolgreich arbeitet. Vielleicht fühle ich mich auch mit ihm verbunden, weil ich mehr über ihn weiß, als ich wissen sollte. Wir sind auf die gleichen Leute reingefallen. Ein bisschen tröstet mich das, denn mit mangelnder Intelligenz hat es offenbar nichts zu tun, wenn wir uns Menschen öffnen, die uns bei nächstbester Gelegenheit in den Arsch treten. Vielleicht ist er ja auch ein Dodo? 😀 – Quatsch, zwischenzeitlich hat er’s bestimmt gemerkt … hoffentlich …

Ich geb‘ den beiden Azubis das Firmennotebook, meine Unterschrift und einen Gegengruß mit auf den Weg. Als die Tür hinter mir ins Schloss fällt und ich mit meinem Beutel voller „Bürosouvenirs“ ins Wohnzimmer komme, brechen alle Dämme: Ich sacke regelrecht zusammen und beweine die Erinnerungen an meine berufliche Existenz. Dabei denke ich kurz über eine zweite Karriere als Klageweib nach – aber wirklich  nur kurz.

Ein paar Tage später bekomme ich wieder Post von der Rentenversicherung:

Mein Gutachter-Termin ist für den 20.12. vorgesehen. Ich bin erleichtert, dass ich das noch vor Weihnachten hinter mich bringen kann. Sofort buche ich meinen Schwiegervater als Fahrer und Begleitschutz. Er sagt zu und verbreitet Zuversicht.

Die Masken fallen

Wenn man – wie ich – zum Aushalten und freundlich dabei Lächeln erzogen worden ist, und es streckenweise offenbar überlebenswichtig war, diese Strategie perfekt drauf zu haben, hat man dieses Programm so tief drin, dass man es schwer wieder los wird.

Mittlerweile bin ich aber an einem Punkt, an dem ich einfach nicht mehr kann. Eine Fassade, die ich aufrecht erhalten könnte, gibt es nicht mehr. Ich verzichte daher darauf, mir irgendwelche Gutachter-Termin-Ratschlagsseiten durchzulesen, oder irgendwelche Formulierungshilfen zu studieren. Was soll das bringen? Eigentlich is‘ mir eh alles egal. Habe sowieso keine Wahl, fühle mich diesem merkwürdigen, menschenverachtenden, sogenannten Sozialsystem ausgeliefert. Gleichzeitig weiß ich natürlich, dass wir es in Deutschland vergleichsweise gut haben.

So schleppe ich mich am Arm meines Schwiegervaters mit dem Klappstock an der freien Hand in die Praxis des Renten-Gutachters. Schon die 30 Kilometer-Anfahrt kostet ohne Ende Kraft. Das Wartezimmer ist leer. Der letzte Patient in diesem Jahr bin ich. Alle sind sehr freundlich. Ich bin jetzt schon fix und fertig und fang schon mal an zu zittern.

Die freundliche Arzthelferin bittet mich in das Sprechzimmer und misst den Blutdruck. Na, toll, geht ja schon gut los. Mit strammen 176 zu 110 warte ich auf meine Hinrichtung. Aber man überstürzt hier nichts. Statt kurzen Prozess zu machen und mich mit den erwarteten Fragen, warum ich denn glaube, Rente zu verdienen, oder mit Anzweiflung meiner Unfähigkeit zu malträtieren, schlitzt mich der Doc ohne Narkose auf, operiert mich am offenen Herzen und lässt mich fein filettiert langsam ausbluten.

Das ist keinesfalls wertend gemeint, es beschreibt nur am besten, wie es sich anfühlt.

Dazu braucht er noch nicht mal Gewalt oder hinterhältige Tricks. Er fragt sich einfach chronologisch durch mein Leben. Lässt keine Wunde aus. Wie ein Trüffelschwein findet er zielsicher die schlimmen Punkte. Setzt das Skalpell an und setzt – sssst – den nächsten Schnitt, um herauszupräparieren, was ich gerne für immer versteckt hätte. Damit habe ich nicht gerechnet. Eineinhalb Stunden lang beantworte ich Fragen zu meiner Kindheit, meinen Eltern, meiner Omma, meinen Beziehungen, meinen Erlebnissen mit Ärzten, mit der Schul- und Arbeitswelt, meinen verschiedenen Anfällen, Schmerzen und Ängsten. Drei Viertel der Gesprächszeit weine ich. Dafür entschuldige ich nicht nur mich immer wieder, sondern auch die Menschen, die für meine Tränen mitverantwortlich sind.

Der Arzt ist schon älter. Wahrscheinlich hat er schon viele mehr oder weniger gescheiterte Existenzen wie mich hier sitzen sehen. Obwohl ich davon ausgehe, dass er – wie alle Rentengutachter – nur dazu da ist, uns alle als Sozialschmarotzer zu entlarven, hat etwas in mir das Gefühl, dass er mir gar nichts Böses will. Gegen Ende der Session fragt er mich, ob ich noch Hoffnung hätte, dass es mal wieder besser wird. Ich starre aus dem Fenster, denke an meinen Mann und meinen Sohn. „Hm“, sag ich, „wenn ich die nicht mehr hätte, würd‘ ich hier nicht mehr sitzen.“

Er sagt, jetzt müsse er mich noch kurz körperlich untersuchen. Das krieg ich schon kaum mehr mit. Mein ganzer Körper ist ein einziger Krampf. Ich quetsche mir noch schnell die Bitte raus, den Reflextest an Beinen und Armen nicht einfach so mit diesem Hämmerchen zu machen, weil ich beim letzten Gutachter-Test darauf so doof mit Abspaltung und tagelangen Schmerzen reagiert hätte. Er reagiert seinerseits, indem er seine Hand zwischen den Hammer und mein Bein legt und rettet mich damit vor der kompletten Dissoziation. Ein Profi. Ich bin verwundert und erleichtert. Er drückt vorsichtig auf meiner Wirbelsäule und auf meinen steinharten Nackenmuskeln herum. Ich bin stumm. In mir schreit es laut: Fass mich nicht an! Als er die Nervenäste in meinem Gesicht berühren will, zucke ich mit weit aufgerissenen Augen zurück. Stoße mir den Kopf an der Wand dahinter. „Bitte nicht!“, sage ich leise. Er nickt und lässt mich in Ruh.

Das Ganze hört sich gruselig an, aber am Ende des Gesprächs habe ich das Gefühl, dass er der erste Facharzt ist, der sich vernünftig und ernsthaft darum bemüht, sich einen umfassenden Eindruck von mir und meinem Problem zu verschaffen.

Irgendwann beendet er das Gemetzel und ich finde mich schon auf dem Flur wieder. Ich bedanke mich ernsthaft für seine Rücksichtnahme. Immerhin hab‘ ich keinen schlimmen Filmriss. Er gibt mir die Hand und sagt: „Es gibt noch viel zu tun bei Ihnen. Alles Gute für Sie!“ – Ich glaub‘, der meint das ernst.

Als ich meiner Anwältin von dem Termin erzähle, findet sie, das sei doch ganz gut gelaufen. Jetzt müsse man eben abwarten.

OK, ich warte dann mal ab. In der Zwischenzeit, versuche ich, meine Seele wieder zusammenzupuzzlen. Der Druck von außen, der von der Existenzangst aufrechterhalten wird, hilft mir dabei, nach etwa zwei Wochen Totalausfall wieder in eine Art Funktionsmodus zu kommen …

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