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070 // Schützt der Placeboeffekt vor unerwünschten Nebenwirkungen?

Und wieder fühle ich mich an meinen Besuch in der Facharztpraxis von Frau Dr. Jekyll-Hide erinnert. Dort bekam ich zu hören, dass es nicht möglich sei, erst so spät (Wochen nach Ersteinnahme) Nebenwirkungen von dem Epilepsiemittel Gabapentin zu entwickeln. Sie meinte, das sei, weil es geholfen hat.

Dies sei nicht nur bei mir der Fall, sondern auch bei einer Patientin, von der ich ihr berichtet hatte (die sie nicht kennt), bei der sich die Situation ähnlich abspielte. Das sei das gleiche Konstrukt, weil man ja nicht wüsste, was man ohne die Krankheit machen solle, die ja von der ganzen Familie zu hause als einziger Lebensinhalt „gepflegt“ würde – so ihre (Fach-?)Meinung.

Dass da irgendwas nicht stimmt, hatte ich ja schon erörtert. Dennoch komme ich als extrem (vor allem selbst-)kritischer Mensch nicht umhin, über solche möglichen Zusammenhänge zu reflektieren, was sich in meinen Blogeinträgen zum Krankheitsgewinn niedergeschlagen hat.

Mithin entwickelte ich eine ganz andere Theorie, in der ich mich durch einen aktuellen Artikel im „Spektrum der Wissenschaft“ zum Thema Placebos, bestätigt sehe:

Ich vermute, dass die immense Hoffnung auf Heilung, die ich bei der ersten Einnahme des Medikaments hatte, dazu geführt hat, dass ich alle Nebenwirkungen ausblendete – bzw. auf diese Weise tatsächlich zunächst gar keine entstanden sind.

Ich wünschte mir so sehr, dass mir dieses Zeug hilft, dass ich dafür sogar meine Angst vor Medikamenten dieser Art (kurz) überwunden hatte.

Nach und nach ließ dann dieser Placebo-“Schutz“-Effekt (wie ich das mal nennen will) nach und es kam zu den geschilderten Nebenwirkungen wie Weggetreten- und Verwirrtsein, plötzlichem Hinfallen, zusätzlichen unnötigen Bewegungen und Stimmen hören.

In dem Artikel wird nun genau diese Annahme wissenschaftlich fundiert gestützt:

Wissenschaftler fanden heraus, dass der Placeboeffekt nicht nur ein eingebildeter ist, sondern messbar in der Hirnaktivität stattfindet. Er ist umso größer, je mehr Hoffnung der Patient in die Behandlung setzt und je positiver das Medikament seitens des als kompetent empfundenen Behandlers angepriesen wird. Dies ist besonders gut für Schmerzen erforscht.

Doch auch bei den motorischen Fähigkeiten von Parkinsonpatienten zeigte sich:

„Ihre motorischen Fertigkeiten erholten sich teils deutlich. [Die Wissenschaftler] registrierten zudem per Positronenemissionstomografie (PET) einen Dopaminschub in den Basalganglien, die für die Bewegungssteuerung unerlässlich sind.“

Weiter fand man heraus,

„dass die Dopaminaktivität am ehesten steigt, wenn die Parkinsonpatienten auf eine Verbesserung der Symptome hoffen statt davon ausgehen.“

Beides traf auch auf mich und meine Situation in der Schmerzklinik in Kiel zu:

Eine riesige Hoffnung und absolut qualifiziertes, souveränes, zuversichtliches ärztliches Personal trafen aufeinander.

Dass das Medikament unter diesen Umständen zunächst wirkt, war somit extrem wahrscheinlich: 1. aufgrund seiner medizinisch wirksamen Bestandteile und 2. aufgrund eines zusätzlich auftretenden Placeboeffektes.

Denn – so meine Annahme – wenn aufgrund von placebobedingten Effekten Hirnaktivität zu Gunsten des Wohlbefindens ausgelöst werden kann, ist in diesem Zusammenhang die Unterdrückung unerwünschter Effekte genau so wahrscheinlich wie das Auftreten erwünschter Effekte.

So sind die verspätet einsetzenden Nebenwirkungen selbstverständlich plausibel zu erklären.

Wenn ich Forscher wäre, würde mich diese Idee zu weiteren Experimenten motivieren … 😉

Das bin ich aber nicht, deshalb tauchen bei mir auf diese durchaus versöhnliche Antwort hin (wie immer) nur neue Fragen auf:

Warum weiß eine Fachärztin nicht um solche Effekte, wenn sie doch jeder Depp einfach im Internet nachlesen kann? Was ist da los, dass einem Patienten mit so viel Argwohn, Desinteresse und menschlichem Ungeschick entgegengetreten wird? Was hat die Frau erlebt, dass sie ihre Patienten nicht mehr als Individuum sondern nur noch als wabernde Masse von Diagnosen und daraus zwangsläufig resultierenden „Lebensstilen und -einstellungen“ sehen mag? Was hat sie davon, so vorzugehen?

Antworten wird es wohl nicht geben.

Hier gibt’s aber den ganzen Artikel für euch zum Nachlesen 🙂 http://www.spektrum.de/news/wie-placebos-wirken/1537269

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PS: Ich habe kurz überlegt, der Ärztin diesen Artikel auch zu kopieren und per Post zuzusenden, da sie Post von mir aber offenbar ignoriert, wie ein Blick in die Patientenakte und in meinen eigenen Briefkasten zeigt, lasse ich das mal. „Perlen vor die Säue“ und so 😉 … und irgendwann muss ich auch mal aufhören, mich immer und immer wieder mit diesem Scheißerlebnis zu belasten.

Ich hoffe, es ist jetzt endlich mal gut …

069 // In der Höhle der Echse – myyzilla auf doccheck.de

Mit meiner Arztangst bin ich im letzten Jahr keinen Millimeter weiter gekommen. Im Gegenteil. Das Erlebnis mit Frau Dr. Jekyll-Hide steckt mir noch so tief in allen Ebenen des Daseins, dass ich mich noch weiter zurückgezogen habe aus den schönen Arztpraxen dieses Landes.

Das ist aber nicht richtig und bringt mir nur noch mehr Scherereien und Druck. Ohne Ende Druck. Verdammt nochmal. 🙁

Mein Psychotherapeut therapiert sich langsam ’nen Wolf und ich habe ihm gegenüber schon ein schlechtes Gewissen. Andere (kassenfinanzierte) Traumatherapieplätze sind nicht in Sicht.

Es muss etwas passieren.

Den Januar, den ich überwiegend im Bett liegend verbringen musste, habe ich also genutzt, um neue, professionellere Herangehensweisen auszutüfteln. Ich besann mich auf meine Ressourcen, Stärken und den nicht versiegenden Quell toller Ideen, die Fury und den anderen den Tag vertreiben.

Irgendwann stieß ich beim Durchsehen meiner Erinnerungen an ein besseres Leben, auf ein Ereignis, das mir nun als Vorbild dienen soll:

So hatte ich seiner Zeit eine fast 20 Jahre bestehende, wirklich heftige Frosch- und Echsen-Phobie selbst therapiert, indem ich mir detaillierte Informationen über die  Methoden der Phobie-Therapie der Christoph-Dornier-Klinik (an die ich eher zufällig über die Uni gelangt war) reinzog und mit Unterstützung eines netten Arbeitskollegen (Reptilienfan), schrittweise die Bewältigung dieses Angst-Themas angehen konnte.

Die Frosch-/Echsen-Sache hört sich lustig an, war sie aber nicht. Es steigerte sich über die Jahre so weit, dass ich in jedem sich bewegenden Grasbüschel – selbst an Straßenlaternen – mich mit Haut und Haaren fressende Frösche befürchtete. Krass – ich weiß. Aber es gibt echt ’ne Menge schräger Phobien (z.B. die Angst vor der Zahl 4 = Tetraphobie), insofern befinde ich mich in bester Gesellschaft mit vielen anderen armen Kreaturen und gehe damit heute selbstbewusst um.
Achtung Spoiler: Ich kann’s mir heute ja auch leisten – hab’s geschafft! Und zwar besser als ich mir das erhofft hatte, wie ihr später im Text sehen werdet.

Bevor ich mich heilen konnte, waren bereits Bilder von Fröschen und Eidechsen schon schlimm für mich. Videos gingen gar nicht. Die Biologie-Stunde, in dem dieser unsägliche „Froschschenkelversuch nach Galvani“ gezeigt wurde, den viele sicher noch aus der Schulzeit kennen, ist mir noch heute als mein persönliches Armageddon in Erinnerung.

Wie hab‘ ich es also geschafft?

Antwort: Durch meinen Willen, den Verstand siegen zu lassen und dem Körper schrittweise einen chilligeren Umgang mit dem gemeinen Lurch anzutrainieren.

Initialzündung für meine Heilung war dabei ein logischer Zusammenhang, den mein Reptilien-Kollege damals äußerte:

In einem Gespräch wollte er wissen, was genau an den Tieren mir denn so eine Angst macht. „Was denkst Du denn, machen die mit Dir?“, fragte er.
Da ich den Kollegen auch menschlich mochte, traute ich mich, ihm zu sagen, dass ich schlicht Angst hätte, dass die Scheißviecher mich anfallen und auffressen (ja, ich weiß – vollkommen irrational und wirsch. War aber so.).

Mein Kollege lachte mich nicht aus wie die meisten anderen, die davon hörten, sondern sagte ganz trocken: „Da brauchst Du keine Angst zu haben, Du entsprichst doch gar nicht deren Beuteschema.“

Ich so: „?!“
Er so: „Na, du hüpfst ja noch nicht mal.“
Ich wieder:“?“
Er:“Solange Du nicht aussiehst und dich bewegst, wie ein Insekt oder anderes Beutetier passiert Dir doch nichts.“

Eine bestechende Logik.

Ja, ihr lacht, aber das war die Grundlage dafür, dass ich mich ganz langsam über diese mentale Krücke („nicht hüpfen, dann passiert dir nichts“) mit den Tieren befassen konnte, ohne vor Angst fast in Ohnmacht zu fallen.

Es folgten Monate, in denen ich mich erst theoretisch mit den Fröschen und Echsen befasste (interessante Tiere sind das nämlich!). In einer nächsten Stufe schaute ich mir gemeinsam mit dem Kollegen Bilder seines (in einem frei im Wohnzimmer stehenden Fikus-Benjamini lebenden) Chamäleons (Name vergessen) und später seines Tokeh-Geckos „Lukas“ an.

Lukas war nicht ohne. Tokehs können beißen. Fies beißen. Sie schnappen zu und wollen dir das Fleisch rausreißen, indem sie ihren Kopf und schlimmstenfalls sich selbst um ihre eigene Achse drehen wie ein Krokodil (na, auch Angst? he he he ;-)). Aber selbst den konnte ich mir kurze Zeit später schon im Video angucken.

Den erfolgreichen Abschluss meiner Selbsttherapie feierte ich dann auf der griechischen Insel Kos. Mein damaliger Lebensgefährte und ich wohnten zu ebener Erde in einem Appartmenthotel. Die etwa 1000 Quadratmeter Schotter und Sand hinter dem Hotel, auf denen mittig eine alte große hölzerne Kabeltrommel lag, dienten mir als meine Therapiearena.

Der Hohlraum unter der Kabeltrommel war das Zuhause vieler kleiner Echsen. Mit dem Fernglas konnte ich das Treiben von der Terrasse aus beobachten. Urgs. Der Weg zum Strand führte in etwa 10 Meter Entfernung an der Trommel vorbei. Also musste ich all meinen Mut zusammennehmen, um zum Strand zu gelangen.

Ich war tatsächlich mutig genug. Mehr noch: Der Forscherdrang obsiegte!

So beobachtete ich die Tiere erst von weiter weg, dann ging ich langsam näher, bis die Angst auf Stufe 9/10 (am höchsten) war. Dort blieb ich stehen und wartete zitternd und weinend, bis sie runter ging (so macht man das in der Konfrontationstherapie). Dabei redete ich auf mich ein: „Jetzt nur nicht hüpfen, dann passiert dir nichts.“

Und was soll ich sagen: Ich bin nicht gehüpft – es ist mir nichts passiert.

Irgendwann war ich so nah dran, dass ich den kleinen grauen Echsen in die Augen schauen konnte und wenn sie nicht grade allzu plötzliche Bewegungen machten, konnte ich sogar mit einem Puls leicht unter 180 in ihrer Nähe sein. Am Ende des Urlaubs saß (!) ich unter meinem großen Hut stundenlang auf dem Schotterplatz und redete mit der Kabeltrommel – so sah das zumindest für die anderen Hotelgäste aus, vermute ich – aber das fiel mir erst später auf. 🙂

Viel wichtiger ist: Ich habe meine Angst dort besiegt und konnte am letzten Tag des Urlaubs sogar einen Ausflug zum Asklepieion, der antiken Heilstätte des Hippokrates, der auf der Insel geboren war, genießen. Auf den alten aufgeheizten Gemäuern wimmelt es natürlich nur so von Echsen. Aber auch die größeren konnte ich aushalten.

Ein neues Leben begann.

Mein Wissen und mein Interesse an den Tieren führte nun dazu, dass ich kurze Zeit später selber Gecko-Mutti wurde und eine etwas pummelige Phelsume namens „Dicke“ und einen Marmorgecko namens „Charlie“ (weil er aus Vietnam stammte :-)) im selbst gebauten Regenwald-Terrarium beherbergte.

Was für ein Happy End, hm? 🙂

So soll es jetzt auch mit den Ärzten klappen.

Eine Phobie muss nicht unbedingt durch ein Trauma entstanden sein, aber die Mechanismen sind doch recht ähnlich (rede ich mir ein). Ersetze also „Echse und Frosch“ durch „Arzt“ und schon sollte es doch gelingen, die Angst vor ihnen irgendwie in den Griff zu kriegen.

Ich muss mich nur gründlich über Ärzte informieren, ihren Lebensraum studieren, ihre Bedürfnisse und ihr Verhalten kennenlernen, Kontakt aufnehmen, halten und irgendwann müsste ich ja dann auch mit den gefährlichen unter ihnen klarkommen – so mein Plan.

Was noch fehlt ist die mentale Krücke („nicht hüpfen, damit ich nicht ins Beuteschema passe“). Hier bin ich dankbar für alle Vorschläge. 😉

Bisher habe ich einige Informationen gesammelt, mir Studieninhalte, Gehaltsstatistiken und Juristisches angesehen. Nun will ich also einen Schritt weiter gehen: Ich nähere mich an. Setze mich sozusagen neben die Kabeltrommel des medizinischen Fachpersonals und nehme Sichtkontakt auf.

Da ich mit meinem Studium durchaus einschlägig qualifiziert bin und mittlerweile einige Gesundheitsthemen und medizinische Sachverhalte als freier Autor vertextet habe, gewährte man mir Zugriff auf das wirklich interessante Portal doccheck.de.

Dort habe ich mir ein Profil eingerichtet, das von den Mitgliedern der Plattform angesehen werden kann – einen Hinweis auf meine Seite habe ich natürlich auch eingestellt.

Jetzt sitze ich da und warte bis die Angst nachlässt …

… in der Zwischenzeit: bloß nicht hüpfen … :-/

 


Bild: pixabay

068 // Chronische Migräne für Dummies

Dass Migräne einfach nicht lustig ist, merkt man schon allein daran, dass es auf Witzeseiten kaum Witze über sie gibt – schon gar keine guten.

Uralt-Weisheiten wie:
„Wenn die Frau Migräne plagt, hüpft der Bauer gern zur Magd“, hilft dem Zwerchfell auch nicht nachhaltig auf die Sprünge.

Deshalb jetzt der ultimative Migräne-Witz:
——

Wie nennt man einen Neurologen, der das klinische Bild einer chronischen Migräne nicht kennt?

Gutachter!!! 😂
——

Der Brüller, oder? 😉🤣 huuuuuu …

… wenn‘s nicht so traurig wäre.

Der Chefarzt der Neurologie einer nicht ganz kleinen Klinik im Ruhrgebiet (seines Zeichens Gutachter in meiner Schwerbehindertenangelegenheit) führt in seinem Gutachten über mich aus:

„Sie führt einen Kopfschmerzkalender, wobei dieser wertlos ist, da sie jeden Tag angekreuzt hat. Sie hat dabei unterschieden zwischen den Basilaris-Migräne-Anfällen, die sehr selten sind und der normalen Migräne, die schon im Abstand von wenigen Tagen auftritt, zusätzlich füllt sie die restlichen Kreuzchen mit der Angabe eines ständigen Spannungskopfschmerzes, sodass dieser mit Plausibilität immer, auch bei der jetzigen Untersuchung, vorliegen müsste, wobei sie aber nicht beeinträchtigt erscheint.“

Was soll man dazu sagen?

Ich versuch‘s mal hiermit:

Ein Schmerztagebuch, das jeden Tag Eintragungen enthält, ist weder wertlos noch unplausibel. Es dokumentiert schlicht und ergreifend den Alltag von bis zu 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, die an und unter chronischer Migräne leiden, …

„DU VOLLHONK!!!“, möchte Etwas in mir ergänzen, aber ich bleibe natürlich (vordergründig) sachlich und verweise jetzt auf die fachmedizinischen Fakten:

(Das Folgende eignet sich übrigens gut zum Ausdrucken, mit in die nächste Arztpraxis schleppen, dem Gutachter zusenden, Weiterleiten, Teilen, speichern … feel free …)

Chronische Migräne

In einer Expertenempfehlung der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft/ Deutsche Gesellschaft für Neurologie sowie der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft/Schweizerischen Kopfwehgesellschaft zur „Therapie und Versorgung bei chronischer Migräne“ findet man folgende Informationen:

„Der Übergang einer episodischen Migräne in eine chronische Verlaufsform wurde erstmals Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, damals noch unter dem Namen ‚transformed migraine‘ (transformierte Migräne) von amerikanischen [Ärzten] beschrieben. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass einige Patienten mit einer eindeutigen zu Beginn episodischen Migräne über Jahre eine zunehmende Attackenfrequenz erleben, die schließlich in einen täglichen Kopfschmerz übergehen kann. Dabei kommt es auch zu einem Wandel der Kopfschmerzsymptome. Im Vordergrund steht dann ein täglicher holozephaler, drückender Kopfschmerz ohne oder mit nur gering ausgeprägter begleitender vegetativer Symptomatik. Dieser Kopfschmerz wird zusätzlich unregelmäßig von Attacken überlagert, die die Kriterien für Schmerzen und Begleitsymptome einer Migräne ohne Aura erfüllen. […] Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) nahm mit der 2. Auflage der Internationalen Kopfschmerzklassifikation ICHD-II (2004) den Begriff der chronischen Migräne erstmals auf. Die ICHD-II führte im Jahr 2004 die Diagnose der chronischen Migräne erstmals im Kapitel „Migränekomplikationen“ auf. […]

Klinisch berichten Patienten mit einer chronischen Migräne über eine längere mittlere Attackendauer, eine höhere Schmerzintensität und sie sind im Durchschnitt durch den Kopfschmerz auch mehr belastet als Patienten mit einer episodischen Migräne.
[…]
Patienten mit einer chronischen Migräne haben einen signifikant höheren Grad der Einschränkung, häufiger psychiatrische Erkrankungen und daraus resultierend häufiger Kontakte mit Ärzten, Notaufnahmen und diagnostischen Maßnahmen […]

(Quelle: Fachartikel aus „Der Nervenarzt – 12/2012 http://www.dmkg.de/files/dmkg.de/Empfehlungen/Empfehlung_Therapie_und_Versorgung_bei_chronischer_Migraene.pdf)

0,2% -1,5% d. Gesamtbevölkerung
(das sind 160.000 – 1,2 Millionen Menschen in Deutschland) sind an chronischer Migräne erkrankt. (Quelle: Deutsche Migräne und Kopfschmerzgesellschaft – DMKG)

Kopfschmerz vs. Migräne

Zum Thema: „Sie scheint unbeeinträchtigt“ zeige ich im folgenden Bild einmal den Unterschied zwischen „Kopfschmerzen“ und „Migräne“:

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Wenn „normale“ Menschen das nicht wissen und ihnen der Spruch „Du siehst ja garnicht krank aus“ rausrutscht: geschenkt.

Wenn aber nicht mal Fachärzte in ihrer Eigenschaft als Gutachter (also mit großer Verantwortung für rechtlich korrekte Behandlung von kranken Menschen) aktuelles Grundlagenwissen in ihrem Fachgebiet haben, dann gute Nacht Marie!

Sowas macht mich einfach stinksauer, weil es entweder dumm oder dreist oder beides ist.

In jedem Fall macht es mir die Aktion „Arztbesuch“ noch schwerer und das ist ungefähr das Letzte, was ich brauche ..

 

 

 

 

 

063// Arzt mit Eiern

Ja, ich weiß, man könnte meinen, an Ärzten lasse ich generell kein gutes Haar. Das stimmt aber so nicht. Mittlerweile habe ich es ja geschafft, in einzelnen Fachgebieten Problem-Bär-kompatible Exemplare ihrer Zunft zu finden.

War aber nicht so einfach und selbst bei ihnen fällt es mir manchmal schwer, mich „normal“ zu verhalten und nicht in Starre oder Panik zu verfallen, weil ich nur schnell wieder weg will.

Ein Arzt ist mir aber in besonderer Erinnerung geblieben. Er fiel nicht durch fachliche Kompetenz auf, aber durch Menschlichkeit und etwas, das es nicht nur bei Frauen selten gibt: Eier.

Vor etwa zwei Jahren traf ich ihn:

Nach meinem Ausflug auf die Stroke Unit und der Diagnose „Basilarismigräne“ bin ich auf der Suche nach einem Neurologen, der mich (wie vom Krankenhausarzt dringend angeraten) weiterbehandelt. Die Krankenkasse schlägt als Migräne-Spezialisten in meiner Nähe den Neurologen/Psychiater Dr. B. vor – er arbeite mit der Schmerzklinik in Kiel zusammen, sagt die Tabelle, die man mir ausgedruckt und zugesandt hatte. Ich rufe an, vereinbare einen Termin und warte nur drei Monate – das ging also vergleichsweise schnell für einen Neurologen.

Kurz vor Weihnachten fährt mich mein Schwiegervater die 30 Kilometer in die Nachbarstadt. Den Stadtteil kenne ich – habe selbst dort einige Jahre gewohnt. Hatte mich deshalb schon gewundert, dass in dieser eher mäßig mondänen Gegend eine spezialisierte Migränepraxis sein sollte.

Vor Ort geht die Verwunderung nahtlos in Erstaunen über. Eine neurologische Praxis habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Nach dem, was ich an Designer-Mobiliar und Kunstsachverstand in der Krankenkassen-Programm-Praxis in E. erlebt hatte, dachte ich ja, Migräne-Spezialist müsste man sein. Passiv natürlich 😉

Die Praxis von Dr. B. folgt einer anderen Stilrichtung: Vintage, würd‘ ich sagen.

Sie befindet sich in einer Altbauwohnung im ersten Stock. Der Eingang für die Nervenpatienten liegt neben einem Billig-Bäcker, was den ansonsten etwas muffigen Geruch des Treppenhauses durch den wohlig, versöhnlichen Duft frischen Backwerks, der uns nun kurz anhaftet, notdürftig zu überdecken vermag.

Auch mein Schwiegervater schaut zweifelnd, aber schweigt, als wir durch die Wohnungstür in die Praxis gehen. Die Inneneinrichtung hat schon bessere Zeiten gesehen, aber alle Anwesenden scheinen entspannt und freundlich. Ja, dann … Vorurteilsfrei und nervös wie immer nehme ich im Wartezimmer Platz.

Hier hängen etwa 20 DIN A4-Zettel mit diversen interessanten und weniger interessanten, aber ablauforganisatorisch und verhaltenstechnisch wichtigen Informationen für Patienten an Türen und Wänden. Stabile Stühle sind in ausreichender Menge und komplett montiert vorhanden. Fußleisten nicht.
Der alte braune Filzteppich nutzt die Lücke und lukt frech hinter den Stuhlbeinen empor.

Ich rechne kurz aus, wie viel die fehlenden und kaputten Meter Leiste und die paar Nägel wohl kosten, und überlege, ob wir nicht schnell in den nahegelegenen Baumarkt fahren sollen, das wär‘ kein Thema, so als Zeichen meiner Dankbarkeit, dass sich jemand meiner annimmt.

Ich verwerfe den Gedanken. Das wäre unangemessenes Verhalten. NOCH hab‘ ich ja nix zu danken. Stattdessen ziehe ich also vorerst nur die Augenbrauen in Richtung Schwiegervater hoch. Er erwidert die Augenbrauen-Sache.

Es sind nur drei Patienten vor mir. Ich bin die letzte heute. Um ca. 17:30 Uhr darf ich zum Doc rein. Ziemlich fertig, aber heilfroh, dass ich nun endlich Hilfe bekommen soll, wundere ich mich noch kurz, dass es weder Gardinen noch Vorhänge gibt und frage mich, ob die türkische Familie gegenüber uns Verrückten wohl oft zuschaut, wie wir dem Doktor unser Leid klagen. Ich an ihrer Stelle würd’s machen. Aus lauter Neugier würde ich ein Richtmikrofon installieren oder vom Mund ablesen lernen. Bestimmt besser als Fernsehen.

Der Doktor kommt rein. Er hat keinen Kittel an. Schon mal gut für mich.

Er ist groß, sportlich, etwa in meinem Alter und sieht freundlich aus. Als er grade etwas sagen will, klingelt sein Handy. Seine Frau möchte Familienorganisatorisches besprechen, weil sie heute Abend in ein Konzert gehen. Er macht es kurz und entschuldigt sich das erste Mal bei mir.

Mir macht das nichts, bin sowieso total fertig mit den Nerven.

Ich solle mal erzählen, was mich zu ihm führt.

Ich erzähle so flüssig wie es geht, dass ich diese Basilarissache habe, vor drei Monaten damit im Krankenhaus war, mich das ziemlich fertig macht alles und ich jemanden suche, der sich damit auskennt und mir hilft.

„Und da kommen Sie zu mir?!“, fragt der Arzt mich völlig entgeistert.
„Äh, ja, die Krankenkasse hat Sie mir als Ansprechpartner genannt.“
„Wie kommen die denn darauf?!“ – er wirkt verwirrt.

Ich auch.

„Ja, Sie stehen doch auch in der Online-Suche der Schmerzklinik Kiel als Kooperationspartner und Schmerzspezialist.“
„WAS?!“

Ich zeige ihm den Ausdruck und werde zeitgleich noch blasser, als ich so schon bin.

„Ich war in einem Rückenschmerzprogramm bei Frau Dr. X., aber da kann ich nicht mehr hin. Zu weit und schlimme Erfahrungen.“
„Aber das ist doch DIE Koryphäe!“
„Mir gegenüber war sie anders und das mit der Basilarisdiagnose kommt auch nicht von ihr. Außerdem ist die Praxis für mich zu weit entfernt. Wie gesagt, die Krankenkasse hat mir Sie als nächstgelegenen genannt“, plappere ich los, auf dass mein Dasein möglichst gerechtfertigt klinge.

„Aber, das gibt’s doch nicht. Ich bin doch nur ein Wald- und Wiesen-Arzt … Und da schicken die mir solche Hardcore-Fälle?!“

Ich gucke ihn mit großen Augen an. Er hat tatsächlich Hardcore-Fall zu mir gesagt. Hardcore-Fall ist nicht das, was ich erwartet hätte, aber es passt zu dem, wie ich mich selbst oft empfinde. Also bin ich nicht beleidigt.

Er entschuldigt sich zum zweiten Mal.

„Ähm, ja ich weiß, das ist recht selten, aber ich weiß einfach gar nicht, was ich machen soll mit der Diagnose und dem ganzen Rest. Können Sie mir nicht irgendwie helfen?“, frage ich.

Dann kullern die ersten Tränen – also bei mir :-D.

„Oh, Mann“, sagt er, „es ist kurz vor Weihnachten, alles total stressig hier, ich bin auch ziemlich am Ende und ehrlich gesagt: Sie überfordern mich grade.“

Wow. Das wollte ich nicht. Nicht, dass der jetzt auch noch anfängt zu heulen … Jetzt hab‘ ich Mitleid mit ihm und verspüre den Impuls, ihn mütterlich fürsorglich in den Arm zu nehmen und zu sagen: ‚Wird schon wieder. Gehen Sie mal mit Ihrer Frau schön ins Konzert und schlafen Sie sich mal ordentlich aus, dann sieht die Welt schon wieder anders aus.‘

Aber Moment, ICH bin doch der Patient!

Ich weine doller. Dafür entschuldige ich mich jetzt.

„Nein, nein. Ich verstehe Sie ja, Sie haben sich was ganz anderes von diesem Termin versprochen.“
„Ja, schon, aber ich hab‘ doch jetzt sonst niemanden, der helfen kann, ich weiß doch garnicht, was ich machen soll.“
„Ja, wenn Sie meinen, ich kann Ihnen helfen, dann muss ich mich erst mal schlau machen.“

Ich nicke wieder. Er tippt im PC rum.
„Welche Triptane nehmen Sie denn?“
Triptane sind kontraindiziert bei Basilarismigräne. Äh, hat man mir gesagt.“ (Ich wollte nicht so klugscheißerisch rüberkommen.)
„Oh.“
Er tippt nochmal was.
„Haben Sie es schon mit Prophylaxe versucht?“
„Ja, Betablocker – vertrage ich nicht und bringt nix.“

Er tippt.
„Amitryptillin könnten Sie nehmen.“

Der hat doch jetzt nicht gegoogelt?!?
„Nein. Nicht bei Basilarismigräne“, wende ich leise ein.

Ich bin am Ende.

„Oh, ja, also dann kann ich Ihnen nur anbieten, dass ich mich mit Ihren Unterlagen beschäftige und Ihnen dann ggf. ein Rezept zuschicke. Dann müssen Sie nicht wieder so weit fahren“, versucht er die Situation zu retten.

„Ich fahre nicht selber. Mein Schwiegervater hat mich gebracht“, sage ich.
„Oh“, sagt er. „Und wir machen einen neuen Termin. Im Februar habe ich was.“
„Ok, dann Danke.“
Ich stehe auf und gehe zur Tür. Ich bedanke mich ja IMMER. Egal für was. Notfalls auch für nichts – dabei weine ich immer noch.

Wie ferngesteuert gehe ich ins Wartezimmer zurück, hake mich bei meinem Schwiegervater unter und gehe mit ihm raus. Versuche, mich zusammenzureißen. Als wir in die Seitenstraße abbiegen, in der unser Auto steht, heul‘ ich richtig los.

Wir gehen ein paar Schritte. Ganz langsam wird es besser. Irgendwann sitzen wir im Auto und ich sage: „Ich hab‘ meinen Psychiater geschafft. Muss mir erst mal einer nachmachen.“
Fast schon lustig. Aber eben nur fast.
Zuhause angekommen rufe ich meinen Mann im Büro an und erzähle ihm von meinem Erlebnis. Er lacht. Und entschuldigt sich sofort dafür. Aber, so what? Is‘ ja auch zum Piepen eigentlich.

Kurz nachdem unser Gespräch beendet ist, klingelt das Telefon: Dr. B.!

Er möchte sich noch mal entschuldigen dafür, wie das Gespräch grade gelaufen sei. Das sei nicht sehr professionell gewesen, wie er sich verhalten hätte. Täte ihm leid, er könne verstehen, wenn ich jetzt sauer wäre. Ich sage ihm, dass ich nicht sauer bin, nur traurig. Kann er ja nichts für. Wird schon wieder.

Krass. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Ein Arzt mit Eiern …

039 // Von Schubladen und falschen Filmen

Mann, hab‘ ich den Kaffee auf. Obwohl ich (außer einem Espresso in Hafermilch gerührt über den ganzen Tag verteilt), keinen mehr trinke.

Soviel wie ich kotzen wollte (können kann ich aufgrund meiner Zwerchfell-OP nicht mehr), kann ich in zwei Wochen nicht essen.

Was ist passiert?
Was wohl? – Ich war mal wieder beim Arzt – diesmal bei der Neurologin: Ich berichte ihr, dass das Epilepsie-Medikament Gabapentin eine Zeit lang einen positiven Effekt auf meine Körperschmerzen hatte und sich dann nach und nach schlimmere Nebenwirkungen entwickelten, die ich nicht mehr tolerieren konnte und wollte.  Ich hörte Stimmen, bewegte mich wie ein Chamäleon (vor und zurück mit unnützen Extra-Bewegungen), knickte auf dem Bürgersteig unvermittelt auf grader Strecke zur Seite weg, stand mental total neben mir. Die Neurologin sagt: „Das kann nicht sein, dass so spät erst Nebenwirkungen kommen.“
„Woher kommt das dann?“, frage ich.
„Das ist, weil es geholfen hat.“
Pardon? Ich gucke blöd.
„Ja, sehen Sie mal, Sie und Ihre Familie beschäftigen sich den ganzen Tag mit Ihrer Krankheit.“
„Äh, nein, die Familie nicht.“
„Sie haben viel mehr Aufmerksamkeit und Zuwendung.“
„Äh, nein, nicht mehr als sonst.“ – Sie hat nicht den Hauch einer Ahnung, wie die Situation bei uns zu Hause aussieht, denke ich.
„Und stellen Sie sich mal vor, die Krankheit wäre von jetzt auf gleich weg, was würden sie tun?“
„Beim Basketball-Training von meinem Sohn zugucken, Autofahren, schwimmen gehen, in den Urlaub fahren, arbeiten gehen …“, zähle ich spontan auf.
Sie guckt etwas verwirrt und unterbricht mich:
„Haben Sie schon mal was von Parkinson gehört?“
„Ja.“
„Da gibt es sehr gute Medikamente, die helfen von heute auf morgen. Da weiß die ganze Familie dann gar nicht mehr, was sie plötzlich machen soll, weil sich der ganze Tagesablauf ja nur um die Krankheit gedreht hat.“
„Der Vater meiner besten Freundin hatte Parkinson. Das war da nicht so“, sage ich.

Wenn einer sich nicht hängen lassen hat, dann war das dieser Mann. Er half bei Umzügen, so gut er konnte, ging länger arbeiten als er musste, beschäftigte sich mit seinen Hobbys, so gut es ging, fuhr mit uns in den Urlaub, lebte Normalität und wollte eben gerade NICHT als Kranker gesehen und irgendwie anders behandelt werden. Auch, wenn seine Erkrankung deutlich sichtbar war und es leichter für ihn gewesen wäre, sich alles abnehmen zu lassen.

Sie guckt wieder verwirrt.
„Ja, aber so generell, verstehen Sie?“
„Sorry, ich hatte einen vollkommen anderen Eindruck“, entgegne ich ebenfalls verwirrt und erkläre weiter: „Eine Mitpatientin aus der Schmerzklinik hat exakt die gleichen Erfahrungen mit Gabapentin gemacht wie ich.“
„Das ist dann da genauso. Gleiches Konstrukt.“
„Aha.“ – Langsam wird es grotesk.
Sie lächelt, ohne dass ihre Augen mitlächeln.
Sie ist vollkommen anders als bei meinen letzten Besuchen. Da hatte sie mir noch aufwändig erklärt, wie bestimmte Medikamente an den Rezeptoren im Gehirn wirken und dass es wichtig sei, mit Kleinigkeiten das Genießen wieder zu erlernen. Dass viele Baustellen bei mir zu bearbeiten wären, dass Akzeptanz jetzt erst mal das Wichtigste sei, dass ich nicht dagegen ankämpfen soll und dass man danach ja noch weitere Schritte in Bezug auf die Migräne angehen könne.

Was denn der Rollator soll, fragt sie jetzt abwertend.
„Damit habe ich es geschafft, alleine zu Ihnen zu kommen“, erkläre ich noch etwas stolz. Ich Idiot.

Schubladendenken

Viel zu spät bemerke ich, dass ich wieder im Strudel des Missverstehens, der Ignoranz, der Vorverurteilung und des Schubladendenkens gefangen bin.
„Ich sollte doch die Gegebenheiten akzeptieren und damit umgehen lernen, habe Sie mir gesagt“, setze ich vorsichtig an.
„Ja, aber doch nicht so.“
„Äh, ich war eigentlich sehr stolz darauf, dass ich anstatt zu liegen und gar nichts zu machen, oder wieder jemanden zu bitten, mich zu begleiten, wieder selbständiger geworden bin“, flüstere ich kleinlaut.
Sie verdreht die Augen und redet weiter:
„Es gibt sogar Kollegen, die lehnen die Behandlung von Schmerzpatienten ab, die in einem laufenden Rentenverfahren sind.“

Und, was soll DAS jetzt? Sie selbst hat mir doch gesagt, ich soll diese verkackte Rente beantragen, weil ich in erster Linie viel Zeit und Geduld brauche. Sie hat mich doch als dringend in die Schmerzklinik eingewiesen. Ich versteh‘ die Welt nicht mehr. Weiß nicht, wann ich mir das letzte Mal so verloren und verraten vorgekommen bin.
Doch ich weiß es: Bei ihrer Kollegin im TK-Programm „Schmerzfrei leben!“ – Passt hier mittlerweile auch gut.

Krankheitsgewinn

Ich kann mir denken, worauf sie hinaus will: Den sekundären Krankheitsgewinn. Aber, warum sagt sie das dann nicht einfach? Warum fragt sie nicht einfach, wo ich persönlich einen solchen vielleicht haben könnte? Wie mein Psychotherapeut. Der fragt mich dauernd: „Und, was ist das Gute daran?“, oder: „Was wäre, wenn das Problem plötzlich nicht mehr da wäre …“ oder: „Kann es sein, dass Sie sich so aufregen, weil er/sie Recht hat?“ – Frag‘ mich doch mal sowas, denke ich, dann kommen wir auch mal über dieses dämliche Pauschalisieren und dieses überhebliche, allwissende Getue hinweg zum Punkt. Und dann würdest Du mal sehen, wer oder was hier wirklich vor dir sitzt.

Aber sie fragt mich nichts dergleichen. Stattdessen stammele ich:
„Eigentlich war ich gekommen, um Sie zu fragen, welche Möglichkeit es denn wegen der Migräne jetzt noch gibt. Der Neurologe vom Versorgungsamt und Patienten in der Schmerzklinik hatten mit Botox gute Erfahrungen gemacht, obwohl ich hab‘ da ein bisschen Angst …“
„Das gibt es nur bei ganz bestimmten Formen der Migräne“, antwortet sie etwas patzig.
„Äh, ja. Die habe ich ja“, sage ich zögernd.
„Da müssen Sie vorher dann aber mal einen Kopfschmerzkalender führen.“
„Äh, das mache ich doch, seit 1 ½ Jahren.“

Ich glaub‘ langsam, die verwechselt mich mit jemandem. Wer is‘ hier eigentlich der Gestörte? Die weiß gar nicht, was hier Ambach ist, denke ich. Ich bin seit einem Jahr bei ihr in Behandlung, das ist der dritte Termin bei ihr. Das kann doch nicht sein, denke ich. Sie schiebt ein paar Zettel in meiner Patientenkartei hin und her.

„Wie oft jetzt so?“, fragt sie.
„Momentan 17-18 Tage im Monat.“
„Ja, da haben wir ja Glück, dass sie heute mal keine Migräne haben.“
„Ja, das stimmt. Gestern war der letzte Anfall soweit durch“, sage ich erleichtert und vertrauensselig.
„Wenn Sie gestern Migräne gehabt hätten, wären Sie doch heute gar nicht hier.“
„Wie bitte?“
Ich verstehe nicht. Was soll das denn jetzt heißen?
„Äh, Moment,“ setze ich noch an, „ich hab‘ seit ich denken kann Migräne, natürlich nehme ich auch Termine danach wahr, wenn ich irgendwie kann.“
Plötzlich bohrt sich die aufkommende Wut von innen in meinen Hals. Ich kann gar nichts mehr sagen, verfalle in den bekannten Zustand aus wütender Verzweiflung und innerem Abspalten. Sie redet offenbar weiter. Ich höre sie nur noch wie durch Watte. Nur Geräusch. In mir schreit etwas laut „Nein!“
Ich glaube, ich sage noch, dass ich das dann noch mal versuchen will mit dem Gabapentin.  Bin ich jetzt total verrückt geworden!? Zum Schluss bedanke ich mich – duze sie versehentlich dabei! Jetzt wird es richtig bizarr. Ich kann nicht fassen, was hier grade passiert – ich bin durch. Habe das Gefühl rückwärts in einen dunklen Tümpel gezogen zu werden und im kalten Wasser bewegungsunfähig immer tiefer abzusinken.

Falscher Film

Immer wieder dieser verdammte, falsche Scheiß-Film. Und wieder bin ich alleine da. Der erste Versuch nach über einem Jahr, alleine zu einem anderen Arzt als meinem Hausarzt zu gehen, endet mal wieder im Fiasko. Großartig!

Als ich den Raum verlasse, dreht sich alles. Ich komme mir vor, wie der letzte Versager und Simulant. Aber ich halte eine Überweisung für die hiesige Schmerzambulanz in der Hand. Ich raff‘ nix mehr. Hab‘ ich jetzt was, oder nicht?! Ich schlurfe wie ferngesteuert zu meinem Auto. Gut, dass ich den Capero habe. Erst als die Autotür ins Schloss fällt, bemerke ich, dass ich angefangen habe zu weinen. Das Parkticket in meiner Hand ist bezahlt. Kann mich nicht erinnern am Kassenautomat gewesen zu sein. Hab‘ ich was kaputtgemacht? Hab‘ ich ihr eine reingehauen? Sonst jemand verletzt außer mir?  Ich weiß es nicht. Totaler Filmriss. Maaaaannnn! Wie sehr ich diese Situationen hasse. Nein, wie sehr ich diese Ärzte hasse. Diese Menschen, die es immer wieder schaffen, mich in diese Zustände zu bringen.

Aber noch mehr als diese Menschen hasse ich mich mal wieder selbst in solchen Momenten. Wenn ich es wiedermal nicht geschafft habe, zu intervenieren, wiedermal nicht für mich selbst eingetreten bin, wiedermal versagt und wie ein dicker, dummer Dodo vertraut habe.

Nein, ICH sage auch noch „Danke Dir!“ – Boah, wie krank ist das? Ich ekel mich vor mir selbst – zittere am ganzen Körper. Aber zittern ist ok, sagt etwas in mir. Es tut mir gut. Hilft, die Anspannung zu lösen.  Wenigstens etwas funktioniert.

Vollkommen demoralisiert komme ich irgendwie zu hause an. Ich beschließe, der Ärztin einen Brief zu schreiben. Mitzuteilen, dass ich mich verletzt fühle. Das ist alles, was ich noch tun kann: Es aufschreiben. Ich tue es und schicke den Brief einen Tag später ab.

Gerne hätte ich sie noch gefragt, ob der Vater meiner Freundin sich seine Krebserkrankung, an der er dann gestorben ist, auch nur zugelegt hat, weil ihm die ganze Aufmerksamkeit und Zuwendung durch seine Parkinsonerkrankung noch nicht reichte. Aber ich schrieb nur über meine Verletzung. Ich-Botschaften, Sachebene … bla bla bla.

Eine Antwort habe ich nicht bekommen. Vielleicht hat sie den Brief nie gelesen.

Ich weiß nicht, ob und wann ich soweit bin, dass ich da noch mal hin kann, um nachzufragen. In mir sperrt sich alles dagegen. Das Problem: Neurologen mit entsprechender Qualifikation sind rar. In meiner Umgebung hatte ich alle abtelefoniert. Wartezeiten von sieben Monaten für neue Patienten oder man wird komplett abgelehnt.

Wenn es nach mir geht, würd‘ mich eh kein Arzt mehr sehen, aber ich muss meine Behandlungsbemühungen ja überall nachweisen, sonst bekomme ich kein Geld. Geld brauche ich aber, damit meine Familie klar kommt. Wenn ich die nicht hätte, würde ich sowieso zu keinem Arzt mehr gehen. Dann würde ich in irgendeinem Loch sitzen und auf meine Erleuchtung oder den Tod warten – was nach meinem Verständnis in etwa das Selbe ist (vollkommen wertfrei gemeint).

Es ist zum Auswachsen.

Egal, wie nebensächlich das tatsächlich Geschehene auf andere wirkt, mich werfen solche Erlebnisse um Lichtjahre zurück. Wenn ich nur vor solchen Terminen klarmachen könnte, wie schwer solche Situationen für mich sind. Ich habe solche Angst vor genau diesen Vorverurteilungen, vor den anschließenden Selbstzweifeln und vor meinen eigenen Körperreaktionen. Ich rege mich nicht nur ein bisschen auf. Ich falle in tiefe Abgründe. Habe Todesangst vor dem, was in meinem Körper passiert. Noch Monate später hallen die Worte in meinem Kopf und Körper nach.

Was wollen die denn alle von mir? Einmal sagen sie, ich solle nicht dagegen ankämpfen und wenn ich genau dies tue, heißt es „Krankheitsgewinn“. Ich kann es einfach nicht nachvollziehen. Natürlich sehe ich, dass Frau Dr. eben auch nur (Fach-)Mensch mit wenig Zeit ist. Da muss man die Leute in Schubladen packen …
… und zack, da isses wieder: Muss man das wirklich? Jemand verletzt mich und ich entschuldige dieses Verhalten erst mal und sage nachher auch noch brav Danke dafür. Das ist doch echt gestört.

Aber ich habe zumindest nicht gleich ganz dicht gemacht und ein bisschen Gegenwehr gezeigt, versuche ich mich zu trösten. Trotzdem alles falsch, sagt einer meiner inneren Kritiker. Zu viel Gestammel, zu viel Angst, zu viel „Ich will alles richtig machen.“

Ich muss mich einfach besser schützen – aber wie, wenn nicht durch Vermeidung?

—- —- —

Von den o.g. Parkinson-Medikamenten, die von heute auf morgen alles toll machen, hat die Familie meiner Freundin übrigens nichts gehört. Das muss wohl was ganz Neues sein, oder die Ärztin bezieht sich auf die relativ guten symptomatischen Behandlungsmöglichkeiten in den ersten Jahren der Erkrankung. Dennoch ist Parkinson nach meinen Recherchen nach wie vor nicht heilbar. Bei fortgeschrittener Erkrankung ist eine Behandlung offenbar immer noch schwierig. Als ich meiner Freundin von der Einschätzung meiner Neurologin berichte, muss sie lachen. Die Pauschalisierungen von Ärzten kann sie genauso gut leiden wie ich. Sie schlägt vor, eine neue Kategorie im Blog zu eröffnen: „Mumpitz“ … ich überleg’s mir … 😉

029 // In der Schmerzklinik Kiel – Teil I

Wer die erste Hürde, das Ausfüllen des 30-seitigen Fragebogens der Schmerzklinik geschafft hat, ist schon ein gutes Stück weiter und hat das Gefühl: Endlich kümmert sich mal jemand ganzheitlich und vollumfänglich. Bis es tatsächlich losgeht, gibt es Wartezeiten. In meinem Fall fünf Monate. Migräne habe ich laut Migräne-Tagebuch, das ich führen soll, an ca. 20 Tagen im Monat. Andere Kopf- und Körper-Schmerzen jeden Tag. Von den Ärzten höre ich nur „Besprechen Sie das alles in Kiel.“ Kein Wunder, dass die Erwartungen an die Schmerzklinik so groß sind. Zwei Koffer und eine große Tüte Hoffnung habe ich dabei, als ich in der modern eingerichteten Empfangshalle stehe – besser: hänge.

Ich bin einfach am Ende.

Ankommen

Nach einem sehr langen Anamnese-Gespräch mit der für mich zuständigen Ärztin, bei dem ich trotzdem das Gefühl habe, nur knapp die Hälfte aller meiner Probleme erwähnt zu haben, komme ich in meinem Zimmer langsam zur Ruhe. Dank meiner Zusatzversicherung für die Einzelunterbringung treibt mich der Aufpreis für das Zimmer noch nicht in den endgültigen finanziellen Ruin. Dass man in einem „Privatzimmer“ allerdings den Fernseher extra bezahlen muss (für 19 Tage immerhin 16,- Eur), finde ich etwas befremdlich.

Die Einrichtung des Zimmers ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen, aber durch die Anordnung der Möbel und die „gemütliche“ Bett-Ecke, kommt keine richtige Krankenhausatmosphäre auf – gut! Ein gemütlicher Ledersessel, der sicher mal schön war, steht vorm Fenster. Leider ist er am Kopfteil und an der Sitzfläche ziemlich durchgescheuert und dadurch sehr unansehnlich. Mein Zimmer liegt zur Straße hin. Das ist tagsüber etwas laut, aber es wird nicht zu warm, weil die Sonne nur morgens kurz reinschaut.

Das Bad ist relativ groß und hat eine frei zugängliche Dusch-Nische (like! :-))

Die Bodenfliesen und Fugen sind nicht so schön … nein, die sind einfach um. Etwa zwei Drittel des ehemals hellgrauen Fugenkitts haben eine schlammschwarze Patina angesetzt. Bin ich zu pingelig, wenn ich meine, dass so was ab und an mal (notfalls mit ’ner Kanne Chlorreiniger) weggerubbelt gehört? Selbst ICH schaffe das einmal im Jahr.

Aber ein Krankenhaus ist kein Luxushotel! Auch einen 3, 2, 1 – Sterne-Standard hat niemand versprochen. Also genieße ich die Ruhe und Dunkelheit hinter den genügend großen lichtundurchlässigen Vorhängen.

Therapie

Bei der Anmeldung drückt man mir einen „Stundenplan“ in die Hand, in dem die Termine für Patientenseminare, Gruppensitzungen, physio- und psychotherapeutische Behandlungen, Entspannungs-Kurse und Sport-Einheiten stehen.

Der Plan enthält wenig passende bewegungstherapeutische Bausteine, die für mich machbar sind. Das demotiviert mich erst mal. Änderungen im Plan sind auch auf Nachfrage nicht möglich. Ich solle mir aussuchen, was für mich passt – bis auf Physio- und Psychotherapie seien alle Angebote nur Vorschläge. OK. Da bleibt leider nicht viel. Zur Erinnerung: Ich kann weder sitzen noch stehen, nach 50 Metern langsam laufen bin ich am Ende, meine Hände und Finger tun so weh, dass ich meine Zimmertür kaum aufschließen kann und Angst habe, den Aufzugknopf zu drücken.

Immerhin bin ich in der zweiten der drei geplanten Wochen soweit, dass ich zumindest versuche, an einer Qi-Gong-Einheit teilzunehmen. Es bleibt beim Versuch.

Hausmeisterwitze

Den Einstieg in einen neuen Prophylaxe-Versuch soll ich mit Gabapentin (ein älteres Antiepileptikum) und Opipramol (ein Antidepressivum, dass auch angstlösend wirken soll) unternehmen. Meiner nicht unbegründeten Angst vor den Medikamenten begegnet man mit Verständnis und professionellem Geschick. Es gelingt mir sogar, eine vom Oberarzt vorgeschlagene Therapie mit Venlafaxin und Topiramat abzulehnen. Natürlich heulend und unter Todesangst. Der Oberarzt ist ein locker flockiger Typ, der sein Handwerk gelernt hat, aber so richtig nachvollziehen kann er mein mühsam beschriebenes Problem in Kontakt mit Ärzten nicht. Er lacht, als ich ihm erkläre, dass der locker beschwingte Umgang mit ihm als Mensch kein Thema wäre, aber in seiner Funktion als Arzt ticken die Uhren bei mir anders. Alles wäre super, wenn er der Hausmeister wäre, sage ich. Er lacht. Das war gar nicht lustig gemeint, aber ich kann eben in den unmöglichsten Momenten eine echte Stimmungskanone sein. Er aber auch. Er kontert: „Haben Sie schon die Erwerbsminderungsrente beantragt?“

Nein – ha ha … guter Witz. Wenn ich hier raus komme, bin ich doch wieder fit, denke ich – wollte ich sagen. Aber ich bin so schockiert, dass ich gar nichts mehr sagen kann und nur den Kopf schüttel. „Das müssen Sie unbedingt als erstes machen, wenn Sie zu hause sind!“
„Äh …“, stammel ich.
„Ja, wenn Sie nach ein zwei Jahren vielleicht doch wieder besser aufgestellt sind, können Sie ja nochmal richtig loslegen.“
Ein, zwei Jahre? Vielleicht? Loslegen?
An den Rest des Gesprächs kann ich mich nicht mehr erinnern.

Als ich alleine im Zimmer bin, rufe ich meinen Mann an und heule wie ein Kindergartenkind, dem man grade verboten hat, mit in den Zoo zu kommen – dieses und nächstes Jahr. Auch Zoo-Videos seien in dieser Zeit verboten. Später vielleicht mal ein Giraffenposter oder ’ne Lemurenpostkarte. Aber Zoo? Für Dich? Nö.

Nach dem ersten Schock reagiere ich trotzig: Das woll’n wir doch mal sehen, wer hier nich‘ mehr in den Zoo geht …

Euphoria Maxima

Zuerst nehme ich das Gabapentin. Damit soll die Alarmbereitschaft im Nervensystem und das Schmerzgedächtnis runterreguliert werden. Glücklicherweise gibt es keine negativen Akutreaktionen – im Gegenteil. In den ersten Tagen mit dem Medikament ist mein Kopf plötzlich freier, der Druck und der Nebel verschwinden langsam. Ich fühle mich nach und nach so fit, dass ich mich ein paar Minuten in einen Sessel im Flur setzen kann. Auch eine andere Basilarispatientin mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten wie ich bekommt Gabapentin und reagiert zunächst genauso positiv auf die Dropse.pokemon

Die Euphorie hält einige Zeit an. Ich bin wieder an Bord. Sehe andere Menschen, rede mit ihnen, höre zu, was sie erlebt haben. Das fühlt sich gut an. Ich beginne weiter zu hoffen und werde langsam mutiger. Am Ende meines Aufenthalts schaffe ich 600 Meter in die kleine Einkaufstraße auf der anderen Seite der Schwentine, um mir Gemüsechips und Kokosriegel zu kaufen – alleine!

Manchmal fange ich ein paar Pokemons am Uferweg oder gucke mir die Segelboote an. Ich bin mächtig stolz auf mich!

Von zwei Anfällen und den neuen Schwindel-Symptomen lass‘ ich mir meine Rückkehr in die Zivilisation nicht madig machen.

Abends nehme ich das Opipramol. Kurz bevor ich einschlafe, sehe ich Fury vor meinem inneren Auge. Er steht mit runterhängender Unterlippe, leicht verstrubbelt und ziemlich stoned am Zaun. Ich rolle ein Stück Pappe zusammen, knüpfe ein Gummiband dran und lasse das improvisierte Hütchen vor die Stirn des großen, grauen Tieres schnacken – Swopp macht es. Er kann sich nicht wehren – er guckt nicht mal hoch. Hahaha! „Du bist ein Einhorn!“, gluckse ich und schlafe lachend ein.

016 // „Weißkittelhypertonie“: dem Trauma auf der Spur

Seit ich denken kann habe ich panische Angst vor’m Blutdruckmessen. Allerdings nur beim Arzt oder wenn jemand zuschaut. Unwillkürlich höre ich auf zu atmen. Will nur, dass es schnell vorbei ist. Außerdem tut es weh und macht blaue Flecken. Was das für Werte gibt, kann man sich vorstellen.

Sämtliche Langzeitmessungen, Eigenmessungen mit geeichten Geräten und Messungen von Vertrauenspersonen zeigen normale Werte (außer in Paniksituationen).

Manche Autoren sprechen bei diesem Phänomen von der sogenannten „Weißkittelhypertonie“.

Danke, Pfleger Stefan!

Ein Schlüsselerlebnis  mit Anästhesie-Pfleger Stefan bei den Vorbereitungen für eine Magenspiegelung bringt mich endlich auf die richtige Spur, um meine Angst zu verstehen:

Mit ihm scherze ich über Propofol und Michael Jackson. Ich weise noch fröhlich darauf hin, dass ich am gleichen Tag Geburtstag habe wie der King of Pop. Der soll ja die „Schlafmilch“, wie Pfleger Stefan das Narkosemittel nennt, von seinem verantwortungslosen Arzt bekommen haben, weil er das Entspannungs-Gefühl beim Wirkungseintritt so toll fand. Die Stimmung ist gelöst. Bis er mit der Blutdruck-Manschette ankommt. Ich krieg‘ den „irren Blick“, sage, dass ich Angst vor’m Blutdruckmessen habe und lieber am offenen Herzen operiert werden würde als das.

Anstatt mich zu belächeln und mit einem „Ach, was!“ loszulegen, wie tausend Pfleger, Krankenschwestern und Ärzte vor ihm, sagt er: „Das ist ja interessant. Hab‘ ich ja noch nie gehört. Haben Sie denn mehr Angst vor dem Messen oder mehr Angst vor dem Ergebnis?“

Gute Frage, Pfleger Stefan!

„Ich weiß gar nicht“, sage ich, behalte die Frage aber im Hinterkopf und hoffe, dass ich mich nach der Narkose noch daran erinnere. „Das Ergebnis ist natürlich immer zu hoch. Hab‘ ja Panik. Dann fühl‘ ich mich falsch verurteilt und doof. Irrational, ich weiß.“ schwadroniere ich weiter.

Der Doc kommt dazu. Ich will mich nicht anstellen und cool sein. Klappt nicht. Ich fang‘ an zu heulen. Der Doc guckt verwundert. Pfleger Stefan erklärt sachlich:
„Sie hat Angst vor’m Blutdruckmessen.“
Oberpeinlich!
„Ach,“, sagt der Doc (jetzt kommt’s wieder, denke ich).
„Dann machen wir Ihnen das einfach gleich um, wenn Sie schlafen.“

Thema durch. Sofort bin ich maximal entspannt. Auch ohne Propofol. Wenn doch nur alles so einfach wär’…

Als ich wieder wach werde, hab‘ ich noch die Manschette um. Pfleger Stefan sitzt nebenan an einem Tisch und sortiert Unterlagen. Als er merkt, dass ich wach bin, zwinkert er mir zu: „Na, da sind sie ja wieder. Blutdruck is‘ noch’n bisschen niedrig, aber sonst is‘ alles ok.“

Niedrig. So, so …

Angst vor den eigenen Befindlichkeiten

Heute weiß ich, dass meine Blutdruck-Mess-Angst nichts anderes ist, als die Angst, Inneres preiszugeben, Befindlichkeiten zu äußern und Bedürfnisse zu haben.

Befindlichkeiten wahrzunehmen und zu äußern gehört noch immer nicht zu meinen Stärken. Kein Wunder, wenn du Jahrzehnte lang bestens darauf trainiert und konditioniert wurdest, alles, was deine Bedürfnisse oder emotionalen Anteile angeht, zu verdrängen, abzuspalten oder zu verleugnen. Das ist eine völlig „normale innere Strategie“ traumatisierter Menschen …

Das Blutdruckmessen zwingt mich, mein Inneres zu zeigen. Davor habe ich panische Angst, weil mein kindliches Ich gelernt hatte, dass es existenziell wichtig ist, die eigenen Befindlichkeiten und somit Bedürfnisse nicht zu zeigen, nicht zu äußern, besser noch: gar nicht erst zu fühlen. Vor allem im Zusammenhang mit medizinischen Einrichtungen und Ärzten als Person wird dieses Traumageschehen immer wieder getriggert. Doofe Kombi … ganz doof …

Erst seit den 1990’er Jahren gibt es den Begriff der komplexen posttraumatischen Belastungsstörung (komplexe PTBS), die wahrscheinlich für solche Phänomene wie meine Blutdruck-Mess-Angst (mit-)verantwortlich ist.

Hier ein guter Überblick über die theoretische Seite dieser wirklich vertrakten Angelegenheit:
https://de.wikipedia.org/wiki/Komplexe_posttraumatische_Belastungsst%C3%B6rung

 

011 // Tortenarsch mit Rechtschreibschwäche – Neulich in der Notaufnahme (II)

Bei einem Anfall nach der Einnahme von Citalopram bringt man mich mit dem Rettungswagen noch mal in die Klinik, in der ich die Geschichte mit dem erstickenden Herrn S. erlebt hatte.

Ich hab’s mir nicht ausgesucht und kann mich nicht wehren. Irgendwann kommt eine Ärztin zu mir. Sie telefoniert. Der Pfleger, der mich schon etwas beruhigen konnte, beginnt ihr zu erklären, was los ist. Sie unterbricht ihn und schnauzt im Oberfeldwebel-Ton in meine Richtung, was denn los sei. Hm.
„Ni amen, nischt sehn“, nuschel ich mir was zusammen, das ihr klarmachen soll, dass ich nicht richtig atmen und bis eben nicht sehen konnte. Sprechen auch nicht. Das hört sie ja, denke ich.

Ich fühle meinen Oberkiefer nicht, sehe Dinge und den Raum nur teilweise oder seltsam verschoben, höre Klingelgeräusche und habe einen komischen Widerhall im Kopf. Zu meinem ständig fiepsenden Geräusch im linken Ohr gesellt sich jetzt noch ein Klingeln auf anderer Frequenz auf beiden Ohren – etwa zehn Mal so laut. Auch meine Augen gehorchen mir nicht. Ich hab‘ das Gefühl, als ob sie pausenlos hin und herzucken.

„Sprechen Sie mal vernünftig mit mir!“, ranzt die Frau mit dem Tortenarsch im weißen Kittel mich an.

Oh, pardon: Tortenarsch ist nicht ok. Ich formuliere es noch mal anders:

… ranzt die mopsgesichtige, unförmige Frau mit den aufgequollenen Lippen und dem riesigen Tortenarsch, den ihr weißer Kittel nur zur Hälfte bedeckt, mich an.

So, jetzt passt es besser! 🙂

„Kannischadas.“ – Ich versuche ihr mitzuteilen, dass ich nicht anders kann; dass genau DAS Teil meines Problems ist … Der Pfleger erklärt, dass ich wohl das neu verordnete Citalopram (ein Antidepressivum) nicht vertragen habe. „Ach, soooo.“ – sie verdreht wissend die Augen. Wieder so’n Psychopharmaka-Junkie, denkt sie garantiert. „Was nehmen sie sonst noch?“
Ich schüttel‘ den Kopf. Sie versteht das alles vollkommen falsch. „Nis … nu eine Tamnette.“ ‚Du dummes Stück Scheiße‘, ergänze ich in astreinem Hochdeutsch, allerdings nur in Gedanken.

Für sie ist das Thema damit erledigt. Die kriegt noch ein Glas Magnesiumbrause und dann ab nach Hause mit der hysterischen Psycho-Else (also ich), denkt die sich. Wetten?!

Ja, ich höre die Stimmen des omnipotenten, jungfrischdynamischen oder bodenständig-eloquenten Lesers, der sich sofort irgendwo beschwert hätte und/oder ihr direkt ins Gesicht gesagt hätte, das das so nicht geht. Es sei euch versichert: So einfach ist das nicht. Nicht für jemanden wie mich. Wenn ich nicht durch die Migräne ausgeknockt bin, falle  ich in diesen Konflikt-Situationen vor allem bei Ärzten in eine Art Kaninchenstarre. Schalte ab. Bin wer weiß wo. Dissoziiere, wie ich später lerne. Das kann ich nicht kontrollieren. Es ist eine innere Überlebensstrategie der traumatisierten Seele, die alles tut, um nicht nochmal das Unaushaltbare eines Traumas mitzuerleben. Da wird dann einfach weggeschaltet. Zack und weg.

Deshalb weiß ich auch nicht mehr genau, wie es danach weitergeht. Mein Mann kommt irgendwann rein und zwei Stunden später verlassen wir die Notaufnahme mit einem Entlassungsbrief, der rekordverdächtige 14 Rechtschreibfehler in sieben Zeilen aufweist. „Vorgeschischte der Pat. Wurde als bekannt vorausgesetzt […] Rückatmung in der Tütte erfolgt… “ Und DIE sagt MIR, ich soll vernünftig sprechen … Ich glaub‘ das nicht …

Als Empfehlung schreibt das weißbekittelte Rechtschreib-Ass:
„Weiterbehandlung durch den Psychiater.“
Das ist ein guter Rat. Im Grunde bin ich reif für die Klapse.

—-

Nochmal Klartext:

Wenn ich als Arzt zu einem Menschen, der aufgrund eines noch nicht näher geklärten Anfalls Sprachstörungen hat, sage, er solle ‚mal vernünftig sprechen‘, dann ist das in etwa so, als würde ich zu einem Menschen mit dunkelpigmentierter Haut sagen: Wasch‘ Dir mal Dein Gesicht, Alter!

Das KANN der Mensch dann lustig finden – MUSS er aber nicht.

Bei entsprechend vorbelasteten Menschen kann ein solches Verhalten sowohl Trauma-Trigger sein als auch dazu führen, dass er im Notfall keine ärztliche Hilfe mehr in Anspruch nimmt. Das KANN dann gut ausgehen – MUSS aber nicht.

010 // Von Blumen und Goldfiguren – TK-Programm „Schmerzfrei leben“ (Teil III)

In der dritten und letzten Woche des Rückenschmerz-Programms der Techniker Krankenkasse rät man mir dringend, mit einem Antidepressivum gegen Schmerz, Angst und Migräne anzugehen. Bisher hatte ich mich erfolgreich dagegen gewehrt. Medikamente haben bei mir selten nur den angestrebten Effekt. Die meisten vertrage ich nicht. Und zwar RICHTIG NICHT.

Der Algorithmus

Die Chefin höchst persönlich gibt mir am vorletzten Tag des Programms – ein Donnerstag – das Rezept. Ich frage, wie es denn jetzt weitergehen soll. Sie sagt: „Krankschreiben können wir Sie wegen der Rückenschmerzen nicht weiter. Das lässt der Algorithmus nicht zu. Aber kommen Sie einfach am Dienstag wieder dann schreiben wir Sie auf Stimmung krank. Sie haben da so viele andere Baustellen.“

So richtig verstehe ich das nicht, aber wer gibt sich schon die Blöße und fragt, was es mit diesem Algorithmus der (Halb-)Götter in weiß auf sich hat?  Kein schlechter Kommunikationstrick, Frau Doktor. Wenn ich ich wäre in einer Arztpraxis, hätte ich das vielleicht durchschaut und anders reagiert. Aber so … volle Lotte reingefallen.
„Jeder bekommt die Patienten, die er verdient“, erörtert die intelligente Frau weiter.
Den Punkt „persönliche Beziehung zum Patienten aufbauen“, beherrscht sie aus dem Effeff. Soll wohl sein. Immerhin ist sie unter anderem Ärztin für Psychotherapie. Da muss man den Patienten loben, seine Stärken hervorheben, um Vertrauen zu schaffen. Ein Krönchen der Intimität setzt sie unserem kleinen Gespräch auf durch den Hinweis im halb gemurmelten Nebensatz, dass ihr Vater ihr die Pubertät quasi untersagt hätte. Armes Ding, denke ich. Ich vertraue dir.

Am Freitag soll’s  dann mit dem Antidepressivum losgehen. Einmal am Tag eine. Ob mit Nebenwirkungen zu rechnen sei, weil ich so vieles nicht vertrage, frage ich noch zwischen Tür und Angel. Die Ärztin mit der Udo Walz-Frisur kneift motivierend beide Augen zusammen. „Sie werden das gut vertragen“, ruft sie über den Flur und klackert festen Schrittes auf ihren Pumps davon.

So positiv verstärkt nehme ich Freitag die erste (und vorerst letzte) Tablette dieser Art: Citalopram. 20 mg. Den Beipackzettel hatte ich vorsorglich meinem Mann gegeben, um mich nicht bekloppt zu machen. Was dann passiert, weiß ich nicht mehr genau. Ich erinnere mich an Comic-Figuren, Karussell-Fahrten mit ägyptisch aussehden Goldfiguren, Blumenarrangements und Nebel. Samstag Vormittag  lässt der Nebel nach. Zitternd und nassgeschwitzt liege ich im Bett. Ich übergebe mich mehrmals und habe Durchfall. Ich erreiche die Ärztin via E-Mail. Sage, dass ich Angst habe, von diesen Tabletten noch eine zu nehmen. Sie meldet sich kurze Zeit später mit der Order, keine mehr zu nehmen. Wir sprächen Montag beim Abschlussgespräch.

Sonntag Mittag kommt der Notarzt. Luftnot, Krämpfe, super hoher Blutdruck, Todesangst, Hyperventilation, Tetanie. Ich kann nichts mehr sehen und ich kann nicht mehr sprechen.

Das Absch(l)ussgespräch

Am Montag fährt mein Mann mich, bzw. das was von mir übrig ist, zum Abschlussgespräch in die „Integrationspraxis“. Ich sitze am ganzen Körper zitternd, leichenblass mit schwarzen Ringen unter den Augen auf meinem Stuhl. Eine mir bis dahin völlig unbekannte Ärztin nimmt mich und meinen Krankenhausbericht vom Vortag in Empfang. Sie stellt sofort eine neue AU aus, sortiert die Unterlagen und ist sichtlich betroffen von meinem erbärmlichen Zustand. Ich stammele was von „andere Diagnose“ und „Algorithmus“. Was bin ich nur für ein hundsfottdämlicher Vollidiot? Sie geht zur Chefin.
Als sie wieder reinkommt, ist sie plötzlich kurz ab. Guckt uns nicht mehr ins Gesicht. Sagt, eine AU könne sie mir nicht geben. Das sei nun Sache des Hausarztes. Ich wäre aus schmerztherapeutischer Sicht arbeitsfähig. Für den Durchfall und alles andere sei der Hausarzt zuständig.
„Wie bitte? Ist das ihr Ernst?“, höre ich mich aus der Ferne sagen.
Sie schaut mich nicht an, kramt kurz in ihren Akten. „Sie bekommen noch ein Rezept für Krankengymnastik und ein TENS-Gerät, das kriegen sie vorne“, sagt sie und verlässt das Behandlungszimmer, ohne uns nochmal anzugucken. Ich bin völlig perplex. Mein Mann kann auch nichts mehr sagen. Wir sind beide wie paralysiert. Gehen wie die getadelten Dummschüler zur Anmelde-Theke. Mir laufen die Tränen aus den verquollenen Augen. Mein Mann versucht der Sprechstundenhilfe zu erklären, dass das doch so nicht geht. „Das sieht man ja wohl, dass man so nicht arbeiten gehen kann“, zischt er um Diskretion bemüht. Die Chefin kommt. Kramt hinter der Theke rum. Sie würdigt uns keines Blickes. Die Sprechstundenhilfe nimmt sie zur Seite. Sie flüstern kurz. Madame geht schnellen Schrittes in ihr Büro und wart nicht mehr gesehen.
Ich verstehe die Welt nicht mehr. Fühle mich ohnmächtig, verletzt, entwertet und gedemütigt.
Mittlerweile weine ich ungebremst. Meine Beine zittern. Ich kann nicht mehr. Ich knicke weg. Von unten rechts schiebt sich eine schwarze Wand in mein Blickfeld. Mein Mann hakt mich unter und wird laut: „So geht man doch nicht mit Menschen um!“, wird er laut.
Ich rappel mich wieder hoch.
Alle gucken.
Ich will im Erdboden versinken. Mich unsichtbar machen. Ein Teil von mir will sterben. Jetzt.
„Ich will nach Hause“, schluchze ich.
Mein Mann ist hin und hergerissen: Durchdrehen oder Frau rausbringen. Ich spüre seinen inneren Konflikt. Habe Angst, dass das kampfsporterfahrene Schwergewicht hier gleich die Bude auf links dreht – und das alles wegen mir. Weil ICH es wieder nicht gebacken kriege. Weil ICH mal wieder gescheitert bin. Weil ICH zu schwach bin.
„Bitte!“, sage ich und ziehe ihn in Richtung Tür – irgendein Notprogramm schaltet sich in mir ein. Raus. Raus. Nur raus hier.
Er gibt nach und schiebt sich mit mir durch die Glastür. Mit einem Rummms zieht er sie hart hinter uns ins Schloss.

In der Praxis meines Hausarztes habe ich einen Blutdruck von 180 zu 120 und Kopfschmerzen. Kann mich kaum noch artikulieren. Er schreibt mich krank.

Später erfahre ich, dass die an dem Programm teilnehmenden Ärzte eine Bonuszahlung pro „gesundgeschriebenem Patient“ erhalten. Auch andere Patienten wurden mal eben so gesundgeschrieben und einen Tag später mit einer neuen Diagnose wieder krankgeschrieben. So läuft das also …

Ich beschwere mich schriftlich bei der Krankenkasse. Vier Tage brauche ich für den zweiseitigen Brief. Mein wirklich netter Sachbearbeiter ruft mich kurze Zeit später an. Er hätte den Brief an seinen Teamleiter weitergegeben. Ihm täte das sehr leid alles, so sollte es ja nicht laufen, blablabla. Was soll er auch machen?
Immerhin forderte er die Ärztin zu einer Stellungnahme auf. Es folgt erwartungsgemäß aalglattes Gewäsch. Dumm ist sie nicht. Hätt‘ ich selbst nicht besser schreiben können. Sie erläutert, die Gabe von Citalopram sei nach gründlicher Aufklärung erfolgt. Blablabla. DAS nenn‘ ich wirklich „schmerzfrei leben“. Jetzt versteh‘ ich auch, wie die auf den Namen des Programms kommen. Ich Einfaltspinsel.

Bin nur froh, dass sie das, was sie morgens im Spiegel sieht, alleine angucken muss. In Grund und Boden würde ich mich schämen.

Auf jameda und anderen Arzt-Bewertungsportalen studiere ich nun ihre Bewertungen. Mit der Zeit fällt mir auf, dass sämtliche negativen Einträge, die ebenfalls dieses merkwürdige mindestens ambivalente Verhalten der Ärztin kritisieren, nach kurzer Zeit wieder gelöscht waren.
Ich lass das mal so für sich stehen …

Es brennt

Seit diesem Erlebnis brennt es in meinem Körper. Am Rücken, in den Armen, in den Oberschenkeln, am Kopf. Ich schlafe kaum noch, schrecke zitternd und schweißgebadet hoch, habe das Gefühl, dass ich in einen Lift einsteige und abstürze, wenn ich ganz normal irgendwo stehe. Mehrmals sitze ich weinend auf dem Fußboden vor meinem Kleiderschrank, als mein Mann von der Arbeit nach hause kommt. Ich schaffe es nicht mal, mir alleine einen Pullover anzuziehen. Ich habe Angst vor allem, was in meinem Körper und um mich herum geschieht und ich habe Angst, jetzt vollkommen den Verstand zu verlieren.

Eine ganze Woche benötige ich, um mich soweit zu erholen, dass ich zu meinem Psychotherapeuten in die Praxis fahren kann. Hier geht es langsam wieder aufwärts …

—-
[Zwischenzeitlich (Stand Februar 2017) ist die Werbung für das Programm auf der Internetseite der Krankenkasse verschwunden. Ein Merkblatt taucht nur noch in den Tiefen der Seitenstruktur auf. Auf Nachfrage teilt man mir telefonisch mit, dass es das Programm nicht mehr gibt.
Warum bloß?
Vielleicht, weil sie was Besseres haben:
Die „digitale Rückentherapie zum Mitnehmen“ lese ich.
Kein Scherz.
Soll ich DAS mal probieren? :-D]

004 // Warum ich Orthopäden nicht leiden kann

Rückenschmerzen habe ich seit ich denken kann. Mal mehr mal weniger.

Zu den approbierten Metzger-Typen mit klar erkennbaren realsadistischen Zügen, den Orthopäden, habe ich ein besonders gestörtes Verhältnis. Deshalb pauschalisiere ich an dieser Stelle und werfe einfach alle in einen Topf. Machen die ja auch so. Außerdem bin ich nicht ganz dicht und überempfindlich (das hab‘ ich schriftlich.)

Das letzte Mal, dass ich einen Orthopäden aufgesucht hatte, war vor etwa 5 Jahren. Ich war in der 9. Woche schwanger, hatte schlimme Kreuzschmerzen. Meine Frauenärztin schickte mich zu einem Orthopäden mit chiropraktischer Zusatzqualifikation. Ich suchte mir den Nächstgelegenen raus. Niemand hatte Zeit, mich zu begleiten, also ging ich alleine.

Die Behandlung dauerte nicht lange.
„Brille ab!“, feldwebelte der große Mann in weiß, griff nach meinem Kassengestell und riss mir ein paar Haare dabei aus. Ich verfiel umgehend in die mir bekannte arztinduzierte Kaninchenstarre. Innerlich flehte ich mich selbst an: „Bleib‘ ruhig, du bist schwanger. Denk an das Kind. Ganz ruhig.“

Wie ein überdimensionales, dickes Nackenkotlett wuchtete er meine 110 kg auf der Pritsche von der rechten auf die linke Seite und stemmte sich ruckartig mit seinem ebenfalls nicht unbeträchtlichen Gewicht auf meinen Oberschenkel.

Ich weiß nicht genau, was noch alles passierte, ich war wie weggetreten und mit meinem „Ganz Ruhig-Mantra“ ausgelastet. Ich war gelähmt vor Angst. Da war nur noch das Gefühl von Hilflosigkeit und Ohnmacht. Daran, wie ich aus dem Behandlungsraum raus kam und die Arztpraxis verlassen hatte, kann ich mich nicht erinnern. Dissoziation live.

Mein kleines Gespenst

Einen Tag später stellte meine Frauenärztin beim Ultraschall fest, dass das Kind in meinem Bauch nicht mehr lebte. Als sie mir das bewegungslose, weißliche Etwas mit dem Kopf und den Knubbel-Armen, die sich neulich so lustig bewegt hatten, auf dem Bildschirm zeigte, war ich leer. Mein kleines Gespenst war tot.

Als der Schmerz kommen wollte, weigerte ich mich ihn zu fühlen, verdrängte ihn. Es fragte mich auch niemand danach. Fehlgeburten sind nicht salonfähig.

Obwohl ein kausaler Zusammenhang zwischen der Chiro-Nummer und der Fehlgeburt aus medizinischer Sicht schlecht zu belegen ist, muss ich mit der Korrelation leben. Das ist schwer. Habe das immer noch nicht richtig verpackt.

Mein Besuch beim Osteopathen

Deshalb suche ich mir wegen meiner Kopf- und Nackenschmerzen jetzt einen Osteopathen, den ich mir wie eine Art „Light-Version“ des gemeinen Orthopäden und daher weniger „grausam“ vorstelle. Die Internetseite von Herrn und Frau R. macht einen guten Eindruck. Es ist von Evidenz die Rede. Da bin ich dabei.

Auf dem Weg in die Praxis, mitten auf der vielbefahrenen Bundesstraße ohne Seitenstreifen, bekomme ich eine Panikattacke. Schaffe es dennoch, mit verheultem Gesicht pünktlich zu erscheinen. Auf den Termin habe ich lange gewartet und kurzfristig, grundlos irgendwas absagen, ist nicht meine Art. Außerdem soll der mir ja helfen. In der Praxis, in der leise ein wenig ambient-artige Musik läuft, steht ein kleines Schild auf der Theke: Bitte einmal tief durchatmen.

Mach‘ ich.
Compliance ist mein zweiter Vorname.

Im muckelig warmen Behandlungszimmer berichte ich von der Panik, von meinen Nacken- und Kopfschmerzen. Versuche locker zu bleiben und antworte möglichst frisch heraus auf die vielen Fragen des ehrlich interessiert wirkenden Mittvierzigers mit dem wissenden Blick. Auf viele Fragen habe ich gar keine Antwort. Andere versuche ich mit humorigen Einlagen zu übergehen. Der Osteopath lacht nicht.

„Atmen Sie bitte einmal tief ein“, sagt er bei der körperlichen Bestandsaufnahme.
Ich atme.
„Richtig tief einatmen.“
Ich atme nochmal.
„Ok. Tiefer geht nicht?“, fragt er.
„Nein“, sage ich.
„Gucken Sie mal, wo sie hinatmen“, weist er mich an. Ich gucke zu meinem stattlichen Wanst.
„Die Lunge ist hier oben. Da tut sich aber gar nichts“, stellt er fest während er auf meinen Brustkorb zeigt.
Ich staune. Über meine Lunge habe ich explizit noch nie nachgedacht.
„Ihr Zwerchfell ist das Problem“, erklärt Herr R.

Mein Zwerchfell? Ich hab‘ doch Nacken!

Herr R. erklärt mir die anatomischen Zusammenhänge von Zwerchfell, Körperhaltung und Nackenschmerzen. Der Zug, der sich da nach vorne und unten über die Jahre aufgebaut hat, ist offenbar enorm. Viel kann Herr R. an diesem Tag nicht erreichen. Dennoch ist er zuversichtlich: „Eine russische Balletttänzerin werden wir nicht aus Ihnen machen, aber wir können etwas verbessern.“
„Das ist gut“, sage ich.

10 Prozent sind relativ radikal

„Wie viel Zeit mehr können Sie ab sofort für sich selbst nutzen, um sich zu entspannen? In Prozent“, fragt er.
Ich überlege. Schaufele Aufgaben und Pflichten im Kopf hin und her.
„So 10 Prozent vielleicht?“, sage ich nach langem Schaufeln, überzeugt, dass das eine ganze Menge ist.
„Das ist zu wenig“, stellt Herr R. ruhig fest. „Sie müssen ihr Leben radikal ändern, sonst haben Sie nicht den Hauch einer Chance.“
Ich finde 10 Prozent am Tag zum Rumlungern für MICH ganz schön radikal.
„Fünfzig Prozent. Minimum“, setzt er nach.

Plötzlich ist da dieser Kloß im Hals. Tränen steigen auf. Ich will sie unterdrücken. Geht aber nicht. Sie kullern aus meinem Gesicht heraus. Scheiße, ich Jammerlappen, denke ich.
„Sorry, geht gleich wieder“,  entschuldige ich mich.
Herr R. sagt ruhig aber bestimmt:
„Das ist jetzt authentisch. Nicht dieses ‚Ha, ha, ha und hi, hi, hi, is‘ alles garnicht so schlimm‘ von eben. Merken Sie das?“
„Ja.“ Ich fühle mich merkwürdig ertappt, aber nicht bloßgestellt. Ich lass‘ es aus dem Gesicht rauslaufen. Jetzt is‘ eh zu spät. Kurz nachdem ich das OK zum Heulen gebe, hört es auf.
„Ich kann das nicht. Mehr Zeit einbauen. Ich hab‘ ’nen kleinen Sohn und meinen Mann …“, stammel ich eher zu mir selbst.
„Ihr Sohn braucht eine gesunde Mama. Keine, die funktioniert bis sie umfällt. Ihr Mann genau so“, sagt Herr R. ruhig. Etwas in mir weiß, dass er Recht hat.

Der vermeintliche  „Light-Orthopäde“ ist vom gemeinen Orthopäden so weit weg, wie man nur sein kann. Das ist auch gut so. Zum nächsten Termin schaffe ich es ohne Panikattacke. Allerdings auch ohne nennenswerte Veränderungen in meinem Tagesablauf. Andere schaffen das doch auch. Ich muss mich wohl nur mehr anstrengen, denke ich.

Nachts schlafe ich selten mehr als vier oder fünf Stunden. Nicht am Stück sondern in 1-2 Stunden-Päckchen. Bis 3 Uhr morgens. Dann wache ich nassgeschwitzt mit Herzrasen und Magenschmerzen auf.

„Ändern Sie was!“, sagt Herr R. eindringlich.
„Schlaf ist das Wichtigste. Sie MÜSSEN vernünftig schlafen!“, redet er weiter auf mich ein.
„Ich versuch’s“, versuche ich ihn loszuwerden.
„Ihnen ist noch nicht klar, dass Sie ein richtiges Problem haben. Das nächste, was kommt, ist ein Bandscheibenvorfall oder zwei oder drei“, orakelt Herr R. ruhig aber eindringlich. „Sie können ihr Problem nur lösen, wenn sie die Ursachen erforschen. Das physische können wir hier bearbeiten, aber Sie brauchen auch Experten für die psychische Seite. Suchen Sie sich jemand Gutes. Den besten, den Sie kriegen können.“

Ich denke darüber nach. Sehr lange. In der Zwischenzeit schlafe ich weiter schlecht und ärgere mich darüber, dass ich zu doof zum schlafen bin …

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