025 // Todesangst

Da ist doch gewaltig was schief gelaufen, denke ich immer wieder über mich und mein Leben. Ja, das ist es. Es nennt sich Trauma. Das weiß ich heute. Daraus entstanden ist eine veritable Angst- und Panikstörung, depressive Episoden, somatoforme Schmerzstörung und eine Hypersensibilität, die jeden kleinen Scheiß zum Migräne-Trigger macht.

Neben diversen anderen Dingen, habe ich zum Beispiel Angst davor, dass meine Emotionen mich töten – vor allem die negativen, wie Wut und Aggression. Die Angst hat sich offenbar in frühester Kindheit etabliert, weil Wut, Hass, Ärger auf keinen Fall gefühlt werden durften. Das habe ich mir nicht ausgesucht, sondern es war tatsächlich überlebensnotwendig, diese negativen Gefühle nicht auszuleben. Die Lösung: Abspaltung – am besten gar nicht fühlen. Eine Art Aufpasser musste her: Die Angst.

Wenn ich sie fühle, fühle ich nichts anderes mehr. Aus ihrer Sicht: Ziel erreicht. Existenz gesichert. Läuft! Jetzt wacht sie also darüber, dass ich die negativen Emotionen nicht mehr fühlen muss, denn die bringen mich um, meint sie.

Das findest Du wirsch? Ich auch. Aber es geht noch wirscher:

Täter werden

Immer wieder habe ich Todesangst. Mal begründet durch einen Basilarismigräne-Anfall, mal ausgelöst durch irgendwelche, zum Teil banalen Körpersensationen, mal völlig unbegründet. Diese Todesangst ist nicht nur die Angst vor’m Selbstverlust. Nein, bei mir ist das zusätzlich die Angst vor’m Verpissen. Die Angst davor, dass ich mein Kind und meinen Mann im Stich lasse, so wie man mich unzählige Male im Leben im Stich gelassen hat. Ich habe Angst davor, Täter zu werden.

Da muss man erstmal drauf kommen.

Ich empfinde eine möglicherweise irgendwann mal aufgrund meines Ablebens verursachte Schuld. Na, toll. Nicht mal das Sterben (in meinem kranken Kopf als ultimative Unzulänglichkeit gesehen) erlaube ich mir. Als hätte ich einen Einfluss darauf. Im Grunde ist das der absolute Gipfel der krankhaften Selbstüberschätzung. Vielleicht bin ich doch Narzisst – es äußert sich nur anders und fühlt sich dööfer an als bei denen, die ich zur Genüge kenne.

Mein erstes Mal

Meiner ersten „Erinnerung“ an die Todesangst konnte ich in der Hypnotherapie begegnen. Authentische Worte habe ich nicht für das in Trance Erlebte. Ich kann nicht 1:1 beschreiben, wie und was das genau war. Es sind nur Eindrücke, Farben, Gefühle. Der Rest ist Interpretation. Offenbar ging es um eine sehr frühe Erfahrung in einer Arztpraxis: Ich erlebe, wie mein Körper sich einkrempeln will. Mein rechtes Knie geht nach oben, meine Fäuste sind geballt, die Arme vor der Brust gekreuzt. Ich nehme „Wesen“ (Menschen ?) wahr, einen Honigfarbenen wolkenartigen Kranz an einem der Wesen (lockige Haare?), weiße Flächen (Deckenplatten?), unangenehme Helligkeit (grelle Beleuchtung?) – Schmerz. Man tut mir weh. So weh, dass ich Todesängste ausstehe. Niemand hilft. Ich bin den Grausamkeiten allein und hilflos ausgeliefert.

Zuviel für mich. Die Szene ist abrupt zu Ende.

„Die weiß aber, was sie will.“, hätte die Kinderärztin mal bei einer Impfung zu meiner Mutter gesagt. An mehr kann (oder will) sie sich nicht erinnern als ich sie danach frage. Ich kombiniere: 1. So was sagen Ärzte nicht, wenn ein Säugling still und lethargisch auf dem Behandlungstisch döst. 2. Meine Mutter war nicht unmittelbar dabei.
Ich habe mich offenbar gegen etwas gewehrt. Habe gekämpft. Wollte nicht verletzt werden, wollte nicht sterben. Und ich war allein.

Ob das wirklich der Anfang war?
Genau weiß das niemand. Dennoch macht es einiges plausibel. Die hundert nachfolgenden Erlebnisse in Arztpraxen und Krankenhäusern waren der Zement in den mein Trauma gegossen wurde. Immer und immer wieder. Neue kamen dazu. Alte wurden verstärkt. Hilfestellung durch Bezugspersonen: Regelmäßig Fehlanzeige.

Helfer wurden zu Tätern – die meisten unabsichtlich, ohne es zu wissen. Ein Dilemma.

Übergangslösung

Ich muss mir erst mal selber helfen, zu groß ist die Gefahr, wieder in die Falle zu tappen. Wieder alles erleben zu müssen, wieder abzuspalten, wieder falsch behandelt zu werden, wieder von vorn anfangen zu müssen.

Um irgendeine Lösung zu finden, lese ich, wann immer mein Kopf es zulässt, E-Books, höre Podcasts und schaue youtube-Videos. Irgendwo muss die Lösung zu finden sein …

Immerhin lerne ich so, dass die Schuldgefühle ein ziemlich genialer Trick der geschundenen menschlichen Seele sind. Sie gaukeln dem Selbst eine Wirkmacht vor, die es nicht hat. Solange ich mir also einbilden kann, dass ich selbst Schuld bin an dem, was passiert, gebe ich mir unbewusst eine Möglichkeit, in das, was geschieht, einzugreifen – eine Selbstwirksamkeit. Die zu haben, ist verdammt wichtig. Hab‘ ich aber nicht – nicht immer jedenfalls.

Die Kreativität der menschlichen Existenz ist erstaunlich, das muss man anerkennen.

Theorie und Praxis

Obwohl ich so viel weiß, so viel von meiner Geschichte aufgearbeitet und einige meiner Muster verstanden habe, kann ich immer noch keine Erlösung spüren. Mein Verhalten und meine Körperreaktionen scheren sich einen Scheiß um mein intellektuelles Verständnis. Ich kann mir ’nen Wolf autosuggerieren und positiv denken bis (mal wieder) der Arzt kommt.

Es geht nicht vorwärts, aber es muss eine Lösung geben!

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  1. Übrigens auch da haben wir Gemeinsamkeiten: Ich war auch in Hypnotherapie, damals kam aus tiefsten Tiefen der 1.(?)Missbrauch hoch mit Pauken und Trompeten – das war so plötzlich, dass es mich beinahe umbrachte. Vielleicht ist es besser langsam zu lernen, es langsam erst zu erfahren, wo „der Hund begraben ist“. Mir leuchtet ein, dass Dein Geschichte mit den unendlichen Körpersymptomen seinen Ursprung nahm durch eine Erfahrung (frühzeitlich) als Kleinkind (Entwicklungstrauma Dami) seinen Beginn nahm. Ich hatte mit Sieben eine Mandeloperation-Entfernung, auch sehr traumatisch gewesen, ganz allein im Krankenhaus, völlig wach, links und rechts 2 Schwestern, die meinen Kopf im Schraubstock hatten und der Arzt hatte meine Knie zwischen seinen….Es ist unglaublich wie wenig einfühlsam man mit Kindern damals umging.

  2. Hallo Du Liebe, Gequälte Seele,
    das ist gut, dass Du den Ursprung Deiner Symptome versuchst zu ergründen. Auch wenn sich die letzten Sätze sehr hoffnungslos anhören – sie könnten von mir sein: Ich weiß auch soviel und kann mir dennoch nicht helfen – soviel probiert in den Jahrzehnten, soviel gelesen und begriffen ….es reicht immer noch nicht…..Doch bist Du auch ein Stehauffrauchen und da ist Deine Familie, die Dich aufrecht hält und Dich im Grunde motiviert weiterzumachen, weiter zu hoffen, zu ergründen. Es gibt einen Zusammenhang, eine Lösung…wahrscheinlich ist sie knapp daneben und wir haben sie übersehen….Ein weiser Mensch hat mal gesagt: „es gibt immer eine Lösung, man muss nur lange genug danach suchen“. Irgendwann weißt Du es und es wird besser.

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