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070 // Schützt der Placeboeffekt vor unerwünschten Nebenwirkungen?

Und wieder fühle ich mich an meinen Besuch in der Facharztpraxis von Frau Dr. Jekyll-Hide erinnert. Dort bekam ich zu hören, dass es nicht möglich sei, erst so spät (Wochen nach Ersteinnahme) Nebenwirkungen von dem Epilepsiemittel Gabapentin zu entwickeln. Sie meinte, das sei, weil es geholfen hat.

Dies sei nicht nur bei mir der Fall, sondern auch bei einer Patientin, von der ich ihr berichtet hatte (die sie nicht kennt), bei der sich die Situation ähnlich abspielte. Das sei das gleiche Konstrukt, weil man ja nicht wüsste, was man ohne die Krankheit machen solle, die ja von der ganzen Familie zu hause als einziger Lebensinhalt „gepflegt“ würde – so ihre (Fach-?)Meinung.

Dass da irgendwas nicht stimmt, hatte ich ja schon erörtert. Dennoch komme ich als extrem (vor allem selbst-)kritischer Mensch nicht umhin, über solche möglichen Zusammenhänge zu reflektieren, was sich in meinen Blogeinträgen zum Krankheitsgewinn niedergeschlagen hat.

Mithin entwickelte ich eine ganz andere Theorie, in der ich mich durch einen aktuellen Artikel im „Spektrum der Wissenschaft“ zum Thema Placebos, bestätigt sehe:

Ich vermute, dass die immense Hoffnung auf Heilung, die ich bei der ersten Einnahme des Medikaments hatte, dazu geführt hat, dass ich alle Nebenwirkungen ausblendete – bzw. auf diese Weise tatsächlich zunächst gar keine entstanden sind.

Ich wünschte mir so sehr, dass mir dieses Zeug hilft, dass ich dafür sogar meine Angst vor Medikamenten dieser Art (kurz) überwunden hatte.

Nach und nach ließ dann dieser Placebo-“Schutz“-Effekt (wie ich das mal nennen will) nach und es kam zu den geschilderten Nebenwirkungen wie Weggetreten- und Verwirrtsein, plötzlichem Hinfallen, zusätzlichen unnötigen Bewegungen und Stimmen hören.

In dem Artikel wird nun genau diese Annahme wissenschaftlich fundiert gestützt:

Wissenschaftler fanden heraus, dass der Placeboeffekt nicht nur ein eingebildeter ist, sondern messbar in der Hirnaktivität stattfindet. Er ist umso größer, je mehr Hoffnung der Patient in die Behandlung setzt und je positiver das Medikament seitens des als kompetent empfundenen Behandlers angepriesen wird. Dies ist besonders gut für Schmerzen erforscht.

Doch auch bei den motorischen Fähigkeiten von Parkinsonpatienten zeigte sich:

„Ihre motorischen Fertigkeiten erholten sich teils deutlich. [Die Wissenschaftler] registrierten zudem per Positronenemissionstomografie (PET) einen Dopaminschub in den Basalganglien, die für die Bewegungssteuerung unerlässlich sind.“

Weiter fand man heraus,

„dass die Dopaminaktivität am ehesten steigt, wenn die Parkinsonpatienten auf eine Verbesserung der Symptome hoffen statt davon ausgehen.“

Beides traf auch auf mich und meine Situation in der Schmerzklinik in Kiel zu:

Eine riesige Hoffnung und absolut qualifiziertes, souveränes, zuversichtliches ärztliches Personal trafen aufeinander.

Dass das Medikament unter diesen Umständen zunächst wirkt, war somit extrem wahrscheinlich: 1. aufgrund seiner medizinisch wirksamen Bestandteile und 2. aufgrund eines zusätzlich auftretenden Placeboeffektes.

Denn – so meine Annahme – wenn aufgrund von placebobedingten Effekten Hirnaktivität zu Gunsten des Wohlbefindens ausgelöst werden kann, ist in diesem Zusammenhang die Unterdrückung unerwünschter Effekte genau so wahrscheinlich wie das Auftreten erwünschter Effekte.

So sind die verspätet einsetzenden Nebenwirkungen selbstverständlich plausibel zu erklären.

Wenn ich Forscher wäre, würde mich diese Idee zu weiteren Experimenten motivieren … 😉

Das bin ich aber nicht, deshalb tauchen bei mir auf diese durchaus versöhnliche Antwort hin (wie immer) nur neue Fragen auf:

Warum weiß eine Fachärztin nicht um solche Effekte, wenn sie doch jeder Depp einfach im Internet nachlesen kann? Was ist da los, dass einem Patienten mit so viel Argwohn, Desinteresse und menschlichem Ungeschick entgegengetreten wird? Was hat die Frau erlebt, dass sie ihre Patienten nicht mehr als Individuum sondern nur noch als wabernde Masse von Diagnosen und daraus zwangsläufig resultierenden „Lebensstilen und -einstellungen“ sehen mag? Was hat sie davon, so vorzugehen?

Antworten wird es wohl nicht geben.

Hier gibt’s aber den ganzen Artikel für euch zum Nachlesen 🙂 http://www.spektrum.de/news/wie-placebos-wirken/1537269

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PS: Ich habe kurz überlegt, der Ärztin diesen Artikel auch zu kopieren und per Post zuzusenden, da sie Post von mir aber offenbar ignoriert, wie ein Blick in die Patientenakte und in meinen eigenen Briefkasten zeigt, lasse ich das mal. „Perlen vor die Säue“ und so 😉 … und irgendwann muss ich auch mal aufhören, mich immer und immer wieder mit diesem Scheißerlebnis zu belasten.

Ich hoffe, es ist jetzt endlich mal gut …

069 // In der Höhle der Echse – myyzilla auf doccheck.de

Mit meiner Arztangst bin ich im letzten Jahr keinen Millimeter weiter gekommen. Im Gegenteil. Das Erlebnis mit Frau Dr. Jekyll-Hide steckt mir noch so tief in allen Ebenen des Daseins, dass ich mich noch weiter zurückgezogen habe aus den schönen Arztpraxen dieses Landes.

Das ist aber nicht richtig und bringt mir nur noch mehr Scherereien und Druck. Ohne Ende Druck. Verdammt nochmal. 🙁

Mein Psychotherapeut therapiert sich langsam ’nen Wolf und ich habe ihm gegenüber schon ein schlechtes Gewissen. Andere (kassenfinanzierte) Traumatherapieplätze sind nicht in Sicht.

Es muss etwas passieren.

Den Januar, den ich überwiegend im Bett liegend verbringen musste, habe ich also genutzt, um neue, professionellere Herangehensweisen auszutüfteln. Ich besann mich auf meine Ressourcen, Stärken und den nicht versiegenden Quell toller Ideen, die Fury und den anderen den Tag vertreiben.

Irgendwann stieß ich beim Durchsehen meiner Erinnerungen an ein besseres Leben, auf ein Ereignis, das mir nun als Vorbild dienen soll:

So hatte ich seiner Zeit eine fast 20 Jahre bestehende, wirklich heftige Frosch- und Echsen-Phobie selbst therapiert, indem ich mir detaillierte Informationen über die  Methoden der Phobie-Therapie der Christoph-Dornier-Klinik (an die ich eher zufällig über die Uni gelangt war) reinzog und mit Unterstützung eines netten Arbeitskollegen (Reptilienfan), schrittweise die Bewältigung dieses Angst-Themas angehen konnte.

Die Frosch-/Echsen-Sache hört sich lustig an, war sie aber nicht. Es steigerte sich über die Jahre so weit, dass ich in jedem sich bewegenden Grasbüschel – selbst an Straßenlaternen – mich mit Haut und Haaren fressende Frösche befürchtete. Krass – ich weiß. Aber es gibt echt ’ne Menge schräger Phobien (z.B. die Angst vor der Zahl 4 = Tetraphobie), insofern befinde ich mich in bester Gesellschaft mit vielen anderen armen Kreaturen und gehe damit heute selbstbewusst um.
Achtung Spoiler: Ich kann’s mir heute ja auch leisten – hab’s geschafft! Und zwar besser als ich mir das erhofft hatte, wie ihr später im Text sehen werdet.

Bevor ich mich heilen konnte, waren bereits Bilder von Fröschen und Eidechsen schon schlimm für mich. Videos gingen gar nicht. Die Biologie-Stunde, in dem dieser unsägliche „Froschschenkelversuch nach Galvani“ gezeigt wurde, den viele sicher noch aus der Schulzeit kennen, ist mir noch heute als mein persönliches Armageddon in Erinnerung.

Wie hab‘ ich es also geschafft?

Antwort: Durch meinen Willen, den Verstand siegen zu lassen und dem Körper schrittweise einen chilligeren Umgang mit dem gemeinen Lurch anzutrainieren.

Initialzündung für meine Heilung war dabei ein logischer Zusammenhang, den mein Reptilien-Kollege damals äußerte:

In einem Gespräch wollte er wissen, was genau an den Tieren mir denn so eine Angst macht. „Was denkst Du denn, machen die mit Dir?“, fragte er.
Da ich den Kollegen auch menschlich mochte, traute ich mich, ihm zu sagen, dass ich schlicht Angst hätte, dass die Scheißviecher mich anfallen und auffressen (ja, ich weiß – vollkommen irrational und wirsch. War aber so.).

Mein Kollege lachte mich nicht aus wie die meisten anderen, die davon hörten, sondern sagte ganz trocken: „Da brauchst Du keine Angst zu haben, Du entsprichst doch gar nicht deren Beuteschema.“

Ich so: „?!“
Er so: „Na, du hüpfst ja noch nicht mal.“
Ich wieder:“?“
Er:“Solange Du nicht aussiehst und dich bewegst, wie ein Insekt oder anderes Beutetier passiert Dir doch nichts.“

Eine bestechende Logik.

Ja, ihr lacht, aber das war die Grundlage dafür, dass ich mich ganz langsam über diese mentale Krücke („nicht hüpfen, dann passiert dir nichts“) mit den Tieren befassen konnte, ohne vor Angst fast in Ohnmacht zu fallen.

Es folgten Monate, in denen ich mich erst theoretisch mit den Fröschen und Echsen befasste (interessante Tiere sind das nämlich!). In einer nächsten Stufe schaute ich mir gemeinsam mit dem Kollegen Bilder seines (in einem frei im Wohnzimmer stehenden Fikus-Benjamini lebenden) Chamäleons (Name vergessen) und später seines Tokeh-Geckos „Lukas“ an.

Lukas war nicht ohne. Tokehs können beißen. Fies beißen. Sie schnappen zu und wollen dir das Fleisch rausreißen, indem sie ihren Kopf und schlimmstenfalls sich selbst um ihre eigene Achse drehen wie ein Krokodil (na, auch Angst? he he he ;-)). Aber selbst den konnte ich mir kurze Zeit später schon im Video angucken.

Den erfolgreichen Abschluss meiner Selbsttherapie feierte ich dann auf der griechischen Insel Kos. Mein damaliger Lebensgefährte und ich wohnten zu ebener Erde in einem Appartmenthotel. Die etwa 1000 Quadratmeter Schotter und Sand hinter dem Hotel, auf denen mittig eine alte große hölzerne Kabeltrommel lag, dienten mir als meine Therapiearena.

Der Hohlraum unter der Kabeltrommel war das Zuhause vieler kleiner Echsen. Mit dem Fernglas konnte ich das Treiben von der Terrasse aus beobachten. Urgs. Der Weg zum Strand führte in etwa 10 Meter Entfernung an der Trommel vorbei. Also musste ich all meinen Mut zusammennehmen, um zum Strand zu gelangen.

Ich war tatsächlich mutig genug. Mehr noch: Der Forscherdrang obsiegte!

So beobachtete ich die Tiere erst von weiter weg, dann ging ich langsam näher, bis die Angst auf Stufe 9/10 (am höchsten) war. Dort blieb ich stehen und wartete zitternd und weinend, bis sie runter ging (so macht man das in der Konfrontationstherapie). Dabei redete ich auf mich ein: „Jetzt nur nicht hüpfen, dann passiert dir nichts.“

Und was soll ich sagen: Ich bin nicht gehüpft – es ist mir nichts passiert.

Irgendwann war ich so nah dran, dass ich den kleinen grauen Echsen in die Augen schauen konnte und wenn sie nicht grade allzu plötzliche Bewegungen machten, konnte ich sogar mit einem Puls leicht unter 180 in ihrer Nähe sein. Am Ende des Urlaubs saß (!) ich unter meinem großen Hut stundenlang auf dem Schotterplatz und redete mit der Kabeltrommel – so sah das zumindest für die anderen Hotelgäste aus, vermute ich – aber das fiel mir erst später auf. 🙂

Viel wichtiger ist: Ich habe meine Angst dort besiegt und konnte am letzten Tag des Urlaubs sogar einen Ausflug zum Asklepieion, der antiken Heilstätte des Hippokrates, der auf der Insel geboren war, genießen. Auf den alten aufgeheizten Gemäuern wimmelt es natürlich nur so von Echsen. Aber auch die größeren konnte ich aushalten.

Ein neues Leben begann.

Mein Wissen und mein Interesse an den Tieren führte nun dazu, dass ich kurze Zeit später selber Gecko-Mutti wurde und eine etwas pummelige Phelsume namens „Dicke“ und einen Marmorgecko namens „Charlie“ (weil er aus Vietnam stammte :-)) im selbst gebauten Regenwald-Terrarium beherbergte.

Was für ein Happy End, hm? 🙂

So soll es jetzt auch mit den Ärzten klappen.

Eine Phobie muss nicht unbedingt durch ein Trauma entstanden sein, aber die Mechanismen sind doch recht ähnlich (rede ich mir ein). Ersetze also „Echse und Frosch“ durch „Arzt“ und schon sollte es doch gelingen, die Angst vor ihnen irgendwie in den Griff zu kriegen.

Ich muss mich nur gründlich über Ärzte informieren, ihren Lebensraum studieren, ihre Bedürfnisse und ihr Verhalten kennenlernen, Kontakt aufnehmen, halten und irgendwann müsste ich ja dann auch mit den gefährlichen unter ihnen klarkommen – so mein Plan.

Was noch fehlt ist die mentale Krücke („nicht hüpfen, damit ich nicht ins Beuteschema passe“). Hier bin ich dankbar für alle Vorschläge. 😉

Bisher habe ich einige Informationen gesammelt, mir Studieninhalte, Gehaltsstatistiken und Juristisches angesehen. Nun will ich also einen Schritt weiter gehen: Ich nähere mich an. Setze mich sozusagen neben die Kabeltrommel des medizinischen Fachpersonals und nehme Sichtkontakt auf.

Da ich mit meinem Studium durchaus einschlägig qualifiziert bin und mittlerweile einige Gesundheitsthemen und medizinische Sachverhalte als freier Autor vertextet habe, gewährte man mir Zugriff auf das wirklich interessante Portal doccheck.de.

Dort habe ich mir ein Profil eingerichtet, das von den Mitgliedern der Plattform angesehen werden kann – einen Hinweis auf meine Seite habe ich natürlich auch eingestellt.

Jetzt sitze ich da und warte bis die Angst nachlässt …

… in der Zwischenzeit: bloß nicht hüpfen … :-/

 


Bild: pixabay

068 // Chronische Migräne für Dummies

Dass Migräne einfach nicht lustig ist, merkt man schon allein daran, dass es auf Witzeseiten kaum Witze über sie gibt – schon gar keine guten.

Uralt-Weisheiten wie:
„Wenn die Frau Migräne plagt, hüpft der Bauer gern zur Magd“, hilft dem Zwerchfell auch nicht nachhaltig auf die Sprünge.

Deshalb jetzt der ultimative Migräne-Witz:
——

Wie nennt man einen Neurologen, der das klinische Bild einer chronischen Migräne nicht kennt?

Gutachter!!! 😂
——

Der Brüller, oder? 😉🤣 huuuuuu …

… wenn‘s nicht so traurig wäre.

Der Chefarzt der Neurologie einer nicht ganz kleinen Klinik im Ruhrgebiet (seines Zeichens Gutachter in meiner Schwerbehindertenangelegenheit) führt in seinem Gutachten über mich aus:

„Sie führt einen Kopfschmerzkalender, wobei dieser wertlos ist, da sie jeden Tag angekreuzt hat. Sie hat dabei unterschieden zwischen den Basilaris-Migräne-Anfällen, die sehr selten sind und der normalen Migräne, die schon im Abstand von wenigen Tagen auftritt, zusätzlich füllt sie die restlichen Kreuzchen mit der Angabe eines ständigen Spannungskopfschmerzes, sodass dieser mit Plausibilität immer, auch bei der jetzigen Untersuchung, vorliegen müsste, wobei sie aber nicht beeinträchtigt erscheint.“

Was soll man dazu sagen?

Ich versuch‘s mal hiermit:

Ein Schmerztagebuch, das jeden Tag Eintragungen enthält, ist weder wertlos noch unplausibel. Es dokumentiert schlicht und ergreifend den Alltag von bis zu 1,2 Millionen Menschen in Deutschland, die an und unter chronischer Migräne leiden, …

„DU VOLLHONK!!!“, möchte Etwas in mir ergänzen, aber ich bleibe natürlich (vordergründig) sachlich und verweise jetzt auf die fachmedizinischen Fakten:

(Das Folgende eignet sich übrigens gut zum Ausdrucken, mit in die nächste Arztpraxis schleppen, dem Gutachter zusenden, Weiterleiten, Teilen, speichern … feel free …)

Chronische Migräne

In einer Expertenempfehlung der Deutschen Migräne- und Kopfschmerzgesellschaft/ Deutsche Gesellschaft für Neurologie sowie der Österreichischen Kopfschmerzgesellschaft/Schweizerischen Kopfwehgesellschaft zur „Therapie und Versorgung bei chronischer Migräne“ findet man folgende Informationen:

„Der Übergang einer episodischen Migräne in eine chronische Verlaufsform wurde erstmals Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts, damals noch unter dem Namen ‚transformed migraine‘ (transformierte Migräne) von amerikanischen [Ärzten] beschrieben. Ausgangspunkt war die Beobachtung, dass einige Patienten mit einer eindeutigen zu Beginn episodischen Migräne über Jahre eine zunehmende Attackenfrequenz erleben, die schließlich in einen täglichen Kopfschmerz übergehen kann. Dabei kommt es auch zu einem Wandel der Kopfschmerzsymptome. Im Vordergrund steht dann ein täglicher holozephaler, drückender Kopfschmerz ohne oder mit nur gering ausgeprägter begleitender vegetativer Symptomatik. Dieser Kopfschmerz wird zusätzlich unregelmäßig von Attacken überlagert, die die Kriterien für Schmerzen und Begleitsymptome einer Migräne ohne Aura erfüllen. […] Die Internationale Kopfschmerzgesellschaft (IHS) nahm mit der 2. Auflage der Internationalen Kopfschmerzklassifikation ICHD-II (2004) den Begriff der chronischen Migräne erstmals auf. Die ICHD-II führte im Jahr 2004 die Diagnose der chronischen Migräne erstmals im Kapitel „Migränekomplikationen“ auf. […]

Klinisch berichten Patienten mit einer chronischen Migräne über eine längere mittlere Attackendauer, eine höhere Schmerzintensität und sie sind im Durchschnitt durch den Kopfschmerz auch mehr belastet als Patienten mit einer episodischen Migräne.
[…]
Patienten mit einer chronischen Migräne haben einen signifikant höheren Grad der Einschränkung, häufiger psychiatrische Erkrankungen und daraus resultierend häufiger Kontakte mit Ärzten, Notaufnahmen und diagnostischen Maßnahmen […]

(Quelle: Fachartikel aus „Der Nervenarzt – 12/2012 http://www.dmkg.de/files/dmkg.de/Empfehlungen/Empfehlung_Therapie_und_Versorgung_bei_chronischer_Migraene.pdf)

0,2% -1,5% d. Gesamtbevölkerung
(das sind 160.000 – 1,2 Millionen Menschen in Deutschland) sind an chronischer Migräne erkrankt. (Quelle: Deutsche Migräne und Kopfschmerzgesellschaft – DMKG)

Kopfschmerz vs. Migräne

Zum Thema: „Sie scheint unbeeinträchtigt“ zeige ich im folgenden Bild einmal den Unterschied zwischen „Kopfschmerzen“ und „Migräne“:

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Wenn „normale“ Menschen das nicht wissen und ihnen der Spruch „Du siehst ja garnicht krank aus“ rausrutscht: geschenkt.

Wenn aber nicht mal Fachärzte in ihrer Eigenschaft als Gutachter (also mit großer Verantwortung für rechtlich korrekte Behandlung von kranken Menschen) aktuelles Grundlagenwissen in ihrem Fachgebiet haben, dann gute Nacht Marie!

Sowas macht mich einfach stinksauer, weil es entweder dumm oder dreist oder beides ist.

In jedem Fall macht es mir die Aktion „Arztbesuch“ noch schwerer und das ist ungefähr das Letzte, was ich brauche ..

 

 

 

 

 

067// 10 Gründe, warum es mir scheißegal ist, dass ich (wahrscheinlich) nie ein (followertechnisch) erfolgreiches Blog haben werden

1. Ich mag mein Blog und ich mag die meisten meiner Texte.
2. Ich seh’ nach nix aus. Stimmt, aber: „Ey, Alter guck dich doch ma’ an!“ 😉 – will meinen: So sieht eine multimorbide Ü40er-Else nunmal aus.
3. Mit meinen 30 wordpress-Blogger-Kollegen, die mir folgen und den E-Mail-Followern (Überschneidungen möglich) sind es etwa 60 Personen, die ich mit meinen Texten erreiche. 60!!! Für mich persönlich eine ungeheure Zahl!!! Das ist eine Steigerung von 2000% von Monat 1 mit 3 Personen zu Monat 9. Noch Fragen? 😉
4. My Blog is‘ my castle. Hier bin ich der Chef. Das ist eine schöne, neue Erfahrung. Hier kann ich einfach machen, was ich will und verantworte die Konsequenzen alleine. Streiche aber auch das eintrudelnde Lob alleine ein … Das war in der Vergangenheit selten der Fall und somit dringend Zeit, das sehr grundlegend zu ändern.
5. Irgendwann veröffentliche ich ein Buch (*träum*). Dann wird dieser virtuelle Ort ein Ort der Begegnung und romantisch verklärten Wehmut sein. Ein Ort, an dem ich einfach jederzeit Worte und Buchstaben ändern kann, wie es mir beliebt. Ein schöner Ort für Ergänzungen, Erläuterungen und aktuelle Entwicklungen …
6. Mir ist das wurscht, was die meisten sagen, mir kommt‘s nur auf einige wenige Menschen an, und ob die hier alle mitlesen … ?
7. Wo steht, dass man ein followertechnisch erfolgreiches Blog haben muss, um glücklich zu sein? Die meisten Menschen auf der Welt haben nicht mal eins!
8. Datenschutz? Schräge Blicke? Anfeindungen? Andere Schreiberlinge haben auch Familien und schreiben „schlimme Sachen“, die den Otto-Normal-Leser verstören.
9. Die Sachen, die ich erlebe, sind es einfach wert, festgehalten zu werden. Ob aus Amüsemeng-Gründen oder der Empörung wegen: Alles ist Leben und allein deshalb will ich, dass mein Leben auch Spuren hinterlässt, wo ich nicht selbst zugegen war.
10. Wer sagt, dass ich künftig keine Kochrezepte, Schminktipps, Workouts, Sexbeichten oder Verschwörungstheorien veröffentliche? 😉

 

Erwarte nix, rechne mit allem …

 

066 // 10 Gründe, warum ich (wahrscheinlich) nie ein (followertechnisch) erfolgreiches Blog haben werde

In den letzten Monaten habe ich viel gelernt. Über mich, über verschiedene Weltanschauungen, über Menschen, über Systeme, über Medien und über das Bloggen.

Warum ich jetzt der Meinung bin, dass ich (wahrscheinlich) nie ein (followertechnisch) erfolgreiches Blog haben werde:

1. Ich folge meinerseits nur Blogs, die mich wirklich interessieren. Ich folge nicht Hinz und Kunz, damit sie mir auch folgen. Das wird auch so bleiben.
2. Ich bin nicht gut im Selfmarketing.
3. Ich bin 44 und seh‘ nach nix aus.
4. Hier gibt‘s keine Kochrezepte, Schminktipps, Workouts, Sexbeichten oder Verschwörungstheorien.
5. Meine Texte schreibe ich in erster Linie für mich und freue mich, wenn sie jemandem gefallen, helfen oder ihn zumindest kurz unterhalten.
6. Ich habe nicht viele Freunde (real und virtuell), die als Multiplikatoren mein Blog hypen könnten.
7. Ich bin zu krank, um alles, über das ich gerne schreiben würde, umsetzen zu können. Die meiste beschwerdearme Zeit muss ich dem „Siechtumsmanagement“ widmen (Arzttermine ergattern, wahrnehmen oder hinauszögern, Therapietermime ergattern, wahrnehmen oder nachholen, Physio-Rezepte jagen, Korrespondenz mit Sozialgericht, Rentenamt, Krankenkasse usw.)
8. Es dauert alles 20 Mal länger als bei Gesunden.
9. Einige meiner inneren Anteile machen sich Sorgen. Zum Beispiel um den Datenschutz, meine Zukunft, die Familie und und und … *haarerauf*, so dass ich nicht alles aufschreibe, was ich aufschreiben könnte, obwohl es gut wäre … grrrr
10. Ich mache mir zu viele Gedanken … zum Beispiel darüber, warum ich (wahrscheinlich) nie ein (followertechnisch) erfolgreiches Blog haben werde … 😀

 

Warum ich trotzdem weitermache?
Erzähl‘ ich das nächste Mal … 😉

 

 

 

 

065 // Ungesunde Beziehungen – Was man nicht verwechseln sollte …

Viele kennen das: Sie geraten immer an die Falschen. Warum ist das so? Was treibt uns dazu, uns immer und immer wieder auf schädliche Beziehungen einzulassen? Was ist da los, wenn Menschen entscheiden, sich demütigen, ausnutzen und vielleicht sogar verprügeln zu lassen? Bei vielen dieser Menschen weisen die Partner (für andere) ganz offensichtlich ähnliche Charakterzüge wie die Eltern bzw. Bezugspersonen der Kindheit auf.

Es ist heute bekannt, dass „Beziehungsopfer“ meist schon aus gestörten Familiensystemen kommen. Es ist also kein Zufall, dass sich Töchter narzisstischer Mütter später einen narzisstisch veranlagten Partner suchen und diese Beziehung oft bis zum eigenen Untergang aufrecht erhalten.

Aus eigener Erfahrung weiß ich, dass es nichts bringt, wenn man auf diese Menschen einredet und ihnen klarmachen will, dass sie in einer für sie ungesunden oder gefährlichen Partnerschaft leben. Viele nehmen die Partner in Schutz – aus Scham oder Schuldgefühl. „Alles nicht so schlimm“, sagen sie und die eigenen Gefühle, die „Liebe“, ist doch sooooo groß. Oder sie denken: „Ich muss mich einfach noch mehr anstrengen“.

Das ist ein Irrtum!

Der erste Schritt, aus einer ungesunden Beziehung heraus, ist einzusehen, dass wir einen fundamentalen Fehler in unseren Grundannahmen machen:
Das große Gefühl in uns ist nicht Liebe!

Wir müssen begreifen, dass das, was wir als „Liebe“ empfinden, in Wirklichkeit nur die Sehnsucht danach ist.

Es ist bizarr: Je schlimmer und schädlicher die Beziehung, desto größer wird die Sehnsucht danach, dass (wieder) alles gut wird, desto mehr glauben wir zu lieben, was uns in Wirklichkeit kaputt macht.

Die Sehnsucht wird so stark, dass wir dafür leiden bis zur Unkenntlichkeit …. Das ist grundverkehrt und extrem ungesund!

Jeder, der in einer unglücklichen Beziehung lebt und „aus Liebe“ dort verharrt, sollte sich fragen: Welches Gefühl ist das wirklich, das ich da in mir spüre?

Gefühle wahrzunehmen als das, was sie sind, kann aber gerade für traumatisierte Menschen ein echtes Problem sein. Ein Teufelskreis mit höchstem Retraumatisierungspotenzial!

Mein Weg da raus war lang und steinig, aber ich hab‘ ihn geschafft!
Zwar ist es auch heute noch schwierig für mich, Gefühle als die, die sie sind, wahrzunehmen und darauf entsprechend zu reagieren, aber wenigstens habe ich es erkannt und es ist mir heute bewusst. So kann ich mit und an mir arbeiten, um das Glück, das ich heute habe, schätzen und schützen zu können.

Ganz langsam lerne ich, dass es immer einen Weg gibt:
Den, den wir gemeinsam mit den Menschen gehen, die uns wirklich lieben.

Dann wird die quälende Sehnsucht kleiner und der Weg frei für die wahre Liebe und eine gesunde Beziehung!

064// Die Taubenklinik

Auf dem Weg zur Physiotherapeutin meines Vertrauens verfahre ich mich. Verfahren finde ich prinzipiell nicht schlimm – so lernt man die Welt kennen und irgendwann komme ich im Ruhrgebiet immer irgendwo an, wo ich mich auskenne. An der nächsten Kreuzung gibt es allerdings etwas, das mich völlig verwirrt: Ein großes weißes Schild zeigt nach links:  <– Taubenklinik, steht da.

Zuviel für mein komisches Gehirn.

Ich stelle mir abwechselnd graue zerfledderte Vögel mit verbundenen Köpfen und Gehhilfen unter den Flügeln und wild um Hilfe gestikulierende, gehörlose kranke Menschen vor. Wie Vexierbilder morhphen die beiden Varianten sich die nächsten zwei Stunden durch meinen Kopf.

W T F ???

Bis ich Dr. Google fragen kann, gibt es erstmal keine Lösung. Ich traue mich auch nicht, meine Physiotherapeutin danach zu fragen. Sie stammt aus der Ukraine, spricht zwar gut Deutsch, aber ich will nicht, dass sie meint, ich wolle sie verarschen.

Weil ich beide Möglichkeiten völlig bizarr finde und denke, dass ich es mal wieder bin, die einfach den Witz nich‘ rafft, schweige ich.

Zu hause schaue ich nach. Wie unglaublich krass: Wir haben tatsächlich eine Klinik für Columbidae (lat. Tauben) in der Nachbarstadt.

Ich lerne, dass sie die einzige ihrer Art in Deutschland ist.  Der Betreiber spricht gar von der ganzen Welt. Beeindruckend.

Vor allem Brieftaubenbesitzer wissen das Angebot des Verbands Deutscher Brieftaubenzüchter offenbar zu schätzen. Ich recherchiere weiter und komme aus dem Staunen nicht mehr raus:

In der Klinik betreibt man allerhand Aufwand, für des Federviehs Wohl. Röntgen, Ultraschall, Endoskopie … Tauben können sogar Chlamydien bekommen! Ich will nicht wissen, wie die da rein kommen … aaahrg Kopfkino … Hilfe! Jedenfalls nimmt man auch Abstriche.

Auf der Klinik-Shop (!) Seite lese ich, dass Tauben, nach ihrer stationären Behandlung in einer Spezialversandbox wieder zurück zu Herrchen (seltener wohl Frauchen) geschickt werden.

Ich bin platt. Ein Teil von mir macht sich sogleich lustig über mich. „Taube“ als Synonym für „Gehörlose“ und dann noch auf ’nem Straßenschild, ts, was für eine wirre Idee. Das geht doch schon wegen political correctness nicht. Hätte man auch drauf kommen können, blöde Liese …

Aber eine Klinik für ansonsten als Flugratten verschrieene Vögel – jahahaaa, das passt. Das passt zu unserem System: Die zig Tausenden grau-bunten Vögel in unseren Innenstädten jagen wir mit gebrochenen Füßen und halbgerupftem Gefieder hinfort, auf dass sie selber sehen, wie sie klarkommen. Spicken unsere Fensterbänke mit Drähten und Zacken, damit kein hinterhältiger Taubenvogel vor unseren frisch geputzten Fenstern seine Notdurft verrichtet. Wir haben sie nicht eingeladen, diese widerlichen Schmarotzer, die den kleinen süßen Spatzen ihre Krumen klauen! Wer sich so benimmt, hat’s nich besser verdient. Fangt gefälligst an, euch nützlich zu machen! Trollt euch! Fliegt! Tragt Briefe aus, wie die anderen! Ernährt euch gesund! Dann kommt ihr eines Tages vielleicht auch in unsere hübsche Klinik und wir befreien euch von den Folgen eures liederlichen Lebenswandels …

Ja, DAS ist mein Land, so läuft das hier … ;-D

 

——

Die WAZ berichtet:

https://www.derwesten.de/staedte/essen/taubenklinik-in-essen-aerzte-versorgen-gefluegelte-patienten-id10926641.html

 

(Grafik: pixabay.de)

063// Arzt mit Eiern

Ja, ich weiß, man könnte meinen, an Ärzten lasse ich generell kein gutes Haar. Das stimmt aber so nicht. Mittlerweile habe ich es ja geschafft, in einzelnen Fachgebieten Problem-Bär-kompatible Exemplare ihrer Zunft zu finden.

War aber nicht so einfach und selbst bei ihnen fällt es mir manchmal schwer, mich „normal“ zu verhalten und nicht in Starre oder Panik zu verfallen, weil ich nur schnell wieder weg will.

Ein Arzt ist mir aber in besonderer Erinnerung geblieben. Er fiel nicht durch fachliche Kompetenz auf, aber durch Menschlichkeit und etwas, das es nicht nur bei Frauen selten gibt: Eier.

Vor etwa zwei Jahren traf ich ihn:

Nach meinem Ausflug auf die Stroke Unit und der Diagnose „Basilarismigräne“ bin ich auf der Suche nach einem Neurologen, der mich (wie vom Krankenhausarzt dringend angeraten) weiterbehandelt. Die Krankenkasse schlägt als Migräne-Spezialisten in meiner Nähe den Neurologen/Psychiater Dr. B. vor – er arbeite mit der Schmerzklinik in Kiel zusammen, sagt die Tabelle, die man mir ausgedruckt und zugesandt hatte. Ich rufe an, vereinbare einen Termin und warte nur drei Monate – das ging also vergleichsweise schnell für einen Neurologen.

Kurz vor Weihnachten fährt mich mein Schwiegervater die 30 Kilometer in die Nachbarstadt. Den Stadtteil kenne ich – habe selbst dort einige Jahre gewohnt. Hatte mich deshalb schon gewundert, dass in dieser eher mäßig mondänen Gegend eine spezialisierte Migränepraxis sein sollte.

Vor Ort geht die Verwunderung nahtlos in Erstaunen über. Eine neurologische Praxis habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Nach dem, was ich an Designer-Mobiliar und Kunstsachverstand in der Krankenkassen-Programm-Praxis in E. erlebt hatte, dachte ich ja, Migräne-Spezialist müsste man sein. Passiv natürlich 😉

Die Praxis von Dr. B. folgt einer anderen Stilrichtung: Vintage, würd‘ ich sagen.

Sie befindet sich in einer Altbauwohnung im ersten Stock. Der Eingang für die Nervenpatienten liegt neben einem Billig-Bäcker, was den ansonsten etwas muffigen Geruch des Treppenhauses durch den wohlig, versöhnlichen Duft frischen Backwerks, der uns nun kurz anhaftet, notdürftig zu überdecken vermag.

Auch mein Schwiegervater schaut zweifelnd, aber schweigt, als wir durch die Wohnungstür in die Praxis gehen. Die Inneneinrichtung hat schon bessere Zeiten gesehen, aber alle Anwesenden scheinen entspannt und freundlich. Ja, dann … Vorurteilsfrei und nervös wie immer nehme ich im Wartezimmer Platz.

Hier hängen etwa 20 DIN A4-Zettel mit diversen interessanten und weniger interessanten, aber ablauforganisatorisch und verhaltenstechnisch wichtigen Informationen für Patienten an Türen und Wänden. Stabile Stühle sind in ausreichender Menge und komplett montiert vorhanden. Fußleisten nicht.
Der alte braune Filzteppich nutzt die Lücke und lukt frech hinter den Stuhlbeinen empor.

Ich rechne kurz aus, wie viel die fehlenden und kaputten Meter Leiste und die paar Nägel wohl kosten, und überlege, ob wir nicht schnell in den nahegelegenen Baumarkt fahren sollen, das wär‘ kein Thema, so als Zeichen meiner Dankbarkeit, dass sich jemand meiner annimmt.

Ich verwerfe den Gedanken. Das wäre unangemessenes Verhalten. NOCH hab‘ ich ja nix zu danken. Stattdessen ziehe ich also vorerst nur die Augenbrauen in Richtung Schwiegervater hoch. Er erwidert die Augenbrauen-Sache.

Es sind nur drei Patienten vor mir. Ich bin die letzte heute. Um ca. 17:30 Uhr darf ich zum Doc rein. Ziemlich fertig, aber heilfroh, dass ich nun endlich Hilfe bekommen soll, wundere ich mich noch kurz, dass es weder Gardinen noch Vorhänge gibt und frage mich, ob die türkische Familie gegenüber uns Verrückten wohl oft zuschaut, wie wir dem Doktor unser Leid klagen. Ich an ihrer Stelle würd’s machen. Aus lauter Neugier würde ich ein Richtmikrofon installieren oder vom Mund ablesen lernen. Bestimmt besser als Fernsehen.

Der Doktor kommt rein. Er hat keinen Kittel an. Schon mal gut für mich.

Er ist groß, sportlich, etwa in meinem Alter und sieht freundlich aus. Als er grade etwas sagen will, klingelt sein Handy. Seine Frau möchte Familienorganisatorisches besprechen, weil sie heute Abend in ein Konzert gehen. Er macht es kurz und entschuldigt sich das erste Mal bei mir.

Mir macht das nichts, bin sowieso total fertig mit den Nerven.

Ich solle mal erzählen, was mich zu ihm führt.

Ich erzähle so flüssig wie es geht, dass ich diese Basilarissache habe, vor drei Monaten damit im Krankenhaus war, mich das ziemlich fertig macht alles und ich jemanden suche, der sich damit auskennt und mir hilft.

„Und da kommen Sie zu mir?!“, fragt der Arzt mich völlig entgeistert.
„Äh, ja, die Krankenkasse hat Sie mir als Ansprechpartner genannt.“
„Wie kommen die denn darauf?!“ – er wirkt verwirrt.

Ich auch.

„Ja, Sie stehen doch auch in der Online-Suche der Schmerzklinik Kiel als Kooperationspartner und Schmerzspezialist.“
„WAS?!“

Ich zeige ihm den Ausdruck und werde zeitgleich noch blasser, als ich so schon bin.

„Ich war in einem Rückenschmerzprogramm bei Frau Dr. X., aber da kann ich nicht mehr hin. Zu weit und schlimme Erfahrungen.“
„Aber das ist doch DIE Koryphäe!“
„Mir gegenüber war sie anders und das mit der Basilarisdiagnose kommt auch nicht von ihr. Außerdem ist die Praxis für mich zu weit entfernt. Wie gesagt, die Krankenkasse hat mir Sie als nächstgelegenen genannt“, plappere ich los, auf dass mein Dasein möglichst gerechtfertigt klinge.

„Aber, das gibt’s doch nicht. Ich bin doch nur ein Wald- und Wiesen-Arzt … Und da schicken die mir solche Hardcore-Fälle?!“

Ich gucke ihn mit großen Augen an. Er hat tatsächlich Hardcore-Fall zu mir gesagt. Hardcore-Fall ist nicht das, was ich erwartet hätte, aber es passt zu dem, wie ich mich selbst oft empfinde. Also bin ich nicht beleidigt.

Er entschuldigt sich zum zweiten Mal.

„Ähm, ja ich weiß, das ist recht selten, aber ich weiß einfach gar nicht, was ich machen soll mit der Diagnose und dem ganzen Rest. Können Sie mir nicht irgendwie helfen?“, frage ich.

Dann kullern die ersten Tränen – also bei mir :-D.

„Oh, Mann“, sagt er, „es ist kurz vor Weihnachten, alles total stressig hier, ich bin auch ziemlich am Ende und ehrlich gesagt: Sie überfordern mich grade.“

Wow. Das wollte ich nicht. Nicht, dass der jetzt auch noch anfängt zu heulen … Jetzt hab‘ ich Mitleid mit ihm und verspüre den Impuls, ihn mütterlich fürsorglich in den Arm zu nehmen und zu sagen: ‚Wird schon wieder. Gehen Sie mal mit Ihrer Frau schön ins Konzert und schlafen Sie sich mal ordentlich aus, dann sieht die Welt schon wieder anders aus.‘

Aber Moment, ICH bin doch der Patient!

Ich weine doller. Dafür entschuldige ich mich jetzt.

„Nein, nein. Ich verstehe Sie ja, Sie haben sich was ganz anderes von diesem Termin versprochen.“
„Ja, schon, aber ich hab‘ doch jetzt sonst niemanden, der helfen kann, ich weiß doch garnicht, was ich machen soll.“
„Ja, wenn Sie meinen, ich kann Ihnen helfen, dann muss ich mich erst mal schlau machen.“

Ich nicke wieder. Er tippt im PC rum.
„Welche Triptane nehmen Sie denn?“
Triptane sind kontraindiziert bei Basilarismigräne. Äh, hat man mir gesagt.“ (Ich wollte nicht so klugscheißerisch rüberkommen.)
„Oh.“
Er tippt nochmal was.
„Haben Sie es schon mit Prophylaxe versucht?“
„Ja, Betablocker – vertrage ich nicht und bringt nix.“

Er tippt.
„Amitryptillin könnten Sie nehmen.“

Der hat doch jetzt nicht gegoogelt?!?
„Nein. Nicht bei Basilarismigräne“, wende ich leise ein.

Ich bin am Ende.

„Oh, ja, also dann kann ich Ihnen nur anbieten, dass ich mich mit Ihren Unterlagen beschäftige und Ihnen dann ggf. ein Rezept zuschicke. Dann müssen Sie nicht wieder so weit fahren“, versucht er die Situation zu retten.

„Ich fahre nicht selber. Mein Schwiegervater hat mich gebracht“, sage ich.
„Oh“, sagt er. „Und wir machen einen neuen Termin. Im Februar habe ich was.“
„Ok, dann Danke.“
Ich stehe auf und gehe zur Tür. Ich bedanke mich ja IMMER. Egal für was. Notfalls auch für nichts – dabei weine ich immer noch.

Wie ferngesteuert gehe ich ins Wartezimmer zurück, hake mich bei meinem Schwiegervater unter und gehe mit ihm raus. Versuche, mich zusammenzureißen. Als wir in die Seitenstraße abbiegen, in der unser Auto steht, heul‘ ich richtig los.

Wir gehen ein paar Schritte. Ganz langsam wird es besser. Irgendwann sitzen wir im Auto und ich sage: „Ich hab‘ meinen Psychiater geschafft. Muss mir erst mal einer nachmachen.“
Fast schon lustig. Aber eben nur fast.
Zuhause angekommen rufe ich meinen Mann im Büro an und erzähle ihm von meinem Erlebnis. Er lacht. Und entschuldigt sich sofort dafür. Aber, so what? Is‘ ja auch zum Piepen eigentlich.

Kurz nachdem unser Gespräch beendet ist, klingelt das Telefon: Dr. B.!

Er möchte sich noch mal entschuldigen dafür, wie das Gespräch grade gelaufen sei. Das sei nicht sehr professionell gewesen, wie er sich verhalten hätte. Täte ihm leid, er könne verstehen, wenn ich jetzt sauer wäre. Ich sage ihm, dass ich nicht sauer bin, nur traurig. Kann er ja nichts für. Wird schon wieder.

Krass. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Ein Arzt mit Eiern …

062// Traumatisiertenbenamsung

Neben vielen anderen Dingen mache ich mir häufig Gedanken über Wörter. Zum Beispiel über das richtige Wort für Traumatisierte. Ich mag es so nicht, weil es so verdammt nah an Stigmatisierte ist.

Leider stimmt das auch irgendwie, deshalb denke ich schon länger über eine charmantere Begrifflichkeit nach, aber alles hört sich irgendwie doof an und wird der Sache nicht gerecht:

  • Traumathen (wie Psychopathen)
  • Traumatiker (so werden schon die mit Schädel-Hirn-Trauma genannt)
  • Traumantiker (zu schön)
  • Traumat (öhm …)
  • Traumanen (zu esoterisch)
  • Traumanten (männlich) oder Traumanzen (weibliche) ( :-D)
  • Traumansen (zu tuckig)
  • Traumatisten (zu selbstwirksam)
  • Traumanden (zu anwärterhaft zielgerichtet)
  • PTBSler (hört sich ein bisschen nach abseitigen Sexualpraktiken an, oder?)
  • Träumerle (Favorit – :-D)

Jemand Ideen? Vorschläge? Besserwissen?

Ok, die sachdienlichste Benamsung* traumatisierter Menschen wäre als Abgrenzung zu den Traumatikern (Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma) vielleicht am ehesten Psychotraumatiker und die Unterteilung in Entwicklungstraumatiker oder Schocktraumatiker. Wahrscheilich gibt’s das auch schon, aber schön hört sich das auch nicht an. Na gut, dann passt es wenigstens, denn schön is‘ anders … :-/

 

 

*Ich weiß, dass es besser Benennung heißen sollte, aber Benamsung finde ich dynamischer und einfach süß. Übrigens wird der ehemals als scherzhafte Bezeichnung für Benennung benutzte Begriff mittlerweile auch in ernsthaften Publikationen verwendet und hat sogar den Sprung in Nachschlagewerke wie openthesaurus geschafft…

Schöne verrückte Welt. 🙂

By the Way: Ich mag besonders das Wort: Klofußumpuschelung … <3 … und Max Goldt 😘

060// Omma, Schalke und eine merkwürdige Art der Fortbewegung …

Obwohl sie schon so lange tot ist, hab‘ ich meine Omma stets im Ohr: „Heul‘ ruhig, dann muss du nich‘ mehr soviel pinkeln“, riet sie des öfteren in Krisensituationen. Diesen Rat befolge ich heute sehr gewissenhaft und bilde mir ein, dass der Harndrang nach Heulkrämpfen tatsächlich deutlich weniger ausgeprägt ist 😉

Ich habe viel von und durch meine Omma (und ihre Fehler!) gelernt.

Omma wusste Bescheid – zumindest hat sie das alle glauben lassen.
Sie schimpfte, wenn ihr danach war. Sie sortierte Menschen aus, die ihr nicht gut taten. So schmiss sie den ersten Verehrer nach Oppas Tod achtkantig aus der Wohnung, nachdem dieser eine – in ihren Augen – anzügliche Bemerkung machte. „Der Saurühr!“, schimpfte sie,
„Dem werd‘ ich helfen!“

Sie war ungebildet, aber clever, dominant, aber liebevoll, pragmatisch, aber idealistisch.
Vor allem aber war sie stur, dickköpfig und furchtlos.
Sie trank gerne Bier und Schnaps, kochte hervorragend frische Eintöpfe und kaufte sich von Schuhen, die ihr gut passten, immer gleich 2-3 Paar. Laufen war wichtig, denn Omma und Oppa hatten kein Auto. Es wurde alles zu Fuß mit der Einkaufskarre erledigt.
Etliche Kilometer kamen so zusammen, wenn wir in die Innenstadt marschierten, um unserer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: „Leute gucken“. Das kostete nichts und machte Spaß!

Über ihre Krankheiten schwieg Omma, oder machte sich darüber lustig.
Die blau-weißen Kniegelenks-Stützen, die man ihr nach mehreren Stürzen für ihre Arthrose-Knie verpasst hatte, kommentierte sie mit: „Ich hab‘ Schalke“ und lachte sich schlapp dabei.
Tabletten, die der Arzt ihr verschrieb, landeten direkt im Müll.
„Kann er alleine fressen!“, spottete sie.

Für so viel Ignoranz gab‘ es später die Quittung in Form eines kapitalen Schlaganfalls, von dem sie sich nicht mehr erholen sollte.

Lerneffekt für mich: Medikamentenverweigerung nur nach eingehender Informationsbeschaffung über die vorliegende Erkrankung und Rücksprache mit vertrauenswürdigem Fachpersonal!

Bei Schutzbefohlenen (wie Kindern und Ehemännern ;-)) gilt es, doppelt und dreifach aufzupassen und nicht blind auf jeden inneren Impuls zu hören. Wenigstens darauf hatte auch Omma geachtet:
Bei meinem Oppa, der – wie ich erst als Erwachsene erfuhr – an Epilepsie litt, sorgte sie penibel dafür, dass er pünktlich seine Pillen nahm. Ok, ein langes Leben haben die ihm nicht beschert – er starb mit 63 an mehreren Herzinfarkten. Lerneffekt: Rauchen kann tödlich sein.

Omma warf sich lediglich einen Löffel brauner Kügelchen aus einer Art Kakaodose ein. Agiolax – Ein Abführmittel. Sehr beliebt bei älteren Damen und Essgestörten, wie ich später von einem Apotheker erfahre.
„Omma kann‘ nich‘ auf Klo“, erklärte sie immer, bevor die Kügelchen in einem Happs in ihrem Mund verschwanden. (In diesem fehlten ein paar Zähne, weil sie keinen Zahnarzt an sich ranließ. Ihr Vater hatte schließlich auch mit dem blanken Kiefer Nüsse geknackt, wie sie oft erzählte. Er war ein nicht besonders attraktiver, armer, kleingewachsener, aber immer fröhlicher, äußerst potenter Mann mit Segelohren, der keine Zähne brauchte, um 17 Kinder zu zeugen. 😀 )

Bis ins hohe Jugendalter stellte ich mir vor, wie Omma nich‘ auf Klo kann. Wie sie es immer wieder versuchte, sich auf die Klobrille zu setzen, um im letzten Moment von einer unsichtbaren Macht gedrängt seitlich oder nach vorn abzurutschen. Oder, wie sie sich nicht weit genug in Richtung Keramik runterlassen konnte, um sich gemütlich sitzend zu erleichtern.

Wegen „Schalke“, vermutete ich lange. 😀

Man hatte es in meiner Familie nicht so mit bedarfsorientiertem Lernen und pädagogisch wertvollen Erklärungen. So nahm ich (dem autistischen Spektrum verdächtig nahe) stets alle beim Wort und zog meine ganz eigenen Schlüsse.

Erst 13-jährig auf der HNO-Station eines städtischen Krankenhauses, in dem ich wegen eines Rhinolithen (eine Art Nasenstein) am Tag zuvor operiert worden war, lernte ich, was wirklich mit „Stuhlgang“ gemeint war. Es handelte sich doch nicht um eine merkwürdige Art der Fortbewegung … 😉

Nach dem Einlauf wusste ich jedenfalls, dass meine Antwort auf die Frage „Stuhlgang?“ in Zukunft immer „Ja.“ lauten würde … 😀

 

 

 

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