Schlagwort: Erziehung

044 // Der Mann, der mich Affenmädchen nennt

Je mehr ich der Radikalen Erlaubnis folgend, alle inneren Anteile erlaube, desto mehr negative Gefühle und Ideen ploppen bei mir ungebremst hoch. Das erschreckt mich manchmal. Mit „Ideen“ meine ich nicht solche Sachen, wie unvermittelt Hotelzimmer-Schlüssel ins Meer werfen oder so, wie wir alle sie kennen. (Kennen wir doch, oder? ;-))

Nein, ich habe richtig wilde, aggressive, zerstörerische – schlicht sadistische Gedanken. Und damit meine ich nicht die nett gemeinten Streichel-Hiebe eines verantwortungsvoll zur Tat schreitenden, einvernehmlichen Sadomasochisten – nein. Ich denke so richtig fiese Sachen. Ohne Codewörter und komplett non consensual. Einfach gruselig. Erschwerend kommt hinzu, dass ich als alter Splatter-Fan auch auf einen enormen Pool von bereits fertigen Szenen zurückgreifen kann, die von mir nur noch abgewandelt und perfektioniert werden müssen. Ich mache mir ein bisschen Sorgen.

Mein Psychotherapeut versichert mir, dass Zwangsgedanken statistisch gesehen nur in den allerseltensten Fällen tatsächlich umgesetzt werden und nur unter ganz bestimmten Voraussetzungen, die bei mir nicht gegeben seien. Das beruhigt mich ein bisschen. Auf Zahlen kann ich mich verlassen. Die bleiben was sie sind.

Ich denke darüber nach, diese fiesen Ideen aufzuschreiben. So wie Bret Easton Ellis. Mit American Psycho hat er alles rausgelassen und verdient damit noch Geld – noch lebt er auch. Ganz gut, glaube ich. Oder Jörg Buttgereit. Der Splatter-Regisseur erzählte in einem Interview, dass er mit seinen Filmen, wie Nekromantik, lediglich einen Weg sieht, mit seinen größten Ängsten klarzukommen. Er hat offenbar auch ein paar wirsche Ideen und ist ansonsten ein netter ausgeglichener Typ … glaube ich … äh … kennt ihn jemand persönlich? 😉

Mein Mann

Meine Mann ist auch so einer. Wenn ihn etwas oder jemand ärgert, lässt er seinen kruden Phantasien (verbal) freien Lauf, zumindest wenn wir unter uns sind. Wenn er es aufschriebe, schwämme er im Geld oder säße im Knast – da bin ich ziemlich sicher. Er kann aus einer unergründlichen Quelle von erdachten Grausamkeiten schöpfen und tut dies, mit dem Effekt einer inneren Zufriedenheit, die ihres Gleichen sucht. Ich habe viel gelernt von ihm.

Das Geheimnis unserer Beziehung

Ein Geheimnis unserer wirklich guten Beziehung ist vor allem unsere radikale Offenheit. Inklusive Schimpftiraden, Geringschätzigkeitsäußerungen und Unmutsbekundungen dem anderen gegenüber, und zwar sofort und unmittelbar, wann sie in uns wach werden. Streit gibt es bei uns dagegen fast nie. Es staut sich einfach nicht genug an, aus dem man etwas Handfestes vom Zaun brechen könnte. Wenn ich ihn doof finde, sag‘ ich: „Du bist doof.“ Wenn er mich nervig findet, sagte er: „Du nervst.“ Ich sage: „Blödmann.“ Er sagt: „Affenmädchen.“ Ich sage: „Hau ab, ich kann dich grad‘ nich‘ leiden.“ – Er sagt. „Geh weg, Frau!“

Das klingt für manche vielleicht befremdlich, spricht man doch immer davon, wie wichtig der Respekt voreinander sei. Ja, das sehe ich auch so. Aber ich habe nicht eine einzige Sekunde in meiner Beziehung das Gefühl, dass uns der Respekt flöten geht …  Außer, wenn Herr Unflat mal wieder jeden seiner unerträglich stinkenden Fürze feiert wie den Geburtstag der Queen. 😉

Zurück zum Thema: Wer aus falsch verstandenem Respekt schweigt, generiert damit nur Probleme, Missverständnisse, Misstrauen und Unsicherheit, weil er dem anderen die Möglichkeit nimmt, sich in ihm zu finden. Deshalb reden wir lieber.

Pudding on demand

So sind wir uns aber auch nicht zu schade, unsere positiven Gefühle füreinander zum Ausdruck zu bringen. In Wort und Tat. Wobei er mir da in Ermangelung der notwendigen Energiereserven zurzeit eindeutig die Show stiehlt. Das macht mir manchmal ein schlechtes Gewissen, was aber nicht nötig sei, mir aber dennoch das Leben erschwert, was aber wirklich nicht nötig sei, und mir trotzdem auf der Seele liegt – unnötigerweise – sagt er.

Zu Mandelentzündungszeiten konnte ich beispielsweise auf einen besonderen Service zurückgreifen: Puddingsuppe on demand – in allen erdenklichen Varianten und mit liebevollen Garnierungen, kochend heiß, lauwarm oder erkaltet je nach Wunsch ans Bett geliefert.

So geht Liebe. 🙂

Oh, ich höre grade eine Stimme in mir, die sagt: „Typischer Fall von sekundärem Krankheitsgewinn.“ 😀

Na, und?

In unserer Familie soll jeder so sein dürfen, wie er ist und fühlen dürfen, was er fühlt – ohne Einschränkung.

Etwa einmal im Monat oder nach Bedarf setzen wir uns deshalb auch zusammen und jeder sagt dem anderen, was er an ihm nicht mag. Ohne Kommentar, Rechtfertigung oder Beleidigtsein. Wir halten das zusammen aus. Auch mein Sohn ist da mit von der Partie. In der zweiten Runde sagen wir uns dann, was wir besonders gern mögen. Das ist immer viel mehr.

Ein Grundsatz, den ich auch in meiner Erziehung vertrete, ist kurz gesagt das sozialverträgliche die Sau-raus-lassen.

Gut funktioniert das auch mit unserer Auto-Regel: Wenn niemand anderer dabei ist, sind bei uns im Auto auch Schimpfwörter erlaubt. Da lassen wir verbal alles raus. Wenn es nötig ist, dürfen wir die uns auch untereinander an den Kopf knallen. Wenn wir aus dem Auto steigen, gilt dann wieder das normale Regelwerk für draußen – lieb haben wir uns trotzdem.

Das klappt hervorragend und ich garantiere, dass mein Sohn niemals das Gefühl haben wird, dass negative Gefühle bei mir nicht erlaubt sind und zu Liebesentzug führen. Er wird genug andere Hürden in seinem Leben überwinden müssen und mich für andere Dinge hassen – das ist schwer auszuhalten für mich, aber nicht zu ändern.

Projektionsgefahr

Als Mutter mit traumatischen Erfahrungen darf ich nicht den Fehler machen, mein verkorkstes Kinderleben auf mein Kind zu projizieren. Das wäre weder ihm noch mir selbst gegenüber fair. Er ist eine eigenständige Person mit vollkommen anderen Rahmenbedingungen. Das nicht nur zu wissen, sondern auch zu fühlen, ist ein großer, schmerzhafter, sehr heilsamer Schritt, den ich dankenswerterweise schon geschafft habe.

Die Projektionsimpulse gibt es immer wieder, aber ich kann sie wahrnehmen und so sein lassen. Wenn es gut läuft, beschäftige ich mich mit ihnen neutral bis neugierig interessiert. Meist bin ich nach einer Begegnung mit der Projektion innerlich versöhnt und nehme deutlicher als früher die Grenzen meiner Person wahr.

Wenn es schlecht läuft, zieht es mich mit Haut und Haar in den Abgrund der Angst und Verzweiflung und ich brauche etwas länger, um mich wieder zu sortieren.

Als Projektions-Warner macht sich auch mein Mann ganz gut, wenn er nicht grade den Auftritt der königlichen Garde und den Aufstieg der Royale AirForce zelebriert … ;-P

035 // Die unsichtbaren Krankheiten

„Du siehst doch gar nicht so krank aus.“

Wie ich diesen Satz liebe …

Schmerzen und Migräne können Außenstehende nicht sehen. Da liegt die Vermutung nahe: „Die hat doch gar nichts. Die kann uns viel erzählen.“
Im Grunde stimmt das natürlich. Wer nicht grade seine speziellen aktuellen Blutwerte oder ein mobiles MRT-Gerät dabei hat, dem fällt es schwer, die messbaren Vorgänge im Gehirn zu visualisieren. Der sieht eben fit aus. Vor allem, wenn er noch nicht so alt ist. Da Mitmenschen zunehmend geizig werden mit Verständnis, Rücksicht oder Anteilnahme hier mein Tipp:

Um im Alltag Aufmerksamkeit zu bekommen, mach‘ Dir lieber ’nen Verband um den kleinen Finger oder renn‘ mit hochgekrempelter Hose durch’s Büro, um allen Deine neuesten blauen Flecke zu präsentieren. DAS macht Eindruck.

Deine Schmerzen interessieren keinen. Man muss schon was sehen können.

Pneumatische Plastologie

Aber einige Migräniker haben’s gut: Manchmal sieht ihr Gesicht aus wie eine Hüpfburg. Die können dann zwar nicht durch’s Büro laufen, aber sie können mal ein Foto ins Internet stellen. Endlich sieht man denen die Krankheit mal an. Dann sehen selbst kritische John Wayne-sozialisierte ältere Herren, dass „die wirklich was hat und sich nicht nur anstellt, oder bei unangenehmen Aufgaben in die Krankheit flüchtet“.

Ich staune bei diesen Gelegenheiten immer, wie schön glatt auch meine Stirn noch sein kann, wenn die ansonsten canyonartigen Furchen mal gut ödemisch unterpolstert sind.

Migräne tut nicht nur weh, die sieht manchmal auch Scheiße aus.

Simulant und Verpisser

Immer wieder wurde ich in der Vergangenheit als Simulant und berechnender Verpisser dargestellt. Natürlich kann man sagen: „Da musst Du doch drüber stehen.“ Da sag ich: „Tu‘ ich aber nicht.“
Von Kollegen erfahre ich zum Beispiel nach meiner Mandeloperation, dass sie der Meinung sind, ich würde immer krank mit Ansage. Klar, wenn ich morgens mal wieder solche Mandeln

mandeln

und Fieber habe, äußerte ich schon mal ein vorsichtiges: „Ich glaub‘ ich werd‘ krank.“ (Originalfoto)

By the way: Man kann wirklich nicht zu einem Pläuschchen ins Büro kommen, wenn der Magen und seine Nachbarn vor ein paar Tagen auf diese:

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Art und Weise operativ verwurschtelt wurden. (Originalfoto)

Und: Nein, ich verpisse mich nicht. Die Angst davor ist viel zu groß. Wie groß, können sich die meisten gar nicht vorstellen. Darüber sollten sie froh sein.

Die unzähligen Male, die ich mit Migräne, Rückenschmerzen oder eitrigen Mandeln und Gallenkoliken meine Arbeit gemacht habe, hat niemand auf dem Schirm, weil ich es gut versteckt habe. Mit der Gürtelrose bin ich auch ins Büro gegangen. Zwar wusste ich nicht, dass es eine Gürtelrose war, aber wegen Schmerzen schon wieder fehlen? Nein, nein, dann lieber Schmerzmittel rein und los. Oh, keine Angst, alles war steril verpackt und zum Heulen bin ich auf’s Klo gegangen. Nicht, dass meine Krankheiten noch jemanden belästigen.

Ich war richtig gut im Gesund-Tun und Auf-Stark-Machen.

Alles nich‘ so schlimm

Sprüche wie: „Stell Dich nicht so an!“ und „Guck mal, was andere alles aushalten müssen!“, habe ich sozusagen mit der Muttermilch eingesogen. Wobei in diesem Punkt nicht meine Mutter die treibende destruktive Kraft war.

Mein Vater, das jüngste von vier pommerschen Flüchtlingskindern einer alleinerziehenden Mutter, deren Mann auf dem Weg nach Sibirien irgendwo verschollen, und Augenzeugen zufolge unterwegs an Typhus gestorben war, wurde in Ermangelung des Vaters von Kino-Cowboy John Wayne erzogen.

Der Mann in Zitaten (also mein Vater – nicht John Wayne ;-)):

„Rumflennen bringt da jetzt auch nix.“ – „Reden, wieso reden? Worüber denn?“ – „Science fiction? So’n Blödsinn – alles ausgedachter Mist.“ – „Büro? Das ist doch keine Arbeit!“ – „Ein Mann der weint, is‘ doch kein Mann, das is‘ ne Memme.“ – „Wegen Kopfschmerzen geht man doch nicht zum Arzt.“ – „Schwul? Das ist doch abnorm.“ – Danke, Papa, dass du mir geholfen hast. – „Ja, muss ich ja. Gehört sich ja so.“ – Mir tun die Knochen im Bein so weh, Papa. „Du bist doch noch ein Kind, du hast doch noch gar keine Knochen.“ – „Das macht die doch mit Absicht!“ (Zu meiner Omma nach ihrem Schlaganfall, als sie halbseitig gelähmt, im Rollstuhl sitzend und schwer sprachgestört die Wörter Steckdose und Flugzeug verwechselt.) – „Ja, guck‘ Dir mal xy an, was andere alles aushalten müssen!“ (auf die Nachricht, dass ich mich scheiden lassen will.) – „Du hast Dir doch noch nie ’nen Vernünftigen gesucht!“ (im Gespräch über die Scheidung) – „Natürlich ist das DEINE Schuld!“ (als ihm eine Taube auf den Benz geschissen hat, an dem Tag, an dem ICH gefahren bin.) – „Der wird NIE den Wert der Dinge kennen lernen!“ (zu meinem 2-jährigen Sohn, als er sein Eis in den Sand fallen lässt.) – später dazu: „Natürlich bist DU da dran Schuld!“- „Was studierst Du noch mal?“ (im 6. Semester kurz vor der Prüfung).

Das Blöde ist: Ich habe nicht nur ein Gehirn wie ein Pferd, sondern auch ein Gedächtnis wie ein Elefant. Jeder Spruch hat sich eingebrannt. Wie in diese kleinen Holztäfelchen, die man früher auf den grün- oder bahamabeige-gefliesten Gästetoiletten unserer Elternhäuser hängen sah. Ich hab‘ alle Sprüche im Kopf. Jeden Tag.

Trotz allem fühle ich so was wie Liebe, Zuneigung und Verbundenheit zu diesem Menschen, aber ich weiß genau, dass die emotionale Verstümmelung, die er da in sich trägt, die Verbindung an vielen Stellen sehr fragil macht. Am besten nur an der Oberfläche kommunizieren und nichts hinterfragen, dann kann er echt witzig sein. Und hilfsbereit. Muss er ja. 😉

Zu Tieren hat er ein besseres Verhältnis. Ich hab‘ ihn außer nach dem Tod seiner Mutter nur weinen sehen, als unsere Hunde gestorben sind. OK, weinen ist vielleicht übertrieben, aber er hat sich mit seinem Baumwolltaschentuch, dass er immer in der Hosentasche trägt, die feuchten Augenwinkel abgewischt.

Das Apfel / Stamm-Problem

Schlimm für mich: Ich habe irgendwann seine Maßstäbe in meine Persönlichkeitsstruktur übernommen. Habe alle körperlichen und erst recht die seelischen Verwundungen und Schwächen ignoriert, geleugnet oder versteckt. So wie ich es gelernt habe. Systematisch hat man mir das Bauchgefühl abtrainiert. Als ich älter wurde, hab‘ ich die Kontrolle selbst übernommen und bin mit mir selbst mindestens so schlecht umgegangen, wie ich es anderen heute vorwerfe. Verrückt.

Das ist nicht gesund und macht es anderen schwer, dich als verwundbares Wesen zu sehen. Das wiederum führt dazu, dass sie dich auch nicht wie ein solches behandeln. Du steckst alles ein und wehrst dich nicht. Was innen ist, sieht keiner. Die meisten interessiert es auch nicht, aber das ist ok, die meisten Menschen interessieren mich ja auch nicht.

Ich weiß nicht genau, welcher Zusammenhang zu meiner Angst vor dem Falsch-Verurteilt-Werden besteht, aber irgendeinen gibt es – ganz bestimmt. In mir schreit alles und raus kommt nichts. So habe ich das gut 40 Jahre lang gehandhabt.

Irgendwann kamen die ersten Quittungen: In Form einer Gallen-Not-OP, chronischer Mandelentzündung, (unbehandelter) Gürtelrose, eines gerissenen Zwerchfells, zweier Bandscheibenvorfälle und Vorwölbungen, kaputter Venen, Tinnitus und einem hübschen Konglomerat an psychischen Folgeschäden: Angst, Panik, Depression und Schmerzen im ganzen Körper.

Ich bin fertig. Mit 43.

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