Schlagwort: Fibromyalgie

034 // Die maximale Erniedrigung – Projekt „Mobilität“

„Schreiben Sie doch mal ein Buch“, schlägt mein Hausarzt vor.

Ich lächle ihn an: „Wenn ich ein paar Stunden am Tag am PC sitzen könnte und irgendwas Sinnvolles da reinschreiben könnte, würd‘ ich arbeiten gehen“, antworte ich etwas patzig. Bei ihm bin ich mittlerweile ein bisschen mehr ich selbst.
„Aber es gibt doch für alles Hilfsmittel“, sagt er gelassen. Ich weiß nicht, worauf er hinaus will. Wasserbefüllte, beheizbare Liegesitze mit Armstützen und Bildschirmhalterung übersteigen zwar nicht meine Vorstellungskraft, aber mein Budget – deutlich.
„Spracherkennungssoftware“, sagt er.
Ich gucke sparsam. In den 90er Jahren habe ich auf der CeBit – damals DAS Messeevent der IT-Branche – ein paar Demo-Aktionen gesehen. Träum‘ weiter, denke ich.
„Früher war das nicht benutzbar, aber heute sind die da verdammt weit“, schwärmt der Arzt.
„Hm, ich weiß nicht. Aber ich gucke mal“, verspreche ich.

Zu hause beginnt die Recherche. Da ich alles mit dem Smartphone erledige, suche ich eine App, in die ich meine Gedanken einsprechen kann und die mir zumindest das Gröbste schon mal in Textform ausgibt. Ich werde schnell fündig: Dragon, heißt eine weit verbreitete Spracherkennungssoftware, die es auch in einer kostenlosen Light-Version gibt. Zwar sind die ersten Tests mühsam und ich muss trotzdem viel am Telefondisplay nachbearbeiten, aber vieles kann ich 1:1 übernehmen.

Leider kann ich auch nicht immer gleich gut sprechen. Wortfindungsstörungen, Konzentrationsschwäche oder Erschöpfung machen das Sprechen oft zur leidigen Angelegenheit. Aber ich will nicht jammern, mit der Drachen-App komme ich voran und beginne wieder, mehr von meinen Gedanken zu Bildschirm zu bringen.

Der unbearbeitete, eingesprochene Satz aus der App sieht übrigens so aus:

Leider kann ich nicht immer gleich gut sprechen Wortfindungsstörungen oder Schöpfung mache noch das sprechen auf zur leidigen Angelegenheit aber ich will nicht jammern mit der Drachen App komme ich voran und beginne wieder mehr von meinen Gedanken zu Bildschirm zu bringen

Nicht schlecht, oder?

Große Teile dieses Blogs realisiere ich mit diesem schönen Helferlein. Briefe an Krankenkassen, Ärzte und Ämter muss ich nicht mehr diktieren. Autonomie! Whooooo…!

Akzeptanz des Unabänderlichen

Die eigene Hilflosigkeit und die Einschränkungen zu akzeptieren – das hatte man mir auch in der Schmerzklinik Kiel geraten. In Verbindung mit dem hausärztlichen Rat, meine Belange einfach ganz neutral als Projekte zu sehen, will ich das Projekt „Mobilität“ jetzt endlich in Angriff nehmen. Ich lege los:

Die Basis (Was ist das Problem?)

  1. Ich kann keine 500 Meter alleine gehen.
  2. Ich gehe nirgendwo alleine hin.

Das Ziel (Was will ich erreichen?)

  1. Ich möchte alleine das Haus verlassen und den Weg zur Schule meines Sohnes zu Fuß schaffen.
  2. Ich möchte kleine Besorgungen und Spaziergänge alleine machen, wenn ich die Energie dazu habe, nicht nur, wenn jemand Zeit hat, mich zu begleiten.

Die hindernden Faktoren – (Was hält mich davon ab, mein Ziel zu erreichen?)

  1. Durch den Schwindel, die Sehstörungen, die Muskelschwäche und die Koordinierungsstörungen bin ich unsicher auf den Beinen.
  2. Bei den (teilweise plötzlich einschießenden) Schmerzen in Hüfte und Bein falle ich hin.
  3. Die unvermittelt einsetzende totale Erschöpfung haut mich von jetzt auf gleich um.
  4. Aus Angst vor dem nächsten Basilarismigräne-Anfall (und dem damit verbundenen Rattenschwanz an Retraumatisierungspotenzial) traue ich mich nicht alleine irgendwo hin.

Die Lösung – (Was könnte die hindernden Faktoren ausgleichen?)

  1. Ich brauche Hilfe beim Gehen, die Sicherheit schafft.
  2. Ich brauche etwas, das das Umfallen verhindert.
  3. Ich brauche jederzeit eine Sitz-Möglichkeit.
  4. Ich brauche eine stabile Sitzmöglichkeit, die auch bei Lähmungserscheinungen Sicherheit bietet.

Ich erinnere mich daran, dass ich im Supermarkt immer ganz froh bin, wenn ich den Einkaufwagen schieben kann. Das gibt Sicherheit. Und schon hab‘ ich die Lösung: Ein Einkaufswagen. 😀

[Wie unglaublich witzig ich sein kann, wenn es mir an den Kragen gehen soll … ha ha.]

Also ernsthaft: Die Lösung – Ein Rollator.

Ach, du Scheiße, denke ich. Nichts anderes mehr. Tagelang. Irgendetwas sperrt sich sofort gegen den Gedanken. Nächtelang befasse ich mich mit dem Rentner-Vehikel. Suche weniger senil-morbide Alternativen. Zunächst probiere ich es mit einem klappbaren Gehstock. Das hilft ein bisschen gegen die Unsicherheit und bei den Schmerzen in der Hüfte. Allerdings tun sofort die Handgelenke weh und die schiefe Gehhaltung bringt’s auch nich‘ wirklich. Außerdem sind die Probleme 2, 3 und 4 nicht gelöst.

Es gibt keine Alternative. Egal wie sehr ich mir den Kopf zerbreche. Es muss sein. Der Projekterfolg ist greifbar nahe.

Die Umsetzung – (Welches Produkt ist das richtige?)

Heimlich sehe ich mir ein leicht zu transportierendes, stabil wirkendes Modell mit weichen Handballenauflagen und stabiler, genügend großer Sitzfläche in nachtblau metallic im Sanitätshaus, über das ich meine Kompressionsstrümpfe für das Lipödem beziehe, an. Als mir ein Gutschein-Code für einen Online-Shop in die Hände fällt und ich für das ursprünglich 279,- Euro teure Modell „nur noch“ 111,- zahlen soll, schlage ich zu. Sorry, Sanitätshaus vor Ort – ich hab‘ echt kein Geld übrig momentan, um politisch korrekt im Laden zu kaufen.

Geh- und Sitzversuche mit dem neuen Capero (so heißt mein Neuwagen) im Wohnzimmer sind vielversprechend. Meinen ersten Ausflug mit dem super leichten Aluminium-Konstrukt mache ich heimlich und alleine – ich möchte nicht, dass mich jemand so sieht. Ich schäme mich in Grund und Boden. Selbst vor meinem Mann. Das Gefährt verstaue ich im Auto. Das klappt schon mal gut. Ich fahre ca. 400 Meter weit zu einem kleinen Waldstück, durch das ein asphaltierter Weg führt. Ideal. Ich klappe den Capero auf und schieb‘ ab.

Ein Dreivierteljahr ist es her, dass ich alleine hier im Wald war. In besseren Zeiten bin ich immerhin 5 Kilometer mit den Walking-Stöcken hier durchmarschiert. Jetzt erfreu‘ ich mich an jedem Meter. Bleibe stehen. Höre den Wind in den Ästen und die Vögel im Unterholz. Der etwas vom Weg entfernte Teich sieht etwas verwahrlost aus. Keine Enten in Sicht. Dafür luken der blaue Himmel und ein paar kleine Wölkchen durch die nackten Baumwipfel. Mir gefällt’s. Nach 10 Minuten verlässt mich die Kraft. Ich setze mich. Mache ein paar Ruckel- und Kipp-Tests. Der Capero ist bequem und hält selbst einer gewagten Gewichtsverlagerung nach rechts stand.

Ich bin glücklich und am Boden zugleich.

Muss man mögen

Die Freiheit, die mir der Rollator gibt, ist durch nichts zu ersetzen.
Der Preis? – Die maximale Erniedrigung.
Das muss ich aushalten. Leider mangelt es bei mir offenbar noch an hinreichend devoten Gelüsten. Andere zahlen da viel Geld für, ich weiß. Ich erinnere mich an den Fall einer jungen Domina, die ihren unbekleideten Sklaven am späten Vormittag über eine gut frequentierte Hauptstraße mitten in einer Ruhrpottstadt an einer Hundeleine Gassi geführt hat. Abgesehen davon, dass die mit dieser öffentlichkeitswirksamen Nummer bestimmt einige Menschen (es sind auch Kinder unterwegs, vielleicht mal Hirn anschalten?) ganz schön verstört haben, soll ja jeder machen, was er will. Ich kann mir jetzt jedenfalls vorstellen, wie der am unteren Ende der Leine sich gefühlt hat.
„Muss man mögen“, sag ich nur.

Lebensqualität und Selbstbestimmtheit

Es vergehen ein paar Wochen bis ich mich „richtig“ raus traue. Erst als mein Mann mir gefühlt etwa zweihundert Mal versichert hat, dass er sich mit mir neben sich nicht schämt, drehe ich mit ihm und dem Capero eine ganze Runde um den nahegelegenen Schlossteich. Wir lachen viel und lästern über beige Leute mit Rollatoren in Standard-Lackierung. Mein nachtblauer Capero ist da um einiges cooler. Ob mein Mann sich wie eine junge Domina gefühlt hat, weiß ich nicht. Ich werde ihn bei Gelegenheit fragen.

Mein Hausarzt ist begeistert, als ich ihm sage, dass ich mit dem neuen Gefährt, alleine um den Block fahre und mir sogar eine 30-minütige „Shoppingtour“ mit meiner Mutter zugetraut habe.

Er bestärkt mich darin, das Ding zu benutzen, wenn es nötig ist. Er berichtet von vielen jungen und alten Patienten, die aus falscher Scham auf dieses Plus an Mobilität und damit Lebensqualität und Selbstständigkeit verzichten und sich mit Krücken und Stock noch zusätzlich die Armgelenke ruinieren. Sein Zuspruch macht mich noch mutiger.

Nach kurzer Zeit traue ich mich, von der Haustür loszufahren. Sollen doch alle denken, was sie wollen. ICH muss mit den Gegebenheiten leben – niemand anders.

Wuff. 😀

030 // Aber, Albert, Du verstehst mich doch …? – Schmerzklinik Kiel Teil II

Da ich immer noch nicht genau weiß, warum mir alles mögliche weh tut, warum mir dauernd und unterschiedlich schwindelig ist, mir plötzlich sämtliche Energie schwindet, so dass ich nicht mehr laufen kann und wie die restlichen Dinge damit zusammenhängen, warte ich auf die in den Prospekten der Klinik angekündigte umfassende Diagnostik.

Immer schön suutje (gesprochen „suutsche“ = Norddeutsch für langsam, ruhig) machen, antwortet man mir wiederholt auf meine Fragen.

Faktenlastige Antworten bekomme ich nicht. Alle sind sehr freundlich, aber mehr als ein „Jetzt kümmern wir uns erst mal um die Migräne“ bekomme ich zu meinen Schmerzen nicht erklärt. Im Anamnese-Gespräch fällt der Begriff Fibromyalgie zum ersten Mal. Der stark sehbehinderte und dadurch offenbar besonders sensible Physiotherapeut kennt sich damit aus und fährt hernach ein regelrechtes Kuschelprogramm, das mir tatsächlich gut tut.

[An alle, die mal nach Kiel in die Schmerzklinik gehen: Fragt nach Herrn Wiechert, der Mann ist Referenzklasse!]

Ich bekomme Medikamente, gutes Essen, optimale Pflege, menschliche Zuwendung. Aber: Mehrfach erkläre ich den Ärzten, dass ich mehr Informationen, Fakten, kausale Zusammenhänge brauche, um mit meinem Zustand klarzukommen. Man sagt, auf dem Einweisungsschein stände nur der chronische Kopfschmerz, darum würde man sich hier schwerpunktmäßig kümmern. Warum ich dann einen über 30 Seiten langen Fragebogen ausfüllen musste, der dezidiert alle Körperregionen nebst Schmerzsymptomatik abfragt und ich einzeichnen soll, wo’s genau wehtut, erschließt sich mir nicht.

Woran es liegt, dass man meinem Wunsch nach konkreten Aussagen und Fakten nicht nachkommen kann oder möchte, weiß ich nicht. Vielleicht mache ich einen zu wirschen Eindruck? Vielleicht will man auch meinen (pathologischen?) Ergründungszwang nicht weiter fördern? Vielleicht wirke ich durch meine Angst und die dauernden Wortfindungsstörungen und unkoordinierten Bewegungen gestörter als ich tatsächlich bin? Vielleicht denken die, die arme Irre faselt Unsinn. Dabei hab‘ ich denen doch erklärt, dass sie in mir einen verständigen Gesprächspartner haben, der ihnen bis in die Tiefen der biochemischen Grundlagen folgen könnte und sogar über Grundlagenwissen der Quantenphysik und sämtlicher aktuellen Ergebnisse der Hirn- und Bewusstseinsforschung verfügt. Dennoch lässt man mich weiter im Trüben fischen.

Vielleicht haben sie mich auch beobachtet, wie ich durch die Flure und Treppenhäuser schleiche und mit geschlossenen Augen immer wieder kurz stehen bleibe, um in die Atmosphäre zu spüren? Können die ja nicht wissen, dass das nur ein Versuch war, ein paar inspirierende Impulse von Albert Einsteins Geist einzufangen. Der von mir innig geliebte Physiker hatte um 1920 herum hier im Klinikgebäude an der Entwicklung des Kreiselkompasses mitgewirkt. Ein großes Foto von ihm hängt im Therapie-Bereich der Klinik.  Er hätte meinen Egründungszwang bestimmt verstanden … 😉

Manche Leute schlafen nur so gut, weil sie so langweilige Träume haben.
(Madame de Staël)

In einer der letzten Nächte in Kiel träume ich von einer Motorrollerfahrt mit einer Freundin. Wir diskutieren über ihren Fahrstil. Der Roller bäumt sich auf wie ein Wildpferd. Und ich sag‘ noch …! Sie stoppt an einem Parfümladen. Sonderangebotstag. Im Bademantel (!) stürme ich in den Laden und scanne die verschiedenen Parfümflacons. Mein Lieblingsduft ist nirgendwo zu finden. Nur einige ähnlich aufgemachte Verpackungen drängen sich in den gläsernen Regalen aneinander. Plötzlich steht meine Freundin mit einer rot-metallischen Flasche vor mir. „Das ist das Falsche, verdammt nochmal!“, motze ich los und stürme Richtung Ausgang. Ein kleiner dicker Security-Mann mit 80er-Jahre Strickbund-Sweatshirt stellt sich mir in den Weg und sagt: „Oh, oh!“, während er mich in meinem Bademantel abklopft, offenbar, um eventuell Entwendetes aufzuspüren. Er findet nichts. Ich gehe raus an die frische Luft. Als ich mich umdrehe wurschtelt meine Freundin schon wieder am Motorroller herum. Ich hechte auf sie zu und sage sehr bestimmt: „Jetzt fahre ich!“. Sofort wird sie ganz still, stellt sich neben mich und wartet. Leider geht es nicht sofort los. Wir müssen noch zwei aufgeblasene Luftmatratzen und Wolldecken mitnehmen. Keine Ahnung, was das soll. Ich öffne die Ventile. Plötzlich stehen wir auf einer Wiese. Während ich die grünliche Matratze entlüfte, sehe ich einen Mann. Er pinkelt einen sehr dicken Strahl an einen sehr dünnen Baum. Ich wache auf. Muss dringend auf’s Klo.

Ich bin nicht verrückt. Ich hab‘ nur ein durchgedrehtes Pferd im Kopf. 😀

Mehrmals heule ich die Psychotherapeutinnen der Klinik voll, weil ich soviel weiß und doch keine Lösung finde. Die armen Dinger. So jung und nur von Problemen umgeben. Die eine trägt einen bronzenen Anhänger mit einem Lebensbaum um den Hals. „Muss man mögen.“, höre ich die Stimme meines Psychotherapeuten aus der Heimat im Hinterkopf. Das sagt er oft. Ich vermisse seine lebenspraktischen, kernig-herzlichen Ansagen. Er ist zwar durchaus sensibel, aber keiner dieser weichgespült besorgt guckenden Lebenshelfer, was mir sehr entgegenkommt. Im Hauptberuf als Rettungssanitäter wird er schon einige Halbtote und Grenzgänger jeder Couleur auf der Pritsche gehabt haben. Zudem macht er den Eindruck, dass das Leben auch für ihn und seine Familie kein ewig währender Kindergeburtstag ist. Es beruhigt mich zu wissen, dass ein Teil von mir, vertreten durch die kleine Pferdeskulptur in seiner Praxis, immer in Sicherheit ist.

Überhaupt gefällt mir seine unkonventionelle und lebenspraktische Hilfe. So habe ich immer zwei Audiosequenzen mit speziell für mich eingesprochenen Texten von ihm auf meinem iPhone dabei, die mir in schmerzlastigen oder angstgeprägten Situationen ortsunabhängig und unmittelbar helfen. Da können die von der Klinik bereitgelegten Entspannungs-CDs mit der – nebenbei bemerkt unsympathischen – männlichen Stimme nicht gegen anstinken.

Da bin ich Besseres gewohnt. 😉

029 // In der Schmerzklinik Kiel – Teil I

Wer die erste Hürde, das Ausfüllen des 30-seitigen Fragebogens der Schmerzklinik geschafft hat, ist schon ein gutes Stück weiter und hat das Gefühl: Endlich kümmert sich mal jemand ganzheitlich und vollumfänglich. Bis es tatsächlich losgeht, gibt es Wartezeiten. In meinem Fall fünf Monate. Migräne habe ich laut Migräne-Tagebuch, das ich führen soll, an ca. 20 Tagen im Monat. Andere Kopf- und Körper-Schmerzen jeden Tag. Von den Ärzten höre ich nur „Besprechen Sie das alles in Kiel.“ Kein Wunder, dass die Erwartungen an die Schmerzklinik so groß sind. Zwei Koffer und eine große Tüte Hoffnung habe ich dabei, als ich in der modern eingerichteten Empfangshalle stehe – besser: hänge.

Ich bin einfach am Ende.

Ankommen

Nach einem sehr langen Anamnese-Gespräch mit der für mich zuständigen Ärztin, bei dem ich trotzdem das Gefühl habe, nur knapp die Hälfte aller meiner Probleme erwähnt zu haben, komme ich in meinem Zimmer langsam zur Ruhe. Dank meiner Zusatzversicherung für die Einzelunterbringung treibt mich der Aufpreis für das Zimmer noch nicht in den endgültigen finanziellen Ruin. Dass man in einem „Privatzimmer“ allerdings den Fernseher extra bezahlen muss (für 19 Tage immerhin 16,- Eur), finde ich etwas befremdlich.

Die Einrichtung des Zimmers ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen, aber durch die Anordnung der Möbel und die „gemütliche“ Bett-Ecke, kommt keine richtige Krankenhausatmosphäre auf – gut! Ein gemütlicher Ledersessel, der sicher mal schön war, steht vorm Fenster. Leider ist er am Kopfteil und an der Sitzfläche ziemlich durchgescheuert und dadurch sehr unansehnlich. Mein Zimmer liegt zur Straße hin. Das ist tagsüber etwas laut, aber es wird nicht zu warm, weil die Sonne nur morgens kurz reinschaut.

Das Bad ist relativ groß und hat eine frei zugängliche Dusch-Nische (like! :-))

Die Bodenfliesen und Fugen sind nicht so schön … nein, die sind einfach um. Etwa zwei Drittel des ehemals hellgrauen Fugenkitts haben eine schlammschwarze Patina angesetzt. Bin ich zu pingelig, wenn ich meine, dass so was ab und an mal (notfalls mit ’ner Kanne Chlorreiniger) weggerubbelt gehört? Selbst ICH schaffe das einmal im Jahr.

Aber ein Krankenhaus ist kein Luxushotel! Auch einen 3, 2, 1 – Sterne-Standard hat niemand versprochen. Also genieße ich die Ruhe und Dunkelheit hinter den genügend großen lichtundurchlässigen Vorhängen.

Therapie

Bei der Anmeldung drückt man mir einen „Stundenplan“ in die Hand, in dem die Termine für Patientenseminare, Gruppensitzungen, physio- und psychotherapeutische Behandlungen, Entspannungs-Kurse und Sport-Einheiten stehen.

Der Plan enthält wenig passende bewegungstherapeutische Bausteine, die für mich machbar sind. Das demotiviert mich erst mal. Änderungen im Plan sind auch auf Nachfrage nicht möglich. Ich solle mir aussuchen, was für mich passt – bis auf Physio- und Psychotherapie seien alle Angebote nur Vorschläge. OK. Da bleibt leider nicht viel. Zur Erinnerung: Ich kann weder sitzen noch stehen, nach 50 Metern langsam laufen bin ich am Ende, meine Hände und Finger tun so weh, dass ich meine Zimmertür kaum aufschließen kann und Angst habe, den Aufzugknopf zu drücken.

Immerhin bin ich in der zweiten der drei geplanten Wochen soweit, dass ich zumindest versuche, an einer Qi-Gong-Einheit teilzunehmen. Es bleibt beim Versuch.

Hausmeisterwitze

Den Einstieg in einen neuen Prophylaxe-Versuch soll ich mit Gabapentin (ein älteres Antiepileptikum) und Opipramol (ein Antidepressivum, dass auch angstlösend wirken soll) unternehmen. Meiner nicht unbegründeten Angst vor den Medikamenten begegnet man mit Verständnis und professionellem Geschick. Es gelingt mir sogar, eine vom Oberarzt vorgeschlagene Therapie mit Venlafaxin und Topiramat abzulehnen. Natürlich heulend und unter Todesangst. Der Oberarzt ist ein locker flockiger Typ, der sein Handwerk gelernt hat, aber so richtig nachvollziehen kann er mein mühsam beschriebenes Problem in Kontakt mit Ärzten nicht. Er lacht, als ich ihm erkläre, dass der locker beschwingte Umgang mit ihm als Mensch kein Thema wäre, aber in seiner Funktion als Arzt ticken die Uhren bei mir anders. Alles wäre super, wenn er der Hausmeister wäre, sage ich. Er lacht. Das war gar nicht lustig gemeint, aber ich kann eben in den unmöglichsten Momenten eine echte Stimmungskanone sein. Er aber auch. Er kontert: „Haben Sie schon die Erwerbsminderungsrente beantragt?“

Nein – ha ha … guter Witz. Wenn ich hier raus komme, bin ich doch wieder fit, denke ich – wollte ich sagen. Aber ich bin so schockiert, dass ich gar nichts mehr sagen kann und nur den Kopf schüttel. „Das müssen Sie unbedingt als erstes machen, wenn Sie zu hause sind!“
„Äh …“, stammel ich.
„Ja, wenn Sie nach ein zwei Jahren vielleicht doch wieder besser aufgestellt sind, können Sie ja nochmal richtig loslegen.“
Ein, zwei Jahre? Vielleicht? Loslegen?
An den Rest des Gesprächs kann ich mich nicht mehr erinnern.

Als ich alleine im Zimmer bin, rufe ich meinen Mann an und heule wie ein Kindergartenkind, dem man grade verboten hat, mit in den Zoo zu kommen – dieses und nächstes Jahr. Auch Zoo-Videos seien in dieser Zeit verboten. Später vielleicht mal ein Giraffenposter oder ’ne Lemurenpostkarte. Aber Zoo? Für Dich? Nö.

Nach dem ersten Schock reagiere ich trotzig: Das woll’n wir doch mal sehen, wer hier nich‘ mehr in den Zoo geht …

Euphoria Maxima

Zuerst nehme ich das Gabapentin. Damit soll die Alarmbereitschaft im Nervensystem und das Schmerzgedächtnis runterreguliert werden. Glücklicherweise gibt es keine negativen Akutreaktionen – im Gegenteil. In den ersten Tagen mit dem Medikament ist mein Kopf plötzlich freier, der Druck und der Nebel verschwinden langsam. Ich fühle mich nach und nach so fit, dass ich mich ein paar Minuten in einen Sessel im Flur setzen kann. Auch eine andere Basilarispatientin mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten wie ich bekommt Gabapentin und reagiert zunächst genauso positiv auf die Dropse.pokemon

Die Euphorie hält einige Zeit an. Ich bin wieder an Bord. Sehe andere Menschen, rede mit ihnen, höre zu, was sie erlebt haben. Das fühlt sich gut an. Ich beginne weiter zu hoffen und werde langsam mutiger. Am Ende meines Aufenthalts schaffe ich 600 Meter in die kleine Einkaufstraße auf der anderen Seite der Schwentine, um mir Gemüsechips und Kokosriegel zu kaufen – alleine!

Manchmal fange ich ein paar Pokemons am Uferweg oder gucke mir die Segelboote an. Ich bin mächtig stolz auf mich!

Von zwei Anfällen und den neuen Schwindel-Symptomen lass‘ ich mir meine Rückkehr in die Zivilisation nicht madig machen.

Abends nehme ich das Opipramol. Kurz bevor ich einschlafe, sehe ich Fury vor meinem inneren Auge. Er steht mit runterhängender Unterlippe, leicht verstrubbelt und ziemlich stoned am Zaun. Ich rolle ein Stück Pappe zusammen, knüpfe ein Gummiband dran und lasse das improvisierte Hütchen vor die Stirn des großen, grauen Tieres schnacken – Swopp macht es. Er kann sich nicht wehren – er guckt nicht mal hoch. Hahaha! „Du bist ein Einhorn!“, gluckse ich und schlafe lachend ein.

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