Schlagwort: Angst

070 // Schützt der Placeboeffekt vor unerwünschten Nebenwirkungen?

Und wieder fühle ich mich an meinen Besuch in der Facharztpraxis von Frau Dr. Jekyll-Hide erinnert. Dort bekam ich zu hören, dass es nicht möglich sei, erst so spät (Wochen nach Ersteinnahme) Nebenwirkungen von dem Epilepsiemittel Gabapentin zu entwickeln. Sie meinte, das sei, weil es geholfen hat.

Dies sei nicht nur bei mir der Fall, sondern auch bei einer Patientin, von der ich ihr berichtet hatte (die sie nicht kennt), bei der sich die Situation ähnlich abspielte. Das sei das gleiche Konstrukt, weil man ja nicht wüsste, was man ohne die Krankheit machen solle, die ja von der ganzen Familie zu hause als einziger Lebensinhalt „gepflegt“ würde – so ihre (Fach-?)Meinung.

Dass da irgendwas nicht stimmt, hatte ich ja schon erörtert. Dennoch komme ich als extrem (vor allem selbst-)kritischer Mensch nicht umhin, über solche möglichen Zusammenhänge zu reflektieren, was sich in meinen Blogeinträgen zum Krankheitsgewinn niedergeschlagen hat.

Mithin entwickelte ich eine ganz andere Theorie, in der ich mich durch einen aktuellen Artikel im „Spektrum der Wissenschaft“ zum Thema Placebos, bestätigt sehe:

Ich vermute, dass die immense Hoffnung auf Heilung, die ich bei der ersten Einnahme des Medikaments hatte, dazu geführt hat, dass ich alle Nebenwirkungen ausblendete – bzw. auf diese Weise tatsächlich zunächst gar keine entstanden sind.

Ich wünschte mir so sehr, dass mir dieses Zeug hilft, dass ich dafür sogar meine Angst vor Medikamenten dieser Art (kurz) überwunden hatte.

Nach und nach ließ dann dieser Placebo-“Schutz“-Effekt (wie ich das mal nennen will) nach und es kam zu den geschilderten Nebenwirkungen wie Weggetreten- und Verwirrtsein, plötzlichem Hinfallen, zusätzlichen unnötigen Bewegungen und Stimmen hören.

In dem Artikel wird nun genau diese Annahme wissenschaftlich fundiert gestützt:

Wissenschaftler fanden heraus, dass der Placeboeffekt nicht nur ein eingebildeter ist, sondern messbar in der Hirnaktivität stattfindet. Er ist umso größer, je mehr Hoffnung der Patient in die Behandlung setzt und je positiver das Medikament seitens des als kompetent empfundenen Behandlers angepriesen wird. Dies ist besonders gut für Schmerzen erforscht.

Doch auch bei den motorischen Fähigkeiten von Parkinsonpatienten zeigte sich:

„Ihre motorischen Fertigkeiten erholten sich teils deutlich. [Die Wissenschaftler] registrierten zudem per Positronenemissionstomografie (PET) einen Dopaminschub in den Basalganglien, die für die Bewegungssteuerung unerlässlich sind.“

Weiter fand man heraus,

„dass die Dopaminaktivität am ehesten steigt, wenn die Parkinsonpatienten auf eine Verbesserung der Symptome hoffen statt davon ausgehen.“

Beides traf auch auf mich und meine Situation in der Schmerzklinik in Kiel zu:

Eine riesige Hoffnung und absolut qualifiziertes, souveränes, zuversichtliches ärztliches Personal trafen aufeinander.

Dass das Medikament unter diesen Umständen zunächst wirkt, war somit extrem wahrscheinlich: 1. aufgrund seiner medizinisch wirksamen Bestandteile und 2. aufgrund eines zusätzlich auftretenden Placeboeffektes.

Denn – so meine Annahme – wenn aufgrund von placebobedingten Effekten Hirnaktivität zu Gunsten des Wohlbefindens ausgelöst werden kann, ist in diesem Zusammenhang die Unterdrückung unerwünschter Effekte genau so wahrscheinlich wie das Auftreten erwünschter Effekte.

So sind die verspätet einsetzenden Nebenwirkungen selbstverständlich plausibel zu erklären.

Wenn ich Forscher wäre, würde mich diese Idee zu weiteren Experimenten motivieren … 😉

Das bin ich aber nicht, deshalb tauchen bei mir auf diese durchaus versöhnliche Antwort hin (wie immer) nur neue Fragen auf:

Warum weiß eine Fachärztin nicht um solche Effekte, wenn sie doch jeder Depp einfach im Internet nachlesen kann? Was ist da los, dass einem Patienten mit so viel Argwohn, Desinteresse und menschlichem Ungeschick entgegengetreten wird? Was hat die Frau erlebt, dass sie ihre Patienten nicht mehr als Individuum sondern nur noch als wabernde Masse von Diagnosen und daraus zwangsläufig resultierenden „Lebensstilen und -einstellungen“ sehen mag? Was hat sie davon, so vorzugehen?

Antworten wird es wohl nicht geben.

Hier gibt’s aber den ganzen Artikel für euch zum Nachlesen 🙂 http://www.spektrum.de/news/wie-placebos-wirken/1537269

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PS: Ich habe kurz überlegt, der Ärztin diesen Artikel auch zu kopieren und per Post zuzusenden, da sie Post von mir aber offenbar ignoriert, wie ein Blick in die Patientenakte und in meinen eigenen Briefkasten zeigt, lasse ich das mal. „Perlen vor die Säue“ und so 😉 … und irgendwann muss ich auch mal aufhören, mich immer und immer wieder mit diesem Scheißerlebnis zu belasten.

Ich hoffe, es ist jetzt endlich mal gut …

069 // In der Höhle der Echse – myyzilla auf doccheck.de

Mit meiner Arztangst bin ich im letzten Jahr keinen Millimeter weiter gekommen. Im Gegenteil. Das Erlebnis mit Frau Dr. Jekyll-Hide steckt mir noch so tief in allen Ebenen des Daseins, dass ich mich noch weiter zurückgezogen habe aus den schönen Arztpraxen dieses Landes.

Das ist aber nicht richtig und bringt mir nur noch mehr Scherereien und Druck. Ohne Ende Druck. Verdammt nochmal. 🙁

Mein Psychotherapeut therapiert sich langsam ’nen Wolf und ich habe ihm gegenüber schon ein schlechtes Gewissen. Andere (kassenfinanzierte) Traumatherapieplätze sind nicht in Sicht.

Es muss etwas passieren.

Den Januar, den ich überwiegend im Bett liegend verbringen musste, habe ich also genutzt, um neue, professionellere Herangehensweisen auszutüfteln. Ich besann mich auf meine Ressourcen, Stärken und den nicht versiegenden Quell toller Ideen, die Fury und den anderen den Tag vertreiben.

Irgendwann stieß ich beim Durchsehen meiner Erinnerungen an ein besseres Leben, auf ein Ereignis, das mir nun als Vorbild dienen soll:

So hatte ich seiner Zeit eine fast 20 Jahre bestehende, wirklich heftige Frosch- und Echsen-Phobie selbst therapiert, indem ich mir detaillierte Informationen über die  Methoden der Phobie-Therapie der Christoph-Dornier-Klinik (an die ich eher zufällig über die Uni gelangt war) reinzog und mit Unterstützung eines netten Arbeitskollegen (Reptilienfan), schrittweise die Bewältigung dieses Angst-Themas angehen konnte.

Die Frosch-/Echsen-Sache hört sich lustig an, war sie aber nicht. Es steigerte sich über die Jahre so weit, dass ich in jedem sich bewegenden Grasbüschel – selbst an Straßenlaternen – mich mit Haut und Haaren fressende Frösche befürchtete. Krass – ich weiß. Aber es gibt echt ’ne Menge schräger Phobien (z.B. die Angst vor der Zahl 4 = Tetraphobie), insofern befinde ich mich in bester Gesellschaft mit vielen anderen armen Kreaturen und gehe damit heute selbstbewusst um.
Achtung Spoiler: Ich kann’s mir heute ja auch leisten – hab’s geschafft! Und zwar besser als ich mir das erhofft hatte, wie ihr später im Text sehen werdet.

Bevor ich mich heilen konnte, waren bereits Bilder von Fröschen und Eidechsen schon schlimm für mich. Videos gingen gar nicht. Die Biologie-Stunde, in dem dieser unsägliche „Froschschenkelversuch nach Galvani“ gezeigt wurde, den viele sicher noch aus der Schulzeit kennen, ist mir noch heute als mein persönliches Armageddon in Erinnerung.

Wie hab‘ ich es also geschafft?

Antwort: Durch meinen Willen, den Verstand siegen zu lassen und dem Körper schrittweise einen chilligeren Umgang mit dem gemeinen Lurch anzutrainieren.

Initialzündung für meine Heilung war dabei ein logischer Zusammenhang, den mein Reptilien-Kollege damals äußerte:

In einem Gespräch wollte er wissen, was genau an den Tieren mir denn so eine Angst macht. „Was denkst Du denn, machen die mit Dir?“, fragte er.
Da ich den Kollegen auch menschlich mochte, traute ich mich, ihm zu sagen, dass ich schlicht Angst hätte, dass die Scheißviecher mich anfallen und auffressen (ja, ich weiß – vollkommen irrational und wirsch. War aber so.).

Mein Kollege lachte mich nicht aus wie die meisten anderen, die davon hörten, sondern sagte ganz trocken: „Da brauchst Du keine Angst zu haben, Du entsprichst doch gar nicht deren Beuteschema.“

Ich so: „?!“
Er so: „Na, du hüpfst ja noch nicht mal.“
Ich wieder:“?“
Er:“Solange Du nicht aussiehst und dich bewegst, wie ein Insekt oder anderes Beutetier passiert Dir doch nichts.“

Eine bestechende Logik.

Ja, ihr lacht, aber das war die Grundlage dafür, dass ich mich ganz langsam über diese mentale Krücke („nicht hüpfen, dann passiert dir nichts“) mit den Tieren befassen konnte, ohne vor Angst fast in Ohnmacht zu fallen.

Es folgten Monate, in denen ich mich erst theoretisch mit den Fröschen und Echsen befasste (interessante Tiere sind das nämlich!). In einer nächsten Stufe schaute ich mir gemeinsam mit dem Kollegen Bilder seines (in einem frei im Wohnzimmer stehenden Fikus-Benjamini lebenden) Chamäleons (Name vergessen) und später seines Tokeh-Geckos „Lukas“ an.

Lukas war nicht ohne. Tokehs können beißen. Fies beißen. Sie schnappen zu und wollen dir das Fleisch rausreißen, indem sie ihren Kopf und schlimmstenfalls sich selbst um ihre eigene Achse drehen wie ein Krokodil (na, auch Angst? he he he ;-)). Aber selbst den konnte ich mir kurze Zeit später schon im Video angucken.

Den erfolgreichen Abschluss meiner Selbsttherapie feierte ich dann auf der griechischen Insel Kos. Mein damaliger Lebensgefährte und ich wohnten zu ebener Erde in einem Appartmenthotel. Die etwa 1000 Quadratmeter Schotter und Sand hinter dem Hotel, auf denen mittig eine alte große hölzerne Kabeltrommel lag, dienten mir als meine Therapiearena.

Der Hohlraum unter der Kabeltrommel war das Zuhause vieler kleiner Echsen. Mit dem Fernglas konnte ich das Treiben von der Terrasse aus beobachten. Urgs. Der Weg zum Strand führte in etwa 10 Meter Entfernung an der Trommel vorbei. Also musste ich all meinen Mut zusammennehmen, um zum Strand zu gelangen.

Ich war tatsächlich mutig genug. Mehr noch: Der Forscherdrang obsiegte!

So beobachtete ich die Tiere erst von weiter weg, dann ging ich langsam näher, bis die Angst auf Stufe 9/10 (am höchsten) war. Dort blieb ich stehen und wartete zitternd und weinend, bis sie runter ging (so macht man das in der Konfrontationstherapie). Dabei redete ich auf mich ein: „Jetzt nur nicht hüpfen, dann passiert dir nichts.“

Und was soll ich sagen: Ich bin nicht gehüpft – es ist mir nichts passiert.

Irgendwann war ich so nah dran, dass ich den kleinen grauen Echsen in die Augen schauen konnte und wenn sie nicht grade allzu plötzliche Bewegungen machten, konnte ich sogar mit einem Puls leicht unter 180 in ihrer Nähe sein. Am Ende des Urlaubs saß (!) ich unter meinem großen Hut stundenlang auf dem Schotterplatz und redete mit der Kabeltrommel – so sah das zumindest für die anderen Hotelgäste aus, vermute ich – aber das fiel mir erst später auf. 🙂

Viel wichtiger ist: Ich habe meine Angst dort besiegt und konnte am letzten Tag des Urlaubs sogar einen Ausflug zum Asklepieion, der antiken Heilstätte des Hippokrates, der auf der Insel geboren war, genießen. Auf den alten aufgeheizten Gemäuern wimmelt es natürlich nur so von Echsen. Aber auch die größeren konnte ich aushalten.

Ein neues Leben begann.

Mein Wissen und mein Interesse an den Tieren führte nun dazu, dass ich kurze Zeit später selber Gecko-Mutti wurde und eine etwas pummelige Phelsume namens „Dicke“ und einen Marmorgecko namens „Charlie“ (weil er aus Vietnam stammte :-)) im selbst gebauten Regenwald-Terrarium beherbergte.

Was für ein Happy End, hm? 🙂

So soll es jetzt auch mit den Ärzten klappen.

Eine Phobie muss nicht unbedingt durch ein Trauma entstanden sein, aber die Mechanismen sind doch recht ähnlich (rede ich mir ein). Ersetze also „Echse und Frosch“ durch „Arzt“ und schon sollte es doch gelingen, die Angst vor ihnen irgendwie in den Griff zu kriegen.

Ich muss mich nur gründlich über Ärzte informieren, ihren Lebensraum studieren, ihre Bedürfnisse und ihr Verhalten kennenlernen, Kontakt aufnehmen, halten und irgendwann müsste ich ja dann auch mit den gefährlichen unter ihnen klarkommen – so mein Plan.

Was noch fehlt ist die mentale Krücke („nicht hüpfen, damit ich nicht ins Beuteschema passe“). Hier bin ich dankbar für alle Vorschläge. 😉

Bisher habe ich einige Informationen gesammelt, mir Studieninhalte, Gehaltsstatistiken und Juristisches angesehen. Nun will ich also einen Schritt weiter gehen: Ich nähere mich an. Setze mich sozusagen neben die Kabeltrommel des medizinischen Fachpersonals und nehme Sichtkontakt auf.

Da ich mit meinem Studium durchaus einschlägig qualifiziert bin und mittlerweile einige Gesundheitsthemen und medizinische Sachverhalte als freier Autor vertextet habe, gewährte man mir Zugriff auf das wirklich interessante Portal doccheck.de.

Dort habe ich mir ein Profil eingerichtet, das von den Mitgliedern der Plattform angesehen werden kann – einen Hinweis auf meine Seite habe ich natürlich auch eingestellt.

Jetzt sitze ich da und warte bis die Angst nachlässt …

… in der Zwischenzeit: bloß nicht hüpfen … :-/

 


Bild: pixabay

046 // Bootcamp „Konfliktangst-Bewältigung“

Die „Moderatorin“ einer großen Online-Migräne-Patienten-Community löscht einen von mir eingestellten Link auf mein Blog, den ich Forenregelkonform dort im Vorstellungsthread eingestellt hatte. Das ist ihr gutes Recht und für mich kein Problem. Im Verlauf der kurzen Unterhaltung äußern sie und ein anderer Forenteilnehmer (offenbar mit der Moderatöse bekannt) sich dann etwas abwertend und wenig sachlich über meinen Beitrag und mich persönlich.

Für mich reichte das, um mal wieder eine Extra-Runde im Selbstzweifelkarussel zu drehen und mich zu fragen, was ich jetzt wieder falsch gemacht habe, dass die so garstig zu mir sind.

Zwar habe ich Theorien, aber die würden weniger über mich sagen, als über diese Menschen und hier soll es ja um mich gehen.

Was ist passiert?

Neben einer kurzen Beschreibung  meiner Krankheiten habe ich einen Link auf mein Blog (= meine persönliche Geschichte) im Thread „Mein persönlicher Schmerzverlauf“ gesetzt.

Mit dem Hinweis, dass dort auch ein etwas kritischerer Bericht zur Schmerzklinik enthalten ist. Darum geht es in diesem Forum, dachte ich. Vorher hatte ich aufmerksam die Forenregeln studiert, in denen stand, das Forum diene u.a. zum Austausch von Links.

Da ich hin und wieder dort mitgelesen hatte, wurde ich auf einen Thread von einer Frau aufmerksam, die (ebenso wie ich damals) mit vielen Fragen und dem Gedanken „Kiel ist meine letzte Hoffnung“ ganz verzweifelt auf ihre Aufnahme dort wartet.

Da ich froh gewesen wäre, wenn man damals meine Hoffnungen nicht so immens hochgeschraubt hätte und jemand authentisch und differenziert über den Aufenthalt dort berichtet hätte, dann wäre mir eine mittlere Enttäuschung erspart geblieben und ich hätte schon vor Ort anders reagieren können, dachte ich.

In der Community-Netiquette steht: „Diese Migräne- und Kopfschmerz-Community mit Gruppenforen wurde eingerichtet, damit Du mit anderen Interessierten Deine Meinungen und Erfahrungen austauschen kannst. Dies soll eine Plattform zur freien und auch kritischen Diskussion sein – in einem offenen, friedlichen und freundlichen Gesprächsklima. Bitte unterstütze dieses Ziel: Diskutiere fair und sachlich – auch wenn es zu unterschiedlichen Meinungen kommen sollte.“ [Quelle: www.headbook.me]

Ich weiß nicht, was andere da lesen, aber für mich steht da: Meinungen und Erfahrungen, sowie freie (auch kritische) Diskussion erwünscht, sofern friedlich und freundlich. Da hab‘ ich mir nichts vorzuwerfen.  Aber: Soll ich da meine kompletten Texte reinkopieren? Albern. Also der Link.

Das war offenbar falsches, mindestens aber unerwünschtes Verhalten.

Man löscht also diesen Link und schreibt, dass die Forenregeln nach meinem Post jetzt angepasst worden wären. Die seien noch alt gewesen. Jetzt sei das unmissverständlich klar, dass keine Blogs o.ä. verlinkt werden dürfen.

Ok, konnte ich ja nicht wissen.

Vielleicht hätte man das mit der Netiquette auch anpassen sollen, die hat sich zwischenzeitlich wohl auch geändert …

Ich fühle mich im Folgenden jedenfalls vollkommen unangemessen und ungerechtfertigt persönlich angegangen. Ich will weder etwas verkaufen, noch Werbung für obskure Heilmethoden machen. Nur meine Geschichte erzählen.

Sinngemäß hieß es dann „glaubst du, dass man auf Deiner Seite mehr findet als auf unserer?“

Äh, … nein ?! … darum geht es doch gar nicht … ?! Was soll denn DER Scheiß?!

Das hätte ich mal so antworten sollen, aber ich dachte immer noch, is‘ doch alles easy, lösch‘ halt, was weg soll und gut is‘.

Aber, nein, es geht weiter.

Den vollständigen Austausch findet Ihr hier … 

Für den kleinen Ballon, den andere da für mich aufgeblasen haben, müsste ich mich aus PR-Sicht ja eigentlich bedanken (ohne Ende Klicks hier im Blog). Aber die Dankbarkeit überwiegt noch nicht – kommt noch. 😉

Momentan geben sich noch Schreck, Unverständnis und Angst die mentale Klinke in die Hand.

Schreck vor der grundlos überheblich, abwertenden, subtil-aggressiven Grundhaltung mir gegenüber. Unverständnis, ob der Gesamtentwicklung. Angst vor meinen daraus entstandenen inneren Vorgängen und Körpersensationen.

Klar, mit Kritik (auch und vor allem unsachlicher) muss man rechnen, wenn man seine Rübe derart aus’m Fenster hält wie ich hier. Da sind andere schon für weniger als Sau durch’s Dorf getrieben worden. Letztendlich ist es ja auch genau das, was ich brauche und suche, um mit meinen Konfliktängsten und Selbstzweifeln irgendwann besser umgehen zu können. Das sind die Geister, die ich rief.

In diesem Fall trifft es mich nur völlig unvermittelt, weil nicht beabsichtigt und zu spät erkannt.

Willkommen in meinem selbst errichteten Bootcamp der Konfliktangst- und Selbstzweifel-Bewältigung.

Die bisherigen Trainingseinheiten: Eine Panikattacke, mehrere Stunden Herzinfarktangst, zwei Tage Migräne, dick verheulte Augen und das quälende überhebliche Gefühl der Besserwisserei, das in mir aufsteigt, wenn ich sehe, wie PR-taktischer Dilettantismus und mangelnder Anstand guten Grundideen und dem Ansehen des eigenen Stalls schaden.

Ich kann gar nicht fassen, wie unprofessionell man sich im Grunde dort verhalten hat. Immerhin gehört das Forum einer international anerkannten medizinischen Institution. Dass die einfachsten Regeln im Umgang mit unerwünschten Postings nicht befolgt werden, erschüttert mich ehrlich gesagt.

Daran, wie nichtig der Anlass für MEINE Aufregung ist, kann man sehen, wie verzwickt die Sache mit den inneren Vorgängen bei Menschen wie mir sein kann. Was für die meisten „Normalen“ nicht einen Gedanken wert wäre, kann Menschen wie mich in den Ausnahmezustand katapultieren.

Jetzt, wo das überstanden ist, macht sich zwar das gute, friedliche Gefühl, alles richtig gemacht zu haben (und dabei nicht gestorben zu sein) breit, aber ob es in Form und Ausmaß notwendig gewesen ist, mir das selbst anzutun? Zumindest fraglich.

Ein Teil von mir ist richtig stinkig auf mich und schimpft fortwährend: Toll, ganz toll hast Du das gemacht. Hätte man nicht ahnen können, was?! Dusselige Kuh!

Fury ist auch eingeschnappt. Lässt sich nach seinem letzten Anfall nicht mehr am Gatter sehen. Hat wohl einfach keinen Bock, sich von mir ärgern zu lassen. Ich brauche drei Tage, um wieder halbwegs auf die Beine zu kommen.

Nicht zuletzt wegen des Zuspruchs einiger Leser, die mich kontaktiert haben, um mir ihre ganz ähnlichen Erfahrungen mit dem Forum zu schildern, kam ich mit den kurzzeitig aufflammenden Selbstzweifeln klar und konnte den Impuls, mein gesamtes Blog zu löschen, unterdrücken. Danke Euch!!!

Die Runde im Bootcamp hat mich ganz schön Energie gekostet. Aber es hat sich gelohnt. Nächstes Mal bin ich besser vorbereitet …

 

029 // In der Schmerzklinik Kiel – Teil I

Wer die erste Hürde, das Ausfüllen des 30-seitigen Fragebogens der Schmerzklinik geschafft hat, ist schon ein gutes Stück weiter und hat das Gefühl: Endlich kümmert sich mal jemand ganzheitlich und vollumfänglich. Bis es tatsächlich losgeht, gibt es Wartezeiten. In meinem Fall fünf Monate. Migräne habe ich laut Migräne-Tagebuch, das ich führen soll, an ca. 20 Tagen im Monat. Andere Kopf- und Körper-Schmerzen jeden Tag. Von den Ärzten höre ich nur „Besprechen Sie das alles in Kiel.“ Kein Wunder, dass die Erwartungen an die Schmerzklinik so groß sind. Zwei Koffer und eine große Tüte Hoffnung habe ich dabei, als ich in der modern eingerichteten Empfangshalle stehe – besser: hänge.

Ich bin einfach am Ende.

Ankommen

Nach einem sehr langen Anamnese-Gespräch mit der für mich zuständigen Ärztin, bei dem ich trotzdem das Gefühl habe, nur knapp die Hälfte aller meiner Probleme erwähnt zu haben, komme ich in meinem Zimmer langsam zur Ruhe. Dank meiner Zusatzversicherung für die Einzelunterbringung treibt mich der Aufpreis für das Zimmer noch nicht in den endgültigen finanziellen Ruin. Dass man in einem „Privatzimmer“ allerdings den Fernseher extra bezahlen muss (für 19 Tage immerhin 16,- Eur), finde ich etwas befremdlich.

Die Einrichtung des Zimmers ist schon ein bisschen in die Jahre gekommen, aber durch die Anordnung der Möbel und die „gemütliche“ Bett-Ecke, kommt keine richtige Krankenhausatmosphäre auf – gut! Ein gemütlicher Ledersessel, der sicher mal schön war, steht vorm Fenster. Leider ist er am Kopfteil und an der Sitzfläche ziemlich durchgescheuert und dadurch sehr unansehnlich. Mein Zimmer liegt zur Straße hin. Das ist tagsüber etwas laut, aber es wird nicht zu warm, weil die Sonne nur morgens kurz reinschaut.

Das Bad ist relativ groß und hat eine frei zugängliche Dusch-Nische (like! :-))

Die Bodenfliesen und Fugen sind nicht so schön … nein, die sind einfach um. Etwa zwei Drittel des ehemals hellgrauen Fugenkitts haben eine schlammschwarze Patina angesetzt. Bin ich zu pingelig, wenn ich meine, dass so was ab und an mal (notfalls mit ’ner Kanne Chlorreiniger) weggerubbelt gehört? Selbst ICH schaffe das einmal im Jahr.

Aber ein Krankenhaus ist kein Luxushotel! Auch einen 3, 2, 1 – Sterne-Standard hat niemand versprochen. Also genieße ich die Ruhe und Dunkelheit hinter den genügend großen lichtundurchlässigen Vorhängen.

Therapie

Bei der Anmeldung drückt man mir einen „Stundenplan“ in die Hand, in dem die Termine für Patientenseminare, Gruppensitzungen, physio- und psychotherapeutische Behandlungen, Entspannungs-Kurse und Sport-Einheiten stehen.

Der Plan enthält wenig passende bewegungstherapeutische Bausteine, die für mich machbar sind. Das demotiviert mich erst mal. Änderungen im Plan sind auch auf Nachfrage nicht möglich. Ich solle mir aussuchen, was für mich passt – bis auf Physio- und Psychotherapie seien alle Angebote nur Vorschläge. OK. Da bleibt leider nicht viel. Zur Erinnerung: Ich kann weder sitzen noch stehen, nach 50 Metern langsam laufen bin ich am Ende, meine Hände und Finger tun so weh, dass ich meine Zimmertür kaum aufschließen kann und Angst habe, den Aufzugknopf zu drücken.

Immerhin bin ich in der zweiten der drei geplanten Wochen soweit, dass ich zumindest versuche, an einer Qi-Gong-Einheit teilzunehmen. Es bleibt beim Versuch.

Hausmeisterwitze

Den Einstieg in einen neuen Prophylaxe-Versuch soll ich mit Gabapentin (ein älteres Antiepileptikum) und Opipramol (ein Antidepressivum, dass auch angstlösend wirken soll) unternehmen. Meiner nicht unbegründeten Angst vor den Medikamenten begegnet man mit Verständnis und professionellem Geschick. Es gelingt mir sogar, eine vom Oberarzt vorgeschlagene Therapie mit Venlafaxin und Topiramat abzulehnen. Natürlich heulend und unter Todesangst. Der Oberarzt ist ein locker flockiger Typ, der sein Handwerk gelernt hat, aber so richtig nachvollziehen kann er mein mühsam beschriebenes Problem in Kontakt mit Ärzten nicht. Er lacht, als ich ihm erkläre, dass der locker beschwingte Umgang mit ihm als Mensch kein Thema wäre, aber in seiner Funktion als Arzt ticken die Uhren bei mir anders. Alles wäre super, wenn er der Hausmeister wäre, sage ich. Er lacht. Das war gar nicht lustig gemeint, aber ich kann eben in den unmöglichsten Momenten eine echte Stimmungskanone sein. Er aber auch. Er kontert: „Haben Sie schon die Erwerbsminderungsrente beantragt?“

Nein – ha ha … guter Witz. Wenn ich hier raus komme, bin ich doch wieder fit, denke ich – wollte ich sagen. Aber ich bin so schockiert, dass ich gar nichts mehr sagen kann und nur den Kopf schüttel. „Das müssen Sie unbedingt als erstes machen, wenn Sie zu hause sind!“
„Äh …“, stammel ich.
„Ja, wenn Sie nach ein zwei Jahren vielleicht doch wieder besser aufgestellt sind, können Sie ja nochmal richtig loslegen.“
Ein, zwei Jahre? Vielleicht? Loslegen?
An den Rest des Gesprächs kann ich mich nicht mehr erinnern.

Als ich alleine im Zimmer bin, rufe ich meinen Mann an und heule wie ein Kindergartenkind, dem man grade verboten hat, mit in den Zoo zu kommen – dieses und nächstes Jahr. Auch Zoo-Videos seien in dieser Zeit verboten. Später vielleicht mal ein Giraffenposter oder ’ne Lemurenpostkarte. Aber Zoo? Für Dich? Nö.

Nach dem ersten Schock reagiere ich trotzig: Das woll’n wir doch mal sehen, wer hier nich‘ mehr in den Zoo geht …

Euphoria Maxima

Zuerst nehme ich das Gabapentin. Damit soll die Alarmbereitschaft im Nervensystem und das Schmerzgedächtnis runterreguliert werden. Glücklicherweise gibt es keine negativen Akutreaktionen – im Gegenteil. In den ersten Tagen mit dem Medikament ist mein Kopf plötzlich freier, der Druck und der Nebel verschwinden langsam. Ich fühle mich nach und nach so fit, dass ich mich ein paar Minuten in einen Sessel im Flur setzen kann. Auch eine andere Basilarispatientin mit ganz ähnlichen Schwierigkeiten wie ich bekommt Gabapentin und reagiert zunächst genauso positiv auf die Dropse.pokemon

Die Euphorie hält einige Zeit an. Ich bin wieder an Bord. Sehe andere Menschen, rede mit ihnen, höre zu, was sie erlebt haben. Das fühlt sich gut an. Ich beginne weiter zu hoffen und werde langsam mutiger. Am Ende meines Aufenthalts schaffe ich 600 Meter in die kleine Einkaufstraße auf der anderen Seite der Schwentine, um mir Gemüsechips und Kokosriegel zu kaufen – alleine!

Manchmal fange ich ein paar Pokemons am Uferweg oder gucke mir die Segelboote an. Ich bin mächtig stolz auf mich!

Von zwei Anfällen und den neuen Schwindel-Symptomen lass‘ ich mir meine Rückkehr in die Zivilisation nicht madig machen.

Abends nehme ich das Opipramol. Kurz bevor ich einschlafe, sehe ich Fury vor meinem inneren Auge. Er steht mit runterhängender Unterlippe, leicht verstrubbelt und ziemlich stoned am Zaun. Ich rolle ein Stück Pappe zusammen, knüpfe ein Gummiband dran und lasse das improvisierte Hütchen vor die Stirn des großen, grauen Tieres schnacken – Swopp macht es. Er kann sich nicht wehren – er guckt nicht mal hoch. Hahaha! „Du bist ein Einhorn!“, gluckse ich und schlafe lachend ein.

028 // Ode an Mike ;-)

Menschen, die alle ihre inneren Anteile anerkennen – auch und vor allem – die negativen, leiden weniger.

Ein Paradox auf den ersten Blick, doch wenn ich die negativen Gefühle zuerst anhöre, kommen automatisch positive hinterher. Wenn ich die negativen dauernd wegdränge oder ignoriere, bin ich damit so beschäftigt, keine negativen Gefühle zuzulassen, dass ich auch nix Positives mehr mitkriege. Ob das wohl einer der Gründe ist, warum einer Studie zufolge Sadomasochisten psychisch gesünder leben?

Alles ist Leben

Nun bin ich kein Experte für die Methode der Radikalen Erlaubnis, habe auch kein Seminar bei Mike Hellwig gemacht, obwohl diese im Vergleich zu anderen Methoden recht fairpreisig daherkommen. Was ich aber sagen kann: Er hat mir allein mit seinen Videos und drei seiner Bücher weitergeholfen – unter’m Strich ein Stück Heilung für knapp 30,- Euro. Dafür kann ich gar nicht genug Danke sagen.

Die immer größer werdende Verzweiflung, trotz allen Wissens um Methoden, wie Autosuggestion, positivem Denken, Imaginationsverfahren usw., keine nennenswerten Fortschritte zu machen, ließen meine Selbstzweifel, Unzulänglichkeits- und Schuldgefühle immer größer werden. Was ich im Stillen schon die ganze Zeit vermutete, wird endlich bestätigt. Von jemandem, der weiß, was ich grade durchmache und durchgemacht habe. Leid als Qualifikation – dem Hellwig nehme ich sein Konzept ab. Ich kann jedes Wort nachvollziehen und ich merke, er weiß, wie es sich in mir und jedem anderen mehr oder weniger traumatisierten Menschen anfühlt. Seine Arbeit verdient Respekt, auch wenn ich ihm nicht in alle Windungen seines Gehirns und Bauches folgen kann. Muss ich aber auch nicht.

Nach und nach gelingt es mir immer besser, mit Hilfe seiner Videos und der kleinen Audio-Sequenz, die er auf seiner Seite zur Verfügung stellt, mein Inneres zu erforschen und mache dabei einige wunderbare Erfahrungen. Nach Rückschlägen gibt es immer wieder Fortschritte. Energien, die ich früher dem Kämpfen geopfert hatte, werden frei für Anderes. Schönes!

Positives Denken macht uns zu Tätern

Autosuggestion und alle anderen Bewältigungsstrategien haben ihre Berechtigung, aber sie lösen keine Probleme. Sie sind maximal temporär nützliche Werkzeuge, um nicht kaputt zu gehen.

Langfristig erhöhen sie den Druck auf ihre Anwender, durch ihre Wirkungslosigkeit auf des Pudels Kern. Weil sie uns zwingen, das, was ist, zu leugnen. Sie zwingen uns im Grunde dazu, gegen uns selbst tätig und somit Täter zu werden. Wen wundert es da, wenn unsere inneren Kinder um so verzweifelter und rebellischer darum ringen, endlich wahrgenommen, endlich gehört und endlich mit dem anerkannt zu werden, was sie für uns getan haben?

Das lässt die Schreie der Kinder in uns nur lauter werden. Die Qual immer größer und uns selbst immer schwächer. Bis viele von uns aufgeben. Sich und die Hoffnung auf ein Leben in Frieden mit sich selbst verlieren. In Wahnvorstellungen, tiefe Depression oder verzweifelte Resignation verfallen. Unfähig, auch nur einen winzigen Teil von sich selbst je wirklich gefühlt zu haben. Unfähig, die vitalen Kräfte in sich als das wahrzunehmen, was sie sind: Sie sind das Leben.

Sie sind wir. Wir sind sie.

 

027 // „Sie müssen nur den Nippel durch die Lasche zieh’n.“* – Durchs Nadelöhr gehen.

Am Abend vor meinem Check-in in der Schmerzklinik finde ich Mike Hellwig und seine YouTube-Videos zum Konzept der Radikalen Erlaubnis.

Anfangs denke ich noch: Wer is‘ ER denn?
Seine Art zu reden ist stark gewöhnungsbedürftig, aber daran soll’s nicht liegen. Der sollte mich mal hören, wenn ich versuche, meinem Mann morgens um vier die Gedankenexperimente und Recherche-Ergebnisse meiner von Schlaflosigkeit geprägten Nächte vorzustellen.

Von dem Hamburger Therapeuten höre ich zum ersten Mal: Alles darf sein! Das ist der Schlüssel. Davon geht das Schlimme nicht weg, aber es ist weniger quälend und der einzige Weg zur Erleichterung, sagt er. Das passt zu meinen Erkenntnissen mit Fury.

Außerdem gefällt mir der Begriff: Radikal ist immer gut – es klingt nach Dynamik, Intensität und Selbstbestimmtheit – like! Erlaubnis … jo, da gucken wir mal … 😉

Ich experimentiere zunächst mit der Außenwelt:

„Hallo, dicke, nervige Scheißhausfliege am Fenster! Du darfst sein.“, sage ich zu dem dicken, grünmetallisch schimmernden Nervtöter.
Sie ist weiter und es ist ok. Ich schaue sie an, folge ihr mit dem Blick und nicke ihr freundlich zu. Sie darf da sein. Ein Teil in mir hat Mordgelüste. Ich sage: ‚Hallo, Mordgelüst. Ich nehme Dich wahr, Du darfst da sein.‘ Da kommt der nächste Teil und sagt: ‚Jetzt bist Du wohl vollkommen durchgeknallt?!‘ Ich sage: „Hallo, Zweifler, ja, ich verstehe Deine Zweifel. Es ist durchaus wahrscheinlich, dass ein Teil von mir vollkommen durchgeknallt ist‘. Zu Mordgelüst und Zweifler gesellt sich eine Art distanziert cooler Ober-Checker: ‚Leute, jetzt lasst doch mal Fliege in Ruhe. Es gibt doch echt schlimmere Probleme hier.‘ Der innere ärztliche Dienst schaltet sich ein: ‚Aber das macht sie doch nur aus therapeutischen Gründen.‘ Ich komme gar nicht so schnell nach mit dem Begrüßen und Anerkennen. Ich forsche immer weiter, ob noch jemand was beizutragen hat.

Nach einer Weile fliegt die Fliege wieder raus. War gar nicht so nervig. Und aus dem anfänglichen Genervtsein ist eine Art kindlicher Spaß am Spiel mit den inneren Anteilen geworden.

Hallo, Angst!

So will ich es auch mit der Angst probieren.
Als es wieder so weit ist, lege ich mich hin, höre in meinen Körper und sage freundlich in Gedanken: „Hallo, Angst. Was willst Du, warum kommst Du jetzt?“
Die Angst sagt: Ich will, dass Du den Fokus auf Dich selber richtest. Du sollst Dich mit Dir beschäftigen. Guck Dir genau an, was in Dir ist.
‚Ein Brötchen mit Frischkäse und Gurkenschnipseln ist da. Meinst Du das?‘
Nein, das meint sie nicht. Sie merkt natürlich, dass ich sie verarsche und haut mir eine rein.
Ich weine. Bin sauer auf sie und sie auf mich. Zu Recht.

Ich probiere es wieder. Je öfter und länger ich meiner Angst zuhöre, ihre Motive und Rückschlüsse nachvollziehen kann, desto ungruseliger wird sie. Das ist zwar schon ganz hilfreich, aber die Radikale Erlaubnis setzt eigentlich woanders an: Im Körper. Genauer gesagt: Im Bauch. Dort, wo nach Hellwigs und anderer Leute Meinung das innere Kind und alle unsere emotionalen Anteile – gute und böse – sitzen. Sie alle haben nur ein Ziel: Gehört, gesehen und geliebt zu werden.

In den Körper hören ist keine neue Methode, aber die Zusammenhänge, wie Mike Hellwig sie erklärt, scheinen mir sehr plausibel. Sie erklären in einem simplen Modell alles, was ich brauche, um mit dem klarzukommen, was nun mal ist. Beruhigend: Es kommt weitestgehend ohne religiös ideologischen oder esoterisch-quaksalberischen Überbau aus. Es ist in sich schlüssig und das Wichtigste: Es hilft!

Alles, was Hellwig bei Befolgen seiner Methode prophezeit, tritt ein – zuverlässig und reproduzierbar.

Das Nadelöhr

Abends bekomme ich noch mal eine feine Schwindel-Migräne und Schmerzen. Die Gründe? – Ein halber Espresso, zwei Kugeln Vanilleeis und Gewitter. Zuviel!
Und schon ist sie wieder da: Die Angst zu sterben.
Aber diesmal will ich es anders machen. Mit Mike Hellwigs Säuselstimme im gedanklichen Ohr spüre ich in meinen Bauch: Chaos. Die Angst würgt mich von innen. Drückt mir die Eingeweide bis zum Hals.
Ich sage „Hallo, Angst“. Mache mich durchlässig. Gebe ihr einen Raum. Bin Gastgeber. Es dauert einen Moment. Sie wütet wie eine Irre. ‚Ja, wüte nur, ich bleib‘ hier und guck Dir zu.‘, sage ich in Gedanken. Ich bin schweißgebadet und mir laufen die Tränen aus den Augen. Aber diesmal schicke ich sie nicht weg. Diesmal kämpfe ich nicht. Auch Fury dreht durch. Er darf. Er kann ja nicht anders. Ich bleibe einfach ruhig stehen und betrachte ihn, fühle seine Aufregung und es ist ok. Irgendwann fange ich an zu zittern. Zittern ist in Ordnung. Der Körper kann so die Anspannung auflösen.
Ich weiß nicht, wie lange ich so liege. Irgendwann bin ich nur noch Angst und Schmerz.
Aber ich BIN. Das kann ich wahrnehmen. Ich genieße dieses Sein und lasse Angst und Schmerz sich austoben. Sogar den möglichen Tod akzeptiere ich. Es fühlt sich an, als würde ich große schleimige Steine kotzen. Fast ersticke ich daran. Es ist verdammt eng im Nadelöhr.

Dann – plötzlich – kommt da ein neues, anderes Gefühl dazu. Ich kann es nicht sofort glauben, weil ich jetzt als letztes damit gerechnet hatte: Es ist Zuversicht. Tatsächlich. Ich gucke mir das Gefühl noch mal ganz genau an. Es ist wirklich Zuversicht. Interessant und wunderschön. Ich freue mich und sage „Hallo, Zuversicht“. Sie wohnt direkt neben der Angst, lässt sie mich durch ein warmes, glattes, weiches Gefühl im Bauch wissen. Cool.

Ich bin tief beeindruckt und nehme mir vor, mit diesem Ansatz weiter zu forschen. Mike Hellwig hatte Recht: Die Angst bekam ihren Raum, war gesehen, begrüßt und gefühlt worden. Dann, plötzlich konnte ich noch andere Räume mit anderen Gefühlen sehen: Zuversicht, Erleichterung, Freude und Liebe!

*aus dem 80er-Jahre-Hit von einem ebenfalls von mir sehr geschätzten Mike: „Der Nippel“- von Mike Krüger 😀

025 // Todesangst

Da ist doch gewaltig was schief gelaufen, denke ich immer wieder über mich und mein Leben. Ja, das ist es. Es nennt sich Trauma. Das weiß ich heute. Daraus entstanden ist eine veritable Angst- und Panikstörung, depressive Episoden, somatoforme Schmerzstörung und eine Hypersensibilität, die jeden kleinen Scheiß zum Migräne-Trigger macht.

Neben diversen anderen Dingen, habe ich zum Beispiel Angst davor, dass meine Emotionen mich töten – vor allem die negativen, wie Wut und Aggression. Die Angst hat sich offenbar in frühester Kindheit etabliert, weil Wut, Hass, Ärger auf keinen Fall gefühlt werden durften. Das habe ich mir nicht ausgesucht, sondern es war tatsächlich überlebensnotwendig, diese negativen Gefühle nicht auszuleben. Die Lösung: Abspaltung – am besten gar nicht fühlen. Eine Art Aufpasser musste her: Die Angst.

Wenn ich sie fühle, fühle ich nichts anderes mehr. Aus ihrer Sicht: Ziel erreicht. Existenz gesichert. Läuft! Jetzt wacht sie also darüber, dass ich die negativen Emotionen nicht mehr fühlen muss, denn die bringen mich um, meint sie.

Das findest Du wirsch? Ich auch. Aber es geht noch wirscher:

Täter werden

Immer wieder habe ich Todesangst. Mal begründet durch einen Basilarismigräne-Anfall, mal ausgelöst durch irgendwelche, zum Teil banalen Körpersensationen, mal völlig unbegründet. Diese Todesangst ist nicht nur die Angst vor’m Selbstverlust. Nein, bei mir ist das zusätzlich die Angst vor’m Verpissen. Die Angst davor, dass ich mein Kind und meinen Mann im Stich lasse, so wie man mich unzählige Male im Leben im Stich gelassen hat. Ich habe Angst davor, Täter zu werden.

Da muss man erstmal drauf kommen.

Ich empfinde eine möglicherweise irgendwann mal aufgrund meines Ablebens verursachte Schuld. Na, toll. Nicht mal das Sterben (in meinem kranken Kopf als ultimative Unzulänglichkeit gesehen) erlaube ich mir. Als hätte ich einen Einfluss darauf. Im Grunde ist das der absolute Gipfel der krankhaften Selbstüberschätzung. Vielleicht bin ich doch Narzisst – es äußert sich nur anders und fühlt sich dööfer an als bei denen, die ich zur Genüge kenne.

Mein erstes Mal

Meiner ersten „Erinnerung“ an die Todesangst konnte ich in der Hypnotherapie begegnen. Authentische Worte habe ich nicht für das in Trance Erlebte. Ich kann nicht 1:1 beschreiben, wie und was das genau war. Es sind nur Eindrücke, Farben, Gefühle. Der Rest ist Interpretation. Offenbar ging es um eine sehr frühe Erfahrung in einer Arztpraxis: Ich erlebe, wie mein Körper sich einkrempeln will. Mein rechtes Knie geht nach oben, meine Fäuste sind geballt, die Arme vor der Brust gekreuzt. Ich nehme „Wesen“ (Menschen ?) wahr, einen Honigfarbenen wolkenartigen Kranz an einem der Wesen (lockige Haare?), weiße Flächen (Deckenplatten?), unangenehme Helligkeit (grelle Beleuchtung?) – Schmerz. Man tut mir weh. So weh, dass ich Todesängste ausstehe. Niemand hilft. Ich bin den Grausamkeiten allein und hilflos ausgeliefert.

Zuviel für mich. Die Szene ist abrupt zu Ende.

„Die weiß aber, was sie will.“, hätte die Kinderärztin mal bei einer Impfung zu meiner Mutter gesagt. An mehr kann (oder will) sie sich nicht erinnern als ich sie danach frage. Ich kombiniere: 1. So was sagen Ärzte nicht, wenn ein Säugling still und lethargisch auf dem Behandlungstisch döst. 2. Meine Mutter war nicht unmittelbar dabei.
Ich habe mich offenbar gegen etwas gewehrt. Habe gekämpft. Wollte nicht verletzt werden, wollte nicht sterben. Und ich war allein.

Ob das wirklich der Anfang war?
Genau weiß das niemand. Dennoch macht es einiges plausibel. Die hundert nachfolgenden Erlebnisse in Arztpraxen und Krankenhäusern waren der Zement in den mein Trauma gegossen wurde. Immer und immer wieder. Neue kamen dazu. Alte wurden verstärkt. Hilfestellung durch Bezugspersonen: Regelmäßig Fehlanzeige.

Helfer wurden zu Tätern – die meisten unabsichtlich, ohne es zu wissen. Ein Dilemma.

Übergangslösung

Ich muss mir erst mal selber helfen, zu groß ist die Gefahr, wieder in die Falle zu tappen. Wieder alles erleben zu müssen, wieder abzuspalten, wieder falsch behandelt zu werden, wieder von vorn anfangen zu müssen.

Um irgendeine Lösung zu finden, lese ich, wann immer mein Kopf es zulässt, E-Books, höre Podcasts und schaue youtube-Videos. Irgendwo muss die Lösung zu finden sein …

Immerhin lerne ich so, dass die Schuldgefühle ein ziemlich genialer Trick der geschundenen menschlichen Seele sind. Sie gaukeln dem Selbst eine Wirkmacht vor, die es nicht hat. Solange ich mir also einbilden kann, dass ich selbst Schuld bin an dem, was passiert, gebe ich mir unbewusst eine Möglichkeit, in das, was geschieht, einzugreifen – eine Selbstwirksamkeit. Die zu haben, ist verdammt wichtig. Hab‘ ich aber nicht – nicht immer jedenfalls.

Die Kreativität der menschlichen Existenz ist erstaunlich, das muss man anerkennen.

Theorie und Praxis

Obwohl ich so viel weiß, so viel von meiner Geschichte aufgearbeitet und einige meiner Muster verstanden habe, kann ich immer noch keine Erlösung spüren. Mein Verhalten und meine Körperreaktionen scheren sich einen Scheiß um mein intellektuelles Verständnis. Ich kann mir ’nen Wolf autosuggerieren und positiv denken bis (mal wieder) der Arzt kommt.

Es geht nicht vorwärts, aber es muss eine Lösung geben!

007 // Der Monty Roberts der Angstgestörten

Wie zum Trotz erreicht mich der Anruf der Psychotherapie-Praxis, auf deren Warteliste ich stehe, ausgerechnet als ich mich mit meinen beiden Hals-Bandscheiben unter’m Arm durch die Tage quäle. Ich bitte die schnippische Vorzimmer-Tante, den Termin in ein paar Wochen zu machen, weil ich weder Autofahren noch 10 Minuten Sitzen kann mit dem Hals. Sie erklärt mir, dass das nicht geht und dass ich mich nun höchstens wieder neu auf die Warteliste setzen lassen kann. Die wäre jetzt aber nur noch etwa fünf Monate lang.

Ich bedanke mich und lege auf.

Mein Weg

Im Internet suche ich jetzt selbst nach einem Therapeuten mit freien Kapazitäten. Finde einen, der im Hauptberuf als Rettungssanitäter arbeitet. Die perfekte Kombination für einen „spezialgelagerten Sonderfall“ mit Todesangst und Psycho-Schmerzen wie mich …

Nach etwa vier Wochen geht es mit meinem Hals so gut, dass ich mir die 20-minütige Autofahrt in seine Praxis zumindest theoretisch vorstellen kann. Ich nehme per Mail Kontakt auf.

Zwei Wochen später findet meine erste psychotherapeutische Unterredung statt.

Herr E. ist ein ganz „normaler“ Mensch. Das beruhigt mich. Er trägt keinen Arztkittel, kein Therapeuten-Weiß und seine Praxis ist gemütlich eingerichtet und warm. Schonmal gut. Ich friere meistens dermaßen, dass ich 3-4 Schichten Kleidung trage. Was mich und meine mittlerweile 113 Kilo nicht gerade graziler erscheinen lässt.

Ich sehe es ihm nach, dass er offenbar zuerst wie alle „netten Helfer“ mein offensichtlichstes Problem, mein Gewicht, mit in den Problem-Topf schmeißt. Es ist ja schließlich ein Schwerpunkt, den er in seiner Hypnose-Paxis behandelt.

Es wird relativ schnell klar, dass der – wenn auch dicke – Hase in einem anderen Pfeffer liegt, aber ich wehre mich nicht dagegen, den auch gleich mit „anzupacken“.

Schon nach der ersten Sitzung bin ich  leicht euphorisiert. Endlich passiert was. Eingedeckt mit Beruhigungs-Tricks gegen die Panikattacken, Literatur und „Hausaufgaben“ verlasse ich die Praxis mit dem guten Gefühl, dass mein Geld hier gut angelegt sein könnte. Die Kasse zahlt den Heilpraktiker für Psychotherapie natürlich nicht. Egal. Man gönnt sich ja sonst nichts.

Herr E. kennt das Leben und die Menschen von der extremen Seite. Das schätze ich. Als Rettungssanitäter erlebt er Sachen, die uns Otto-Normalbürger glatt vom Schlitten hauen würden. Da bin ich mir sicher.

Andererseits habe ich schon oft erlebt, dass ich selbst in Extremsituationen auch eher entspannter reagiere als andere. Mich machen die kleinen Dinge fertig. Richtig fertig.  Immer und immer wieder.

Mein kleines Ich

In einer der ersten Hypnose-Sitzungen habe ich zum ersten Mal in meinem Erwachsenen-Leben Kontakt zu meinem kleinen Ich. In der Rückführung zu einer Nasenpolypen-OP, sehe ich, wie sich das kleine blonde Mädchen vor Angst und Verlassenheitsgefühl bibbernd höchst unwohl in ihrem Körper fühlt.
„Mama ist doof.“, sagt sie.
„Warum ist Mama doof?“, fragt Herr E.
„Die hilft mir nicht. NIE!“
Herr E. schlägt vor, dass mein großes Ich das ja jetzt übernehmen könnte.
Gute Idee.
Die Große nimmt die Kleine in den Arm, sagt ihr, dass alles gut ist. „ICH bin bei Dir.“ sagt die Große.
„Ich hab‘ Dich lieb!“ sagt die Kleine.
Beide weinen.

gelöste Knoten

Mit dieser kleinen Sequenz löst sich ein riesiger Knoten, den ich mein Leben lang mit mir rumgetragen habe. Meine Mutter, von der ich mich stets missverstanden und ungesehen fühlte, ist nicht der Schlüssel. Egal, was war. Sie muss es auch gar nicht sein.
Ich selbst kann mir jetzt helfen. Ich brauche meine Mutter nicht dafür.

Was mein kleines Ich im Kindergartenalter erlebt hat, kann ich jetzt noch mal mit ihm zusammen erleben und es mit ihm gemeinsam durchstehen. So gehen wir in vielen weiteren Hypnose-Sitzungen und EMDR-Interventionen Szene für Szene durch und lösen Knoten über Knoten. Einen nach dem anderen. Manchmal fühle ich mich danach, als hätte ich einen Garten umgegraben. Seelenarbeit ist Schwerstarbeit.

Herr E. begleitet mich auf meinem Weg. Sichert meine Schritte nach allen Seiten ab, unterstützt, wo es nötig ist. Er gibt mir Sicherheit im Umgang mit diesen neuen Eindrücken.

Manchmal erinnert er mich dabei an Monty Roberts, den amerikanischen Pferdeflüsterer, den viele für seine Arbeit mit traumatisierten und schwierigen Pferden feiern. Wie passend diese Methapher tatsächlich ist, wird mir erst viel später klar.

In meiner Seelenarbeit geht es sehr langsam voran. An manchen Stellen kommen wir einfach nicht weiter und mein Körper und ein paar Ärzte machen alles wieder schlimmer …

 

 

 

 

 

 

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