036 // Nebenwirkungen – Warum ich erst mal die Schnauze voll habe von Medikamenten

Oft spreche ich davon, die Stimmen der Täter, die Stimme des Traumas zu hören. Das ist eine Metapher – kein realistisches Hören. Das tatsächliche Hören von Stimmen erlebe ich unter der Einnahme von Gabapentin und Opipramol.

Beide Medikamente wurden mir versuchsweise in der Schmerzklinik angeboten. Anfangs war ich hochmotiviert, hatte große Hoffnungen, wollte unbedingt, dass sie helfen. Ich war glücklich, dass es keine fiesen Akutreaktionen gab. Die andersartigen Schwindelattacken (ähnlich dem Gefühl, in einem Lift schnell nach unten zu fahren) und die vermehrten Koordinierungsstörungen und „Aussetzer“ habe ich anfangs nicht gehabt oder wahrgenommen, vielleicht wollte ich das auch nicht wahrnehmen.

Obwohl ich in der Vergangenheit mit sehr vielen Medikamenten Probleme mit zum Teil heftigen Nebenwirkungen erlebt habe, versuchte ich es immer wieder mit den neuen Substanzen, die mir von Ärzten verordnet wurden. Irgendwann muss doch mal etwas helfen, dachte ich.

Das Antiepileptikum Gabapentin nimmt mir für einige Zeit die extremen Schmerzen in den Händen und Beinen und macht mich insgesamt etwas reizunempfindlicher. Das ist eine tolle Sache. Auf die Migräne hat das keinen Einfluss. In der Schmerzklinik und in der Fachliteratur wird gesagt, dass eine Migräne-Prophylaxe, die nach acht Wochen in Zieldosis nicht wirkt, wieder abgesetzt werden kann, da dann die Wirkungslosigkeit angenommen werden muss.

Zwar bin ich schon nach vier Wochen in niedriger Dosierung etwas skeptisch und verunsichert, wegen der Nebenwirkungen, tue aber, was mir meine Neurologin sagt: Dosiserhöhung.

Matschbirne und Zombiegefühl

Nach einer Woche mit einer Dosierung von vier Mal täglich 400 mg (was immernoch relativ wenig ist) bewege ich mich nur noch wie ein Chamäleon, mache unnütze, unkoordinierte Bewegungen, falle plötzlich hin (gut, dass der Bürgersteig sehr breit ist, sonst wär‘ ich unter’m Auto gelandet).
Viel schlimmer finde ich aber die Probleme mit der Wahrnehmung: Ich gucke meinen Mann an, sehe, dass er redet, aber ich bekomme trotzdem nicht mit, was er sagt. Mein Sohn sagt zu mir: „Mama, du bist echt ’n bisschen dullidulli“, als ich wiederholt irgendwelche Gebrauchsgegenstände (u.a. sein Bastelmäppchen) in den Kühlschrank räume.

Wochenlang gucke ich mir beim Existieren zu. Kann kaum noch einen klaren Gedanken fassen. Dafür wirke ich aber ganz relaxed, wie man mir sagt. Als ich mal wieder mit dem Bein wegknicke und seitlich in eine Plastik-Klappbox mit Deko-Kram falle und dabei alles zerstöre, festigen sich die ernsthaften Zweifel an den Medikamenten.

An einem Sonntag Nachmittag passiert dann etwas, das mich endgültig kuriert:

Ich muss auf’s Klo (:-D – nee, das isses noch nicht, das passiert mir öfters ;-)), deshalb gehe ich aus der Küche in den unbeleuchteten Flur.
Plötzlich zischt mir von rechts eine tatsächlich hörbare chorähnliche Stimme zu:

„Du wirst bald sterben.“

Ich erschrecke mich so sehr, dass ich links gegen die Kommode schlage. Gucke in Richtung Stimme. Da ist keiner. Biege schnell ab auf die Toilette, ich befürchte, mir gleich in die Hose zu pinkeln. Als ich sitze, entscheide ich: So, jetzt reicht’s!
Laut, entschlossen und sehr wütend sage ich: „Und das werde ich NICHT!“

Bei aller Liebe, das geht zu weit. Ich habe Angst, jetzt komplett den Verstand zu verlieren. Und dass, wo ich nicht mehr viel anderes habe, als meinen Verstand. Den lasse ich mir nicht auch noch von irgendwelchen Pillen zerstören. Das kann niemand von mir verlangen – auch kein Arzt. Compliance hin oder her. Die Medikamente müssen weg.

Plötzliches Absetzen wäre allerdings nicht gut, deshalb muss ich noch durchhalten. Langsam reduziere ich das Gabapentin. Es kommt noch ein-, zwei mal zu einer Art Geräuschempfinden, ähnlich einer schnell rückwärts-laufenden Schallplatte. Nach etwa einer Woche habe ich dann das Gefühl, wieder bewusster da zu sein. Nach knapp drei Wochen hab ich’s geschafft. Kein Gabapentin mehr. Keine Stimmen mehr.

Meine Schmerzen werden wieder schlimmer, aber nicht so extrem wie vorher.
Das nehme ich in Kauf.

Es reicht.

Die Liste der Medikamente, die ich in meinem Leben genommen habe, ist lang. Die der Unverträglichkeiten wächst stetig.

Mir reicht’s jetzt einfach.

Natürlich will ich nicht alle Medikamente verteufeln, aber Fakt ist nun mal, dass in meinem persönlichen Fall, auch Medikamente für meinen heutigen Zustand mitverantwortlich sind. Einerseits unnötigerweise verordnete (z.B. Blutdruckmittel), andererseits langfristig eingenommene oder sich ungünstig auswirkende (z.B. Protonenpumpenhemmer, Schmerzmittel, Betablocker, Antidepressiva, Antiepileptika).

Den oben beschriebenen Liftschwindel und das Gefühl, wie auf einem Trampolin zu laufen, habe ich seit Einnahme von Gabapentin. Beides bin ich bis heute nicht ganz losgeworden.

Seit der einmaligen Einnahme von Citalopram sehe ich manchmal maskenhafte Gesichter und rasende Bilder, sobald ich die Augen schließe. Sie sind mal mehr mal weniger hässlich und beängstigend. Richtige Angst machen sie mir nur noch selten. Manchmal finde ich sie sogar lustig. Aber ich nehme sie wahr. Da hilft es mir auch wenig, wenn meine Neurologin mir erklärt, dass sie Citalopram in meinem Fall ja auch für das vollkommen falsche Mittel hält.

Hilfe? Fehlanzeige.

Einzig eine EMDR-Sitzung, bei meinem Psychotherapeuten, die die Körpererinnerung quasi löschen soll, bringt wieder etwas Ruhe rein. Überhaupt habe ich den Eindruck, dass ich Großteile meiner Therapiesitzungen dafür nutzen muss, die Fehler der anderen auszubügeln. An den Kosten beteiligt sich natürlich niemand. Das zahle ich nach wie vor alles schön selber.

Totalverweigerung

Da ich in diesem Punkt von keinem der Ärzte, die mir die Medikamente verschrieben hatten, eine Antwort oder Hilfe in Bezug auf diese Effekte bekomme, beschließe ich, nichts mehr zu nehmen, von dem ich nicht 100 Prozent nachvollziehen kann, wie, warum und auf was es wirkt.

Vor allem die psychotropen bzw. psychoaktiven Substanzen dürfen mir erst mal gestohlen bleiben.

Auch, wenn Ärzte mir sagen, das kann nicht sein, dass die geschilderten Effekte auftreten, ist es nun mal so, dass in meinem persönlichen Fall Medikamente einen extremen oder auch paradoxen zum Teil sehr lang anhaltenden Effekt hatten.

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  1. Danke für Deinen Kommentar, Kimeta. Leider kann man nicht erkennen, wer der Betreiber der von Dir vorgeschlagenen Seite ist. Es gibt kein Impressum – unterliegt demnach offenbar nicht Deutscher Rechtsprechung. Interessierte Nutzer sollten das wissen, wenn sie sich dort austauschen möchten. Vielleicht ist es dennoch für den ein oder anderen hilfreich. Mein Tipp: Immer offen, aber skeptisch bleiben! 🙂

  2. Kimeta

    LIes mal im Forum adfd.org, das ist voll mit Leuten, die erlebt haben, was „nicht sein kann“. Vorrangig geht es um die Gefahren und das Absetzen von Psychopharmaka, aber auch um viele anderen gesundheitliche, medikamentenbezogene und lebensnahe Themen rund herum. Den Begriff „Verschwörungstheorie“ kennen wir sehr gut.

    Mir hat man ein Antidepressivum zur Migräneprophylaxe vorgeschlagen. Heute denke ich, dass es einer der größten Fehler meines Lebens war, es zu nehmen. Ich kann noch froh sein, denn bei allen anderen Vorschlägen habe ich mich dann geweigert – ich habe den Eindruck, je mehr Medikamente man nimmt, desto schlimmer wird es. Ich bin u.a. auch sehr froh, dass ich Topiramat abwehren konnte, trotz massiven Druckes, mein Arzt empfiehlt es auch nicht mehr, ich habe mal nachgefragt.

    Ich denke, man kann und muss seinen eigenen Weg finden, und dieser sollte möglichst so sein, dass er die Eigenregulierung des Körpers unterstützt. Jeder Eingriff mit einem Medikament bringt das System durcheinander und hat an anderer Stelle Folgen, die dann auch wieder betrachtet werden müssen. Gerade bei einer so komplexen Situation wie Deiner.

    Mach weiter….

    Viele Grüße
    Kimeta

  3. Rebecca

    Nice! An genau die Doku musste ich denken, als ich angefangen hatte, den Post zu lesen. Und hab mich wieder mal geärgert, dass ich den Titel vergessen hatte…^^ Danke für den link!

    Der Satz „Das kann nicht sein.“ von Medizinern, die ihre Ausbildung an Universitäten, ergo Forschungs(!)instituten, genossen haben ist mithin echt eine Unsitte.

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