Der Neurochirurg stellt fest, dass die Nervenleitgeschwindigkeit in meinem linken Arm verringert ist.
Ach, was? War mir noch gar nicht aufgefallen… 😉
OP-Bedarf sieht er noch nicht.
Glück gehabt.
Er schlägt eine ganztägige ambulante Kur im „medicos.AufSchalke“ oder eine auf chronische Schmerzen spezialisierte Klinik vor.
In der Klinik seh‘ ich mich noch nicht, außerdem: Wer kümmert sich um’s Kind?
Ich will dieses Kur-Ding.

Mein Hausarzt und die Neurologin sind skeptisch, ob diese orthopädisch ausgerichtete Maßnahme jetzt das Richtige ist. Zwar glaube ich selbst nicht daran, dass ich jeden Tag irgendwohin und wieder zurück fahren kann, aber ich bin trotzig. Will’s allen und mir selbst beweisen. Ich will wieder funktionieren. Koste es, was es wolle. Außerdem habe ich den Reha-Tempel praktisch vor der Tür. Also: Kind in die Schule bringen und schnell weiter.

Vorweg: Ich hab’s durchgezogen.
Will heißen: Ich war durch und es hat sich gezogen. Immerhin waren die fünfzehn Tage lehrreich – in vielerlei Hinsicht.

Aus meinem Tagebuch:

Tag 1:
Aufnahme. Bis zum Blutdruckmessen läuft’s. Danach: Alles wie im Film.

Tag 2:
Ich habe einen Softball in einen Eimer geschlagen. Außer mir haben das nur zwei geschafft!
Toll.
Der Tag verlief irgendwie ohne mich, obwohl ich da war, war ich das garnicht, die da war.
Gesund ist das nicht … :-/

Tag 3:
Pünktlich auf die Minute, fix und alle zum Hinlegen auf der Wärmepackung angekommen.
Gerätetraining (fast) vorschriftsmäßig erledigt.
Kurz vorm Ausdauertraining: Schwindel, Stammelei und Kopp. 🙁
Grade noch geschafft, mich mitzuteilen und in den Ruheraum zu legen! = Erfolg!
Später:
Anderer Schwindel, Panik, Herzrasen, Totalausfall. Heulerei ohne Ende. Was für eine Scheiße.
Lerneffekt: Wenn Migräne-Anfall, dann muss Schluss sein für diesen Tag!
Memo an mich:
Mach das nicht noch mal so, dusselige Else!
Du musst nicht funktionieren, du musst gesund werden!!!

Tag 4:
Läuft.
Guter Tagesplan. Bis auf Rückenschmerzen alles soweit i.O..
Sitzen geht nicht.

Tag 5:
Geht schon wieder los … Ich kämpfe mit dem Schwindel. Sehstörungen, Ohrenschrillen. Alles Kacke. Lasse 2 Sachen ausfallen. Weiß nicht, wie ich diesen Tag hinbekommen soll. Erinnerungslücken, Chronologieprobleme.  Zu hause: nur noch ab ins Bett.

Tag 6:
Määäh!
Schleppe mich von Anwendung zu Anwendung.
Dazwischen muss ich immer liegen, sonst schaff‘ ich gar nix….
Progressive Muskelentspannungfällt aus … puuuh. Glück gehabt! Kopf geht schon wieder los … :-(((
Gott sei Dank nach Hause!!!!
Warum tu‘ ich mir das an?

Wochenende!
Völlig fertig … fast nur gelegen.

Tag 7:
Man glaubt es nicht: Ein guter Tag.
Rückenschmerzen doof, aber der Rest vom Körper fühlt sich ganz gut an. Kein Schwindel heute. Hallelujah!
Dafür: Grünkohl ohne jeden Geschmacksträger.  Mit GEFLÜGEL-BRÜHWURST!
W T F???
Bei aller Liebe …

Zu hause: doch wieder Bett … total erschöpft …

Tag 8:
Reha super, Programm nur bis mittags. Alles cool!
Nachmittags im Kinderzimmer aufgeräumt. Doofe Bewegung: Linker Arm/ Nacken/ Brustbein: alles Fratze. :-(((
Scheiß-Tag.
19 Uhr: mit Körnerkissen ab ins Bett.

Tag 9:
Scheiß-Nacht. Schmerzen wie bekloppt.
Nassgeschwitzt, Kopf geht auch los … :-/

Ich schlepp‘ mich zur Wassergymnastik: Mal gucken, was geht.
Immer schön locker bleiben.
Linke Hand und Finger brizzeln. Och, nö. Medyjet: Tut gut auf unterster Stufe.
Krankengymnastik bei Frau K.: Die Rettung – jetzt geht’s etwas besser.
Geräte lasse ich ausfallen – ich riskier‘ jetzt nix. Dafür Laufband: Immer mit der Ruhe bei 4,7 km/h.

Ich hol‘ mir ’nen Cappucino!!! Das erste Mal seit über einem Jahr „auswärts“ Käffchen trinken. Reha geht als „auswärts“ durch. 😉

Nettes Gespräch mit einem „Fallschirmseidenen“ in Königsblau.

Mittagessen: Putenfleisch!!! Endlich Fleisch!!!! Dieser Zwangs-Vegetarismus is‘ doch für’n Arsch! :-/
Das bringt doch nix. Eher das Gegenteil.
Wir sind doch auch alle schon groß … – Mann!!!

Super schönes Wetter. Ich geh‘ spazieren.
Progressive Muskelentspannung: na, ja.
Seminar: Sitzen geht einfach nicht – alle Erfolge des Tages wieder futsch. 🙁

Abends: Kind erkältet, selber Nasen-Kirmes … nicht DAS auch noch …

Tag 10:
Scheißnacht. Scheißtag.
Schleppe mich schwindlig durch den Tag.
Der Tagesplan sagt: Frau K. ist nicht da. Stattdessen: Vertretung durch Herrn K. – kenn‘ ich nicht.
Bin um 9 schon zu nix mehr in der Lage.
Sage „Geräte“ ab. Laufe draußen rum … sitzliege im Auto … laufe rum … warte auf Chefarzt-Termin bei Frau Dr. E..
Hoffe, dass meine Ärztin  – wie versprochen – vorher mit ihr über mich gesprochen hat.

Hat sie nicht. Frau Dr. E. hat keine Zeit, weil sie einen falschen Plan hat.
Freundlich ist sie, aber was sie von mir halten soll, weiß sie auch nicht – das merke ich ihr an. Nachvollziehbar. Ich sehe aus wie der typische Psycho: Haare wie gerupft, leerer Blick, nuschelige Sprache, Schweißperlen auf der Stirn und das, was (vermutlich) mein Gesicht ist, hängt irgendwie am Schädel fest … Tendenz fallend … ich spür‘ mich nicht mehr, kann mich kaum bewegen …
Meine Fragen kann ich alle nicht stellen. Ich versuche, mich zusammenzureißen, mobilisiere alle Energien … und unternehme einen zaghaften Versuch, mich verständlich zu machen. Ende vom Lied: erst beim Rausgehen zwischen Tür und Angel quetsch‘ ich mir raus, dass ich nicht mehr kann und nach hause möchte.
Kann ich dann auch … was ein Kraftakt … 🙁
Heulerei und Verzweiflung warten schon feixend im Auto auf mich.
OK – heute seid ihr Sieger. Morgen versohl‘ ich euch den Arsch!

Der Rest vom Tag ist mir egal. Hauptsache zu hause.

Tag 11:
Es ist Freitag.
Den Tagessieg fahr‘ ich jetzt locker nach hause.
Programm: Schaffbar. Bloß nicht stressen lassen.
In der Schmerzgruppe sitzen Leute, die „schon 1 Jahr lang Schmerzen“ haben. Süß.
Leid tun sie mir trotzdem. Die Schmerzen der anderen können einem die eigenen nunmal nicht nehmen.

Tag 12: Ich kann nicht mehr.

Tag 13: Ich kann echt nicht mehr.

Tag 14: Dicker Basilarismigräne-Anfall. Mein Notfallausweis macht sich bezahlt.
Die Krankenschwester sagt, das Ding hat ihr geholfen und sie beruhigt … na, immerhin.
Dr. T. findet das alles „total interessant, aber unspektakulär“, sagt er.
Ja, da hat es der Epileptiker besser: der kriegt seine Anfälle publikumswirksamer hin.
Bei mir bin ich die einzige, deren Welt, Wahrnehmung und Bewusstsein im Chaos oder im Nichts versinkt.
ICH seh‘ nix mehr, ICH kann mich nicht mehr bewegen, ICH spür‘ mein Gesicht nicht mehr, ICH habe Todesangst und nur in MEINEM Kopf schrillen 20 Schulglocken.
Das kann allen anderen am Arsch vorbei gehen. Tut’s ja auch.
Ich mach‘ auch nix kaputt, versau‘ keine Auslegware mit aufgeschlagenen Gliedmaßen oder Körperflüssigkeiten. Ich schrei‘ nich‘ rum und bin (wenn ich wieder sprechen kann) scheißfreundlich. Das ist sehr unspektakulär. Da hat er Recht.

Zum Kotzen ist das!!!

Ach, ja: ich kotz‘ auch keinem die Bude mehr voll. Das geht nämlich nicht mehr, seit der Zwerchfell-OP.

Ich kann mich nach dem Anfall auf ’ner Pritsche ausruhen. Die Krankenschwester kommt in ihrer Pause zu mir und teilt ihre Kekse und Bonbons mit mir.
Das hilft mir und beruhigt mich. Danke!

Tag 15 :
Am Ende.

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Von wem reden die da?

Im Entlassungsbericht steht sinngemäß: Sie war total motiviert (stimmt), hat alles mitgemacht (stimmt für fast die Hälfte der Anwendungen nicht), ist aus orthopädischer Sicht mit Einschränkungen vollschichtig funktionsfähig (ja, klar, liegende und schwimmende Tätigkeiten, oder was?), ist arbeitsunfähig und gehört in psychosomatische Reha (aber sowas von). Migräne: ein Anfall wurde gesehen – kein weiterer Kommentar (logisch, is‘ ja auch unspektakulär).

Dazu kommen eine Reihe von Sachfehlern bei Erfassung der Medikation, Ausbildung, Anamnese, Aufstellung der in Anspruch genommenen Maßnahmen, Nebendiagnosen usw., so dass ich meinem Mann eine Gegendarstellung bzw. Korrektur diktiere. Am PC sitzen geht gar nicht mehr. Ich lasse darauf hinweisen, dass Migräne keine psychosomatische Erkrankung ist, sondern eine neurologische – dieses Wissen kann auch einem Orthopäden nicht schaden, denke ich. Das Pamphlet mit Fotos der Reha-Dokumentation, die ich in weiser Voraussicht angefertigt hatte, schicke ich an die Reha-Einrichtung und an den Rentenversicherungsträger.

Nach einigen Wochen und einem mutigen Telefongespräch mit dem an sich freundlichen zuständigen Arzt gibt es tatsächlich eine korrigierte Version, in der man fast alle meine Korrekturhinweise berücksichtigt – nur auf die ärztliche Einschätzung hat das keinen Einfluss. Interessant…

Hier meine 10 Tipps für eine gelungene Reha