030 // Aber, Albert, Du verstehst mich doch …? – Schmerzklinik Kiel Teil II

Da ich immer noch nicht genau weiß, warum mir alles mögliche weh tut, warum mir dauernd und unterschiedlich schwindelig ist, mir plötzlich sämtliche Energie schwindet, so dass ich nicht mehr laufen kann und wie die restlichen Dinge damit zusammenhängen, warte ich auf die in den Prospekten der Klinik angekündigte umfassende Diagnostik.

Immer schön suutje (gesprochen „suutsche“ = Norddeutsch für langsam, ruhig) machen, antwortet man mir wiederholt auf meine Fragen.

Faktenlastige Antworten bekomme ich nicht. Alle sind sehr freundlich, aber mehr als ein „Jetzt kümmern wir uns erst mal um die Migräne“ bekomme ich zu meinen Schmerzen nicht erklärt. Im Anamnese-Gespräch fällt der Begriff Fibromyalgie zum ersten Mal. Der stark sehbehinderte und dadurch offenbar besonders sensible Physiotherapeut kennt sich damit aus und fährt hernach ein regelrechtes Kuschelprogramm, das mir tatsächlich gut tut.

[An alle, die mal nach Kiel in die Schmerzklinik gehen: Fragt nach Herrn Wiechert, der Mann ist Referenzklasse!]

Ich bekomme Medikamente, gutes Essen, optimale Pflege, menschliche Zuwendung. Aber: Mehrfach erkläre ich den Ärzten, dass ich mehr Informationen, Fakten, kausale Zusammenhänge brauche, um mit meinem Zustand klarzukommen. Man sagt, auf dem Einweisungsschein stände nur der chronische Kopfschmerz, darum würde man sich hier schwerpunktmäßig kümmern. Warum ich dann einen über 30 Seiten langen Fragebogen ausfüllen musste, der dezidiert alle Körperregionen nebst Schmerzsymptomatik abfragt und ich einzeichnen soll, wo’s genau wehtut, erschließt sich mir nicht.

Woran es liegt, dass man meinem Wunsch nach konkreten Aussagen und Fakten nicht nachkommen kann oder möchte, weiß ich nicht. Vielleicht mache ich einen zu wirschen Eindruck? Vielleicht will man auch meinen (pathologischen?) Ergründungszwang nicht weiter fördern? Vielleicht wirke ich durch meine Angst und die dauernden Wortfindungsstörungen und unkoordinierten Bewegungen gestörter als ich tatsächlich bin? Vielleicht denken die, die arme Irre faselt Unsinn. Dabei hab‘ ich denen doch erklärt, dass sie in mir einen verständigen Gesprächspartner haben, der ihnen bis in die Tiefen der biochemischen Grundlagen folgen könnte und sogar über Grundlagenwissen der Quantenphysik und sämtlicher aktuellen Ergebnisse der Hirn- und Bewusstseinsforschung verfügt. Dennoch lässt man mich weiter im Trüben fischen.

Vielleicht haben sie mich auch beobachtet, wie ich durch die Flure und Treppenhäuser schleiche und mit geschlossenen Augen immer wieder kurz stehen bleibe, um in die Atmosphäre zu spüren? Können die ja nicht wissen, dass das nur ein Versuch war, ein paar inspirierende Impulse von Albert Einsteins Geist einzufangen. Der von mir innig geliebte Physiker hatte um 1920 herum hier im Klinikgebäude an der Entwicklung des Kreiselkompasses mitgewirkt. Ein großes Foto von ihm hängt im Therapie-Bereich der Klinik.  Er hätte meinen Egründungszwang bestimmt verstanden … 😉

Manche Leute schlafen nur so gut, weil sie so langweilige Träume haben.
(Madame de Staël)

In einer der letzten Nächte in Kiel träume ich von einer Motorrollerfahrt mit einer Freundin. Wir diskutieren über ihren Fahrstil. Der Roller bäumt sich auf wie ein Wildpferd. Und ich sag‘ noch …! Sie stoppt an einem Parfümladen. Sonderangebotstag. Im Bademantel (!) stürme ich in den Laden und scanne die verschiedenen Parfümflacons. Mein Lieblingsduft ist nirgendwo zu finden. Nur einige ähnlich aufgemachte Verpackungen drängen sich in den gläsernen Regalen aneinander. Plötzlich steht meine Freundin mit einer rot-metallischen Flasche vor mir. „Das ist das Falsche, verdammt nochmal!“, motze ich los und stürme Richtung Ausgang. Ein kleiner dicker Security-Mann mit 80er-Jahre Strickbund-Sweatshirt stellt sich mir in den Weg und sagt: „Oh, oh!“, während er mich in meinem Bademantel abklopft, offenbar, um eventuell Entwendetes aufzuspüren. Er findet nichts. Ich gehe raus an die frische Luft. Als ich mich umdrehe wurschtelt meine Freundin schon wieder am Motorroller herum. Ich hechte auf sie zu und sage sehr bestimmt: „Jetzt fahre ich!“. Sofort wird sie ganz still, stellt sich neben mich und wartet. Leider geht es nicht sofort los. Wir müssen noch zwei aufgeblasene Luftmatratzen und Wolldecken mitnehmen. Keine Ahnung, was das soll. Ich öffne die Ventile. Plötzlich stehen wir auf einer Wiese. Während ich die grünliche Matratze entlüfte, sehe ich einen Mann. Er pinkelt einen sehr dicken Strahl an einen sehr dünnen Baum. Ich wache auf. Muss dringend auf’s Klo.

Ich bin nicht verrückt. Ich hab‘ nur ein durchgedrehtes Pferd im Kopf. 😀

Mehrmals heule ich die Psychotherapeutinnen der Klinik voll, weil ich soviel weiß und doch keine Lösung finde. Die armen Dinger. So jung und nur von Problemen umgeben. Die eine trägt einen bronzenen Anhänger mit einem Lebensbaum um den Hals. „Muss man mögen.“, höre ich die Stimme meines Psychotherapeuten aus der Heimat im Hinterkopf. Das sagt er oft. Ich vermisse seine lebenspraktischen, kernig-herzlichen Ansagen. Er ist zwar durchaus sensibel, aber keiner dieser weichgespült besorgt guckenden Lebenshelfer, was mir sehr entgegenkommt. Im Hauptberuf als Rettungssanitäter wird er schon einige Halbtote und Grenzgänger jeder Couleur auf der Pritsche gehabt haben. Zudem macht er den Eindruck, dass das Leben auch für ihn und seine Familie kein ewig währender Kindergeburtstag ist. Es beruhigt mich zu wissen, dass ein Teil von mir, vertreten durch die kleine Pferdeskulptur in seiner Praxis, immer in Sicherheit ist.

Überhaupt gefällt mir seine unkonventionelle und lebenspraktische Hilfe. So habe ich immer zwei Audiosequenzen mit speziell für mich eingesprochenen Texten von ihm auf meinem iPhone dabei, die mir in schmerzlastigen oder angstgeprägten Situationen ortsunabhängig und unmittelbar helfen. Da können die von der Klinik bereitgelegten Entspannungs-CDs mit der – nebenbei bemerkt unsympathischen – männlichen Stimme nicht gegen anstinken.

Da bin ich Besseres gewohnt. 😉

Vorheriger Beitrag

029 // In der Schmerzklinik Kiel – Teil I

Nächster Beitrag

031 // Gute Menschen schlechte Menschen – Schmerzklinik Kiel Teil III

  1. So….Du hast Grundlagen in Quantenphysik? Und was ist mit Quantenheilung?

Kommentar verfassen

Präsentiert von WordPress & Theme erstellt von Anders Norén

%d Bloggern gefällt das: