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064// Die Taubenklinik

Auf dem Weg zur Physiotherapeutin meines Vertrauens verfahre ich mich. Verfahren finde ich prinzipiell nicht schlimm – so lernt man die Welt kennen und irgendwann komme ich im Ruhrgebiet immer irgendwo an, wo ich mich auskenne. An der nächsten Kreuzung gibt es allerdings etwas, das mich völlig verwirrt: Ein großes weißes Schild zeigt nach links:  <– Taubenklinik, steht da.

Zuviel für mein komisches Gehirn.

Ich stelle mir abwechselnd graue zerfledderte Vögel mit verbundenen Köpfen und Gehhilfen unter den Flügeln und wild um Hilfe gestikulierende, gehörlose kranke Menschen vor. Wie Vexierbilder morhphen die beiden Varianten sich die nächsten zwei Stunden durch meinen Kopf.

W T F ???

Bis ich Dr. Google fragen kann, gibt es erstmal keine Lösung. Ich traue mich auch nicht, meine Physiotherapeutin danach zu fragen. Sie stammt aus der Ukraine, spricht zwar gut Deutsch, aber ich will nicht, dass sie meint, ich wolle sie verarschen.

Weil ich beide Möglichkeiten völlig bizarr finde und denke, dass ich es mal wieder bin, die einfach den Witz nich‘ rafft, schweige ich.

Zu hause schaue ich nach. Wie unglaublich krass: Wir haben tatsächlich eine Klinik für Columbidae (lat. Tauben) in der Nachbarstadt.

Ich lerne, dass sie die einzige ihrer Art in Deutschland ist.  Der Betreiber spricht gar von der ganzen Welt. Beeindruckend.

Vor allem Brieftaubenbesitzer wissen das Angebot des Verbands Deutscher Brieftaubenzüchter offenbar zu schätzen. Ich recherchiere weiter und komme aus dem Staunen nicht mehr raus:

In der Klinik betreibt man allerhand Aufwand, für des Federviehs Wohl. Röntgen, Ultraschall, Endoskopie … Tauben können sogar Chlamydien bekommen! Ich will nicht wissen, wie die da rein kommen … aaahrg Kopfkino … Hilfe! Jedenfalls nimmt man auch Abstriche.

Auf der Klinik-Shop (!) Seite lese ich, dass Tauben, nach ihrer stationären Behandlung in einer Spezialversandbox wieder zurück zu Herrchen (seltener wohl Frauchen) geschickt werden.

Ich bin platt. Ein Teil von mir macht sich sogleich lustig über mich. „Taube“ als Synonym für „Gehörlose“ und dann noch auf ’nem Straßenschild, ts, was für eine wirre Idee. Das geht doch schon wegen political correctness nicht. Hätte man auch drauf kommen können, blöde Liese …

Aber eine Klinik für ansonsten als Flugratten verschrieene Vögel – jahahaaa, das passt. Das passt zu unserem System: Die zig Tausenden grau-bunten Vögel in unseren Innenstädten jagen wir mit gebrochenen Füßen und halbgerupftem Gefieder hinfort, auf dass sie selber sehen, wie sie klarkommen. Spicken unsere Fensterbänke mit Drähten und Zacken, damit kein hinterhältiger Taubenvogel vor unseren frisch geputzten Fenstern seine Notdurft verrichtet. Wir haben sie nicht eingeladen, diese widerlichen Schmarotzer, die den kleinen süßen Spatzen ihre Krumen klauen! Wer sich so benimmt, hat’s nich besser verdient. Fangt gefälligst an, euch nützlich zu machen! Trollt euch! Fliegt! Tragt Briefe aus, wie die anderen! Ernährt euch gesund! Dann kommt ihr eines Tages vielleicht auch in unsere hübsche Klinik und wir befreien euch von den Folgen eures liederlichen Lebenswandels …

Ja, DAS ist mein Land, so läuft das hier … ;-D

 

——

Die WAZ berichtet:

https://www.derwesten.de/staedte/essen/taubenklinik-in-essen-aerzte-versorgen-gefluegelte-patienten-id10926641.html

 

(Grafik: pixabay.de)

063// Arzt mit Eiern

Ja, ich weiß, man könnte meinen, an Ärzten lasse ich generell kein gutes Haar. Das stimmt aber so nicht. Mittlerweile habe ich es ja geschafft, in einzelnen Fachgebieten Problem-Bär-kompatible Exemplare ihrer Zunft zu finden.

War aber nicht so einfach und selbst bei ihnen fällt es mir manchmal schwer, mich „normal“ zu verhalten und nicht in Starre oder Panik zu verfallen, weil ich nur schnell wieder weg will.

Ein Arzt ist mir aber in besonderer Erinnerung geblieben. Er fiel nicht durch fachliche Kompetenz auf, aber durch Menschlichkeit und etwas, das es nicht nur bei Frauen selten gibt: Eier.

Vor etwa zwei Jahren traf ich ihn:

Nach meinem Ausflug auf die Stroke Unit und der Diagnose „Basilarismigräne“ bin ich auf der Suche nach einem Neurologen, der mich (wie vom Krankenhausarzt dringend angeraten) weiterbehandelt. Die Krankenkasse schlägt als Migräne-Spezialisten in meiner Nähe den Neurologen/Psychiater Dr. B. vor – er arbeite mit der Schmerzklinik in Kiel zusammen, sagt die Tabelle, die man mir ausgedruckt und zugesandt hatte. Ich rufe an, vereinbare einen Termin und warte nur drei Monate – das ging also vergleichsweise schnell für einen Neurologen.

Kurz vor Weihnachten fährt mich mein Schwiegervater die 30 Kilometer in die Nachbarstadt. Den Stadtteil kenne ich – habe selbst dort einige Jahre gewohnt. Hatte mich deshalb schon gewundert, dass in dieser eher mäßig mondänen Gegend eine spezialisierte Migränepraxis sein sollte.

Vor Ort geht die Verwunderung nahtlos in Erstaunen über. Eine neurologische Praxis habe ich mir irgendwie anders vorgestellt. Nach dem, was ich an Designer-Mobiliar und Kunstsachverstand in der Krankenkassen-Programm-Praxis in E. erlebt hatte, dachte ich ja, Migräne-Spezialist müsste man sein. Passiv natürlich 😉

Die Praxis von Dr. B. folgt einer anderen Stilrichtung: Vintage, würd‘ ich sagen.

Sie befindet sich in einer Altbauwohnung im ersten Stock. Der Eingang für die Nervenpatienten liegt neben einem Billig-Bäcker, was den ansonsten etwas muffigen Geruch des Treppenhauses durch den wohlig, versöhnlichen Duft frischen Backwerks, der uns nun kurz anhaftet, notdürftig zu überdecken vermag.

Auch mein Schwiegervater schaut zweifelnd, aber schweigt, als wir durch die Wohnungstür in die Praxis gehen. Die Inneneinrichtung hat schon bessere Zeiten gesehen, aber alle Anwesenden scheinen entspannt und freundlich. Ja, dann … Vorurteilsfrei und nervös wie immer nehme ich im Wartezimmer Platz.

Hier hängen etwa 20 DIN A4-Zettel mit diversen interessanten und weniger interessanten, aber ablauforganisatorisch und verhaltenstechnisch wichtigen Informationen für Patienten an Türen und Wänden. Stabile Stühle sind in ausreichender Menge und komplett montiert vorhanden. Fußleisten nicht.
Der alte braune Filzteppich nutzt die Lücke und lukt frech hinter den Stuhlbeinen empor.

Ich rechne kurz aus, wie viel die fehlenden und kaputten Meter Leiste und die paar Nägel wohl kosten, und überlege, ob wir nicht schnell in den nahegelegenen Baumarkt fahren sollen, das wär‘ kein Thema, so als Zeichen meiner Dankbarkeit, dass sich jemand meiner annimmt.

Ich verwerfe den Gedanken. Das wäre unangemessenes Verhalten. NOCH hab‘ ich ja nix zu danken. Stattdessen ziehe ich also vorerst nur die Augenbrauen in Richtung Schwiegervater hoch. Er erwidert die Augenbrauen-Sache.

Es sind nur drei Patienten vor mir. Ich bin die letzte heute. Um ca. 17:30 Uhr darf ich zum Doc rein. Ziemlich fertig, aber heilfroh, dass ich nun endlich Hilfe bekommen soll, wundere ich mich noch kurz, dass es weder Gardinen noch Vorhänge gibt und frage mich, ob die türkische Familie gegenüber uns Verrückten wohl oft zuschaut, wie wir dem Doktor unser Leid klagen. Ich an ihrer Stelle würd’s machen. Aus lauter Neugier würde ich ein Richtmikrofon installieren oder vom Mund ablesen lernen. Bestimmt besser als Fernsehen.

Der Doktor kommt rein. Er hat keinen Kittel an. Schon mal gut für mich.

Er ist groß, sportlich, etwa in meinem Alter und sieht freundlich aus. Als er grade etwas sagen will, klingelt sein Handy. Seine Frau möchte Familienorganisatorisches besprechen, weil sie heute Abend in ein Konzert gehen. Er macht es kurz und entschuldigt sich das erste Mal bei mir.

Mir macht das nichts, bin sowieso total fertig mit den Nerven.

Ich solle mal erzählen, was mich zu ihm führt.

Ich erzähle so flüssig wie es geht, dass ich diese Basilarissache habe, vor drei Monaten damit im Krankenhaus war, mich das ziemlich fertig macht alles und ich jemanden suche, der sich damit auskennt und mir hilft.

„Und da kommen Sie zu mir?!“, fragt der Arzt mich völlig entgeistert.
„Äh, ja, die Krankenkasse hat Sie mir als Ansprechpartner genannt.“
„Wie kommen die denn darauf?!“ – er wirkt verwirrt.

Ich auch.

„Ja, Sie stehen doch auch in der Online-Suche der Schmerzklinik Kiel als Kooperationspartner und Schmerzspezialist.“
„WAS?!“

Ich zeige ihm den Ausdruck und werde zeitgleich noch blasser, als ich so schon bin.

„Ich war in einem Rückenschmerzprogramm bei Frau Dr. X., aber da kann ich nicht mehr hin. Zu weit und schlimme Erfahrungen.“
„Aber das ist doch DIE Koryphäe!“
„Mir gegenüber war sie anders und das mit der Basilarisdiagnose kommt auch nicht von ihr. Außerdem ist die Praxis für mich zu weit entfernt. Wie gesagt, die Krankenkasse hat mir Sie als nächstgelegenen genannt“, plappere ich los, auf dass mein Dasein möglichst gerechtfertigt klinge.

„Aber, das gibt’s doch nicht. Ich bin doch nur ein Wald- und Wiesen-Arzt … Und da schicken die mir solche Hardcore-Fälle?!“

Ich gucke ihn mit großen Augen an. Er hat tatsächlich Hardcore-Fall zu mir gesagt. Hardcore-Fall ist nicht das, was ich erwartet hätte, aber es passt zu dem, wie ich mich selbst oft empfinde. Also bin ich nicht beleidigt.

Er entschuldigt sich zum zweiten Mal.

„Ähm, ja ich weiß, das ist recht selten, aber ich weiß einfach gar nicht, was ich machen soll mit der Diagnose und dem ganzen Rest. Können Sie mir nicht irgendwie helfen?“, frage ich.

Dann kullern die ersten Tränen – also bei mir :-D.

„Oh, Mann“, sagt er, „es ist kurz vor Weihnachten, alles total stressig hier, ich bin auch ziemlich am Ende und ehrlich gesagt: Sie überfordern mich grade.“

Wow. Das wollte ich nicht. Nicht, dass der jetzt auch noch anfängt zu heulen … Jetzt hab‘ ich Mitleid mit ihm und verspüre den Impuls, ihn mütterlich fürsorglich in den Arm zu nehmen und zu sagen: ‚Wird schon wieder. Gehen Sie mal mit Ihrer Frau schön ins Konzert und schlafen Sie sich mal ordentlich aus, dann sieht die Welt schon wieder anders aus.‘

Aber Moment, ICH bin doch der Patient!

Ich weine doller. Dafür entschuldige ich mich jetzt.

„Nein, nein. Ich verstehe Sie ja, Sie haben sich was ganz anderes von diesem Termin versprochen.“
„Ja, schon, aber ich hab‘ doch jetzt sonst niemanden, der helfen kann, ich weiß doch garnicht, was ich machen soll.“
„Ja, wenn Sie meinen, ich kann Ihnen helfen, dann muss ich mich erst mal schlau machen.“

Ich nicke wieder. Er tippt im PC rum.
„Welche Triptane nehmen Sie denn?“
Triptane sind kontraindiziert bei Basilarismigräne. Äh, hat man mir gesagt.“ (Ich wollte nicht so klugscheißerisch rüberkommen.)
„Oh.“
Er tippt nochmal was.
„Haben Sie es schon mit Prophylaxe versucht?“
„Ja, Betablocker – vertrage ich nicht und bringt nix.“

Er tippt.
„Amitryptillin könnten Sie nehmen.“

Der hat doch jetzt nicht gegoogelt?!?
„Nein. Nicht bei Basilarismigräne“, wende ich leise ein.

Ich bin am Ende.

„Oh, ja, also dann kann ich Ihnen nur anbieten, dass ich mich mit Ihren Unterlagen beschäftige und Ihnen dann ggf. ein Rezept zuschicke. Dann müssen Sie nicht wieder so weit fahren“, versucht er die Situation zu retten.

„Ich fahre nicht selber. Mein Schwiegervater hat mich gebracht“, sage ich.
„Oh“, sagt er. „Und wir machen einen neuen Termin. Im Februar habe ich was.“
„Ok, dann Danke.“
Ich stehe auf und gehe zur Tür. Ich bedanke mich ja IMMER. Egal für was. Notfalls auch für nichts – dabei weine ich immer noch.

Wie ferngesteuert gehe ich ins Wartezimmer zurück, hake mich bei meinem Schwiegervater unter und gehe mit ihm raus. Versuche, mich zusammenzureißen. Als wir in die Seitenstraße abbiegen, in der unser Auto steht, heul‘ ich richtig los.

Wir gehen ein paar Schritte. Ganz langsam wird es besser. Irgendwann sitzen wir im Auto und ich sage: „Ich hab‘ meinen Psychiater geschafft. Muss mir erst mal einer nachmachen.“
Fast schon lustig. Aber eben nur fast.
Zuhause angekommen rufe ich meinen Mann im Büro an und erzähle ihm von meinem Erlebnis. Er lacht. Und entschuldigt sich sofort dafür. Aber, so what? Is‘ ja auch zum Piepen eigentlich.

Kurz nachdem unser Gespräch beendet ist, klingelt das Telefon: Dr. B.!

Er möchte sich noch mal entschuldigen dafür, wie das Gespräch grade gelaufen sei. Das sei nicht sehr professionell gewesen, wie er sich verhalten hätte. Täte ihm leid, er könne verstehen, wenn ich jetzt sauer wäre. Ich sage ihm, dass ich nicht sauer bin, nur traurig. Kann er ja nichts für. Wird schon wieder.

Krass. Damit hätte ich nicht gerechnet.

Ein Arzt mit Eiern …

062// Traumatisiertenbenamsung

Neben vielen anderen Dingen mache ich mir häufig Gedanken über Wörter. Zum Beispiel über das richtige Wort für Traumatisierte. Ich mag es so nicht, weil es so verdammt nah an Stigmatisierte ist.

Leider stimmt das auch irgendwie, deshalb denke ich schon länger über eine charmantere Begrifflichkeit nach, aber alles hört sich irgendwie doof an und wird der Sache nicht gerecht:

  • Traumathen (wie Psychopathen)
  • Traumatiker (so werden schon die mit Schädel-Hirn-Trauma genannt)
  • Traumantiker (zu schön)
  • Traumat (öhm …)
  • Traumanen (zu esoterisch)
  • Traumanten (männlich) oder Traumanzen (weibliche) ( :-D)
  • Traumansen (zu tuckig)
  • Traumatisten (zu selbstwirksam)
  • Traumanden (zu anwärterhaft zielgerichtet)
  • PTBSler (hört sich ein bisschen nach abseitigen Sexualpraktiken an, oder?)
  • Träumerle (Favorit – :-D)

Jemand Ideen? Vorschläge? Besserwissen?

Ok, die sachdienlichste Benamsung* traumatisierter Menschen wäre als Abgrenzung zu den Traumatikern (Menschen mit Schädel-Hirn-Trauma) vielleicht am ehesten Psychotraumatiker und die Unterteilung in Entwicklungstraumatiker oder Schocktraumatiker. Wahrscheilich gibt’s das auch schon, aber schön hört sich das auch nicht an. Na gut, dann passt es wenigstens, denn schön is‘ anders … :-/

 

 

*Ich weiß, dass es besser Benennung heißen sollte, aber Benamsung finde ich dynamischer und einfach süß. Übrigens wird der ehemals als scherzhafte Bezeichnung für Benennung benutzte Begriff mittlerweile auch in ernsthaften Publikationen verwendet und hat sogar den Sprung in Nachschlagewerke wie openthesaurus geschafft…

Schöne verrückte Welt. 🙂

By the Way: Ich mag besonders das Wort: Klofußumpuschelung … <3 … und Max Goldt 😘

061// Follow me on Instagram

Ok, ich hab‘ mich lange geziert, es ist alles sehr mühsam momentan, aber jetzt ist es soweit. Nach dem Motto „Jetzt erst recht“, heißt es ab sofort:

myyzilla goes Instagram

Unter: Instagram.com/myyzilla
könnt ihr mir auch dort euer Auge leihen, Kommentare abgeben, und vor allem kleine, grafisch optimierte Happen myyzillööösen Inputs genießen 😉

Einiges wird euch als Blogleser erstmal bekannt vorkommen, aber da geht noch was … wartet ab … 😉

060// Omma, Schalke und eine merkwürdige Art der Fortbewegung …

Obwohl sie schon so lange tot ist, hab‘ ich meine Omma stets im Ohr: „Heul‘ ruhig, dann muss du nich‘ mehr soviel pinkeln“, riet sie des öfteren in Krisensituationen. Diesen Rat befolge ich heute sehr gewissenhaft und bilde mir ein, dass der Harndrang nach Heulkrämpfen tatsächlich deutlich weniger ausgeprägt ist 😉

Ich habe viel von und durch meine Omma (und ihre Fehler!) gelernt.

Omma wusste Bescheid – zumindest hat sie das alle glauben lassen.
Sie schimpfte, wenn ihr danach war. Sie sortierte Menschen aus, die ihr nicht gut taten. So schmiss sie den ersten Verehrer nach Oppas Tod achtkantig aus der Wohnung, nachdem dieser eine – in ihren Augen – anzügliche Bemerkung machte. „Der Saurühr!“, schimpfte sie,
„Dem werd‘ ich helfen!“

Sie war ungebildet, aber clever, dominant, aber liebevoll, pragmatisch, aber idealistisch.
Vor allem aber war sie stur, dickköpfig und furchtlos.
Sie trank gerne Bier und Schnaps, kochte hervorragend frische Eintöpfe und kaufte sich von Schuhen, die ihr gut passten, immer gleich 2-3 Paar. Laufen war wichtig, denn Omma und Oppa hatten kein Auto. Es wurde alles zu Fuß mit der Einkaufskarre erledigt.
Etliche Kilometer kamen so zusammen, wenn wir in die Innenstadt marschierten, um unserer Lieblingsbeschäftigung nachzugehen: „Leute gucken“. Das kostete nichts und machte Spaß!

Über ihre Krankheiten schwieg Omma, oder machte sich darüber lustig.
Die blau-weißen Kniegelenks-Stützen, die man ihr nach mehreren Stürzen für ihre Arthrose-Knie verpasst hatte, kommentierte sie mit: „Ich hab‘ Schalke“ und lachte sich schlapp dabei.
Tabletten, die der Arzt ihr verschrieb, landeten direkt im Müll.
„Kann er alleine fressen!“, spottete sie.

Für so viel Ignoranz gab‘ es später die Quittung in Form eines kapitalen Schlaganfalls, von dem sie sich nicht mehr erholen sollte.

Lerneffekt für mich: Medikamentenverweigerung nur nach eingehender Informationsbeschaffung über die vorliegende Erkrankung und Rücksprache mit vertrauenswürdigem Fachpersonal!

Bei Schutzbefohlenen (wie Kindern und Ehemännern ;-)) gilt es, doppelt und dreifach aufzupassen und nicht blind auf jeden inneren Impuls zu hören. Wenigstens darauf hatte auch Omma geachtet:
Bei meinem Oppa, der – wie ich erst als Erwachsene erfuhr – an Epilepsie litt, sorgte sie penibel dafür, dass er pünktlich seine Pillen nahm. Ok, ein langes Leben haben die ihm nicht beschert – er starb mit 63 an mehreren Herzinfarkten. Lerneffekt: Rauchen kann tödlich sein.

Omma warf sich lediglich einen Löffel brauner Kügelchen aus einer Art Kakaodose ein. Agiolax – Ein Abführmittel. Sehr beliebt bei älteren Damen und Essgestörten, wie ich später von einem Apotheker erfahre.
„Omma kann‘ nich‘ auf Klo“, erklärte sie immer, bevor die Kügelchen in einem Happs in ihrem Mund verschwanden. (In diesem fehlten ein paar Zähne, weil sie keinen Zahnarzt an sich ranließ. Ihr Vater hatte schließlich auch mit dem blanken Kiefer Nüsse geknackt, wie sie oft erzählte. Er war ein nicht besonders attraktiver, armer, kleingewachsener, aber immer fröhlicher, äußerst potenter Mann mit Segelohren, der keine Zähne brauchte, um 17 Kinder zu zeugen. 😀 )

Bis ins hohe Jugendalter stellte ich mir vor, wie Omma nich‘ auf Klo kann. Wie sie es immer wieder versuchte, sich auf die Klobrille zu setzen, um im letzten Moment von einer unsichtbaren Macht gedrängt seitlich oder nach vorn abzurutschen. Oder, wie sie sich nicht weit genug in Richtung Keramik runterlassen konnte, um sich gemütlich sitzend zu erleichtern.

Wegen „Schalke“, vermutete ich lange. 😀

Man hatte es in meiner Familie nicht so mit bedarfsorientiertem Lernen und pädagogisch wertvollen Erklärungen. So nahm ich (dem autistischen Spektrum verdächtig nahe) stets alle beim Wort und zog meine ganz eigenen Schlüsse.

Erst 13-jährig auf der HNO-Station eines städtischen Krankenhauses, in dem ich wegen eines Rhinolithen (eine Art Nasenstein) am Tag zuvor operiert worden war, lernte ich, was wirklich mit „Stuhlgang“ gemeint war. Es handelte sich doch nicht um eine merkwürdige Art der Fortbewegung … 😉

Nach dem Einlauf wusste ich jedenfalls, dass meine Antwort auf die Frage „Stuhlgang?“ in Zukunft immer „Ja.“ lauten würde … 😀

 

 

 

059 // Wahlwerbung

In meinem Leben regiert das Chaos. Eine Wahl habe ich nicht.

Die Bundestagswahl morgen gibt uns allen die Möglichkeit, den Kurs für das Land, in dem wir leben, mitzubestimmen. Wer diese Chance nicht nutzt, oder sich aus Frust für irgendwelche Knallchargen aus der rechten Ecke entscheidet, hat es nicht besser verdient. Denn: Nicht die Politiker sind das Problem, sondern die Menschen, die sie wählen!

Für alle Unentschlossenen daher jetzt mein ultimativer Wahltipp:

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😀

058 // Nicht aufgeben …

Der Tod ist mir ’ne Nummer zu groß.

Die Wörter, die mir sonst recht munter aus dem Kopf fliegen, kämpfen sich jetzt durch eine wabernde Masse aus verklebten Gedankensträngen und schmierig-zähen Gefühlsfetzen.

Ich zwinge mich, zu schreiben.

Zwinge mich, nicht aufzugeben, obwohl ich mit den Nerven am Ende bin und mir zwischendurch alles nur noch egal ist.

Ich zwinge mich, weil ich nicht aufgeben WILL.
Weil ich weiß, dass mein Neffe meine Schreibe und meinen – bisweilen dunkelschwarzen – Humor so mochte.

Er ist am 23.7.2017 kurz vor seinem 14. Geburtstag gestorben.

Plötzlich und vollkommen unerwartet war sein Leben vorbei.
Das ist unfassbar. Einfach unkapierbar. Der Tod eines Kindes ist nicht in unseren philosophischen Grundmustern vorgesehen. Die Omma mit über 80 gehen zu lassen, ist schwer, aber philosophisch ok. Ein Kind? Nichts fühlt sich falscher an.
Es ist so schwer, zu begreifen, dass auch dies zum Leben dazu gehören soll.

Die Trauer ist für mich aber nicht nur philosophisch und psychisch ein Problem. Für Leute wie mich, schlägt das direkt durch auf den Körper: Migräne, Schmerzen, Tinnitus und vor allem Erschöpfung … hoch zehn. Kein Wunder. Das eh schon dauerlädierte  ganze System ist mit einem Schlag überlastet.

Als wäre nicht alles schon schlimm genug, quält mich zusätzlich die Tatsache, dass ich mein eigenes Leid als nicht angemessen, irgendwie nicht ok empfinde. Für die Eltern ist ja alles noch viel, viel, viel schlimmer. Und schon sind sie wieder da: Die Schuldgefühle. Sie vermischen sich mit der Trauer und spielen volley zurück auf den jämmerlichen Rest meiner Psyche, die mit Angst, Panik, Verzweiflung und Selbsthass reagiert.

Das kenn‘ ich zwar schon (fast auf den Tag genau vor einem Jahr war meine Tante gestorben), aber es ist trotz eines gewissen Gewöhnungseffektes wirklich schwer, die Nerven zu behalten und Verständnis für mich selbst zu haben. Zwischendurch ist es sogar vollkommen unmöglich und ich schlittere von einer Panik- und Selbsthassattacke in die nächste. Scheiß-Schwäche, verfluchte!

Das, wovor ich seit Jahren fast jeden Tag Angst habe (plötzlicher Tod), ist tatsächlich geschehen. Nicht mir, nicht meinem Sohn oder meinem Mann, aber meinem Neffen, mit dem wir unter einem Dach gelebt haben. Das macht mich halb wahnsinnig.

Natürlich will ich jetzt stark sein. Will versuchen, zu helfen wo und wie ich kann. Es gelingt mir sogar ein bisschen, sagen die anderen. Mit Leid kenn‘ ich mich ja aus. :-/ Super. Mein kunterbuntes Sammelsurium an Übungen, Tricks und Methoden, um mit Panikattacken, Verzweiflung, Angst und Hoffnungslosigkeit zu jonglieren, machen mich zum Experten oder zumindest versierten Laien.

Ich halte die weinende Mutter in den Armen und sage ihr, dass sie weinen darf, so laut und lange sie will. Mir selber verbiete ich es.
Ich helfe ihr durch Panikattacken hindurch, um danach an meiner eigenen zu verzweifeln. Was für eine kranke Scheiße …

Aber jetzt heißt es: funktionieren. Allein schon für meinen Sohn. Der Kleine weint auch nach drei Wochen noch viel um seinen großen Cousin – er war so eine Art Held für ihn: Ein sensibles Kampfsport-Ass mit Humor, unerschütterlicher Fröhlichkeit und Freundlichkeit. Der über 1,90 Meter große Junge fuhr mit meinem Sprößling Fahrrad, brachte ihm Kartentricks bei und interessierte sich aufrichtig für ihn. Er war Referenzklasse in Sachen Sozialkompetenz. Setzte sich für Schwächere ein, drängte sich nie in den Vordergrund und nahm Rücksicht auf alle und jeden. Erst wenn besonders uneinsichtige Artgenossen es zu bunt trieben, gab es eine angemessene und nachhaltige Reaktion … 😉 – Wenn ich mir ’ne neue Menschheit backen könnte: So müsste sie sein und alle hätten rote Chucks an. Denn, an dem Tag, an dem ich ihn kennenlernte, trug ich welche.
„Hey, die gleichen hab‘ ich auch!“, begrüßte mich der damals 9-Jährige fröhlich und ich fühlte mich willkommen. 🙂

Auf der Beerdigung trug ich die Chucks wieder. Mir egal, was andere vielleicht über die schlonzigen Schuhe dachten. Es fühlt sich eh alles falsch an.

Das Allerfalscheste ist, dass ein solcher Mensch nicht länger Zeit hatte, der Welt mehr von sich und seiner Persönlichkeit zu zeigen – sie mit sich zu bereichern und damit Hoffnung zu generieren.

Was bleibt, ist das Gefühl der Verbundenheit, die Erinnerungen, die Gedanken an schöne Momente. An sein Lachen, sein Leben und seine Liebe zu den Menschen, die ein Stück seines Lebens mit ihm zusammen gehen konnten.

Ich bin so dankbar, dass ich dazugehören durfte.

Das Letzte, was ich von meinem Neffen hörte und sah, war ein lässig gewunkenes „Ciao, Tanja!“ im Treppenhaus. Am nächsten Tag fuhr er in den Urlaub, aus dem er nicht mehr zurückkam.

Verdammt, es tut so weh.

Aber, ich mach‘ weiter – versprochen …

 

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* Das Zitat aus dem Beitragsbild „Death inspires me like a dog inspires a rabbit“ stammt aus dem Lied heavydirtysoul von den twenty one pilots – eines meiner aktuellen Lieblingslieder und Teil der wirklich coolen Urlaubsplaylist meines Neffen.

Hier das Video: https://youtu.be/r_9Kf0D5BTs

 

057 // Wenn jedes Wort das Falsche ist …

Kurz nachdem ich am Sonntag, den 23. Juli 2017 meinen letzten Post veröffentlicht habe, erfuhr ich, dass sich wenige Stunden zuvor in meiner Familie eine unfassbare Tragödie ereignet hat.
Einer der wunderbarsten, liebenswürdigsten und tollsten Menschen, die ich kennenlernen durfte, ist tot.
Mit 13 Jahren plötzlich und ohne jede Vorwarnung aus dem Leben gerissen.

Gegen das, was die Eltern jetzt durchmachen müssen, empfinde ich das hier von mir beschriebene Leid als Peanuts und keiner Zeile wert.

Der Tod des eigenen Kindes ist die Geburt eines Traumas, für das mir einfach die Worte fehlen.

Wenn ich sie wiederfinde, hoffe ich, Ihr seid noch da.

Genießt jede Stunde, die Ihr mit Euren Kindern und Liebsten erleben dürft!

Wünscht uns Kraft – ich weiß nicht, woher wir sie momentan nehmen sollen …

056 // „In the end it doesn’t even matter …“ :-(

Ich bin etwas spät dran mit meinen Beileidsbekundungen, aber mich hält die Migräne immernoch in Schach. Trotzdem beschäftigt mich der Tod von Chester Bennington, dem Sänger von Linkin Park am 20. Juli, mehr als ich vermutet hätte.

„Und wieder einer von uns, der’s nicht geschafft hat“, denke ich. Wieder einer, der den Kampf gegen Depression und Trauma verloren hat.
Benningtons Schicksal geht mir nah, obwohl ich ihn nur durch seine Musik kannte – vor allem die frühen Alben Hybrid Theory und Meteora der Band habe ich rauf und runter gehört, aber auch neue Stücke wie Heavy mag ich.

Immerhin hat Chester Bennington in den letzten ca. 20 Jahren viel von meinem eigenen Schmerz durch meine Lautsprecherboxen geschrien – wie ich es selbst nicht besser gekonnt hätte.

„Crawling in my skin –
these wounds they will not heal“

Wie oft hab‘ ich diese und andere Zeilen aus den Liedern von Linkin Park mitgeschrien und/oder mitgeschluchzt?

Jetzt empfinde ich Traurigkeit und Wut –
aber auch Demut und Dankbarkeit.
Traurigkeit und Wut, weil ich es generell schlecht aushalten kann, dass ein so junger Mensch (41!) an irgendwas in seinem Inneren, für das er wahrscheinlich nichts konnte, kaputt geht und ihn nichts retten konnte – nicht mal die Liebe zu und von seinen Kindern. 🙁

Demut und Dankbarkeit, weil mich meine eigenen „mentalen Sicherungsseile“ immer noch gut und sicher halten und sich trotz aller Not seit meinem juvenilen Hilferuf vor ca. 30 Jahren (ich berichtete) noch nicht gelockert haben. Wann immer ich von Selbstmorden in Verbindung mit Depression und Trauma höre, check‘ ich das reflexartig. Man ist sich ja immer selbst der Nächste.

Ich habe Glück – ich fühle mich gehalten vom und im Leben.

Für Chester Bennington lief es trotz Geld, Ruhm und Ehre weniger gut: Vor zwei Monaten trat sein Freund Chris Cornell (Sänger der ebenfalls von mir geschätzten Band Soundgarden) auf die gleiche Weise ab und kappte damit eines von Benningtons Seilen … so denke ich mir das.

Aber, was weiß ich schon?

Bleibt zu hoffen, dass seine Kinder und ihm nahestehende Menschen das irgendwie „verpacken“ können …

Das macht ja eh jeder anders.

Äußerungen wie die von Brian Welch (Gittarist von Korn) kann ich da auch verstehen. Er hatte auf facebook ziemlich wütend geschrieben „Ich habe genug von diesem Selbstmordscheiß!„, weil er meint, dass sei der „feige Weg“ und keine „gute Botschaft“ für die Kinder und Fans. Stimmt auch irgendwie. Natürlich kassierte er einen Shitstorm. Klar. Allen tut was weh, alle wollen mit ihrer Wut irgendwo hin.
Ich möchte auch jedem Suizidkandidaten erstmal ins Gesicht schreien. „Lass die Scheiße!“ Aber, wer bin ich, dass ich mir ein Urteil über Ausmaß und Auswirkung eines anderen Leids anmaßen kann?

Jeder sollte machen dürfen, was er für richtig hält.

Ich heul‘ einfach ein paar Tage und freue mich, dass ich noch – und wieder – heulen kann.

„In the end it doesn’t even matter …“

R.I.P.  – Chester Bennington.

 

Mehr von Linkin Park auf deren youtube-channel:
https://www.youtube.com/user/linkinparktv

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Ich finde diesen Standard-Hinweis am Ende von Berichten über Selbstmorde immer irgendwie seltsam, weil sie so „druntergestempelt“ aussehen. Einige wirken fast arrogant, weil man deutlich merkt, dass ein standardisierter Textbaustein verwendet wird – von Autoren, die meistens nicht den Hauch einer Ahnung haben, um was es da wirklich geht.

Meine „Standardversion“ schreibe ich hier bewusst noch mal hin, weil ich weiß, dass solche Geschichten eine Art Sogwirkung haben können und weil ich weiß, dass es im Notfall helfen kann.

Also:

Wenn Du an Selbstmord denkst:

Überleg‘ Dir gut, was Du mit Deinem Plan erreichen willst. In den allermeisten Fällen geht die Rechnung ebenso wenig auf wie bei mir (s.o.). Wenn Du sämtliche Plausibilitätsprüfungen durch hast, denk noch mal drüber nach. Schlaf eine Nacht drüber. Und denk noch mal nach. Dann rede mit irgendwem über Deine Gedanken. Wenn Du niemanden kennst, der das aushält, wende Dich an die Menschen von der Telefonseelsorge. Hier hört man Dir zu. Anonym, kostenlos und rund um die Uhr.

Telefonnummern: 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222.

Der Anruf taucht übrigens nicht auf der Telefonrechnung oder im Einzelverbindungsnachweis auf.

Du kannst auch per E-Mail Kontakt mit den Leuten von der Seelsorge aufnehmen: Unter https://ts-im-internet.de/ findest Du alle Infos.

Bevor Du weiter planst, schau‘ unbedingt mal hier rein: Freunde fürs Leben

Wenn Du weiter dabei bleibst, dass Suizid der richtige Weg ist: Denk dran: Keiner ist unnütz, er kann immer noch als abschreckendes Beispiel dienen ;-P – – Wenn Du jetzt wütend auf mich bist wegen des dummen Spruchs – gut!
Wut ist Leben! Du spürst gerade Lebensenergie in Dir. Mach was draus! Es lohnt sich!

055 // Auf die Perspektive kommt es an

Es ist Sommer. Ich habe seit 3 Tagen Migräne und es wird nicht weniger. Der nächste status migraenosus? Bitte nicht.

Meine Mutter ist da, um mit ihrem Enkel ein paar schöne Ferientage zu verbringen.

Sie wollen in den Zoo.

Mit dem ÖPNV kennt sie sich nicht aus, also will ich die beiden hinfahren – is‘ ja nicht weit. Keine 5 Kilometer. „Das schaff‘ ich schon“, lautet mein Mantra für das waghalsige Unterfangen. Es winken ein paar Stunden ohne irgendwen um mich herum als Belohnung. Die Aufwand-Nutzen-Bilanz stimmt … noch.

Im Auto herrscht brütende Hitze. Für die braungebrannte Sonnenanbeterin mit unempfindlicher Haut und robuster Gesundheit (Oma) und den kleinen Springinsfeld (Sohnemann) ist das kein Thema.

Ich mit meiner Matschbirne und dem wahrscheinlich eh schon grenzwertigen Histaminspiegel pfeife auf dem allerletzten Loch – reiße mich aber zusammen und will das nur schnell hinter mich bringen. Ohne mich irgendwie äußerlich straßentauglich zu machen, setze ich mich mit Schlabberbuchse und T-Shirt ohne BH hinter’s Steuer – is‘ ja nicht weit. Fehlen nur noch ein paar Gummistiefel und ein wenig Rauchwerk auf’m Zahn und Mama Flodder* wäre ein Scheißdreck gegen mich. Pah!

Leicht „übermotiviert“ husche ich so über die nächste Ampel. Mein Auto ist klein, aber beschleunigt relativ zügig. Ich halte mir mit einer Hand die Sonne vom Kopf als plötzlich ein grimmig schauender Mann mit kurzem Hemd und langer roter Kelle von links auf die zweispurige Straße des Industriegebietes springt und mich energisch nach rechts winkt.

Ich bremse auch für Männer 😉 , also drossele ich die Geschwindigkeit und verkneife mir ein „BIST DU LEBENSMÜDE, DU AFFE?!“

Im letzten Moment bemerke ich die anderen beiden Männer mit Mütze und Laser-Gerät auf der anderen Straßenseite. Na, Bravo! Freund und Helfer sorgen für Recht und Ordnung. Das ist ja auch richtig so. Nur heute wünsche ich mir ehrlich, sie würden sich um die wirklichen Probleme dieser Stadt kümmern. Aber ok. Ich war zu schnell. Das war falsch. Ganz einfach. Jetzt kommen die Konsequenzen.

Oma kriegt rote Ohren. Mein Sohn lacht sich kaputt.

„Mama is‘ geblitzt worden! Mama is‘ geblitzt worden!“, feixt er von der Rückbank.

Ich öffne die Fenster. Der Kassier-Polizist guckt durch’s Beifahrerfenster. Meine Mutter begrüßt ihn mit einem fröhlichen „Moin!“ – wie der Ostfriese das halt so macht. Mein Sohn lacht sich halb tot. Ich könnte sie beide erwürgen.

Leicht vornübergebeugt entschuldige ich mich ernsthaft einsichtig und höre mir den Kurzvortrag über meine Missetat an. 67 abzüglich 3 Toleranz – macht 14 km/h zu schnell. Der Polizist ist sehr freundlich und gibt mir noch den Tipp, hier auf die Kollegen zu achten, die stünden hier öfter’s.

Ja, das sollen sie auch. Gute Leute! Alles super.

Ich will einfach nur nach Hause. Einfach nur in Ruhe irgendwo liegen.

Auf der Rückfahrt denke ich darüber nach, wie hoch die Wahrscheinlichkeit ist, mich zurzeit überhaupt in einem Auto sitzen zu sehen, geschweige denn auf einer zweispurigen Straße außerhalb unseres Wohngebietes mit seinen 30-Zonen. Und dann noch mit überhöhter Geschwindigkeit.

Respekt. Da waren die echt zur richtigen Zeit am richtigen Ort. 🙂

Da ich mir angewöhnt habe, in wirklich allem das Positive zu sehen, fühle ich mich kurz vor’m Abbiegen in meine Straße schon wieder richtig gut.

Ich habe grade etwas ganz Normales erlebt! Ich war zu schnell auf einer Straße unterwegs! Das muss man sich mal vorstellen! Soooo krank kann ich doch gar nicht sein.

Das Glück, dann auch noch geblitzt zu werden, wie jeder andere auch, muss man erst mal haben!
DAS nenn‘ ich Teilhabe am sozialen Leben!
DAS nenn‘ ich Lebensqualität!

Danke, Polizei! 🙂

 

 

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*Die Flodders sind die Protagonisten einer holländischen Film-Trilogie aus den ’90ern. Besonders „Ma Flodder“ hab‘ ich ins Herz geschlossen:

 

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